Köbel, seit 1937 Koebel, Eberhard Rudolf Otto 

Andere Namensformen:
  • Tusk
Geburtsdatum/-ort: 22.06.1907;  Stuttgart
Sterbedatum/-ort: 31.08.1955; Berlin (Ost), beigesetzt 15.10.1955 Stuttgart
Beruf/Funktion:
  • Jugendführer, Schriftsteller und Graphiker
Kurzbiografie: 1916-1926 Reformgymnasium Stuttgart, Oberrealschule Stuttgart-Cannstatt, Abitur
1925 Besuch bei Adolf Hitler in München (nach Neugründung der NSDAP), Veröffentlichung eines Aufrufs im „Völkischen Beobachter“ „Der Wille der Jugend“
1926-1928 Staatliche Kunstgewerbeschule Stuttgart, Schriftsetzerlehre (nicht abgeschlossen)
1927 Eintritt in die Deutsche Freischar, erste Lapplandfahrt, 1929 zweite
1928 Führer des Gaues Schwaben der Deutschen Freischar
1929 01.11. Gründung der Deutschen Jungenschaft (dj. 1.11)
1930-1931 Mitarbeiter im Atlantis-Verlag, Berlin
1931-1932 Leitung eines eigenen Verlags
1931 Fahrt nach Nowaja Semlja
1932 20.04. Eintritt in die KPD, Rücktritt als Führer dj. 1.11
1933 Übersiedlung nach Stuttgart
1934 18.01. Verhaftung durch die Gestapo, 21.02. Entlassung, 09.06. Emigration nach Schweden, 31.10. nach Großbritannien, Schriftsteller und Übersetzer
1936 Diplom in klassischem Chinesisch am Orientalischen Institut der Universität London, 1939 Staatsexamen (Germanistik, Französisch) an der gleichen Universität
1948 Rückkehr nach Berlin (Ost), Eintritt in die SED
1948-1949 Rundfunkredakteur, danach Schriftsteller und Übersetzer
1951 02.02. Ausschluß aus der SED
1953 26.03. Aberkennung des Status als Verfolgter des Naziregimes, halbjährige Untersuchungshaft
1955 Mitarbeiter bei der Wochenzeitung „Der Sonntag“, Redakteur bei der Zeitschrift „Deutsche Architektur“
Weitere Angaben zur Person: Verheiratet: 1932 Gabriele Voos-Koebel, geb. Römer
Eltern: Vater: Dr. Friedrich August Otto Köbel (1865-1927), Oberlandesgerichtsrat
Mutter: Eugenie, geb. Schüle (1876-1956)
Geschwister: 2
Kinder: 2
GND-ID: GND/118564153

Biografie: Horst Ferdinand (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 194-197

Im Nachlaß Köbels fand sich ein Brief eines früheren dj. 1.11-Mitglieds, eines Überlebenden der Kriegsgeneration. Er fragte Köbel: „Hast Du auch bedacht, wieviele Jungen widerspruchslos und glühend den Zielen des vergangenen Regimes gefolgt sind, weil sie Dir nachlebten? ... Wo liegen sie alle, die besten der dj. 1.11, in Rußland, im Westen und in Afrika, wer hat sie so erzogen, daß sie kalt und lachend in den Tod gingen?“ Die Frage ist repräsentativ für den Einfluß, den Köbel, eine nur äußerlich geschlossene, im Grunde zutiefst widersprüchliche Persönlichkeit, um die Wende der dreißiger Jahre und danach in der Jugendbewegung entfaltete, ein Einfluß, der magische Züge trug. Sein Selbstbewußtsein war nicht weit vom Messianischen, aber auch seine Selbstüberschätzung war beträchtlich. Dabei war er der wohl originellste Kopf unter den damaligen Jugendführern (E. Buske, H. Dehmel, Köbel und R. Oelbermann, K. O. Paetel u. a.). Mit seinem „Raubvogelbuch“ stellte sich der Zwanzigjährige als in der Fachwelt anerkannter Ornithologe vor, und als begabter Graphiker stattete er selbst (später zusammen mit seinem Freund „Pauli“, F. Stelzer) seine Bücher und Zeitschriften in einem in der bündischen Jugend neuen und unverwechselbaren Stil aus, der in den kargen Landschaften und der lappischen Kultur Nordfinnlands und -schwedens wurzelte. Dort hatte er, nach ungeliebter Schule, sein Selbst gefunden: „Jetzt weiß ich, was ich in Lappland gesucht habe. Es ist gar kein mystischer, unerklärlicher Drang der Seele gewesen. Ich brauche nicht mehr vor mir Angst zu haben.“ Kein anderer wußte wie er die Jugendlichen seiner Epoche aufzurütteln und mitzureißen und hochgesteckte Ziele vor sie hinzustellen: „Wir bekennen uns zum Kampf. Wir werden siegen. Kein Sieg ohne Kampf. Erzieht euch und eure Kameraden zum rechten Geist, zu Tapferkeit und Ausdauer.“ Die auf dem Hohen Meissner (1913) verkündete „höchste Aufgabe der Jugend, ihr Selbst frei zu entwickeln, um es dann in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen“, der Wille zur Gestaltung des Lebens aus eigener Verantwortung und mit innerer Wahrhaftigkeit wandelten sich in Führerkult, den Willen zur Unter- und Einordnung, die Verherrlichung der Nation und die Mystifikation des Gemeinschaftsbegriffs. Dies waren die Instrumente einer Erziehung, die sich in einem durch die Dolchstoßlegende aufgeheizten Umfeld mit Richtpunkten wie Langemark, Verdun und Versailler Vertrag vollzog und darauf hinauslief, „den Zögling eher zum Tode als zum Leben bereitzumachen“ (J. C. Fest). Begeistert sangen die späteren Leutnante von 1939 im voraus ihr eigenes Requiem: „Sterb’ ich im Norden dann und du im Süd, auf unserm Grabe dann die Lilie blüht; Blühen und Sterben ja, wohlan es sei, ist nur mein Vaterland, mein Deutschland frei.“ Die eingangs zitierte, millionenfach gestellte verzweifelte Frage spiegelt das Resultat dieser Erziehung wider. Vergeblich hatten Jugendführer wie W. Stählin (der spätere Bischof) schon 1924 vor dieser Katastrophe gewarnt: „Wenn sie merken müßten, daß gar keine neue Ehrfurcht und keine Weihe, keine Güte und keine Brüderlichkeit um sie her sind, und daß in ihrem Volk gar kein Raum ist für einen neuen Adel: Dann müßte diese Jugend aus diesem Kampf heimkehren, betrogen und enttäuscht, hundertmal mehr als die deutschen Burschen vor 100 Jahren, und trauernd um Deutschland“.
Eine der mehreren erstaunlichen Tatsachen im Lebenslauf Köbels ist der Umstand, daß er einen so weitreichenden Einfluß ausüben konnte, obwohl er nur kurze 2 1/2 Jahre den von ihm gegründeten Jungenbund führte, ehe er mit dem Paukenschlag seines KPD-Eintritts – ausgerechnet an Hitlers Geburtstag – Stürme der Entrüstung und Verwirrung hervorrief. Aber die knappe Zeitspanne hatte dem glänzenden Organisator, dem flammenden Rhetor und Autor genügt, dem Profil der dj. 1.11 fest gegründete Umrisse aufzuprägen, Konturen einer Subkultur, die auch nach Köbels spektakulärem Ausscheiden feste Größen in der Jugendbewegung blieben und schließlich auch weite Bereiche des Deutschen Jungvolks (in der Hitler-Jugend) bestimmten. Ausschlaggebend bei der Propagierung des Jungenschaftsgedankenguts waren von Köbel herausgegebene, kurzlebige, aber hervorragend aufgemachte Jugendzeitschriften: „Tyrker“, „Das Lagerfeuer“, „Der Eisbrecher“ und zuletzt, noch nach 1933, „Die Kiefer“, in der Köbel versuchte, „das chinesisch-japanische Denksystem des Zen als eine Möglichkeit innerer Emigration in die Jugendbewegung einzuführen“ (W. Helwig). Besonders auffallend, etwa im Vergleich mit dem Wandervogel der Vorkriegszeit und der ersten Weimarer Jahre, waren die elitär-esoterischen Züge der Deutschen Jungenschaft (Reichsjugendführung: „Das Menschenmaterial ist von seltener Güte“), ihre ordensmäßige Struktur: die Mitglieder trugen die – von Köbel erfundene – blaue Jungenschaftsjacke und zelteten, gewollt und primitiv, in lappischen Kohten und Jurten, der bürgerliche Name wurde durch einen griffigen Übernamen ersetzt (im Falle Köbel: Tusk, lappisch: Deutscher), strenge Disziplin, Treue und gläubiges Aufschauen zu den todgeweihten Heroen der Vergangenheit – Nibelungen, Goten etc. – waren untrennbar mit der Devise „Alle für einen, einer für alle“ verbunden. Die von ihrem Führer verlassene Jungenschaft trug nach dem Umbruch des Jahres 1933 diese Ideale unverkürzt in viele Gliederungen des Deutschen Jungvolks hinein; vielerorts stellten die dj. 1.11-Jungen die Führerkader des Jungvolks. Sie verstanden es, zum äußersten Mißfallen der Reichsjugendführung, das Sondergut der Jungenschaftsideologie in vielen Jungvolkeinheiten etwa bis 1935/36 lebendig zu erhalten; die Jungenschaftsjacke wurde Teil der Jungvolkkluft. Danach allerdings wurden alle bündischen Elemente durch die Etablierung des Jungvolks und der HJ als NS-Staatsjugend schonungslos überrollt. Aber bis in die Kriegszeit hinein flackerte da und dort mutiger Widerstand auf, organisierten sich die ehemaligen dj. 1. 11er in illegalen Gruppen. Die später hingerichteten Geschwister Scholl („Weiße Rose“) kamen aus der dj. 1.11. Andere Jungenschaftler wurden, als sie auch nach dem ausdrücklichen Verbot der Vereinigung und weiterer bündischer Gruppen wie des Nerother Wandervogels durch den Reichs- und preußischen Innenminister am 4.2.1936 ihre Aktivitäten fortsetzten, zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt. Mehrere emigrierten.
Auch viele seiner engsten Freunde wurden an dem Verhalten Köbels im Jahre 1933 irre. „Tusk steckte so rapide um auf Nazismus, daß man nicht mehr genau wußte, war es jetzt List oder echte Überzeugtheit“ (W. Helwig). Im August 1933 schrieb er im „Eisbrecher“, es habe zwei Wege gegeben, die deutsche Jugend aus ihrer liberalen Zersplitterung zu führen: die Einigung aus eigener Jugendkraft oder durch äußeren Eingriff des Staates. Der erste Weg habe nicht zum Ziel geführt, so sei nur der zweite geblieben: „Der liberale Staat tat’s nicht, Adolf Hitler tat’s. ... Die lebendigen Kräfte strömen zum Jungvolk und in die HJ.“ Solche Kernsätze kann man, mit H. Grau, für „bewußt gewählte pseudonazistische Tarnung“ halten, die im Grunde Köbels Gegnerschaft zum Naziregime beweise; aber seine Beschreibung des Deutschen Jungvolks als „hellste Daseinsform der deutschen Jugend“, sein Aufnahmegesuch „in einen nationalsozialistischen Wehrverband“ (Köbel) oder der schon 1925 im „Volkischen Beobachter“ veröffentlichte Aufruf „So trefft euch denn, deutsche Jungen, unter der Fahne jenes Mannes, der uns Ziel und Weg wies, unter dem reinen, klaren Banner Adolf Hitlers“ lassen gelinde Zweifel daran aufkommen, ohne hier die umstrittene Frage, ob Köbel 1933 Opportunist oder Widerstandskämpfer war, entscheiden zu wollen.
Sein tatsächlicher weiterer Lebensweg spricht eher für Widerstand. Eine der wenigen glücklichen Fügungen in seinem Leben veranlaßte ihn, vor dem Röhmputsch des Jahres 1934 zu emigrieren; zweifellos entging er damit einer für ihn lebensgefährlichen Situation. Schon im Januar/Februar 1934 hatte er eine schlimme Gestapohaft hinter sich gebracht; zwei Selbstmordversuche zeigen, daß er damals psychisch am Ende war. Die zynische Begründung für seine Haftentlassung findet sich in einer „Geheimschrift Nr. 21 der Reichsjugendführung der NSDAP“: „Die Entlassung schien vor allem deshalb geboten, da auf jeden Fall alles vermieden werden mußte, daß Tusk in den Augen seiner Anhänger als Märtyrer für seine Ideale erschien“. Die Enttäuschung muß bitter gewesen sein, als ihm Schweden – das Land, das er auf seinen Lapplandfahrten kennen und lieben gelernt hatte und dessen Sprache er sprach – die Aufenthaltserlaubnis verweigerte. Verwandtschaftliche Beziehungen wiesen ihn nach Großbritannien. Nur mühsam faßte er dort Fuß, und überdies wurden die entbehrungsreichen Jahre der Emigration noch durch böse Krankheit (Tb) und dadurch erforderliche Heilstättenaufenthalte verdüstert. Immerhin aber konnte er während dieser Zeit, unterstützt und getragen von seiner Ehefrau, seinen Neigungen zu fernöstlicher Dichtung und Philosophie nachgehen und seine ausgebreiteten Sprachkenntnisse systematisieren.
Der Ausklang dieses kurzen Lebens mit einigen Höhen, aber noch mehr Tiefen war trüb. Köbel, der überzeugte Marxist („Weltkommunismus wird die Lebensform von morgen und übermorgen sein“), entschloß sich nach dem Krieg zur Repatriierung in jenen Teil Deutschlands, wo der real existierende Sozialismus herrschte. Hoffnungen auf eine Leitungsfunktion in der dortigen Jugendarbeit zerschlugen sich schnell; der immer noch von seinen Jugendidealen beflügelte Individualist, der Buddha und Laotse hingegebene Philosoph paßte seinem ganzen Habitus nach nicht in die gleichgeschaltete graue Öde der DDR. Zu allem hin wurde ihm die durch Gestapohaft und Emigration belegte Gegnerschaft zum NS-Regime offiziell abgesprochen, und der – nie bestätigte – Verdacht der Zusammenarbeit mit dem britischen Geheimdienst brachte ihm eine mehrmonatige Untersuchungshaft ein. Er mußte sich unter demütigenden Umständen durchschlagen, leistete „nach Westdeutschland gerichtete Propagandaarbeit“ (Köbel). Der enge Freund W. Helwig postum an Tusk (1960): „Denn was du, in der letzten Phase deines untergrabenen Selbst, drüben in dürftigen Funktionärszeitschriften an dürftigen Dingen bekundetest, war greulich und eines freien, stolzen Menschen unwürdig“. Er starb mit 48 Jahren, aber die Legende „Tusk“ lebt, noch heute.
Werke: Ein vollständiges Werkverzeichnis in: E. Holler/R. Oberdorfer, Bibliographie der Schriften von Eberhard Köbel Tusk (1968, maschinenschriftliche Kopie im Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen. Dort ist auch Köbels Nachlaß archiviert). Eine umfangreiche Auswahl seiner unpolitischen Publikationen gab W. Helwig heraus: tusk – Gesammelte Schriften und Dichtungen, Heidenheim/Brenz 1962. – Eine Auswahl aus Köbels Schriften: Die Widersetzlichen (Schauspiel), Stuttgart 1929; Fahrtbericht 29 (Lappland), Potsdam 1930; Der gespannte Bogen, Berlin 1931; Die Leonenrotte, in: Lagerfeuer 1931; Große Umwege, ungedrucktes Manuskript (1932), zum Teil ediert von W. Helwig in: tusk – Gesammelte Schriften (siehe oben); Die Heldenfibel, Plauen 1933, ... seh’ ich Schwäne nordwärts fliegen, hg. von E. Meier, Heidenheim/Brenz 1977
Nachweis: Bildnachweise: in: Tusk – Gesammelte Schriften und Dichtungen (siehe Literatur)

Literatur: Stichwort „Jugendbewegung“ in: RGG III (1959) 1013-1018 (W. Uhsadel) und LThK 5 (1960) 1181-1182 (O. Köhler); W. Helwig, Die blaue Blume des Wandervogels, Gütersloh 1960; K. O. Paetel, Jugendbewegung und Politik, Bad Godesberg 1961; ders., Jugend in der Entscheidung 1913-1933-1945, Bad Godesberg, 1963; H. Grau, Eberhard Köbel-Tusk in Gestapohaft und auf dem Wege in die Emigration, in: Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung 7, 1975, 145-148; E. Meier, Wer war Tusk? Versuch eines Porträts, Heidenheim 1977; J. C. Fest, Baldur von Schirach und „die Sendung der jungen Generation“, in: Das Gesicht des Dritten Reiches, München 1977; B. Heister, Ein Kapitel Tusk oder eigentlich zwei, in: Puls 4, Dokumentationsschrift der Jugendbewegung 1978, 17-19; E. Mönch, Faksimilebrief „Liebe Buchhändler im Schwabenland!“ in: Puls 4, 1978, 9-16 (anläßlich der Herausgabe der gesammelten Schriften Köbels); W. Mogge, „Der gespannte Bogen“, Jugendbewegung und Nationalsozialismus, Eine Zwischenbilanz, in: Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung 13, 1981, 11-34; Gedächtnisheft für tusk, der vor 75 Jahren geboren wurde, Puls 9, 1982; H.-C. Brandenburg, Geschichte der HJ, Köln 1982; ders., Der junge Eberhard Köbel, in: Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung 15, 1984-85, 325-352; H. Grau, Der Jungenschafter ohne Fortune – Eberhard Köbel (Tusk), erlebt und biographisch erarbeitet von seinen Wiener Gefährten, Frankfurt/M. 1985; A. Klönne, Jugend im Dritten Reich, München 1990
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