Meyer, Fritz Walter 

Geburtsdatum/-ort: 08.11.1907;  Freiburg/Br.
Sterbedatum/-ort: 04.03.1980;  Freiburg/Br.
Beruf/Funktion:
  • Wirtschaftswissenschaftler
Kurzbiografie: 1927 Abitur in Freiburg/Br.
1927-1931 Studium der Wirtschaftswissenschaften in Freiburg und München
1931 Volkswirtschaftliche Diplom-Prüfung in Freiburg/Br.
1934 Promotion bei Walter Eucken mit der Note summa cum laude
1935-1936 Stipendium der Rockefeller Foundation (gemeinsam mit dem Soziologen Rudolf Heberle)
1936-1937 Assistent am Kieler Institut für Weltwirtschaft bzw. bei Walter Eucken in Freiburg
1938 Habilitation in Freiburg bei Walter Eucken
1938-1943 Forschungsgruppenleiter und Direktorialassistent am Kieler Institut für Weltwirtschaft
1943 Universitätsdozent an der Universität Kiel
1946 außerordentlicher Professor an der Universität Bonn
1948 ordentlicher Professor an der Universität Bonn, Direktor der Wirtschaftspolitischen Abteilung des Instituts für Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften, Direktor der Volkswirtschaftlichen Abteilung des Instituts für Mittelstandsforschung an der Universität Bonn
1950 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesminister für Wirtschaft
1962-1965 Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung
1973 Emeritierung
1978 Großes Bundesverdienstkreuz
Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch
Verheiratet: 1939 Kiel, Magdalena Maria, geb. Lund (1911-1973)
Eltern: Vater: Ludwig (1860-1915), Hotelier
Mutter: Hedwig Berta, geb. Beck (1874-1964)
Geschwister: 5
Kinder: keine
GND-ID: GND/11858183X

Biografie: Alfred Schüller (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 234-236

Das wissenschaftliche Lebenswerk Meyers beginnt in seiner Heimatstadt Freiburg. Hier, wo er 1927 das Abitur abgelegt und 1931 die volkswirtschaftliche Diplom-Prüfung bestanden hatte, fühlte er sich vor allem von Walter Eucken angezogen. Dieser versammelte seit den frühen 30er Jahren einen Kreis gleichgesinnter Nationalökonomen und Juristen um sich. Die berühmte „Freiburger Schule der Nationalökonomie“ wurde richtungweisend für ein „Denken in Ordnungen“, das nach dem II. Weltkrieg die ordnungspolitische Gestaltung der Bundesrepublik Deutschland unter Ludwig Erhard geprägt hat. Durch Eucken und die Lehr- und Forschungsgemeinschaft der „Freiburger“ erfuhr Meyer, der schon früh eine hohe analytische Begabung, ein bestechend klares Ausdrucksvermögen sowie Sinn für historische Zusammenhänge und brennende Sachfragen erkennen ließ, die entscheidende wissenschaftliche Prägung.
Dem 1933 mit summa cum laude abgelegten Doktorexamen folgte 1938 – ebenfalls bei Eucken – die Habilitation mit einem bis heute im Fach weithin als Pionierleistung anerkannten Werk „Der Ausgleich der Zahlungsbilanz“, das einem zentralen Problem der Ordnung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen gewidmet ist. Mit äußerster gedanklicher Strenge entwickelte Meyer die Bedingungen und volkswirtschaftlichen Konsequenzen des Ausgleichs der Zahlungen zwischen den am internationalen Handel beteiligten Volkswirtschaften. Damit schuf er ein tragfähiges theoretisches Fundament für zahlreiche weitere Arbeiten über Fragen der Währungs-, Geld-, Beschäftigungs- und Entwicklungspolitik.
Der Habilitation vorangegangen waren ein Wechsel zum Kieler Institut für Weltwirtschaft und eine Assistentenzeit bei Eucken in Freiburg. Vom Nehmenden und Lernenden hatte er sich inzwischen zu einem überzeugenden Mitstreiter der „Freiburger Schule“ entwickelt. Zeitlebens ideologisch-dogmatischem Denken und gefügiger Anpassung abhold, wich Meyer dem nationalsozialistischen Dozentenlager, das bekanntlich damals für eine Berufung auf einen Lehrstuhl unausweichlich war, dadurch aus, daß er den Beginn seiner akademischen Laufbahn bewußt hinauszögerte. Erneut ging er deshalb nach Kiel, um am dortigen Institut für Weltwirtschaft unter Andreas Predöhl zunächst als Forschungsgruppenleiter, dann als Direktorialassistent zu arbeiten. Hier formte Meyer seine Fähigkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse mit Hilfe empirisch-statistischer Methoden für die praktische Wirtschaftspolitik nutzbar zu machen, zu hoher Meisterschaft aus. Nach dem II. Weltkrieg wurde Meyer als Ordinarius für wirtschaftliche Staatswissenschaften an die Universität Bonn berufen. Zu dieser Zeit war die leidenschaftlich geführte Auseinandersetzung über die prinzipielle und inhaltliche Ausgestaltung der Wirtschaftsordnung im Nachkriegsdeutschland noch keineswegs entschieden. Mit seiner brillanten wissenschaftlichen Überzeugungskraft stand Meyer an vorderster Stelle derjenigen, die in der Herstellung und Sicherung einer funktionsfähigen marktwirtschaftlichen Ordnung den einzigen Weg für Deutschland erkannten, um rasch zu Freiheit, Wohlstand und sozialem Fortschritt für alle zu gelangen.
Der Bonner Universität ist Meyer trotz ehrenvoller Rufe nach München und Köln über beinahe drei Jahrzehnte treu geblieben. Hier entfaltete er in engem Kontakt mit der praktischen Wirtschaftspolitik eine fruchtbare Lehr-, Forschungs- und Beratungstätigkeit. Als unbestechlicher Liberaler von unverkennbar badischer Herkunft und Mundart hat er weit über die Bonner Universität hinaus hohes öffentliches Ansehen und vielfältige Anerkennung gefunden.
Eine große Zahl von Studenten, von denen viele später maßgebende Positionen in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft eingenommen haben, hat Meyer mit den freiheits- und wohlstandsstiftenden Ordnungsgrundlagen einer weltoffenen Marktwirtschaft, den Möglichkeiten und Schwierigkeiten ihrer wirtschaftspolitischen Gestaltung vertraut gemacht. Vielen enttäuschten Kriegsteilnehmern unter den ersten Studenten in Bonn hat er das geistige Rüstzeug vermittelt, um jenem kollektivistischen Denken zu entfliehen, das ins Chaos geführt hatte.
Meyers zahlreiche Schriften mit vielen heute noch gültigen Erkenntnissen überzeugen durch brillante Logik, Eigenständigkeit der Ansichten, Klarheit des Ausdrucks, Entschiedenheit des Urteils gegenüber kurzsichtigem Pragmatismus. Mit einleuchtenden Beispielen, notfalls auch mit beißender Ironie ist Meyer bei wissenschaftlichen Erörterungen wohltönenden Begriffsökonomen, realitätsfernen Maulfechtern und zügellosen Interessentenvertretern unmißverständlich und schonungslos entgegengetreten. Wie für den Steinmetz des Freiburger Münsterbaus war für Meyer stets die Genauigkeit oberstes Denk- und Handlungsgebot.
Von seinen wissenschaftlichen Überzeugungen ließ er sich nicht abbringen. Deshalb verzichtete er auch auf die Übernahme ihm angebotener hoher Staatsämter. Seine Aufgabe sah er vielmehr darin, der praktischen Wirtschaftspolitik gangbare Wege aufzuzeigen. Die Bringschuld des Ökonomen für die Politikberatung hat er reichlich und stets auf hohem wissenschaftlichen Niveau eingelöst, durch seine Mitwirkung in verschiedenen Gremien der Politikberatung, vor allem im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft, im Direktorium des Instituts für Mittelstandsforschung und als Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Mit Ludwig Erhard, der während seines Amtes als Bundeswirtschaftsminister Honorarprofessor an der Bonner Universität war, stand Meyer in einer engen vertrauensvollen Verbindung.
Auch für Meyer blieb das, was auf dem Wege zu einer menschenwürdigen und leistungsfähigen Ordnung erreicht worden ist, bei weitem hinter dem zurück, was tatsächlich möglich gewesen wäre. Der ständigen Aufgabe, den vielfältigen Gefahren einer Verwahrlosung der marktwirtschaftlichen Ordnungsprinzipien entgegenzuwirken, hat sich Meyer als Schriftleiter und Herausgeber des ORDO-Jahrbuchs seit seiner Begründung durch Walter Eucken und Franz Böhm angenommen. Hierbei hat er unermüdlich Antworten auf die zentrale Frage gegeben, wie eine Wirtschafts- und Sozialordnung beschaffen sein muß, in der sich ein menschenwürdiges und wirtschaftlich erfolgreiches Leben entwickeln kann.
Werke: Bibliographie von Meyers wichtigsten Arbeiten bei Hans Willgerodt, in: ORDO 32, 1981 (vgl. Literatur). Auswahl: Der Ausgleich der Zahlungsbilanz, Jena 1938; Ausgewählte Aufsätze in Festschrift zum zehnjährigen Bestehen der Mittelrheinischen Kundenkreditbank, Koblenz 1960; Zahlreiche Aufsätze in: ORDO, Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft, Band I-XXI; in: Wirtschaftspolitische Chronik des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Universität zu Köln, ab Jg. 1951
Nachweis: Bildnachweise: vgl. ORDO-Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft, Band 31, Stuttgart und New York 1980

Literatur: H. Willgerodt, Wissenschaft der Freiheit, Fritz Walter Meyer zum 70. Geburtstag, FAZ, Nr. 259 vom 07.11.1977, 13; ders., Ein wahrer Liberaler. Zum Tode von Fritz Walter Meyer, FAZ, Nr. 63 vom 14.03.1980, 13; H. Gröner, Zum Gedenken an Fritz Walter Meyer, in: Orientierungen zur Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, Heft 4, 1980; H. Willgerodt, Fritz Walter Meyer 8. November 1907-4. März 1980, in: ORDO, Band 32, 1981, 199-217; A. Müller-Armack, M. Schmitt und H. Willgerodt (Hg.), Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialpolitik. Festgabe für Fritz Walter Meyer, Köln 1967; H. Gröner und A. Schüller (Hg.), Internationale Wirtschaftsordnung. Fritz Walter Meyer zum 70. Geburtstag, Stuttgart und New York 1978
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