Möller, Alex 

Geburtsdatum/-ort: 26.04.1903; Dortmund (unter diesem Datum ist die Geburt beim Standesamt Dortmund-Innenstadt beurkundet, Reg.-Nr. 2170/1903. Das manchmal behauptete Geburtsjahr 1897 (Baring, Machtwechsel, S. 179) ist nicht nachgewiesen und hat wenig Wahrscheinlichkeit für sich. Es beruht wohl auf einer Angabe im Handbuch des Preußischen Landtags)
Sterbedatum/-ort: 02.10.1985;  Karlsruhe
Beruf/Funktion:
  • Wirtschaftsführer, SPD-MdL/MdB-Politiker, Bundesfinanzminister
Kurzbiografie: Besuch der Volksschule und Realschule in Dortmund
1919 Dienstaufnahme im Eisenbahndienst
1922 Eintritt in die SPD
1923 Wechsel nach Berlin in die Leitung der Reichsgewerkschaft deutscher Eisenbahner: Mitglied der Liga für Menschenrechte und der Deutschen Friedensgesellschaft; Bezirkssekretär des Einheitsverbandes der Eisenbahner Deutschlands in Halle a.d. Saale
1929-1933 Mitglied des Preußischen Landtags (Wahlkreis Halle-Merseburg)
1933 Mai Schutzhaft; Wechsel in die Versicherungswirtschaft (Außendienst), Wiener Phoenix, ab 1936 Karlsruher Lebensversicherung A.G., 1943 Organisationschef, 1946-1969 Generaldirektor, 1971 stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender, Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats
1946-1961 Mitglied des württemberg-badischen Landtags (SPD), der Verfassunggebenden Landesversammlung und des Landtags von Baden-Württemberg; stellvertretender Vorsitzender des Finanzausschusses; ab 1950 Vorsitzender der SPD-Fraktion und des Finanz- und Haushaltausschusses
1951-1969 Mitglied und Vorsitzender im Verwaltungsrat des Süddeutschen Rundfunks, ab 1971 wieder Mitglied
1958-1973 Mitglied des Parteivorstands, später des Parteipräsidiums
1962-1966 SPD-Vorsitzender von Baden-Württemberg
1961-1976 Mitglied des Bundestages (1969 Direktmandat für den Wahlkreis Heidelberg-Mannheim-Süd), Mitglied und zeitweise Vorsitzender des Vermittlungsausschusses zwischen Bundestag und Bundesrat
1969-1971 Bundesfinanzminister im Kabinett Brandt/Scheel, Rücktritt am 13. Mai 1971
1971 Mitherausgeber der Zeitschriften „Versicherungswirtschaft“ und „Versicherungsrecht“
1972 Stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, bis 1979 Mitglied der Kontrollkommission der SPD
1977 Vorübergehende Übernahme der Amtsgeschäfte des SPD-Schatzmeisters
1977 wirtschaftspolitischer Berater des ägyptischen Präsidenten M. A. As Sadat
1980 Vorsitzender im SPD-Seniorenrat
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Auszeichnungen: 1949 Ehrensenator der TH (Universität) Karlsruhe, 1955 der Wirtschaftshochschule Mannheim (Universität)
1953 Dr. Ing. h. c. TH (Universität) Karlsruhe
1954 Großes Bundesverdienstkreuz, 1963 Stern, 1968 Schulterband; DRK-Ehrenzeichen
1957 Dr. rer. nat. h. c. Universität Freiburg
1973 Professorentitel des Landes Baden-Württemberg
1975 Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg
1976 Großes Goldenes Ehrenzeichen am Band für Verdienste um die Republik Österreich
1981 Ehrenbürger der Stadt Karlsruhe
1985 Bayerischer Verdienstorden
Verheiratet: Liselotte, geb. Klemens (+ 1959)
Eltern: Vater: Alex Johann Heinrich Friedrich Möller, Telegrafist und Eisenbahnsekretär
Mutter: N. N., geb. Kohlmaier
Kinder: 2
GND-ID: GND/118583026

Biografie: Paul Feuchte (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 240-245

Möller, einer der führenden deutschen Sozialdemokraten im 20. Jahrhundert, fest dem Gedankengut der Demokratie verbunden, war ein Mann der Wirtschaft, fasziniert von politischen, vorzugsweise finanzpolitischen Problemen und überzeugt davon, daß die Geltung eines Staates von der Gesundheit seines Geldwesens, seines Außenhandels, von seiner sozialen Stabilität und schließlich von der gesamtpolitischen Konzeption, wie sie im Budget kodifiziert ist, wesentlich mitbestimmt wird. Seine wirtschaftliche und parlamentarische Aktivität führte ihn in harter Arbeit in die Verantwortung für die Leitung eines großen Versicherungsunternehmens und später für das Finanzressort der Bundesrepublik Deutschland. Diese Verbindung und Vereinbarkeit im Wirken für Politik und Wirtschaft bis zur Synthese drückte er nicht ohne Genugtuung aus im Titel seines 1979 erschienenen Buches „Genosse Generaldirektor“, das ebenso wie „Tatort Politik“ (1982) und „Ein Arbeitsleben für die Assekuranz“ (1973), wenn auch kargend mit Aussagen aus dem persönlichen Bereich, autobiographische Informationen in die Darstellung des politischen Geschehens einbezieht.
Zwei Bereiche haben also seine Tätigkeit bestimmt: Die Versicherungswirtschaft und die Politik. Zum ersten Bereich fand er später, aber nach eigenem Bekenntnis in einer Zeitspanne innerster Not. Zum zweiten kam er in jungen Jahren aus Neigung und Berufung. Für beide Gebiete sah er ein Gemeinsames: die Sorge um und für die Allgemeinheit, ein über die Schranken egoistischer Einzel- und Gruppeninteressen hinauswirkendes altruistisches Element.
Für Baden-Württemberg liegt Möllers Bedeutung vor allem in seinem entschiedenen Eintreten für die Gründung des Landes und – abweichend von seiner ursprünglichen Konzeption – für die Schaffung der Verfassung auf einer breiten parlamentarischen Grundlage. Für den Bund liegt sie in seinem Kampf für eine solide Haushaltswirtschaft und Finanzplanung. Für die Politik in beiden Bereichen im kompromißlosen Eintreten für die Demokratie und in seiner Sachkunde, Autorität und Dynamik, der weder Freund noch Gegner Achtung versagen konnte.
In jungen Jahren, tätig im Eisenbahndienst und als Journalist, wandte er sich, vom Elternhaus gefördert und angeregt, der Politik zu und wurde 1928 im Wahlkreis Halle-Merseburg als jüngster Abgeordneter in den Preußischen Landtag gewählt, dort schon ausgewiesen als talentierter und streitbarer Redner. Das Preußenkonkordat mit dem Heiligen Stuhl war das erste große Gesetzeswerk, für das er sich parlamentarisch einsetzte. Gegen den Nationalsozialismus stark profiliert, mußte Möller 1933 nach kurzer Schutzhaft die politische Tätigkeit aufgeben, und er trat in den Außendienst der Versicherung Wiener Phoenix, 1936 der Karlsruher Lebensversicherung. Für sein berufliches Leben bedeutete dies einen entscheidenden Schritt. Stolz berichtet er, ohne jede Protektion habe er sich von der unteren Ebene zum Generaldirektor emporgearbeitet. Diese 1946 erlangte Position behielt in seinen Aktivitäten ein starkes Gewicht, auch als er 1946 in den württemberg-badischen Landtag und 1952 in die Verfassunggebende Landesversammlung für Baden-Württemberg einzog. Er nahm sie ein bis zu seiner Berufung zum Bundesfinanzminister 1969.
Über die eigene Gesellschaft hinaus nahm er im Verband der Versicherungsunternehmen als Vorsitzender Gesamtinteressen dieses Wirtschaftszweiges wahr. Der Verlag „Versicherungswirtschaft e. V.“ verdankt ihm Existenz und gesunde Entwicklung. In den Zeitschriften erschienen zahlreiche Beiträge aus seiner Feder.
Einen Konflikt zwischen dieser betont privatwirtschaftlichen Funktion und dem Bekenntnis des engagierten Sozialdemokraten sah Möller in der nach dem Krieg auftretenden Sozialisierungsdebatte nicht. Die Sozialisierung hielt er allgemein nicht für den richtigen Weg. Für das Versicherungswesen sah er die Voraussetzungen einer Sozialisierung nicht als gegeben an, da es hier keine „Produktionsmittel“ im Sinne wirtschaftlicher Güter gebe, die zur Erzeugung neuer Güter dienen. Das angesammelte Kapital gehöre wirtschaftlich gesehen nicht den Unternehmen, sondern den Versicherten. In Südwestdeutschland blieb es im übrigen bei einigen sozialisierungsfreundlichen Verfassungsbestimmungen. Württemberg-Baden ging dabei am weitesten, aber in keinem der Länder wurden Unternehmen sozialisiert, auch in anderen Wirtschaftszweigen nicht. Den Wesenszug der Individualversicherung erblickte er in der Wertung und Hebung des Verantwortungsgefühls des einzelnen, indem sie ein wertvolles Mittel zu seiner Befriedigung bietet und so eine sittliche Eigenschaft stärkt, die gerade in der Demokratie unentbehrlich ist. „Die Notwendigkeit der Individualversicherung kann in einem modernen demokratischen Staat nicht bestritten werden. Diese Versicherung eignet sich aber weder für ein neues Monopol noch für eine Umwandlung in eine Zwangsversicherung. Sie ist für Volk und Staat keine Gefahr, sondern ein Vorteil“.
Die Aufgabe der Gemeinschaft sah er darin, für die lebenserhaltenden Bedürfnisse derjenigen zu sorgen, die aus eigener Kraft, besonders nach einer unverschuldet entstandenen Notlage, nicht mehr in der Lage sind, dies zu tun. Es bleibe in der Vorsorge für Krankheit, Invalidität, Alter und Hinterbliebene trotz der ihren Aktionsradius immer mehr erweiternden staatlichen Sozialversicherung dennoch ein beachtlicher Raum, der durch private Maßnahmen, durch den Abschluß von Lebens- und anderen Versicherungen, ausgefüllt werden muß. Das liegt im Rahmen seiner grundsätzlichen Auffassung von der Aufgabe des Staates, Gemeinschaftsbedürfnisse zu befriedigen, wo der Einzelne dies nicht selbst leisten kann.
Setzte Möller in den ersten Jahren nach 1945 den Schwerpunkt seiner Arbeit in der Privatversicherung, so trat er auch bald im Parlament hervor. 1950 übernahm er im neuen Landtag den Vorsitz des Finanzausschusses und den Vorsitz der SPD-Fraktion. Nicht nur in Fragen der Finanzpolitik nahm er von da an eine beherrschende Stellung ein, mit seiner enormen Übersicht, einem untrüglichen Gedächtnis und seiner Arbeitskraft die Verhandlungen leitend. Der Kampf um den Südweststaat ging damals seinem Höhepunkt entgegen, und nach dem Gang der Verhandlungen war zu erkennen, daß dem Willen der Bevölkerung in Nordbaden dabei eine Schlüsselrolle zukommen werde. Aber deren Haltung war gespalten. In der letzten Phase sprachen sich dort etwa 57 % der Abstimmenden für den Südweststaat aus, was bei dem umstrittenen Zählmodus in Verbindung mit den württembergischen Stimmen für dessen Zustandekommen genügte.
Reinhold Maier rechnet Möller zu den Persönlichkeiten, die an dieser entscheidenden Stelle – in Nordbaden – mit unwandelbarem Standpunkt den Zusammenschluß der Länder vertraten. Auf ihn „konzentrierten sich aus dem Kreis der parlamentarisch legitimierten Befürworter eines einzigen Staates aus dem nordbadischen Raum die Dinge ...“ (Jahre der Wende).
In diesem Ringen, in dem die Bevölkerung und die Politiker in Nordbaden gespalten waren, faßte Möller die Gründe für seine eindeutige Parteinahme am 25. Januar 1951 vor dem Landtag wie folgt zusammen:
1. Politisch: Wir sind gegen jede Kleinstaaterei und für die Bildung von Ländern, die ein Fundament ausgeglichener wirtschaftlicher Leistungen und eine Fülle kultureller Schaffenskraft aufweisen.
2. Wirtschaftlich: Weil der Südweststaat ... ein krisenfestes Land sein würde.
3. Finanziell: Wir hätten das Ideal eines Finanzausgleichs im eigenen Raum.
4. Kulturell: Die Wirtschafts- und Finanzkraft eines Landes ist ausschlaggebend für Umfang und Niveau der Leistungen auf kulturellem Gebiet.
5. Verwaltungsmäßig: Aus drei mal drei Apparaten von Regierungen, Parlamenten und Ministerialbürokratie würden eine Regierung, ein Landtag und eine Zentralverwaltung entstehen.
In die Zeit seines landespolitischen Wirkens fallen auch die Anfänge seiner Aktivität im Rundfunkwesen, wo er bis ins hohe Alter maßgebenden Einfluß behielt. Schon an der – von den Amerikanern beeinflußten – Gesetzgebung über den Süddeutschen Rundfunk von 1948/49 und an den späteren Verhandlungen auf Landes- und Bundesebene war er maßgebend beteiligt.
Ebenso starken Einfluß nahm Möller in dem neu gegründeten Land, zunächst bei der heiß umkämpften Regierungsbildung im April 1952, bei der eine Koalition unter Reinhold Maier von FDP/DVP, SPD und BHE die stärkste Partei, die CDU, in die Opposition verwies. Die nicht beständige Entscheidung hat er wesentlich mitgetragen und verteidigt, indem er – wenig überzeugend – in der Debatte am 25. April 1952 in der Verfassunggebenden Landesversammlung versuchte, einen Trennungsstrich zu ziehen zwischen der Bildung der Regierung und der Verfassungsarbeit. Er war es aber auch, der in der Erkenntnis der kritischen Situation, die sich während der Verfassungsberatungen für den Bestand des Landes ergab, das Steuer in der Koalition herumriß und ab Sommer 1953 eine Einigung aller Parteien über Verfassung und Regierung anstrebte und erreichte. Für die Durchsetzung einer Verfassung mit nur geringer Mehrheit mochte er keine Verantwortung übernehmen, weshalb er einem Kompromiß mit der CDU zustimmte, wo Gerhard Müller ihm gegenüberstand. In der Schulfrage sah er offenbar die gefundene Lösung auf der Basis des Status quo in den Landesteilen, welche die Bekenntnisschulen in Südwürttemberg bewahrte, als vorläufig an, womit er in einem weiten Sinne Recht behielt. Die umstrittene Regelung wurde Ende 1966 zugunsten der christlichen Gemeinschaftsschule im ganzen Land geändert. Die große Koalition unter Gebhard Müller und ab Ende 1958 Kurt Georg Kiesinger bestand bis 1960. Damals wurde Möllers Partei trotz beträchtlicher Stimmengewinne im Stuttgarter Landtag in die Opposition verwiesen; 1961 verließ Möller das Landesparlament, er trat in den Bundestag ein, übernahm aber 1962 den Vorsitz der Landespartei, den er bis 1966 behielt.
Als grundsätzliches Anliegen erscheint bei ihm die Erhaltung und Steigerung der Funktionsfähigkeit der Wirtschaft und die Produktivität in einer marktkonformen dynamischen Steuerpolitik. Die Überzeugung, daß eine den Konjunkturzyklus berücksichtigende Wirtschafts- und Finanzpolitik notwendig sei, machte ihn zum Promotor des 1967 geschaffenen Gesetzes zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft, mit der das Parlament sich die Einflußnahme auf grundsätzliche konjunkturpolitische Entscheidungen sicherte. Auf zwei Wegen sollte das Ziel erreicht werden: Über die Ausgabenwirtschaft und über die Steuerpolitik. Das Gesetz stellte beides mit gleichem Rang nebeneinander. Eine neuorientierte Budgetpolitik sollte vornehmlich mit den Mitteln einer regulierten Marktwirtschaft arbeiten, also Impulse für Produktion und Verteilung geben, um konjunkturelle Schwingungen des Marktes abzufangen. Erstmals wurde auch der Versuch gemacht, Grundsätze für ein koordiniertes Vorgehen in der Form von Rechtspflichten für die staatlichen Organe in Bund, Ländern und Gemeinden verbindlich zu machen. Auch die von Möller lange zuvor schon vertretene Vorausplanung von Bedarf und Deckung über längere Zeiträume hinweg (mittelfristige Finanzplanung) fand in dieses Gesetz Eingang (Möller am 17. Januar 1962 im Bundestag). Finanzplanung in diesem Sinne ist mehr als bloße Vorausschätzung. Ihr liegt eine mittelfristige gesamtwirtschaftliche Zielprojektion zugrunde. Die Ausgaben und ihre Deckungsmöglichkeiten werden in ihren Wechselbeziehungen zu der mutmaßlichen Entwicklung des gesamtwirtschaftlichen Leistungsvermögens dargestellt. Die Finanzpolitik soll auf die Entwicklung im Sinne einer optimalen Ausschöpfung des Produktionspotentials einwirken. Im Stabilitätsgesetz erblickte Möller ein Instrumentarium, „wie es in der westlichen Welt ohne Beispiel ist“. Die wissenschaftlichen Grundlagen waren in der Volkswirtschaftslehre (von John M. Keynes) freilich weit früher gelegt worden. Der begrenzten Möglichkeiten dieses Instrumentariums wurde man sich in einer späteren Phase, als die strukturellen Probleme stärker hervortraten, bewußt. Auch Möller verschloß sich nicht der Erkenntnis, daß Wirtschafts- und Konjunkturpolitik in ihrer Interdependenz zu den anderen Teilpolitiken „nicht allein im Vollzug eines mechanischen Maßnahmeinstrumentariums bestehen kann, dessen Zielerreichung nahezu mathematisch abgeleitet wird“. (Schachtschabel, S. 39).
In der ersten sozialdemokratisch geführten Regierung übernahm Möller, der bis dahin kein Regierungsamt bekleidet hatte, 1969 als Nachfolger von Franz Josef Strauß das Amt des Finanzministers. Die von Kanzler Brandt am 28. Oktober 1969 proklamierten ehrgeizigen politischen Ziele der SPD/FDP-Koalition, an deren Zustandekommen Möller, insbesondere durch Kontakte zur FDP, wesentlichen Anteil hatte, waren eine große finanzpolitische Herausforderung. Das erste Budget, das er zu vertreten hatte, sollte ein Startzeichen für die angekündigten inneren Reformen sein, neben der neuen Ostpolitik ein tragendes Motiv der Koalitionsbildung. Zu den Prioritäten zählten der Ausbau des Bildungswesens, der Gesundheitsschutz, der Wohnungsbau, das Verkehrswesen, die Agrarstruktur und Reformen im Rahmen des Verteidigungshaushalts. Gelang es ihm anfangs, den Etat in Grenzen der finanzwirtschaftlichen Notwendigkeiten, wie er sie sah, zu halten, so sprengten die von den Ressortministern geforderten Steigerungsraten bald diesen Rahmen. Vom Kanzler nur halbherzig unterstützt, trat er am 13. Mai 1971 zurück. Für eine Haushaltslücke von 10 Milliarden Mark (1972) wollte er die Verantwortung nicht übernehmen. Sein Rücktritt sollte als ein Signal der Besinnung zurückführen auf den Weg der finanzpolitischen Solidität. In dem von seinem Nachfolger Karl Schiller vorgelegten Etatentwurf 1972, den er als Fraktionssprecher befürwortete, weil er die haushaltswirtschaftlichen Notwendigkeiten gebührend beachte, erblickte er die Konsequenz seines Handelns. Von der Machterweiterung dieses Widersachers durch die Bildung eines Mammutministeriums, das Wirtschaft und Finanzen in sich vereinte, hatte Möller dem Kanzler abgeraten. Schiller scheiterte an der gewaltigen Aufgabe bereits im folgenden Jahre.
Zahlreiche Schriften und Reden weisen Möller als nüchtern denkenden, rational argumentierenden Autor, aber auch als scharfzüngigen Debatter aus, der auf der Basis umfassenden Fachwissens operiert. Beißende Ironie und Polemik sind in seine nicht ausgesprochen brillanten, aber glänzend dokumentierten, zitatenreichen und unerbittlich vorstoßenden Reden gemischt. Witz und Sinn und Liebe für Kunst und Kultur verspüren wir, wenn sich inmitten der harten Sach- und Fachliteratur ein besinnliches Heft befindet, das aus der Perspektive einer Rheinfahrt von Basel nach Rotterdam ein Stück Heimat erleben läßt und einige Blätter deutscher Geschichte aufschlägt. Aus der Bundeshauptstadt, die ihn viele Jahre in ihren Bann zog, erfahren wir darin etwas über Beethoven; dann zieht, „von der Bonner Politik völlig unberührt“, der Strom gelassen in die Niederrheinische Tiefebene hinaus (Warum ist es am Rhein so schön ...). Solche Gelassenheit war allerdings nicht Möllers gewohnte Sinnesart.
Daß der erfolgreiche, unbequeme, wohl auch leicht reizbare und verletzliche Mann auf Widerstand stieß, ist nicht zu verwundern; am härtesten war sein Strauß mit Karl Schiller – wie er selbst umgeben mit der Glorie einer Primadonna –, der die Früchte seines Sieges nicht lange nutzen konnte. Helmut Schmidt, der ihn seinen großen älteren Bruder nannte, durfte er zu seinen Freunden rechnen. Distanz, Würde, Unabhängigkeit erkannte dieser ihm zu, und er bekennt, was er ökonomisch gelernt habe, verdanke er auch Möller. Schablonenhaft wirkt eine Charakteristik, die den „autokratischen“, „stets etwas galligen“ Möller als einen Sozialdemokraten „aus kleinbürgerlichen Verhältnissen mit entsprechend großbürgerlichem Gehabe, eben mit den Attitüden eines Generaldirektors“ ausweist (Baring, Machtwechsel, S. 654 f.). Eitelkeit und Selbstgefälligkeit, Spuren eines Überlegenheitsgefühls, wenn nicht gar von Überheblichkeit fechten den erfolgreichen Aufsteiger allemal an. Als „gradlinig bis zur Sturheit, gleichzeitig kritisch und loyal“ würdigte ihn in seiner Trauerrede Willi Brandt, der die Stunde der Demission seines Finanzministers nicht vergessen hatte. Das Eintreten für seine politischen Ziele hielt ihn nicht ab, den Blick über die eigenen Reihen hinaus zu lenken. So hat er in fairer Würdigung nicht nur des sozialdemokratischen Finanzministers Rudolf Hilferding gedacht, sondern auch des Zentrumspolitikers Matthias Erzberger, den er als einen der tatkräftigsten und klügsten Vorkämpfer der Weimarer Demokratie schilderte, und seinem Werk als Reichsfinanzminister ein Denkmal gesetzt, und gleichermaßen dem Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei Hermann Dietrich als mutigem Politiker und großem Mann Respekt gezollt.
Werke: Der Weg in die Zukunft, 1945; Bilanz über die Erbschaft, 1947; Die Privatversicherung in den süddeutschen Verfassungen. Ein Beitrag zur Sozialisierung, Hamburg 1947 (Veröffentlichungen des Seminars für Versicherungswissenschaft der Universität Hamburg und des Versicherungswissenschaftlichen Vereins e. V. Hamburg, NF H., 1); Reform der Privatversicherung, Karlsruhe, o. J. [1947]; Lehren der Etatpolitik der westeuropäischen Länder, Karlsruhe 1949; Wege zur konstruktiven Finanzpolitik, Karlsruhe, o. J. [1955]; Vorsorge, Fürsorge, Versorgung, der Standort der deutschen Lebensversicherung, in: Versicherungswirtschaft, Heft 10 1956; Ein Lebensversicherungsunternehmen erlebt 120 Jahre, o. J. [1955]; Amerika und die Präsidentenwahl, Karlsruhe, o. J. [1960]; Unruhige Zeiten, 1963; Mittelfristige Finanzplanung (hg. von der Fraktion der SPD im Deutschen Bundestag), 1967; Warum ist es am Rhein so schön ..., Karlsruhe 1966; Finanz- und wirtschaftspolitische Reformen unserer bundesstaatlicher Verfassung, in: Versicherungswirtschaft 1968, 1012 f.; Zur Eigentumsbildung in breiten Schichten, in: Versicherungswirtschaft 1968, Sonderbeilage Nr. 17; Währung und Außenpolitik, Stuttgart 1963, 4. Aufl. Hannover 1968; Schuld durch Schulden? Nutzen und Grenzen der Staatsverschuldung, München, Zürich 1981; Haushalt der finanzpolitischen Solidität. Hg.: Bundesministerium der Finanzen, 1. Aufl. Bonn 1970; Staatsschuldenpolitik einst und heute. Hg. Bundesminister der Finanzen, 1. Aufl. Bonn 1970; Die mittelfristige Finanzplanung des Bundes 1968-1972, Hg. Fraktion der SPD im Deutschen Bundestag, o. J. [1968]; Finanz- und Steuerpolitik auf Reformkurs, Hg. Bundesministerium der Finanzen, 1. Aufl. Bonn 1970; Rede des Bundesministers der Finanzen Dr. h. c. Dr. Ing. E. H. A. Möller in der 67. Sitzung des VI. Deutschen Bundestages am 23.9.1970 zur Einbringung des Bundeshaushalts 1971, Hg. Bundesministerium der Finanzen, 1. Aufl. Bonn 1970; Im Gedenken an Reichsfinanzminister Rudolf Hilferding. Hg. Bundesministerium der Finanzen, 1. Aufl. Bonn 1971; Reichsfinanzminister Matthias Erzberger und sein Reformwerk, Hg. Bundesministerium für Wirtschaft und Finanzen, 1. Aufl. Bonn 1971; Ein Arbeitsleben für die Assekuranz, Karlsruhe 1973; Das Geschichtsbild der deutschen Sozialdemokratie. 100 Jahre SPD Karlsruhe, Karlsruhe 1976; Genosse Generaldirektor, München/Zürich 1978; Hans Georg Schachtschabel – Wissenschaftler und Politiker zugleich, in: Eduard Mändle/Alex Möller/Fritz Voigt (Hg.), Wirtschaftspolitik in Theorie und Praxis, 1979, 37-40; Hermann Dietrich – Deutscher Politiker, in: ZGO 127 (NF 88) 1979, 363-379; Tatort Politik, München/Zürich, 1982; Politische Einflüsse auf die Entstehung der Landesverfassung, in: Alexander Hollerbach (Hg.), 30 Jahre Verfassung von Baden-Württemberg, Baden-Württemberg, 1984; Blick zurück nach vorn, Festschrift des Landtags von Baden-Württemberg für Bundesfinanzminister a. D. Prof. Dr. Ing. E. H. Dr. rer. nat. h. c. A. Möller, Stuttgart 1983 (Interview mit dem Intendanten des Süddeutschen Rundfunks, Prof. Dr. Dr. h. c. Hans Bausch); (Hg.) Kommentar zum Stabilitätsgesetz, 2. Aufl. 1970.
Nachweis: Bildnachweise: Fotos in: Jahre der Wende, Blick zurück (vgl. Literatur), Tatort Politik (vgl. Werke).

Literatur: Reinhold Maier, Staatenbildung im Südwestdeutschen Raum, in: Jahre der Wende. Festgabe für A. Möller zum 65. Geburtstag, hg. von Dr. Robert Schwebler und Walter Föhrenbach, Karlsruhe 1968, 129-133; ders., Ein Grundstein wird gelegt, Tübingen 1964; ders., Erinnerungen 1948-1953, Tübingen 1966; Walter Henkels, Neue Bonner Köpfe, 1975, 237-240; Jahre der Wende, Festgabe für A. Möller zum 75. Geburtstag, hg. von Dr. Robert Schwebler, Karlsruhe 1978; Willy Brandt, Begegnungen und Einsichten. Die Jahre 1960-1975, Hamburg 1976; Karl Moersch, Kursrevision. Deutsche Politik nach Adenauer, Frankfurt a. M., 1978; Jörg Schadt und Wolfgang Schmierer (Hg.), Die SPD in Baden-Württemberg und ihre Geschichte (SpLBW Band 3), Stuttgart 1979, 34, 237 ff. passim; Hans Bausch, Rundfunkpolitik nach 1945. Erster Teil: 1945-1962 (1980); Rundfunk in Deutschland. Hg. Hans Bausch. Band 3, 1980; Paul Feuchte, Verfassungsgeschichte von Baden-Württemberg, Stuttgart 1983, 243 f. und passim; Helmut Schmidt, Rede anläßlich der 60jährigen Parteimitgliedschaft A. Möllers im Stuttgarter Landtag am 26. März 1982, in: Tatort Politik (siehe Werke) 501-506 (Auszug); Arnulf Baring, Die Ära Brandt-Scheel, 3. Aufl. 1982, 166-182, 503-520, 641-656; Nachruf in: Versicherungswirtschaft 40. Jg. 1985, 1305-1307; Theodor Eschenburg, Die politische Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland, in: Jeserich u. a. (Hg.), Deutsche Verwaltungsgeschichte, Band 5, 1987, 1-30, 19-21; Willy Brandt, Erinnerungen, Frankfurt a. M. 1989, 269, 304, 310, 330; Wolfgang Jäger, Die Innenpolitik der sozial-liberalen Koalition 1969-1974, in: Karl Dietrich Bracher, Wolfgang Jäger, Werner Link, Republik im Wandel (Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in fünf Bänden, hg. von K. D. Bracher u. a., Band 51, Stuttgart, Mannheim 1986, 15-162 (46-54). Weitere Beiträge vgl. BbG 5 Nr. 12747-12752.
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