Münch, Walter 

Geburtsdatum/-ort: 29.11.1911;  Göppingen
Sterbedatum/-ort: 22.06.1992;  Wangen im Allgäu
Beruf/Funktion:
  • Landrat, FDP/DVP-Politiker und Literat
Kurzbiografie: 1917-1930 Schulbesuch in Schelklingen, Blaubeuren und Ulm
1931-1935 Studium der Staats-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften in Tübingen, München, Salzburg, Königsberg und Berlin
1935-1938 Gerichtsreferendar in Ulm
1939 I. juristische Staatsprüfung
1939-1940 Assessor
1940-1945 Kriegsdienst
1942-1949 Regierungsrat am Landratsamt Tettnang
1943 Promotion zum Dr. iur.
1945 V-VIII französische Kriegsgefangenschaft
1949-1972 Landrat des Kreises Wangen im Allgäu
1955-1988 Mitglied des Staatsgerichtshofes Baden-Württemberg
1959-1972 Gründer und Leiter der Regionalen Planungsgemeinschaft Östlicher Bodensee-Allgäu und des Regionalplanungsverbandes Oberschwaben
1963-1981 Vorsitzender des Landeswohlfahrtsverbandes Württemberg
1967-1991 Gründer und Leiter des Literarischen Forums Oberschwaben
1971 Mitbegründer der „Euregio Bodensee“
1973 Großes Bundesverdienstkreuz
1977 Dr. h. c. der Universität Tübingen
Weitere Angaben zur Person: Religion: römisch-katholisch
Verheiratet: 1939 Tettnang, Inge, geb. Schröder (geb. 1915)
Eltern: Franz, Reichsbahninspektor
Maria, geb. Maier
Geschwister: keine
Kinder: Susanne (geb. 1943)
Rainer (geb. 1944)
GND-ID: GND/118585479

Biografie: Jürgen Klöckler (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 3, 268-269

„Leisten muß man etwas, damit man sich Charakter leisten kann“, kennzeichnete Münch in einer Feierstunde anläßlich seines siebzigsten Geburtstages in der Giebelgalerie in Wangen im Allgäu seine Lebensdevise. Und tatsächlich war er eine Persönlichkeit von Format, ein Vulkan des Geistes und des Wortes, ein Schalk von tiefgründiger Ernsthaftigkeit. Dabei umfaßte sein Wirken in Oberschwaben, dem er zeitlebens verbunden war, drei Bereiche: Verwaltung, Politik und Kultur. Nach dem Studium an fünf Universitäten legte M. 1939 das I. juristische Staatsexamen ab; damit war der Grundstein für seine Laufbahn in der öffentlichen Verwaltung gelegt, die er als Assessor, Regierungsassessor und schließlich als Regierungsrat am Landratsamt Tettnang begann. Unterbrochen durch seine Einberufung zur Wehrmacht war er zwischen 1940 und 1945 lediglich ein Jahr – nach einer schweren Verwundung – als zweiter Beamter im Tettnanger Landratsamt tätig. Vom württemberg-hohenzollerischen Staatspräsidenten Gebhard Müller wurde er 1949 zum Landrat von Wangen, der Heimat seiner Mutter, berufen. Hier wirkte Münch als „Mann von Format und niemandem Untertan“ – so das Zeugnis des ersten Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Reinhold Maier, nach dessen Besuch am 28. Oktober 1952 in Wangen. Auf Kreisebene setzte Münch ab 1957 Planungen um, die insbesondere auf eine verbesserte Mitsprache der Bürgerschaft in den Gemeinde- und Kreisparlamenten abzielten. Von der historischen und soziologischen Einheit des Bodenseeraumes und Oberschwabens überzeugt, rief Münch u. a. den Regionalplanungsverband Oberschwaben ins Leben, den er jedoch nicht als politische Organisation gewertet wissen wollte. Die Stadt Ulm, einst von Münch als seine zweite Heimat bezeichnet, sollte als Oberzentrum dienen. Ulm in Oberschwaben und nicht Ulm und Oberschwaben lautete die Formel – so Münch 1963 vor der dritten Landschaftsversammlung in der Münsterstadt. Die Vielzahl seiner zur Stärkung der Region entfalteten Aktivitäten schlug sich in der verbreiteten Wendung des „Demosthenes Oberschwabens“ nieder.
Den Spitznamen „Der rote Münch“ trug der nach der Kreisreform von 1972 in den Ruhestand versetzte Wangener Landrat der roten Haarfarbe wegen. Parteipolitisch wurde der überzeugte Liberale nun bei der FDP/DVP tätig und bekleidete bis 1981 das Amt des Kreisvorsitzenden in Ravensburg. Seinen Rücktritt begründete er damit, daß die politischen Parteien insgesamt für junge Menschen attraktiver gemacht werden müßten, indem Wiederwahlen eingeschränkt und verfestigte Ämterhäufung abgebaut werden sollten. Zugleich war Münch ein begeisterter Anhänger eines sich zusammenschließenden Europas. Mitte der 1950er Jahre war er Mitglied der Europäischen Kommunalkonferenz beim Europarat in Straßburg, in den 1960er Jahren gehörte er einem Expertenausschuß für Zusammenarbeit in kommunalen und regionalen Fragen beim Ministerrat des Europarats an. Das Beherrschen des Französischen, Italienischen und Englischen in Wort und Schrift erleichterte ihm diese Tätigkeit erheblich. In solchen Aufgaben hatte die geflügelte Bezeichnung des „Landrates in Europa“ ihren Ursprung, mit der Münch in späteren Jahren bisweilen bedacht wurde.
Doch Münch war mehr als ein kundiger Verwaltungsfachmann und ein durchsetzungsfähiger Politiker, er war ganz besonders ein Allgäuer „Homme de lettre“. Aus den kulturellen Arbeitskreisen der Landschaftsversammlungen gingen auf seine Initiative hin der Kunstverein Oberschwaben und das Literarische Forum Oberschwaben hervor. In Wangen versammelten sich Schriftsteller, Kritiker und Literaturfreunde von Mitte der 1960er Jahre bis 1991 im Literarischen Forum Oberschwaben unter der Leitung Münchs, der danach aus gesundheitlichen Gründen zurücktrat. Mit dem Schriftsteller Martin Walser, der ebenfalls zu den Gründern des Forums zählt, verband Münch eine herzliche Freundschaft. Anläßlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Tübingen führte Münch 1977 aus, er habe „jede kulturelle Aktivität in der Provinz zugleich auch als Sozialpolitik verstanden“. Als Vorsitzender des Landeswohlfahrtsverbandes bewies Münch in vieler Hinsicht sein soziales Engagement.
Quellen: Nachlaß Walter Münch im Kreisarchiv Ravensburg
Werke: Verzeichnis der Aufsätze und Reden bis 1972 in: Landkreis Wangen 1963-1972, hg. vom Landratsamt Wangen, 1972, 69-76; Steinbeis kam nur bis Ravensburg, 1959; Jakob Bräckle – ein oberschwäbischer Maler, 1974; Lob der Kunst, Reden von Walter Münch, 1986; Rückbesinnung auf Gotik, 1991; Wege zu Hans Mutschler von Reichenhofen, 1991
Nachweis: Bildnachweise: Ölgemälde von Wolfgang von Websky (1969) im Landratsamt Ravensburg

Literatur: R. Maier, Erinnerungen, 1948-1953, 1966; M. Walser, Heimatkunde, Aufsätze und Reden, 1968, 40-50; A. Schneider, Laudatio zur Verleihung der Felix von Hornstein-Medaille an Landrat Dr. Walter Münch, in: Naturschutz 11 (1970), 66-69; K. Schaaf (Hg.), Versuch, Walter Münch hochleben zu lassen, 1981; H. K. Kraft, Walter Münch, Ein Lebensweg für Oberschwaben, in: Ulmer Forum 61 (1982), 46-50; H. U. Rudolf (Hg.), Der Landkreis Ravensburg im Spiegel des Schrifttums, 1990, 696 ff.; K. Schaaf, Walter Münch und das Literarische Forum Oberschwaben, in: Im Oberland 1991, H. 2, 43-46; Walter Münch: Ein unbequemer Politiker und engagierter Kulturförderer, in: Schwäbische Zeitung (Landesüberblick) vom 23.06.1992; Abschied vom „Demosthenes Oberschwabens“, in: Schwäbische Zeitung (Ausgabe Wangen) vom 27.06.1992; O. Blaser, Walter Münch, in: Im Oberland 1992, H. 2, 63 f.; O. Burger, 25 Jahre Literarisches Forum Oberschwaben. Walter Münch zu Ehren, in: Allmende (32/33) 1992, 227-232; R. Falk, Walter Münch, in: Die Amtsvorsteher der Oberämter, Bezirksämter und Landratsämter in Baden-Württemberg 1810-1972, 1996, 419 f.
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