Ruge, Friedrich Oskar 

Geburtsdatum/-ort: 24.12.1894; Leipzig
Sterbedatum/-ort: 04.07.1985;  Tübingen
Beruf/Funktion:
  • Vizeadmiral, Inspekteur der Bundesmarine, Militärschriftsteller
Kurzbiografie: 1904-1907 Thomas-Schule Leipzig, 1907-1914 Humanistisches Gymnasium Bautzen, Abitur
1914 Seekadett, Grundausbildung in Flensburg-Mürwik und Kiel-Wik, Fähnrich, 1916 Leutnant zur See, Kriegsdienst auf Torpedo- und Minensuchbooten, Eisernes Kreuz I. und II. Klasse, 21.06.1919 Selbstversenkung der deutschen Hochseeflotte in Scapa Flow, darunter des von Ruge kommandierten Torpedoboots B 110
1919-1920 Kriegsgefangenschaft in den Lagern Oswestry und Donington Hall in Großbritannien
1920 Eintritt in die Reichsmarine, Oberleutnant zur See
1920-1924 Marinestationskommando der Ostsee in Kiel, Wachoffizier auf einem Torpedoboot, Adjutant beim Kommandeur der Küstenwehrabteilung
1924-1926 Kommandierung zum Studium an die TH Charlottenburg, 1925 Kapitänleutnant
1926-1928 Kommandant von M 136 in der 1. Minensuchhalbflotille
1928-1932 Minenreferent beim Sperrversuchskommando in Kiel-Wik, 1930 Dipl.-Prüfung für Englisch an der Universität Kiel, Beginn der schriftstellerischen Tätigkeit
1932 Chef der 1. Minensuchhalbflotille, 1933 Korvettenkapitän, Verlegung der Halbflotille nach Pillau (Ostpreußen); 1934 3. Admiralstabsoffizier beim Stab des kommandierenden Admirals des Marinekommandos in Kiel, zuständig für Minenwesen, 1937 Fregattenkapitän
1937-1939 Führer der Minensuchboote der Kriegsmarine in Cuxhaven, 1939 Kapitän zur See
1939 Polenfeldzug, Oktober Kommandeur eines Minensuchverbands in Cuxhaven
1940 Kommodore (mit der Aufgabe und Verantwortung eines Admirals), Besetzung Norwegens und Dänemarks, Frankreich-Feldzug, Spangen zum Eisernes Kreuz I. und II. Klasse, Ritterkreuz, Verlegung des Stabes von Cuxhaven nach Trouville
1941 Befehlshaber der Sicherung West, Verlegung des Stabes nach Paris; 1942 Konteradmiral
1943 Vizeadmiral und Chef des Marinekommandos Italien, Sicherung des Nachschubs nach Tunesien, November 1943 Marineberater im Stab der Heeresgruppe B in Frankreich (Generalfeldmarschall Rommel), Stab in Fontainebleau, 1944-1945 Leiter des Amtes für Kriegsschiffbau im Oberkommando der Kriegsmarine in Berlin
1945-1946 Kriegsgefangenschaft in Jabbeke und Zedelghem (Belgien), Lagerdolmetscher, Juli 1946 Überführung nach Munsterlager, 30.11. Entlassung
1945-1948 Inhaber eines Schreib- und Übersetzungsbüros in Cuxhaven, ausgedehnte schriftstellerische Tätigkeit
1952-1954 (parteiloser) Stadtrat in Cuxhaven
1954 Umzug nach Tübingen, wissenschaftliche Tätigkeit
1956 Leiter der Abteilung VII (Marine) im Bundesministerium der Verteidigung, Bonn
1957 Inspekteur und Chef des Marineführungsstabes, Aufbau der Bundesmarine
1961 Orden „Legion of Merit“, Washington; 11.08. Eintritt in den Ruhestand, Großes Verdienstkreuz des Bundesverdienstordens mit Stern und Schulterband
1962 Lehrauftrag für Wissenschaftliche Politik an der Universität Tübingen, 1967 Honorarprofessor, Fortsetzung der schriftstellerischen und wissenschaftlichen Tätigkeit, viele Reisen
Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch
Verheiratet: 1920 Bautzen, Ruth, geb. Greef (1897-1967)
Eltern: Walter (1865-1943), Philologe, Oberstudiendirektor
Martha Friederike, geb. von Zahn
Geschwister: keine
Kinder: 4
GND-ID: GND/118604031

Biografie: Horst Ferdinand (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 3, 326-331

Als der neunzehnjährige Seekadett Ruge am 1. April 1914 seinen Dienst in der Kaiserlichen Marine antrat, lagen glückliche Kindheits- und Jugendjahre in Leipzig und Bautzen hinter ihm. Von lange nachwirkendem Einfluß in diesen Jahren war seine Mitgliedschaft im bündischen Wandervogel; zeit seines Lebens blieb er ein der Natur verbundener begeisterter Wanderer. Eine weitere Erbschaft aus jenen Tagen begleitete ihn bis ins hohe Alter, der unverkennbare sächsische Akzent. Den Weg zur Marine wies ihm ein Onkel, Marinearzt in Kiel. Nach absolvierter Grundausbildung und der Ernennung zum Fähnrich tat er Dienst auf dem Kreuzer „Lübeck“ und dem Linienschiff „Elsaß“. Auf dem letzteren erlebte er im Sommer 1915 als Funker seinen ersten Kriegseinsatz bei den vergeblichen Versuchen, in einer kombinierten Aktion die Stadt Riga zu erobern. Dem Offizierslehrgang in Mürvik und einer Torpedobootsausbildung folgte im Juni 1916 die Ernennung zum Leutnant z. S. und ein Kommando auf dem Torpedoboot B 110. Die Flotille, zu der dieses Boot gehörte, nahm Sicherungsaufgaben im Westteil der Deutschen Bucht wahr. In diesem Verband nahm Ruge an dem erfolgreichen Ösel-Unternehmen im Oktober 1917 teil, bei dem es gelang, die russische Flotte aus ihrer die Zufahrt nach Riga – das mittlerweile erobert worden war – beherrschenden Position zu vertreiben. Die Mitwirkung Ruges bei dieser Operation ist deshalb erwähnenswert, weil er sich erstmals veranlaßt sah, einen Bericht darüber zu schreiben; die Veröffentlichung scheiterte allerdings daran, daß ihm sein vorgesetzter Flotillenchef eröffnete: „Ein Seeofizier schreibt nicht“. Daran hat er sich glücklicherweise nicht gehalten, und die schriftstellerische Tätigkeit wurde zu einer der festen Lebensachsen Ruges. Eine andere war die Befassung mit fremden Sprachen; den in der zweiten Hälfte des I. Weltkriegs oft langweiligen Routinebetrieb benutzte er, um die Anfangsgründe der türkischen Sprache zu erlernen.
Auf Grund der Waffenstillstandsbedingungen wurde der Hauptteil der deutschen Flotte in der Bucht von Scapa Flow auf den Orkney-Inseln interniert. Am 21. Juni 1919 gab Admiral von Reuter den Befehl zur Selbstversenkung der Flotte. B 110, das von Ruge kommandierte Torpedoboot, ging als erstes Schiff unter: „Es war für mich ein Gefühl der Erleichterung, als das Boot kenterte und sank. Die Versenkung war das größte Ereignis meines Lebens“ (Ruge). Nach einjähriger Kriegsgefangenschaft in englischen Camps kehrte Ruge nach Deutschland zurück; während des Zwangsaufenthalts auf der Insel erlernte er die spanische Sprache.
Nach Rückkehr und Heirat plante er die Aufnahme des Medizinstudiums, als ihm aber die Reichsmarine nahelegte, Seeoffizier zu bleiben, gab er diesen Plan auf. Nach verschiedenen Funktionen im Stab des Marinestationskommandos in Kiel übernahm der 27jährige Oberleutnant z. S. im Herbst 1921 ein Minensuchboot. Dort und bei der Sicherung der Seewege im Krieg gemachte Erfahrungen bewirkten, daß nunmehr das Minenwesen in das Zentrum seiner beruflichen Zielsetzung rückte. Die Marineleitung kommandierte ihn für zwei Jahre zum Studium der für das Minenwesen einschlägigen Fächer – Sprengstoffchemie, Strömungs- und Korrosionslehre, Metallkunde etc. – an die TH Charlottenburg, die als einzige der Technischen Hochschulen im damaligen Reichsgebiet eine Schiffbaufakultät besaß. In diese Zeit fällt auch seine Vervollkommnung des Englischen und Schwedischen und die nun einsetzende literarische Verarbeitung von Marinethemen in Zeitungen und Fachzeitschriften. Als Schüler hatte er in Bautzen die Gabelsbergersche Stenographie erlernt, die ihm bei der Niederschrift seiner Tagebücher – erstrangiger historischer Quellen – und bei seinen späteren umfangreichen literarischen und wissenschaftlichen Aktivitäten zum unentbehrlichen Handwerkszeug wurde. Als Kommandant des Minensuchboots M 126 sammelte er weitere Erfahrungen auf seinem Fachgebiet, ehe er als Minenreferent beim Sperrversuchskommando in Kiel-Wik mit der Entwicklung und Erprobung von Minen beauftragt wurde. Immer fortgesetzt wurden die Sprachstudien, nach der Diplom-Prüfung in Englisch erlernte er Italienisch.
Schon im I. Weltkrieg hatten ihn die Probleme der Menschenführung besonders interessiert, auch im Zusammenhang mit der Meuterei der Hochseeflotte im Herbst 1918. Ertrag intensiven Nachdenkens über die damit verbundenen Fragen stellte eine Schrift „Ausbildung zum Seeoffizier“ dar, in der er gravierende Mängel in der Menschenführung bei der Marine anprangerte und Vorschläge zu einer Lösung der damit verbundenen Probleme vorlegte. Der Chef der Marineleitung, Admiral Erich Raeder, veranlaßte, über die Köpfe der ablehnenden Zwischenvorgesetzten hinweg, daß die Schrift 1932 publiziert wurde.
Im gleichen Jahr wurde Ruge Chef der 1. Minensuchhalbflottille, die im Herbst 1933 nach Pillau verlegt wurde. 1934 wurde er Adminiralstabsoffizier im Stab des Kommandierenden Admirals der Marinestation Ostsee in Kiel, wiederum zuständig für das Minenwesen; auf diesem Gebiet war er mittlerweile der anerkannte Experte der am 1. Juli 1935 von der „Reichsmarine“ in „Kriegsmarine“ umbenannten Flotte. Nach kurzem Zwischenspiel beim Stab der Marinestation Ostsee – Gegenspionage, sein Chef war Admiral Canaris – wurde er 1937 zum Führer der Minensuchboote ernannt. Im Polenfeldzug – 1939 – übernahm er in dieser Eigenschaft Sicherungsaufgaben in der Danziger Bucht bei der Eroberung der Westernplatte und Gdingens bei der Beschießung der Halbinsel Heia. Im Oktober 1939 wurde er Kommandant eines Minensuchverbandes in Cuxhaven, dessen schwieriger Auftrag darin bestand, ein Wegenetz im Küstenvorfeld der Nordsee frei von Minen zu halten, so daß Überwasserschiffe und U-Boote in See gehen und zurückkehren konnten, eine, wie Ruge immer wieder beklagte, als selbstverständlich betrachtete und daher kaum erwähnte Aufgabe, obwohl die Operationen der großen Schiffe und der U-Boote ohne die Tätigkeit der Sicherungsverbände gar nicht möglich gewesen wären. Das Minenwesen entwickelte sich im II. Weltkrieg in einem vorher nicht gekannten Tempo und Ausmaß, insbesondere durch die Verwendung elektromagnetischer und akustischer Zündungen und durch den Einsatz von Flugzeugen als Minenträger. Natürlich entstanden gleichzeitig entsprechende Abwehrmechanismen.
Die Sicherungsverbände wurden unter dem Kommando des inzwischen Admiralsdienst leistenden Kommodore Ruge bei der Besetzung Norwegens und Dänemarks im April 1940 eingesetzt. Nach der Teilnahme am Frankreichfeldzug stellte er von Trouville aus sieben stationäre Flotillen für die Sicherung der Küste zwischen Holland und der spanischen Grenze auf. Diese Sicherung war eine der Voraussetzungen für die Nutzung der Häfen am Atlantik durch U-Boote. Im Februar 1941 wurde Ruge „Befehlshaber der Sicherung West“ und kommandierte etwa 350 Schiffe. Im Februar 1942 hatte Ruge den minenfreien Weg beim Verlegungsmarsch der Schlachtschiffe „Scharnhorst“ und „Gneisenau“ und des Schweren Kreuzers „Prinz Eugen“ von Brest durch den Kanal in die Deutsche Bucht zu gewährleisten, – ein tollkühnes Unternehmen, dessen Gelingen von der unauffälligen, aber wirksamen Wahrnehmung der Sicherungsaufgaben abhing.
1943 wurde dem Vizeadmiral Ruge als Befehlshaber des Marinekommandos in Italien die Sicherung der Nachschubwege für das Afrikakorps übertragen, eine Aufgabe, die sich wegen der erforderlichen, aber fehlenden Unterstützung durch starke Luftstreitkräfte nur unzulänglich erfüllen ließ. Außerdem trugen die italienischen Bundesgenossen, die die sich abzeichnende Gefährdung ihres Mutterlandes bedrückte, nicht viel zur Aufrechterhaltung der Nachschubwege bei. Tunesien fiel im Mai 1943. Im August 1943 wurde Ruge wegen „gesundheitlicher“ Gründe als Chef des deutschen Marinekommandos in Italien abgelöst; er selbst glaubte, daß persönliche und auch politische Gründe dafür maßgeblich waren. In dieser Zeit erlitt Ruge den „schwerste(n) Schock im ganzen Kriege“: befreundete Offiziere berichteten ihm über Massenerschießungen durch SS-Kommandos im Baltikum und in der Ukraine. Ihm wurde klar, „daß wir von einem völlig rücksichtslosen Verbrecher regiert wurden“. ... „Ich muß offen sagen, daß ein Attentat mir nicht in den Sinn kam. Das lag völlig außerhalb unserer Erziehung und Gedankenwelt.“ Die Ausweglosigkeit der Situation machte ihm ebenso zu schaffen wie die sich immer mehr abzeichnende Hoffnungslosigkeit der militärischen Lage.
Als er im November 1943 Marineberater im Stab der Heeresgruppe B in Frankreich wurde, wurde diese Hoffnungslosigkeit bestätigt: der vielgerühmte Atlantikwall bestand praktisch nur im Bereich des Kanals, und die Befestigungen und der Minengürtel an der französischen Küste konnten denn auch nur kurze Zeit dem alliierten Ansturm standhalten. Ein enges und vertrauensvolles Verhältnis verband ihn in den der Invasion vorhergehenden Monaten mit Generalfeldmarschall Rommel.
Als letzte dienstliche Aufgabe in der Kriegsmarine des „Dritten Reiches“ übernahm er im November 1944 die Leitung des Amtes für Kriegsschiffbau im Oberkommando der Kriegsmarine in Berlin. Trotz der sich immer widriger gestaltenden Produktionsbedingungen gelang es Ruge und seinen Mitarbeitern, die Zahl der U-Boote, von denen sich Dönitz eine kriegsentscheidende Wende versprach, wesentlich zu erhöhen. Aber es war alles zu spät, und die Zahl von 551 „vorhandenen“ U-Booten, die Dönitz am 23. Februar 1945 Hitler meldete, bezeichnete Michael Salewski (Lit.) zurecht als „phantastisch“. Der Kriegsschiffbau wurde schon bald durch die in das Reichsgebiet strömenden alliierten Armeen beendet. In dieser Zeit lernte Ruge Russisch. Kurz nach der Kapitulation forderte der Stab Eisenhower eine Gruppe gefangener Seeoffiziere an – unter ihnen Ruge –, die den Siegern in Reims über die U-Bootlage, das Fernmeldewesen und die Marinelage im II. Weltkrieg berichten mußten. Während der Kriegsgefangenschaft in Belgien schrieb Ruge im Auftrag der US-Army Historical Division einen Bericht über Rommel, der in der amtlichen Geschichte der US-Army vielfach zitiert wurde. Im Juli 1946 wurde Ruge von Belgien nach Munsterlager überführt und am 30. November 1946 nach Cuxhaven entlassen.
Er stand vor dem Nichts, verfügte über keinerlei Einnahmen. Sofort gründete er ein Übersetzungsbüro und betätigte sich als Englischlehrer. So konnte er die Familie in den Notjahren bis 1949 gut durchbringen. Die obligatorische Entnazifizierung ergab bei Ruge zunächst die Eingruppierung in Klasse IV (Mitläufer), später V (unbelastet).
1949 bis 1952 arbeitete er bei dem von den Amerikanern initiierten Naval Historical Team in Bremerhaven mit, das die Geschichte des Seekriegs gegen die Sowjetunion von 1941 bis 1945 beschrieb. Aus dieser Tätigkeit erwuchsen Artikel in Zeitungen und Zeitschriften und mehrere Bücher über den Seekrieg im II. Weltkrieg. In der Folge entstand eine bewundernswerte Produktion vieler militärhistorischer Werke, die in fast regelmäßigen Abständen erschienen, hohe Auflagen erzielten und in mehrere Sprachen übersetzt wurden. 1952 bis 1954 wirkte er als parteiloser Stadtrat bei der Bewältigung der Nachkriegsprobleme der Stadt Cuxhaven mit.
Die Regierung der neugegründeten Bundesrepublik Deutschland beauftragte im Herbst 1950 eine kleine Gruppe von früheren Offizieren – unter ihnen Ruge –, Vorschläge über die Einzelheiten einer deutschen Beteiligung an der Verteidigung des freien Europas zu erarbeiten; Adenauer hatte diese Beteiligung im Sommer 1950 angeboten. Die von dieser Gruppe entworfenen Pläne wurden Grundlage für die Aufstellung der Bundeswehr. Eine intensive Vortragsreihe nahm Ruge in dieser Zeit in der „Arbeitsgemeinschaft demokratischer Kreise“ auf, die im Auftrag Adenauers und unter Leitung des späteren CDU-Bundestagsabgeordneten Hans Edgar Jahn die Öffentlichkeit über Fragen der Wiederbewaffnung und der Bündnisse informierte.
1955 berief Bundesverteidigungsminister Blank Ruge als Leiter der Abt. VII (Marine) des Verteidigungsministeriums nach Bonn, wo er am 5. März 1956 nach der vorgeschriebenen Prüfung durch den Personalgutachterausschuß in seine letzte militärische Dienststellung einrückte. Nach der Neugliederung des Führungsstabes der Bundeswehr wurde er 1956 zum Inspekteur der Bundesmarine ernannt. Deren Aufbau, den er vor allem mit Hilfe fähiger früherer Seeoffiziere wie Otto Kretschmer, Karl Schneider, Armin Zimmermann und anderer bewerkstelligte, läßt seine persönliche Handschrift erkennen: nur Schnellboote, kleine U-Boote, Geleitboote, Minensuchschiffe – das stärkste Kontingent –, U-Jäger, Wachboote und Landungsboote wurden in Dienst gestellt, keine „Dickschiffe“. Die von Ruge formulierte strategische Aufgabe der Bundesmarine im Rahmen der Nato bestand in der Sperrung der Ostseeausgänge. Beim Ausscheiden Ruges 1961 zählte die Bundesmarine, in die auch Aufklärungsflugzeuge, U-Bootjäger und Jagdbomber eingegliedert wurden, 25 000 Mann und 200 Schiffe. Besonderen Wert legte Ruge in den Aufbaujahren auf die „Innere Führung“, das demokratische Konzept des „Bürgers in Uniform“, „Grundlage (des Wiederaufbaus) blieb der richtige Umgang mit den Menschen“ (Ruge). Der heiklen Aufgabe der Wiederaufnahme der Beziehungen zu den früheren Kriegsgegnern und jetzigen Nato-Partnern widmete sich Ruge mit besonderem Erfolg. Die anfängliche Reserviertheit konnte bald, nicht zuletzt wegen seiner glänzenden Sprachkenntnisse und seines zurückhaltenden Auftretens, überwunden werden; sichtbares Zeichen dafür ist ein hoher amerikanischer Orden. Die Bundesrepublik Deutschland zeichnete Ruge bei seinem Ausscheiden mit dem Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik mit Stern und Schulterband aus.
Im Ruhestand setzte Ruge ab 1961 in rascher Folge die Publikation militärhistorischer Standardwerke fort. Die Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen blieb nicht aus: 1961 erteilte ihm die Universität Tübingen einen Lehrauftrag für Wissenschaftliche Politik und ernannte ihn 1967 zum Honorarprofessor. Ein langer und produktiver Lebensherbst, der leider durch den allzufrühen Tod der Ehefrau überschattet wurde, war ihm beschieden, neunzigjährig starb er 1985. Ruge hatte in der Wehrmacht des „Dritten Reiches“ eine führende Position. „Ohne Hitler lief letztlich nichts. ... Ohne Hitler kein II. Weltkrieg. Aber er fand auf allen Stufen willfährige Helfer, Gehilfen, Mitläufer, Handlanger sowie einen vorauseilenden Befehlsgehorsam“ (Guido Knopp). Zählte Ruge zu diesen „Gehilfen“ und „Handlangern“? Wurde die Kriegsmarine tatsächlich nach dem 20. Juli 1944 „zum Eckpfeiler der Hitlerherrschaft“ (Michael Salewski)?
Die Gleichschaltung der Deutschen Wehrmacht gelang nie in einem Maße, daß sie etwa neben der NSDAP und ihren Organisationen als eine der „Säulen“ des „Dritten Reiches“ angesehen werden könnte. Sicher gab es in allen Wehrmachtteilen überzeugte und auch fanatische Nationalsozialisten – etwa den Großadmiral Dönitz –, aber bei der traditonsverbundenen und ihre seemännische Eigenständigkeit bewahrenden Kriegsmarine konnte diese Gleichschaltung schon gar nicht gelingen. „Eckpfeiler der Hitlerherrschaft“ ist insofern, aber auch nur insofern zutreffend, als Heer und Luftwaffe in der zweiten Hälfte des Krieges ausschließlich zu defensiven Aktionen in der Lage waren, während sich die U-Bootwaffe als ein zeitweise -jedenfalls bis Mai 1943 – gefährlicher offensiver Gegner der alliierten Übermacht erwies. Aber selbst Dönitz vermochte es nicht, „den ‚Geist‘ der Marine dem Geist, besser Ungeist des ‚Dritten Reiches‘ so anzupassen, wie ihm dies als Ideal vorgeschwebt haben muß“ (Salewski). Nur ein einziges, aber erstaunliches Dokument sei für die Richtigkeit dieser Behauptung Salewskis angeführt, eine 17 Seiten umfassende Schrift „Der Offiziersanwärter in Messe, Gesellschaft und Volksgemeinschaft“, herausgegeben 1944, ein halbes Jahr vor Kriegsende, von der Inspektion des Bildungswesens in der Marine. Das Wort „nationalsozialistisch“ kommt in dieser Schrift – die mit einer Sentenz Konfuzius‘ eingeleitet wird – nicht vor, der „Führer“ wird ein einziges Mal en passant im Zusammenhang mit der Ehrung von Damen durch den Handkuß erwähnt, und im Abschnitt „Soldat und Religion“ heißt es, daß „religiöse Dinge (von Vorgesetzten) mit größter Ehrfurcht behandelt werden müssen“.
Ruge erfuhr den Krieg wie die meisten seiner Kameraden „als hingenommenes allgemeines Schicksal, als Aufgabe, in der die Nation sich zu bewähren hat, gleichgültig, wie und warum sie gestellt wurde. So wurde er erfahren, nicht von allen, aber wohl von den meisten. Als eine im letzten unpolitische Sache. Gerade nicht als Nazisache, wie sehr auch Nazipolitik für das Beginnen, wie auch für das grausige Durchführen verantwortlich war“ (Golo Mann).
Wie die meisten seiner Alterskameraden ließ sich Ruge in beiden Weltkriegen, bei seinem Dienst in vier Marinen von nichts anderem als Pflichtgefühl leiten, von Treue und Vaterlandsliebe. Es war das Schicksal der Generation Ruges, nach dem II. Weltkrieg erkennen zu müssen, daß ihre Treue zum Vaterland im „Dritten Reich“ von einem Verbrecher mißbraucht wurde.
Quellen: „Der Offiziersanwärter in Messe, Gesellschaft und Volksgemeinschaft“, hg. von der Inspektion des Bildungswesens in der Marine, 1944; Mitteilungen des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes der Bundeswehr, Potsdam, des Deutschen Marine Instituts, Bonn, und der früheren Marineoffiziere Gerhard Frühe, Bergisch Gladbach, und Dr. Bruno Schwalbach, Bruchsal; Percy E. Schramm (Hg.), Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (Wehrmachtsführungsstab) Bd. 3, 1942, Teilbd. I, zusammengestellt und erläutert von Andreas Hillgruber, 1982; Bd. 6 1943, Teilbd. II, zusammengestellt und erläutert von Walter Hubatsch, 1982.
Werke: Torpedo- und Minenkrieg, 1940; Ottern und Drachen, 1941; Die Minensuchwaffe im Kampf gegen Polen 1939, 1941; Ausgeschlippt! Neue Folge „Ottern und Drachen“, 1944; Die Sicherungsstreitkräfte im Küstenvorfeld, 1944; Entscheidung im Pazifik: Die Ereignisse im Stillen Ozean 1941-1945, 1951, 3. Aufl. 1961; Ottern und Drachen, aber entgrätet und für Landratten genießbar, 1955, 3. Aufl. 1973; Seemacht und Sicherheit. Eine Schicksalsfrage für alle Deutschen, 1953, 3. Aufl. 1968; Der Seekrieg 1939-1945, 1954, 3. Aufl. 1969 (auch Englisch, Französisch, Italienisch); Die Bedeutung der Seemächte für die Verteidigung der westlichen Welt, 1956; Politik, Militär, Bündnis, 1963; Rommel und die Invasion, 1963 (auch Italienisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch); Flußflotillen und Logistik, in: Lexikon der Alten Welt, Beiträge über das antike Seewesen, 1965; Politik und Strategie. Strategisches Denken und politisches Handeln, 1967; Der Krieg im Westen, im Mittelmeerraum und auf den Weltmeeren; Der Pazifikkrieg, in: Der 2. Weltkrieg. Bilder, Daten, Dokumente, hg. vom Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1968; Scapa Flow 1919. Das Ende der deutschen Flotte, 1969 (auch Englisch, Französisch); Frieden und Sicherheit, 1971/72; Warship Profile 14: SMS „Seydlitz“, 1972 (nur Englisch); Bündnisse in Vergangenheit und Gegenwart, unter besonderer Berücksichtigung von UNO, NATO, EWG und Warschauer Pakt, 1972; Warship Profile 27: SM Torpedoboot „B 110“, 1973 (nur Englisch); Im Küstenvorfeld (Minensuchen, Geleit, Ubootsjagd, Vorpostendienst), 1974; The Soviets as Naval Opponents, 1979 (nur Englisch); In vier Marinen, 1979; Spätlese gereimt, 1980; Die Sowjetflotte als Gegner im Seekrieg 1941-1945, 1981; zahlreiche Zeitungs- und Zeitschriftenartikel
Nachweis: Bildnachweise: in: In vier Marinen (Werke)

Literatur: (Auswahl) Golo Mann, Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, 1958; Karl Dönitz, Mein wechselvolles Leben, 1968; Michael Salewski, Die deutsche Seekriegsleitung 1935-1945, 1975, Bd. 2 (dort umfassendes Literaturverzeichnis); Barrie Pitt, Die Schlacht im Atlantik, 1979; Douglas Botting, Die Invasion der Alliierten, 1979, in: Der II. Weltkrieg, Time-Life-Bücher; Th., Admiral Ruge 90, in: FAZ vom 24.12.1984; Rudolf Niemann, Friedrich Ruge, in: Marineforum 9/1985; Abschied von Vizeadmiral Friedrich Ruge, in: Bundeswehr Aktuell vom 11.07.1985 (ohne Verfasser); Werner Rahn, Friedrich Ruge, Ein Mann, der führen konnte, in: Europäische Wehrkunde 8/1985; Gerd Gläser, Ruge – Keine Ausnahme, in: Marineforum 4/1986; David Irving, Rommel, Eine Biographie, 1990 (Korrekturen des von Irving gezeichneten Persönlichkeitsbildes Rommels in „In vier Marinen“); Guido Knopp, Hitler – Eine Bilanz, 1995; Munzinger Archiv 36/85
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