Warburg, Otto Heinrich 

Geburtsdatum/-ort: 08.10.1883;  Freiburg i. Br.
Sterbedatum/-ort: 01.08.1970; Berlin-Dahlem
Beruf/Funktion:
  • Nobelpreisträger
Kurzbiografie: Privatschule und Berthold-Gymnasium in Freiburg i. Br.
1895 Umzug nach Berlin und Besuch des Friedrichs-Werderschen-Gymnasiums in Berlin
1901 Abitur
1901-1906 Studium der Chemie an den Universitäten Freiburg i. Br. und Berlin
1906 Promotion im Fach Chemie bei Prof. Emil Fischer
1906-1911 Studium der Medizin an der Universität Heidelberg
1911 Promotion im Fach Medizin in Heidelberg
1911-1914 Assistent bei Ludolf Krehl in Heidelberg
1913 Ernennung zum Mitglied der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Berlin mit Wirkung zum 1. April 1914
1914-1918 Kriegsteilnehmer
1918 Abteilungsleiter am Kaiser-Wilhelm-Institut für Biologie in Berlin-Dahlem
1927 Erstmalige Nominierung für den Nobelpreis für seine Arbeiten über Krebs
1931 Nobelpreis für Physiologie und Medizin, Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Zellphysiologie in Berlin-Dahlem
1934 Auswärtiges Mitglied der Londoner Royal Society
1944 Dritte Nominierung für den Nobelpreis für die Entdeckung und Aufklärung der Wirkungsweise zweier Atmungskatalysatoren. Verbot der Annahme durch das NS-Regime
1951 Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste
1953 Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland; Übernahme des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Zellphysiologie durch die Max-Planck-Gesellschaft; Dr. agr. h. c. der Technischen Universität Berlin
1958 Dr. med. h. c. der Universität Heidelberg
1963 Ehrenbürgerschaft der Stadt Berlin
1965 Dr. h. c. der Universität Oxford
Weitere Angaben zur Person: Verheiratet: Unverheiratet
Eltern: Vater: Emil Gabriel Warburg, Prof. der Physik, späterer Präsident der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt in Berlin
Mutter: Elisabeth, geb. Gärtner
Geschwister: 3 Schwestern
GND-ID: GND/118629158

Biografie: Helmuth Albrecht (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 3, 282-284

Als Warburg, der große Pionier der Biochemie und Zellphysiologie, im Alter von 87 Jahren in Berlin-Dahlem verstarb, war er seit 57 Jahren Mitglied der Kaiser-Wilhelm- bzw. Max-Planck-Gesellschaft und seit 39 Jahren Direktor des Kaiser-Wilhelm- bzw. Max-Planck-Instituts für Zellphysiologie. Allein für ihn hatte die Max-Planck-Gesellschaft auf die reguläre Pensionierung verzichtet, um ihm die Fortsetzung seiner Arbeit zu ermöglichen. Bis wenige Tage vor seinem Tode ging er täglich in sein Institut. Noch im letzten Jahrzehnt seines Lebens publizierte Warburg jährlich etwa fünf experimentelle Arbeiten und stellte damit seine außerordentliche wissenschaftliche Arbeitskraft bis ins hohe Alter unter Beweis. Für seine Leistungen hat er zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen erhalten, unter denen seine dreimalige Nominierung für den Nobelpreis herausragt. Zuerkannt wurde ihm der Nobelpreis für Physiologie und Medizin schließlich im Jahre 1931 für die Entdeckung der Natur und Funktion des Atmungsferments im Stoffwechsel lebender Zellen, die das Hauptarbeitsfeld seiner jahrzehntelangen Forschungen darstellten. Eine neuerliche Verleihung des Nobelpreises an Warburg im Jahre 1944 verhinderten die Nationalsozialisten durch ihr Verbot für die Annahme des Nobelpreises.
Schon in der Jugend kam Warburg mit der Wissenschaft in engen Kontakt. Im Hause seines Vaters, des Physikprofessors und späteren Präsidenten der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt in Berlin, Emil Warburg, verkehrten führende Wissenschaftler wie Max Planck, Albert Einstein, Walther Nernst und Emil Fischer. Bei Fischer studierte Warburg später Chemie, bei seinem Vater Physik und bei Nernst Thermodynamik. Schon früh wollte er den Vater übertreffen, dessen Hingabe zur Wissenschaft er zutiefst bewunderte. Warburgs Ehrgeiz galt allerdings weniger akademischen Positionen als vielmehr großen wissenschaftlichen Entdeckungen, zu denen ihm vor allem Emil Fischer den Weg wies. Dessen Arbeitsstil und -disziplin prägten Warburg nachhaltig. In Verbindung mit seiner großen Arbeitskraft ermöglichten sie Warburg nach der Promotion in der Chemie in Berlin das Studium der Medizin in Heidelberg bei gleichzeitiger praktischer Tätigkeit im Laboratorium Ludolf Krehls an der Medizinischen Klinik. Nach seiner Promotion in der Medizin wurde Warburg Krehls Assistent und publizierte bis 1914 etwa 30 größere Arbeiten, die seinen Ruf als hervorragenden Forscher begründeten. Bereits in dieser Zeit galten seine Studien vorwiegend den Grundfragen der Zellatmung, wobei ihn die Überzeugung leitete, daß die Gesetze der Chemie und Physik uneingeschränkt auch für den Bereich der lebenden Zellen Gültigkeit besaßen.
Wenige Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges folgte Warburg einer Berufung zum Abteilungsleiter am Kaiser-Wilhelm-Institut für Biologie in Berlin. Er erhielt damit für seine weiteren Arbeiten den so dringend benötigten wissenschaftlichen Freiraum, den damals in Deutschland allein die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zu geben vermochte. Hier gelang ihm 1924 die Entdeckung des Atmungsferments, für die er sieben Jahre später den Nobelpreis erhielt. Ihr schlossen sich die Entdeckung zahlreicher weiterer Katalysatoren der Zellatmung sowie die Kristallisation einer ganzen Reihe von Enzymen der Glykolyse und der alkoholischen Gärung an. Weitere langjährige Forschungen Warburgs galten der Photosynthese, zu deren Energetik und der mit ihr verbundenen Rolle des Chlorids er grundlegende Erkenntnisse beisteuerte. Warburgs drittes großes Arbeitsfeld lag seit seiner Studienzeit im Bereich des Gewebestoffwechsels, wo ihn vor allem das Krebsproblem faszinierte. Schon frühzeitig setzte er sich hier für praktische Vorbeugemaßnahmen ein und regte an, das Rauchen, die Nahrungsmittelzusätze sowie die Abgasemission der Kraftfahrzeuge einzuschränken. In den letzten anderthalb Jahrzehnten seines Lebens vermied Warburg aus Kenntnis um die große Zahl der krebserregenden Stoffe jegliche Zusatzstoffe beim Essen. Er ließ sich Brot aus besonderem Mehl backen, unterhielt einen eigenen Obst- und Gemüsegarten sowie eigene Hühner, Enten, Gänse usw. Selbst Butter und Sahne wurden in seinem Laboratorium aus ausgewählter Milch hergestellt. Warburgs Erkenntnis, daß die „letzte“ Ursache des Krebses der Ersatz der Sauerstoffatmung der Körperzellen durch eine Gärung sei, fand allerdings unter Fachleuten bis heute wenig Zustimmung. Während des Dritten Reiches bewahrten ihn, der väterlicherseits aus einer alten jüdischen Familie stammte, vermutlich seine Krebsforschungen vor der Verfolgung. Reichsmarschall Göring arrangierte Warburgs Neueinstufung zum „Vierteljuden“ und ermöglichte ihm so die weitere ungestörte Forschungsarbeit.
Großen Anteil an Warburgs wissenschaftlichen Erfolgen besaßen seine Kenntnisse im Bereich der Methodik der Forschung, die er teilweise überhaupt erst schuf und ständig weiterentwickelte. Seine Verbesserung der Manometrie (Druckmessung) zur Messung von Reaktionen, an denen Gase beteiligt sind, wurde für Jahre zur wichtigsten biochemischen Methode überhaupt. Abgelöst wurde sie durch die empfindlichere Spektrophotometrie, die wiederum in erster Linie Warburg entwickelt hatte. Weitere Bereiche wurden der Forschung durch Warburgs neue Gewebeschnittmethoden sowie seine Technik der Enzym-Kristallisierung erschlossen.
Warburg vereinigte in sich einen außergewöhnlichen Intellekt, der ihm ein tiefes Verständnis der Natur biologischer Systeme ermöglichte, mit einem großartigen technischen theoretischen und praktischen Geschick im Laboratorium. Hinzu trat seine enorme Arbeitskraft, die er ganz in den Dienst der Forschung stellte. Er verabscheute Zeitvergeudung und mied daher Kongresse, Vortragsreisen und offizielle Anlässe. Selbst einige Ehrendoktorwürden schlug er aus, da er für deren Annahme seine Arbeit hätte verlassen müssen. Unerbittlich forderte er von seinen Mitarbeitern die gleiche Arbeitsdisziplin. Autokratisch herrschte er über sein Institut, dessen wissenschaftlichen Mitarbeiterstab er bewußt klein hielt, um dafür den Ausbau der technischen Mittel um so mehr vorantreiben zu können. Dahinter stand wohl aber auch, daß Warburg die Lehre für Zeitverschwendung hielt und so nur wenig Schüler um sich duldete. Mit Otto Meyerhoff, Hans Krebs und Hugo Theorell finden sich darunter jedoch nicht weniger als drei spätere Nobelpreisträger.
Kritik und mangelnden Respekt verzieh Warburg niemandem. Bescheidenheit war ihm unbekannt, so daß ihn sein starkes Geltungsbedürfnis in Verbindung mit seiner häufigen Unbeherrschtheit in eine gewisse intellektuelle Isolation führte. Wirklich nah stand ihm, der zeitlebens unverheiratet blieb, wohl nur sein langjähriger Sekretär und Vertrauter Jacob Heiss; eine Verbindung bestand auch zu seiner langjährigen Mitarbeiterin Alexandra Saemisch in Freiburg-Günterstal, aus deren Nachlaß zahlreiche von den 30er Jahren bis 1970 reichende Briefe Warburgs zutagetraten, als der in seiner Heimatstadt fast Vergessene durch Sonderpostwertzeichen (1983) geehrt wurde. Zu den wenigen Zerstreuungen, die Warburg sich gönnte, zählten Wandern, Segeln und Reiten sowie seine Liebe zu Hunden. Aber all dies blieb immer der Wissenschaft untergeordnet. Ihr allein hatte Warburg sein ganzes Leben verschrieben.
Werke: (Auswahl) Eine umfassende jedoch unvollständige Bibliographie in: Hans A. Krebs (vgl. Lit.); Über den Stoffwechsel der Tumoren, Berlin 1926; Über die katalytischen Wirkungen der lebenden Substanz, Berlin 1928; Schwermetalle als Wirkungsgruppen von Fermenten, Berlin 1946; Wasserstoffübertragende Fermente, Berlin 1948; Weiterentwicklung der zellphysiologischen Methoden, Stuttgart, New York 1962.
Nachweis: Bildnachweise: Fotos Landesbildstelle Berlin sowie in den biographischen Arbeiten über Warburg von H. A. Krebs; Sondermarke der Bundespost zum 100. Geburtstag nach einem Ölbild von Y. Oberland.

Literatur: Dictionary of Scientific Biography 14, 172-177; Mc Graw-Hill Modern Scientists and Engineers, New York 1980, 274f.; Mc Graw-Hill Modern Men of Science, New York 1966-68, 577-579; Scienzati e Technologi Contemporane i, Milano 1974, 133 f.; J. C. Poggendorff, Biographisches-literarisches Handwörterbuch zur Geschichte der exakten Wissenschaften, 6, 2806 f. u. 7a, 857-859; World Who's Who in Science, Chicago 1968, 1756; N. Koven, Jewish Physicians, A Biographical Index, Jerusalem 1973, 260; J. Fischer, Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte der letzten fünfzig Jahre, Berlin 1932-33, 2, 1642; H. Sehweite u. Warburg Spengler (Hg.), Forscher und Wissenschaftler im heutigen Europa, Oldenburg 1955, 2, 127-134; H. A. Krebs, Professor O. Warburg, in: Naturwissenschaftliche Rundschau 24, 1971, 1-4; ders., O. Warburg 1883-1970, in: Biographical Memoirs of Fellows of the Royal Society, 18, 1972, 629-699; ders., O. Warburg Biochemiker, Zellphysiologe, Mediziner, in: Naturwissenschaftl. Rundschau, 31, 1978, 349-356; ders., O. Warburg Stuttgart 1979, Große Naturforscher Bd. 41; N.N. Warburg – Briefe gefunden. Der Nobelpreisträger sah Freiburg als seine Heimat, in: BZ 27/28, 8.1983 S. 14; Eckart Henning, O. H. Warburg, in: Wilhelm Treue, Gerhard Hildebrandt (Hg.): Berlinische Lebensbilder. Band 1: Naturwissenschaftler. Hg. von Wolfgang Ribbe (Einzelveröffentlichung d. Hist. Komm. zu Berlin, Bd. 60) Berlin 1987, 299-315.
Suche
Durchschnitt (0 Stimmen)