Gothein, Percy Paul Heinrich 

Geburtsdatum/-ort: 22.05.1896; Bonn
Sterbedatum/-ort: 22.12.1944; Neuengamme bei Hamburg
Beruf/Funktion:
  • Schriftsteller
Kurzbiografie: 1914 Reifeprüfung in Mannheim; Kriegsfreiwilliger
1915 Nach schwerer Verwundung (Kopfschuß) entlassen. Studium der Philosophie und Romanistik in Heidelberg, Berlin, Göttingen, München
1923 Dr. phil. in Heidelberg; Thema der Dissertation: „Die antiken Reminiszenzen in den Chansons de Gestes“
1927 Versuch der Habilitation in Bonn
Nach 1933 zahlreiche Reisen in Europa, Niederlassung in Venedig, 1937-1943 in Arcetri bei Florenz; 1943 Rückkehr nach Deutschland (Stuttgart), 1944 Verhaftung in Holland und Verbringung ins KZ Neuengamme
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Eltern: Vater: Eberhard Gothein, Prof. Dr. phil., 1853-1923
Mutter: Marie Luise, geb. Schroeter, gest. 1931
Geschwister: 3 Brüder
GND-ID: GND/118696661

Biografie: Wolfgang Leiser (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 1, 140-141

Der jüngste Sohn von Eberhard und Marie Luise Gothein gehörte zu den Menschen, die sich nicht leicht tun mit sich selbst. In diesem Falle umso weniger, als der junge Percy seinen Weg finden sollte zwischen dem geistigen Reich der hoch verehrten Eltern und jenem der nicht minder verehrten herrscherlichen Gestalt Stefan Georges. Letztlich gehörte er keinem ganz an, und er litt wohl darunter.
Nach quälender Selbst-Ungewißheit, die auch durch das Erlebnis des Krieges nicht gelöst war, glaubte sich der junge Mensch im Kreis Stefan Georges aufgenommen und gehalten. Ein umfangreiches Erinnerungsbuch des 27jährigen, das teilweise publiziert ist, zeigt den Überschwang eines noch nicht zur Reife Gelangten; die Beurteilung des Verfassers und seines „Opus Petri“ durch den George-Kreis, wohl auch den Meister selbst, ist nicht eindeutig. Als Quelle für den „Kreis“ hat das Buch aber zweifellos bedeutenden Wert.
In den zwanziger Jahren bemühte sich Gothein nach dem Studium der Romanistik an mehreren Universitäten, zuletzt in Bonn, um die Habilitation. Inwieweit sein Scheitern in der Persönlichkeit, inwieweit durch die Zeitverhältnisse bedingt war, läßt sich in Ermangelung von Quellen nicht mehr beurteilen. Den wissenschaftlichen Publikationen nach ist an seiner fachlichen Qualifikation kein Zweifel erlaubt.
Gothein übersiedelte nach Italien und widmete sich in Venedig, dann in Florenz Studien über den Frühhumanismus; den Ertrag seiner Forschungen legte er in zwei so gediegenen wie kultivierten Büchern vor. In einem ausgeprägten pädagogischen Eros sammelte auch er, wie einst Stefan George, einen Kreis junger Freunde um sich; die meisten kamen in den Wirren der Zeit um, bevor sie ihren Namen der Geschichte einprägen konnten. 20 Jahre nach dem Opus Petri begann Gothein sein „Florentiner Tagebuch“, auch dieses nur auszugsweise veröffentlicht. Ein nunmehr gereifter, in böser Zeit völlig zurückgezogen Lebender reflektiert seine Existenz unter dem Leitbild Stefan Georges.
Gegen Ende des Krieges, nach dem Frontwechsel Italiens, muß Gothein zurück nach Deutschland. Kurze Zeit hält er sich, beruflich ungesichert, in Stuttgart auf, wo er von der ihm befreundeten Bildhauerin Franziska Sarwey aufgenommen wurde. In jenen Tagen zieht sich das Verhängnis über ihm zusammen. Er, der um diese Zeit pseudonym die „Tyrannis“ herausbrachte, will 1944 im Amsterdamer Freundeskreis Stefan Georges, wo man Verbindung zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus hält, untertauchen. Von geheimen Kontakten nach England ist die Rede, Th. Haubach aus der Gruppe um den Grafen Helmuth von Moltke soll vermittelt haben – nach Lage der Dinge gibt es keine schriftlichen Quellen, nur Erinnerungen von Gefährten. In einer Polizeikontrolle nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 wird Gothein als Verdächtiger gefaßt und, da er seine Freunde nicht preisgibt, das „Castrum Peregrini“ nicht nennt, ins KZ Neuengamme bei Hamburg verbracht; wenig später ist er dort gestorben, wie ist unbekannt.
Die wissenschaftlichen Schriften Gotheins teilen das Schicksal aller derartigen Literatur: Sie werden nur noch von wenigen Spezialisten gelesen. Seine Gedichte sind verschollen, von der „Tyrannis“ weiß kaum die Literatur zum Widerstand im 3. Reich. Das Bild des gereiften Mannes ist fast ganz verblaßt. Gothein lebt weiter als die etwas unglückliche, weil noch unfertige Figur am Rande des George-Kreises, als der schwierig Werdende inmitten vieler selbstsicher Erstarrter, die doch oft genug von kleinerer Statur waren. Für die meisten bleibt er die gewiß etwas peinliche Gestalt des „Opus Petri“; das „Florentiner Tagebuch“ wird selten gelesen, da es George zeitlich so ferne steht, daß es nicht mehr als biographisches Dokument für diesen verwendbar ist. Damit aber geschieht einem Menschen Unrecht, der Interesse und Anteilnahme beanspruchen darf.
Die Amsterdamer Freunde, die seinen Nachlaß verwahren, ehrten das Andenken des früh Verstorbenen durch Editionen seiner Verse und Prosa.
Werke: (Auswahl): A. Wissenschaftliche Veröffentlichungen: 1. Francesco Barbara: Frühhumanismus und Staatskunst in Venedig (1932); 2. Francesco Barbaro: Das Buch von der Ehe. Deutsch von P. Gothein (1933); 3. Zaccaria Trevisano il Vecchio. La Vita e l'ambiente (Venezia 1942; deutsche Übersetzung Amsterdam 1944). B. Erinnerungen und Dichtungen: 1. Aus dem Florentiner Tagebuch, in: Castrum Peregrini II/6 (1952) und IV/16 (1952); 2. Tyrannis. Scene aus altgriechischer Stadt. Aus dem Griechischen übertragen von Peter von Uri. Pegasos Verlag (Amsterdam) 1939 (Pseudonym erschienen; richtiges Datum 1944); 3. Gedichte, in: Castrum Peregrini Gedenkbuch 1945; 4. Begegnungen mit dem Dichter. Aus einem Erinnerungsbuch. Amsterdam 1953 (Teildruck des „Opus Petri“).
Nachweis: Bildnachweise: Zahlreiche Fotos in den gen. und anderen Bänden des Castrum Peregrini
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