Huttenlocher, Friedrich 

Geburtsdatum/-ort: 02.09.1893;  Stuttgart
Sterbedatum/-ort: 24.04.1973;  Freiburg i. Br., beigesetzt in Stuttgart (Waldfriedhof)
Beruf/Funktion:
  • Geograph
Kurzbiografie: 1911 Abitur am Dillmann-Realgymnasium Stuttgart
1911-1912 Studium an der TH Stuttgart
1913-1914 Studium an der Universität Tübingen: Zoologie (Blochmann), Botanik, Geographie (C. Uhlig, R. Gradmann), Geologie (Pompeckj), Mineralogie und Chemie
1914-1918 Wehrdienst an der Westfront; 1916 Leutnant, 1916 und 1917 Verwundung; Eisernes Kreuz I. und II. Klasse
1918 Wiederaufnahme des Studiums in Tübingen, mit Geographie als Hauptfach
1920 Erste und Zweite Prüfung für das Höhere Lehramt
1921-1926 Studienassessor in Ulm, Geislingen, Göppingen und Stuttgart
1921 Promotion bei C. Uhlig in Tübingen (Sonnen- und Schattenlage, deren lokales Klima sowie ihre geographische Bedeutung für Vegetation und Siedlung in den Alpen und im schwäbisch-fränkischen Gebiet, Öhringen 1923) zum Dr. phil.
1926-1939 Studienrat am Dillmann-Realgymnasium in Stuttgart
1934 Habilitation an der Philosophischen Fakultät Tübingen (Filder, Glemswald und Schönbuch. Bau der Landschaft, Öhringen 1934)
1934-1939 Privatdozent an der Universität Tübingen neben dem Schuldienst
1939-1945 Wehrdienst, ab 1941 als Militärgeograph; Hauptmann der Reserve
1946 Privatdozent an der Universität Tübingen. Kartographischer Mitarbeiter beim Reise- und Verkehrsverlag, Mitglied der Württembergischen Kommission für Landesgeschichte, ab 1954 Vorstandsmitglied der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Mitglied der Wissenschaftlichen Gesamtleitung für die Herausgabe des Historischen Atlasses von Baden-Württemberg
1947 Diätendozent
1949 Außerplanmäßiger Professor
1952 Ruf auf das neugeschaffene Extraordinariat für Geographie Südwestdeutschlands an der Universität Tübingen
1957 Persönlicher Ordinarius und Mitdirektor des Geographischen Instituts sowie des Instituts für geschichtliche Landeskunde Tübingen
1961 Emeritierung
1963 Bundesverdienstkreuz I. Klasse
1965 Robert-Gradmann-Medaille
Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch
Verheiratet: 1920 Stuttgart, Hanna, geb. Kaltenboeck (1897-1968)
Eltern: Johann Friedrich Huttenlocher (1868-1931), Polizeibeamter
Elisabethe Pauline Marie, geb. Gaupp (1871-1957)
Geschwister: 1 Bruder
Kinder: keine
GND-ID: GND/118708422

Biografie: Hermann Grees (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 157-159

Der Württemberger Huttenlocher zählt, zusammen mit dem Badener Friedrich Metz, zu den bedeutendsten Vertretern der geographischen Landeskunde Südwestdeutschlands nach Robert Gradmann, als dessen Schüler im weiteren Sinne Huttenlocher gelten kann und dessen Konzepte vor allem auf den Gebieten der Siedlungsgeographie und der Geomorphologie wie auch der synthetischen regionalen Geographie er selbständig und fruchtbar weiterentwickelt hat.
Huttenlocher gehört – als einer der letzten – zu der Generation von Geographen, die noch die ganze Breite des Faches in ihre Forschung und Lehre einzubeziehen vermochten, wobei er sich, teilweise bedingt auch durch die äußeren, zeitbedingten Umstände, auf die regionale Ebene Südwestdeutschlands konzentrierte, ohne dabei freilich die globalen Aspekte und die allgemeine methodische Entwicklung des Faches aus den Augen zu verlieren (siehe seine bibliographischen, methodischen und disziplingeschichtlichen Arbeiten sowie ausführlichen Rezensionsartikel). Als Naturwissenschaftler auf breitgefächerter Basis begann er zunächst mit Zoologie als Schwerpunkt, den er aber, hauptsächlich wohl unter dem Einfluß Gradmanns in Tübingen, bald auf die Geographie verlegte, wobei er zunehmend und später überwiegend historische und sozioökonomische Aspekte einbezog.
Sein Forschungsstil und sein methodisches Vorgehen sind dadurch gekennzeichnet, daß er jeweils von der sinnlichen Erfassung und Analyse seiner Forschungsobjekte ausging und von hier aus schrittweise zur systematischen oder regionalen Synthese strebte. Dies entsprach auch seiner Freude am Wandern – er gehörte der Wandervogelbewegung an – wie auch seiner hohen künstlerischen Veranlagung, wovon seine zahlreichen Gemälde, besonders seine Landschaftsbilder, in der unmittelbaren und sicheren Erfassung von Form und Farbe zeugen. Anfänglich schwankte er sogar, ob er den Weg eines Künstlers oder den eines Wissenschaftlers einschlagen sollte. Huttenlocher begann verständlicherweise mit der Bearbeitung physisch-geographisch orientierter Themen, so in der Dissertation mit der Frage nach der Bedeutung der Expositionsunterschiede für Hangentwicklung (Talassymetrie) und Vegetation, aber auch für Siedlung und Bodennutzung, und in der geomorphologischen Habilitationsschrift über die Formen von Filder, Glemswald und Schönbuch. Hierbei kam er auf Grund einer sorgfältigen Bestandsaufnahme bei der differenzierten Erklärung der Formen zu einer überzeugenden Kombination konkurrierender Theorien über die Schichtstufengenese, so vor allem der Dellentheorie Schmitthenners und der Theorie der abgeflachten Firste Gradmanns, der z. B. Gradmann selbst hohe Anerkennung zollte.
An dem großen Gemeinschaftswerk, das die deutschen Geographen gleich nach dem Zweiten Weltkrieg in Angriff nahmen, die naturräumliche Gliederung Deutschlands, übernahm Huttenlocher den größten Teil Südwestdeutschlands, aber er beteiligte sich auch an der Entwicklung der Konzeption, u. a. durch die Pionierleistungen seiner „landschaftlichen Feingliederung von Württemberg-Hohenzollern“ (1948) und der Bearbeitung des ersten Blattes (170 Stuttgart) der „Geographischen Landesaufnahme 1:200 000“ (2. Aufl. 1967 zusammen mit seinem Schüler H. Dongus). Außer im Zusammenhang mit der Betreuung einiger Dissertationen (von insgesamt 34) griff Huttenlocher später nur noch einmal mit einer klärenden Arbeit über die Kuppen der Schwäbischen Alb (1962) ein geomorphologisches und damit ein rein naturwissenschaftliches Thema auf. Den ersten größeren siedlungsgeographischen Arbeiten, in denen er die Gradmannschen Ergebnisse differenziert und modifiziert, z. B. durch die Berücksichtigung der Möglichkeit einer Entstehung von Dörfern aus Einzelhöfen (nach Steinbach), gehen Einzelstudien aus der Umgebung der jeweiligen Wirkungsorte Huttenlochers in der Schule voraus. Neben der Betonung des Einflusses der Wirtschaftsweise für die Siedlungsgenese (1937) wie überhaupt des funktionalen Aspekts (1949) ist es vor allem die Einführung des Begriffs „Etterdorf“, mit der er die Interpretation der siedlungsräumlichen Gegebenheiten verfeinert (1948/50), ohne Gradmanns Grundkonzept in Frage zu stellen. In seine umfassende „südwestdeutsche Sicht“ des Gewannflurproblems (1963), mit der er eine Brücke auch zur nordwestdeutschen Siedlungsforschung schlägt, baut er die neueren siedlungshistorischen und -geographischen Ergebnisse ein (V. Ernst, Jänichen, Schröder, Krenzlin, Nitz, Grees).
Erst relativ spät befaßt sich Huttenlocher speziell mit den Städten, wobei es ihm vor allem um ihre genetische und regionale Zuordnung geht. Auch hier folgte auf Einzelstudien (z. B. Neckarland 1957, Schwäbisch-Österreich 1958) eine synthetische Darstellung (1963): Die genetischen „Städtetypen“, deren Vergesellschaftung er „an Hand südwestdeutscher Beispiele“ aufzeigt, sind in die Lehrbuchliteratur eingegangen (Schwarz, Schöller, Hoffmeister). Bei alledem ging es Huttenlocher aber letztlich immer um die untersuchten Phänomene als Elemente der Kulturlandschaft, deren Gliederung und Entwicklung als Ganzes immer stärker in das Zentrum seines Interesses rückten, wie etwa seine vielbeachteten „Versuche kulturlandschaftlicher Gliederung am Beispiel von Württemberg“ (1949) zeigen, worin er die an Gradmann orientierten funktionalen und seine eigenen genetischen Siedlungstypen mit den Gemeindetypen Hesses kombinierte und damit das jeweilige regionale Siedlungsgefüge einschließlich der Städte erfaßte. Dazu gehören ferner Arbeiten über den „Bedeutungswandel südwestdeutscher Landschaften im Laufe der Geschichte“ (1953/54), „Die kulturgeographische Bedeutung der Waldgebirge“ (1955), „Sozialgeographische Räume“ (1957) sowie über verschiedene Typen der „ehemaligen Territorien des Deutschen Reiches“ hinsichtlich ihrer „kulturlandschaftlichen Bedeutung“ (1957). Huttenlocher plante eine großmaßstäbige Kulturlandschaftsgeschichte Altwürttembergs auf der Basis des Kieserschen Forstkartenwerkes (1680-1687), wovon aber nur einzelne Beispiele erschienen sind (Umgebung Tübingens 1962, Schönbuch 1969 und 1973).
Letztes Ziel geographischer Forschung, das freilich noch zu Lebzeiten Huttenlochers in Mißkredit geraten war, inzwischen aber als regionale Geographie wieder Anerkennung findet, war für Huttenlocher wie für die meisten seiner Fachkollegen die umfassende landeskundliche Darstellung. (Er war zusammen mit Metz Vertreter Baden-Württembergs im Zentralausschuß für deutsche Landeskunde). Auch dazu lieferte Huttenlocher wie zahlreiche der von ihm betreuten Dissertationen und Examensarbeiten Bausteine. Hier ist neben seinen Darstellungen einzelner Teilräume (Schwarzwald 1935, Filder 1936, Stuttgart 1936/38, Oberschwaben und Schwäbische Alb 1954, Schönbuch 1969) im Grunde auch sein „Geographischer Führer für Tübingen und Umgebung“ (1966) zu nennen, aber auch seine erfolgreichen Bemühungen (zusammen mit Gradmann und Goeßler) um eine Wiederaufnahme und Neukonzeption der traditionsreichen amtlichen württembergischen Landes- und Oberamts-, heute Kreisbeschreibungen wie auch seine maßgebliche Mitwirkung an der interdisziplinären landeskundlichen Arbeitsgemeinschaft in Tübingen (1948 ff.; fortgesetzt in der Arbeitsgruppe Tübingen des Alemannischen Instituts). Huttenlocher selbst hat an den Kreisbeschreibungen Balingen und Tübingen mitgewirkt (umfangreiche Vorarbeiten für eine Kreisbeschreibung Eßlingen im Nachlaß). Sein „Baden-Württemberg“, bescheiden als „Kleine geographische Landeskunde“ bezeichnet, ist die Frucht der jahrzehntelangen landeskundlichen Arbeit Huttenlochers und die erste Landeskunde des neuen Bundeslandes (1960, 1972, Neubearbeitung vorgesehen). Souverän in der Stoffbeherrschung, umfassend, in einfacher, klarer Sprache auf die Zusammenhänge ausgerichtet, ist dieses Buch zu einem Bestseller unter den Publikationen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg geworden.
Das didaktische Geschick Huttenlochers hängt auch mit seiner jahrelangen Lehrerfahrung in der Schule zusammen. Als Mitverfasser zahlreicher Schulbücher gehörte er in den 20er und 30er Jahren zu den bekanntesten Schulgeographen Württembergs, und durch die gediegene Ausbildung der Lehramtsstudenten, die in ihm einen kompetenten, aufgeschlossenen, jederzeit hilfsbereiten, gütigen akademischen Lehrer verehrten, ist von ihm eine außerordentliche Breitenwirkung ausgegangen.
Werke: (Auswahl) Bibliographien bei H. Schwalm in: Studien zur südwestdeutschen Landeskunde, Festschrift für Friedrich Huttenlocher zum 70. Geburtstag. Hg. K. H. Schröder. Bad Godesberg 1963, S. XV-XXII, bis 1963, danach bei W.-D. Sick, Friedrich Huttenlocher und die südwestdeutsche Landeskunde. Erdkunde 28, 1974, S. 5. – Baden-Württemberg. Kleine geographische Landeskunde. Karlsruhe 1960, 2. Aufl. 1962, 3. Aufl. 1968, 4. Aufl. 1972; Die Kulturlandschaft, in: Der Landkreis Tübingen. Bd. I. Tübingen 1967, 659-665; (zusammen mit H. Grees); Erst Wälder – dann Felder, in: Die Wälder der Erde. Hg. W. Kümmerly. Stuttgart, Zürich, Wien 1969, 80-89; Das Tübinger Ammertal, in: Festschrift zur Einweihung der Stephanuskirche. Tübingen 1969, 11-13; Der Schönbuch. Geographischer Überblick, in: H. Grees (Hg), Der Schönbuch. Beiträge zu seiner landeskundlichen Erforschung. Bühl 1969, 12-30 (= Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts Freiburg Nr. 27; der Band ist Friedrich Huttenlocher zum 75. Geburtstag gewidmet); Veränderungen der Kulturlandschaft im Schönbuch seit dem 17. Jahrhundert, in: Historischer Atlas von Baden-Württemberg. 2. Lief. Stuttgart 1973, K IV, 17 (Beiwort von A. Uhrle)
Nachweis: Bildnachweise: Porträt in Öl von A. Unseld, Ulm (o. J., in Privatbesitz); Fotos in Festschrift (siehe Werke), K. H. Schröder 1973 und W.-D. Sick 1973 (siehe Literatur)

Literatur: H. von Wissmann, Friedrich Huttenlochers Lebensweg, in: Festschrift zum 70. Geburtstag, siehe Werke, S. I-X; Th. Hornberger, Friedrich Huttenlocher als Schulgeograph und akademischer Lehrer. Ebd. S. XI-XIV; K. H. Schröder, Friedrich Huttenlocher 70 Jahre, in: Jahrbuch für Statistik und Landeskunde 8, 1964, 56 f.; ders., Friedrich Huttenlocher (1893-1973). Leben und Wirken, in: Geographische Zeitschrift 61, 1973, 241-249; W.-D. Sick, Friedrich Huttenlocher und die südwestdeutsche Landeskunde, in: Erdkunde 28, 1974, 1-5
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