Köhler, Heinrich 

Geburtsdatum/-ort: 29.09.1878;  Karlsruhe
Sterbedatum/-ort: 06.02.1949;  Karlsruhe, beigesetzt in Karlsruhe (Hauptfriedhof)
Beruf/Funktion:
  • Zentrums-CDU-Politiker, Mitglied des Reichstags, Mitglied des Landtags, Reichsfinanzminister, Staatspräsident
Kurzbiografie: 1885-1894 Volks- und Oberrealschule Karlsruhe
1894-1897 Ausbildung: Mittlere Laufbahn der Badischen Finanzverwaltung, danach im Zolldienst: Hauptgehilfe, Revident, Revisor, Oberrevisor
1915-1918 Zollkommissar in Tournay, Namur und Brügge
1902 Beitritt zum neugegründeten Windhorstbund in Karlsruhe
1911-1920 Stadtverordneter und Stadtrat in Karlsruhe (Zentrum)
1913-1927 Mitglied des Badischen Landtags-Zentrum
1918-1919 Leiter der Presseabteilung des Badischen Innenministeriums, Ministerialrat und Kabinettschef im Staatsministerium
1920-1927 Badischer Finanzminister, bis 1922 Chefpräsident des Badischen Finanzamtes
1923 Ehrendoktor der Universität Heidelberg
1923-1924 Badischer Staatspräsident, erneut 1926-1927
1926 Ehrendoktor der Universität Freiburg i. Br.
1927-1928 Reichsminister der Finanzen
1927 Ehrendoktor der Technischen Hochschule Karlsruhe
1928-1932 Reichstagsabgeordneter
1933 Juni 4 Tage „Schutzhaft“ in Karlsruhe, danach Umzug nach Berlin
1937-1943 Vertreter für Textilmaschinen und Wirtschaftssachverständiger in Berlin
1943 Umsiedlung nach Mudau/Odenwald
1945-1949 Präsident des Landesbezirks Baden (Nordbaden) und stellvertretender Ministerpräsident Württemberg-Badens, gleichzeitig Wirtschaftsminister (1946), dann Finanzminister
1946-1949 Mitglied der Vorläufigen Volksvertretung für Württemberg-Baden, danach Landtagsabgeordneter
1947-1948 Vertreter Württemberg-Badens im Exekutivrat, dann Länderrat des Wirtschaftsrates des Vereinigten Wirtschaftsgebietes (Bizone), 1948 Vorsitzender des Länderrates
1947 Ehrenbürger von Karlsruhe, 1948 Ehrenbürger von Walldürn
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Verheiratet: 1. 1902 Rosa, geb. Hauck (1878-1912)
2. 1913 (Karlsruhe) Elsa, geb. Förster (1887-1978)
Eltern: Vater: Karl Joseph Köhler (1847-1907), nach Zolldienst und Gastwirtstätigkeit Werkschreiber bei der Badischen Bahn
Mutter: Regina, geb. Helfrich (1854-1940)
Geschwister: Mina (1880-1957)
Kinder: Heinrich Köhler-Helffrich (1904-1960)
Bernhard (1908-1946)
Paul (1914-1987)
Maximilian (1916)
Elisabeth, verheiratete Zilken (1923)
GND-ID: GND/118724207

Biografie: Uwe Uffelmann (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 4, 163-168

Die Kindheit Köhlers und seiner Schwester Mina wurde geprägt von der harmonischen Ehe der Eltern, aber auch den Beschränkungen ihrer kleinbürgerlichen Existenz, zumal der Vater im Kulturkampf seine Stelle im Zolldienst verloren hatte und erst nach längerer Zeit als Werkschreiber der Badischen Bahn zu gewissem Wohlstand gelangte. Der Vater gab seinem Sohn sein eigenes Interesse an der Politik, das nicht zuletzt durch das Bewußtsein von der Beteiligung des Großvaters Christoph Friedrich Köhler (1822-1881) an der Badischen Revolution von 1848 demokratisch akzentuiert worden war, weiter. Nach anfänglicher Distanz zu katholischem Bekenntnis und Politik in der Ausbildungs- und Militärzeit trat Köhler, angeregt durch seine junge Frau, 1902 dem Karlsruher Windhorstbund bei. Das Zentrum und besonders dessen linker Flügel wurde seine politische Heimat. Als Stadtverordneter und Stadtrat in Karlsruhe, Mitglied der II. Kammer der Badischen Landstände sowie durch Pressearbeit gewann er ein politisches Profil, das ihn zusammen mit Selbstbildung (u. a. Gasthörer an der Technischen Hochschule Karlsruhe), die er aufgrund der nunmehr als Defizit empfundenen Primareife betrieb, für höhere Funktionen qualifizierte. Diese kamen mit der deutschen Revolution von 1918/19. Schon 1918 wurde ihm von sozialdemokratischer Seite das badische Finanzministerium in einer Koalitionsregierung aus MSPD, USPD, ZENTRUM und DDP angeboten. Er schlug es jedoch aus, wurde Landtagsabgeordneter und versah mittlere Regierungsfunktionen, bis er, nachdem sein von ihm für dieses Amt vorgeschlagener Freund Dr. Joseph Wirth als Nachfolger Matthias Erzbergers im März 1920 Reichsminister der Finanzen geworden war, vom Badischen Landtag zu Wirths Nachfolger gewählt wurde.
Köhlers Verankerung in der Badischen Zentrumspartei orientierte sich an deren Vorsitzenden Theodor Wacker und Prälat Dr. Joseph Schofer. Schofer war es auch, der sich für die Bestellung des Nicht-Akademikers Köhler in der eigenen Fraktion eingesetzt hatte, was den von Minderwertigkeitsgefühlen geplagten, aber sehr ehrgeizigen Zweiundvierzigjährigen mit Genugtuung erfüllte, wie er später selbst zuzugestehen bereit war.
In seinem neuen Amt entfaltete Köhler alle ihm verfügbaren Kräfte. Nicht immer war sein – auch durch seine stattliche Erscheinung begünstigtes – Durchsetzungsvermögen dazu angetan, ihm selbst bei Zustimmung zu seinen Entscheidungen auch Sympathie zuteil werden zu lassen. Obwohl Köhler Parlamentarier blieb und es auch im letzten Teil seiner politischen Tätigkeit nach dem Zweiten Weltkrieg wieder wurde, war er doch immer der Mann auf der Regierungsbank und hier ein solcher, der trotz aller ihm eigenen und im Parlamentarismus geschulten Flexibilität nicht vor „autokratischen Entscheidungen“ (Becker) zurückscheute. Deshalb ist er in den eigenen Reihen nie unumstritten gewesen, sieht man von selbstverständlichen Gegnerschaften mit anderen politischen Lagern einmal ab. Diese Regierungsperspektive hinderte Köhler jedoch nicht, das parlamentarische System gegen dessen Feinde wie Relativierer zu verteidigen. Den Brüning-Kurs eines Staates über den Parteien lehnte er ab.
Im Baden der Weimarer Republik sah sich Köhler vor unerläßliche Modernisierungsaufgaben gestellt. An erster Stelle rangierte hier die Elektrizitätswirtschaft. Der Umwandlung des Badenwerks in eine Aktiengesellschaft (1921) folgte seit 1922 die Planung des Schluchseewerkes. Mit letzterem gewann man ein grenzüberschreitendes Energiereservoir: 1926 wurde das oberrheinische Kraftwerk Ryburg-Schwörstadt als deutsch-schweizerisches Gemeinschaftsunternehmen begründet. Ein weiterer Schwerpunkt Köhlers war die Förderung des staatlichen Kaliabbaus in Buggingen, besonders die Schaffung einer neuen Doppelschachtanlage, die ebenfalls 1926 die Arbeit aufnahm. Die Schiffbarmachung des Oberrheins und die Elektrifizierung der Bahn gehörten zu Plänen, die Köhler noch vor seinem Weggang nach Berlin 1927 entwickelte. Über Baden hinaus bekannt wurde der in der Inflationszeit vom Direktor der Badischen Bank Betz und Köhler geschaffene 'Baden-Dollar' sowie die Begebung wertvoller Anleihen, die auf den Kohlepreis bezogen waren. Mit diesen Mitteln sicherte man im Zenit der Inflation das unerläßliche Betriebs- und Investitionskapital.
Turnusmäßig war Köhler von November 1923 bis November 1924 und von November 1926 bis zu seinem Ausscheiden aus der badischen Politik im Januar 1927 badischer Staatspräsident. Am Beginn der ersten Amtszeit stand der Hitlerputsch in München, den Köhler entschieden verurteilte. Seine republikanisch-demokratische Einstellung bewies Köhler immer wieder, nicht zuletzt 1926, als Reichspostminister Karl Stingl eine Briefmarke mit dem Bildnis König Friedrichs II. von Preußen herausbringen wollte. Sie qualifizierte ihn neben seinem fachlichen Können auch für eine Verwendung in der Reichspolitik.
So wurde Köhler im Zuge der schwierigen Koalitionsverhandlungen, die zum 4. Kabinett Wilhelm Marx führten, als – wie er selbst formulierte – „links Aussen“ mit dem Finanzministerium betraut. Dieses Bürgerblock-Kabinett aus Zentrum, DDP, DVP und DNVR ein letzter Versuch, um die DNVP an die Weimarer Republik heranzuführen, sie in den Kreis der Staatstragenden Parteien einzuschließen, scheiterte schon Anfang 1928 nur äußerlich an der Schulgesetzgebung. „Mit dem Vierten Kabinett Marx war jene Alternative einer konservativen Evolution der Weimarer Demokratie gescheitert, die Brüning im Essener Programm (des Zentrums, der Verfasser) 1920 gezeichnet hatte und deren Realisierung in der Staatskrise nach 1930 nicht mehr gelang.“ (Becker).
Die Bürgerblockregierung offenbarte zugleich die tiefe Krise des Zentrums im Reich wie in Baden, manifest am 'Fall Wirth'. Joseph Wirth, ehemaliger Reichskanzler, Freund und Weggefährte Köhlers, ergriff entschieden Partei gegen die Beteiligung des Zentrums an einer Koalition mit der DNVP und führte seine Partei 1927/28 durch Obstruktion in schärfste Konflikte, die auch eine Entfremdung zwischen Köhler und Wirth mit sich brachten. Am Ende standen die Niederlage des Zentrums bei den Reichstagswahlen 1928 und der Rechtsruck der Partei auf dem Kölner Parteitag 1928 durch die Wahl des Prälaten Ludwig Kaas zum Parteivorsitzenden. Die radikale Haltung Wirths ist oft kritisiert worden. In der Rückschau ist es der sehr ernst zu nehmende, aber gescheiterte Versuch, den Sieg der Republikfeinde zu verhindern. Wirth sah bewußter als viele – Köhler eingeschlossen – die Gefahren von rechts und opferte dafür den Parteifrieden mit dem letztlich gegenteiligen Resultat, wie es die Niederlage des Gewerkschaftsflügels 1928 zeigte. Unter den gekennzeichneten Bedingungen der Bürgerblockkoalition ging Köhler als Reichsfinanzminister an die Arbeit. Das schon vorbereitete fortschrittliche Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung wurde im Sommer 1927 parlamentarisch verabschiedet. „So zukunftsweisend die Gesamtkonstruktion war, so dürftig blieben bereits in der Anlage die aktuellen Leistungen.“ (Peukert). Für die in der Weltwirtschaftskrise eingetretenen Folgen können jedoch die Väter dieser Einrichtung von 1927 nicht verantwortlich gemacht werden. Köhler war in der Rückschau besonders stolz auf die von ihm durchgesetzte Reform der Beamtenbesoldung mit beträchtlichen Gehaltserhöhungen im Angesicht wirtschaftlichen Aufschwungs 1927, durch welche die Beamtenschaft innerlich der Weimarer Republik stärker verbunden werden sollte. Ihretwegen kam es Ende 1927 „zum Eklat mit dem Arbeiterflügel“, (von Hehl). Widerstand kam aber auch von Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht und dem Reparationsagenten Parker Gilbert, mit dem Köhler in Reparationsfragen mit dem Erfolg so in Konflikt geriet, daß die Debatte um die Revision des Dawesplans nicht mehr verstummte. Köhler bot auf dem Höhepunkt der innerparteilichen Auseinandersetzungen um das Beamtengesetz Reichskanzler Marx seinen Rücktritt an, den dieser aber ablehnte. Insofern hat Köhler recht, daß das Besoldungsgesetz sich als eine „Dauerleistung von besonderer Kraft“ erwiesen habe, weil es in seinen Grundzügen bis in die Nachkriegszeit erhalten blieb. Doch steht fest, daß die Erhöhung der Gehälter in den Notjahren durch Kürzungen wieder zurückgenommen werden mußte.
Am Ende des 4. Kabinetts Marx stand auch subjektiv für Köhler ein Scheitern, hatte er doch in der Reichstagsfraktion nicht den erhofften Rückhalt für seine Politik gefunden und kein persönliches Verhältnis zu Brüning entwickeln können. Von 1928 bis 1932 war Köhler Reichstagsabgeordneter, eine Tätigkeit, die ihn nicht befriedigte. Auch wuchs nach Schofers Tod 1930 die Distanz zwischen ihm und seinen badischen Parteifreunden. Im Angesicht der Zunahme der NSDAP 1930 gehörte Köhler überraschenderweise zu denen, die Brüning veranlassen wollten, Hitler durch Teilnahme an der Regierungsverantwortung zu zähmen. 1933 wurde er in Karlsruhe für wenige Tage in 'Schutzhaft' genommen. Hjalmar Schacht bewirkte seine Freilassung, die an einen Ortswechsel gebunden wurde. Köhler zog mit seiner Familie nach Berlin. Die Funktionen, die er in der Wirtschaft übernahm, füllten ihn nicht aus. So sehr Köhler bewußter Republikaner und Demokrat war und sich in der Tradition von 1848 sah, so wenig war er aufgrund seines starken Nationalgefühls in der Lage, sich dem Widerstand zu nähern. Er „wußte zwar die Täter des 20. Juli 1944 und das Ethos ihrer Tat zu achten, vor der eigenen Mittäterschaft aber standen wie für viele seiner Generation unübersteigbare Schranken.“ (Becker). 1943 siedelte Köhler im Zuge der Evakuierungsmaßnahmen von Berlin nach Mudau im Odenwald um, wo er das Kriegsende erlebte.
1945 wurde Köhler von der amerikanischen Militärregierung erneut in die Pflicht genommen und in eine von ihm absolut nicht gern gesehene politische Konstellation hineingestellt, die durch die Aufteilung Südwestdeutschlands zwischen Amerikanern und Franzosen bedingt war. Die amerikanische Besatzungsmacht schuf auf ihrem Territorium ein Land, das Nord-Baden und Nord-Württemberg umfaßte: Württemberg-Baden. Seit September 1945 fungierte Köhler als Präsident des Landesbezirks Mannheim-Heidelberg, dann – unter Einschluß Karlsruhes – des Landesbezirks Baden. Nach der Gründung Württemberg-Badens am 19.9.1945 wurde er am 29.10.1945 gegen seinen Willen auf amerikanischen Befehl zugleich stellvertretender Ministerpräsident des neuen Landes, dessen Regierungschef Dr. Reinhold Maier (DVP) bereits im Amt war. Köhler trat der CDU bei, gehörte also nicht zu denen, welche das Zentrum wiederzubeleben versuchten.
In dem ungeliebten Land, das Baden zerschnitt, galt Köhlers vorrangiges Engagement der Gleichberechtigung des nordbadischen Landesbezirks mit dem nord-württembergischen. Als Wirtschaftsminister (Mai bis Dezember 1946), dann als Finanzminister (bis zu seinem Tode) hatte er sich aber auch um die Interessen des gesamten Landes zu kümmern und darüber hinaus um überzonale Probleme im Frankfurter Wirtschaftsrat (Exekutivrat, Länderrat). War die erste Tätigkeit auf die Profilierung Badens ausgerichtet, so öffnete die andere Köhlers Horizont über Baden hinaus und ebnete einer neuen Sichtweise den Weg, die ihm schließlich die Entscheidung gestattete, eine ganz neue territoriale Gestaltung des deutschen Südwesten anzustreben, in der Baden seine Selbständigkeit aufzugeben hatte.
Das Ringen um die Eigenständigkeit Nordbadens im neuen Land Württemberg-Baden betraf zunächst das 'Statut der Landesverwaltung Württemberg-Baden', das zur „Lex Köhler“ (Haselier) wurde. Während Ministerpräsident Maier auf die badischen Empfindlichkeiten feinfühlig reagierte, verlangte die amerikanische Militärregierung eine eindeutige Unterordnung der badischen Verwaltung unter die des gesamten Landes. Die zu den württemberg-badischen Ministerien korrespondierend eingesetzten badischen Landesbezirksdirektoren sollten als Mittelinstanz definiert werden. Formal siegte die Militärregierung schließlich im Juni 1946. De facto verfuhr man jedoch auch weiterhin nach der ursprünglichen Version, der eigentliche Sieger hieß Köhler: „Das Statut gebe ich nicht heraus, aber ich sorge dafür, daß die Kanäle funktionieren.“
Die Profilierungen Nord-Badens durch Köhler fanden ihre Fortsetzung im Ringen um das Landesbezirksverwaltungsgesetz, das so lange verschleppt wurde, bis es durch neue Entwicklungen im Sommer 1948 überholt wurde.
Die Beschäftigung mit Wirtschafts- und Finanzfragen des ökonomisch äußerst günstigen und entwicklungsfähigen nordbadisch-nordwürttembergischen Raumes ließ zunehmend das Zusammengeworfensein der Teile des neuen Landes als eine auch gesellschaftlich und politisch nicht verfehlte Entscheidung erkennbar werden. Den Ausschlag für Köhlers Entschluß, sich für einen Zusammenschluß Württembergs und Badens generell, aber auch ohne vorherige Vereinigung der getrennten Landesteile zu engagieren, gaben nicht die Erkenntnis der Zweckmäßigkeit der Schaffung eines wirtschaftlichen Raumes, sondern die internationale Dimension der Lage Südwestdeutschlands und die Chance zur Bildung eines westdeutschen Gesamtstaates seit dem Frühjahr 1948. Köhlers Entscheidung für den Südwest-Staat wird mit einem Schlüsselerlebnis in Verbindung gebracht. Eine im Anschluß an die Londoner Empfehlungen zur Bildung eines westdeutschen Staates vom 7.6.1948 entstandene Niederschrift Köhlers 'Mein Umfall' ist aber überbewertet und, da es dabei um die Abwehr von Frankreichs Wunsch ging, einen deutschen cordon sanitaire unter seiner Obhut von Koblenz bis zur Schweizer Grenze zu gewinnen, zu antifranzösisch interpretiert worden. Eine Frankreich-Phobie Köhlers (Krautkrämer) muß bezweifelt werden. Es ging ihm im Angesicht der auch nach der Londoner Konferenz noch fehlenden Einigkeit zwischen den Amerikanern und Briten einerseits und den Franzosen andererseits über die Zuordnung Badens um die Verhinderung eines französisch infiltrierten Rheinlandes. Im Hinblick auf eine westdeutsche Staatsgründung und die Chance einer selbständigen Entfaltung dieser Gründung erhielt für ihn das regionale Problem einen anderen Stellenwert. Sollte die wünschenswerte selbständige Entfaltung nicht durch französischen Einfluß entlang des Rheins gefährdet werden, dann mußte man der amerikanisch-britischen Position argumentative Unterstützung geben. Sie konnte nur in der Bereitschaft der Deutschen zu großzügigen räumlichen Veränderungen im Südwesten bestehen. In diesem Sinne stellte sich für Köhler die Erkenntnis, daß man jetzt und hier etwas tun müsse, um im deutschen Interesse der amerikanisch-britischen Position zum Durchbruch zu verhelfen, als ein Unfall dar. Das Schlüsselerlebnis war nichts anderes als der Auslöser, als der letzte Schub langfristigen Durchringens zu einer neuen Konzeption. In der Situation seines Schlüsselerlebnisses bewertete er das antifranzösische Argument allerdings höher als dieses im Gesamtkonzept des von ökonomischen und finanzpolitischem Denken Geprägten objektiv der Fall sein konnte. Köhlers seit dem Herbst 1947 identifizierbarer Umdenkungsprozeß mündete im Sommer 1948 in ein Konzept, das sich aus einem Ensemble von landespolitischen, besonders föderalismustheoretischen, ökonomischen und deutschlandpolitischen Faktoren konstituierte, bei dem die Virulenz des letzteren den Durchbruch bewirkte.
Noch vor Überreichung der Frankfurter Dokumente an die Ministerpräsidenten das zweite betraf die Ländergrenzenneuregelung – am 1.7.1948 konnte Köhler die nordbadische CDU auf seine neue Linie einschwören (Parteitag Bretten 12./13.6.1948). Als dann mit der Konferenz auf dem Hohenneuffen am 2.8.1948 die Verhandlungen der drei südwestdeutschen Länderregierungen von Württemberg-Baden, Württemberg-Hohenzollern und Baden begannen, war Köhler der Motor. Unter seiner Leitung fanden in Karlsruhe Ausschußverhandlungen statt, die am 24.8.1948 in einen Staatsvertrag mündeten. Der Erfolg blieb Köhler versagt, weil Dr. Leo Wohleb, Staatspräsident von Baden, seine Zustimmung verweigerte. Mit den Konferenzen in Bühl (16.9.1948) und Bebenhausen (28.9.1948) ging die Initiative in der Südweststaatsfrage in die Hände des Staatspräsidenten von Württemberg-Hohenzollern, Dr. Gebhard Müller, über.
Köhlers Herzkrankheit zwang ihn, seine Kräfte sparsam einzusetzen. Sein Engagement für den Südweststaat ließ jedoch nicht nach, brachte ihn aber, da er nicht mehr badisch genug argumentierte, in Konflikt mit seiner Partei. Die nordbadische CDU entfernte sich mehr und mehr von ihm und warf ihm sogar Verrat an der badischen Sache vor. Auch in der badischen katholischen Kirche regte sich Widerstand. Köhler gab nicht auf und betonte letztmals in seiner Weihnachtsansprache 1948 die Notwendigkeit der Schaffung eines Südweststaates im Interesse einer gesunden föderalistischen Bundesrepublik Deutschland. Der Südweststaat lebe „bereits schon vielmehr, als manche es wahrhaben wollten, denn er sei tägliche Realität, der nur noch die politische Entwicklung fehle.“
Köhlers Beitrag zur badischen und deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert ist sicher differenziert zu sehen. In seiner letzten politischen Wirkungsphase wurde er zum badischen Vater des Südweststaates in einer funktionstüchtigen föderalistischen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland.
Seine Heimatstadt ehrte ihn mit der Benennung einer Straße. Seit 1964 trägt die Grund- und Hauptschule im Karlsruher Stadtteil Rintheim seinen Namen. 1978 wurde an Köhlers Geburtshaus in der Luisenstraße 24 eine Gedenktafel angebracht.
Werke: Finanzen d. Reichs, d. Länder u. Gemeinden (mit A. Bund), in: Staatslexik. II 1927 (5. Aufl.), 4 ff.; Lebenserinnerungen d. Politikers u. Staatsmannes 1878-1949, hg. v. Josef Becker, Stuttgart 1964.
Nachweis: Bildnachweise: Fotos in: GLAK, 69 N Köhler.

Literatur: O. Geßler, Reichswehrpolitik in der Weimarer Zeit, hg. v. K. Sendtner mit Vorbemerkung v. Th. Heuss, 1958, 400 f.; Josef Becker, H. Köhler, 1878-1949. Lebensbild e. bad. Politikers, mit dokumentar. Anhang a. d. Nachlaß, in: ZGO 110, 1962, 417-490; ders., Josef Wirth u. d. Krise d. Zentrums während d. IV Kabinetts Marx (1927-28), in: ZGO 109, 1961, 361-482; ders., H. Köhler in d. Politik d. dt. Südwestens u. d. Reiches, in: Lebenserinnerungen (vgl. W), 19-51; G. Schulz, Zwischen Demokratie u. Diktatur, Verfassungspolitik u. Reichsreform in d. Weimarer Republik I, 1963, 543-76; D. Baumgarten, Dt. Finanzpolitik 1924-28, Diss, Freiburg i. Br. 1965; G. Haselier, Die Bildung des Landes Württemberg-Baden 1945/46, in: Oberrhein. Studien 2, Neue Forschungen zu Grundproblemen d. bad. Gesch. im 19. u. 20. Jh., hg. v. A. Schäfer, 1973; Paul Sauer (Bearb.), Die Entstehung d. Bundeslandes Baden-Württemberg, Ulm 1977; Paul-Ludwig Weinacht (Hg.), Die CDU in Baden-Württemberg u. ihre Geschichte, Stuttgart 1978; Paul Sauer, Demokratischer Neubeginn in Not u. Elend. Das Land Württemberg-Baden, Ulm 1978; J. Becker, H. Köhler, in: NDB 12, 1980, 306 f.; Detlev J. K. Peukert, Die Weimarer Republik, Frankfurt/M. 1987; Ulrich v. Hehl, Staatsverständnis u. Strategie d. polit. Katholizismus i. d. Weimarer Republik, in: Karl Dietrich Bracher u. a. (Hg.), Die Weimarer Republik 1918-1933, Bonn 1987, 238-253; Uwe Uffelmann, Bad. Profil u. Südweststaat – Der Beitrag H. Köhlers z. föderalist. Struktur d. Bundesrepublik Deutschland, in: ZGO 138, 1990, 409-458; Jörg Thierfelder/Uwe Uffelmann (Bearb.), Der Weg z. Südweststaat, hg. v. d. Landeszentrale f. polit. Bildung Baden-Württemberg, Karlsruhe 1991; Uwe Uffelmann, Württemberg-Baden, in: Der Weg z. Südweststaat (s. o.), 75-92; Paul-Ludwig Weinacht, Der Weg in den Südweststaat, in: Der Weg z. Südweststaat (s. o.), 310-23; Uwe Uffelmann, H. Köhler u. d. Südweststaat, in: Forum in Stadtgesch. u. Kultur, Karlsruhe 1992; ferner: LB 3 Nr. 9851/52.
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