Willstätter, Richard 

Geburtsdatum/-ort: 13.08.1872;  Karlsruhe
Sterbedatum/-ort: 03.08.1942; Muralto/Schweiz
Beruf/Funktion:
  • Chemiker, Nobelpreisträger
Kurzbiografie: 1878-1883 Städtische Vorschule für das Gymnasium in Karlsruhe
1883-1890 Lateinschule und Realgymnasium in Nürnberg
1890-1894 Studium der Chemie an der Universität München bei Prof. Adolf von Baeyer
1894 Promotion im Fach Chemie bei Prof. Alfred Einhorn
1896 Habilitation bei Prof. Adolf von Baeyer
1896-1902 Privatdozent für Chemie an der Universität München
1902-1905 außerordentlicher Professor und Vorstand der organischen Abteilung am Chemischen Institut der Universität München
1905-1912 ordentlicher Prof. für Chemie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich
1912-1915 Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie in Berlin-Dahlem
1913 Dr. med. h. c. der Universität Halle
1914 ordentliches Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften
1915 Nobelpreis für Chemie
1915-1925 ordentlicher Prof. für Chemie an der Universität München
1918 Dr.-Ing. h. c. der Technischen Hochschule München
1922 Dr.-Ing. h. c. der Technischen Hochschule Darmstadt; Ehrenbürger der Technischen Hochschule Karlsruhe
1924 Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste
1925 Rücktritt vom Lehramt aus Protest gegen antisemitische Tendenzen an der Universität München; Dr. h. c. der technischen Wissenschaften der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich
1925-1939 private Forschungstätigkeit
1926 Auswärtiges Mitglied der National Academy of Science of the USA; Ausländisches Mitglied der Holländischen Gesellschaft der Wissenschaften in Haarlem
1927 Faraday-Medaille der Chemical Society in London
1928 D. Sc. hon. der Universität Manchester, Auswärtiges Mitglied der Royal Society in London
1931 Dr. h. c. der technischen Wissenschaften der Deutschen Technischen Hochschule Prag
1932 Ehrenbürger der Technischen Hochschule Stuttgart Davy-Medaille der Royal Society in London, Goethe-Medaille für Wissenschaft und Kunst, Ausländisches Mitglied der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften in Stockholm
1934 Auswärtiges Mitglied der American Academy of Arts and Sciences in Boston
1936 Mitglied der: India Academy of Science in Bangalore, Physiological Society in England, Society of Biological Chemistry in Indien
1939 Emigration in die Schweiz
Weitere Angaben zur Person: Religion: isr.
Verheiratet: 1903 Sophie, geb. Leser (gest. 1908)
Eltern: Vater: Max Willstätter (1840-1912), Tuchhändler und Kleiderfabrikant in Karlsruhe und New York
Mutter: Sophie, geb. Ulmann (1849-1928)
Geschwister: 1 Bruder
Kinder: Ludwig (1904-1945)
Margarete (geb. 1905)
GND-ID: GND/118772066

Biografie: Helmuth Albrecht (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 3, 296-299

Mit dem Tode Willstätters in den ersten Augusttagen des Jahres 1942 fand in Muralto bei Locarno, nur wenige Tage vor der Vollendung des 70. Lebensjahres, ein großes deutsches Gelehrtenleben im Schweizer Exil sein Ende. Es spiegelt wie kaum ein anderes Größe und Elend seiner Zeit.
Aufgewachsen in den Gründerjahren des neuen deutschen Kaiserreichs, erhielt Willstätter eine sorgfältige Erziehung, die vor allem von seiner gebildeten Mutter geprägt wurde. Aus wirtschaftlichen Gründen hatte sein Vater bereits frühzeitig die Karlsruher Heimat verlassen müssen, um in New York mit einer Kleiderfabrik den Lebensunterhalt für die in Deutschland zurückgebliebene Familie zu verdienen. Da er erst im Jahre 1900 zurückkehrte, wuchs Willstätter zusammen mit seinem älteren Bruder in der großbürgerlichen Familie der Mutter in Nürnberg ohne Vater auf. Nur ungern verließ er damals seine geliebte Geburtsstadt, wo er nach eigener Aussage einige der schönsten Jahre seines Lebens verbracht hatte und über die er in späteren Jahren einmal äußerte: „Wenn ich noch einmal leben dürfte, wollte ich wieder in Karlsruhe zur Welt kommen.“
Obwohl gemäß der Tradition seiner Familie für den Kaufmannsstand bestimmt, entdeckte Willstätter früh eine besondere Neigung zur Naturwissenschaft, die durch den Besuch des Nürnberger Realgymnasiums noch bestärkt wurde. Das anschließende Studium der Chemie an der Münchener Universität bei Adolf von Baeyer beendete Willstätter mit einer Dissertation über das Cocain, dessen erste Synthese und Konstitutionsaufklärung ihm damals gelang. Die meisterhafte Art und Weise dieser frühen Forschungsarbeit brachte Willstätter die wohlwollende Unterstützung Professor von Baeyers ein, der seine weitere wissenschaftliche Karriere nachhaltig förderte.
Willstätters Arbeiten der Münchner Zeit, zunächst als Privatdozent und schließlich als Extraordinarius und Vorstand der organischen Abteilung, galten neben dem Cocain weiteren Pflanzenalkaloiden und führten zu wichtigen Beiträgen im Bereich der Narkose- und Schmerzmittel. Nach einer vorübergehenden Beschäftigung mit Chinonen, einem Grundbestandteil mancher Anilinfarben, begann Willstätter noch in München mit seinen fundamentalen Untersuchungen über die Blattfarbstoffe. Als Ordinarius für Chemie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich führten ihn diese Forschungen bald darauf zur aufsehenerregenden Entdeckung des Magnesiums als charakteristischem Bestandteil des Blattfarbstoffs Chlorophyll, dem es die grüne Farbe und die Fähigkeit zur Absorption der energiereichen Teile der Sonnenstrahlung verleiht. Willstätter vermochte das Chlorophyll erstmals rein darzustellen und in die beiden nah verwandten Komponenten a und b zu zerlegen. Der chemische Aufbau des Chlorophylls erwies sich dabei dem des Blutfarbstoffs als sehr ähnlich. 1915 erhielt Willstätter für diese Untersuchungen den Nobelpreis für Chemie zuerkannt.
Der Erforschung der Blatt- und Blütenfarbstoffe sowie der Untersuchung der Funktion der Blattpigmente in der lebenden Zelle bei der Assimilation der Kohlensäure widmete sich Willstätter auch in seiner Dahlemer Zeit als Direktor am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie. Die große Zahl der roten und blauen Blüten- und Beerenfarbstoffe vermochte Willstätter dabei auf wenige Grundformen zurückzuführen. Die angestrebte Photosynthese außerhalb der Zelle mit Hilfe des reinen Chlorophylls gelang ihm allerdings nicht. Umso erfolgreicher war dagegen der von Willstätter in Dahlem während des Ersten Weltkrieges entwickelte dreischichtige Einsatz für die deutschen Gasmasken, der schon bald darauf in mehr als 30 Millionen Exemplaren seinen lebensrettenden Dienst tat.
Noch während des Krieges folgte Willstätter einem Ruf als Nachfolger seines großen akademischen Lehrers Adolf von Baeyer an die Universität München. Nach den Blatt- und Blütenfarbstoffen wandte er sich hier seinem dritten großen Arbeitsgebiet, den Enzymen, zu, um, wie er selbst einmal sagte, die “Chemie von übermorgen zu treiben“. Mit der ihm eigenen Methode der besonders schonenden Verarbeitung hochempfindlicher Naturstoffe gelangen Willstätter hier bedeutende Erfolge bei der Reinheitssteigerung von Enzymen. Um dafür geeignete Mittel und Wege zu finden, begab sich Willstätter auch erfolgreich in das ihm sonst eher fernstehende Gebiet der anorganischen Chemie.
Bei der Wahl seiner Arbeitsgebiete und -methoden ging Willstätter von Anfang an eigene Wege. Fehler und Irrtümer suchte er durch konsequente Wiederholungen seiner Versuche zu minimieren. Er erwies sich dabei als begnadeter Experimentator und untrüglicher Beobachter. Fast immer arbeitete er zusammen mit seinen Schülern, deren Anteil am Erfolg der Untersuchungen er stets betonte und öffentlich dokumentierte. Obwohl seine Arbeiten nicht auf industrielle Anwendungen ausgerichtet waren, gelangen Willstätter Entdeckungen von großer praktischer Bedeutung, wie z. B. die Schmerzmittel Voluntal, Aventin und Psicain oder die Holzverzuckerung mit höchstkonzentrierter Salzsäure, die später eine großtechnische Anwendung fand.
Neben seinen Forschungen räumte Willstätter der Lehre eine wachsende Bedeutung ein und kehrte nicht zuletzt ihretwegen aus Berlin-Dahlem nach München zurück, wo er das Chemische Institut in schwierigster Zeit beispielhaft ausbaute und modernisierte. Aus seiner Schule gingen zahlreiche erfolgreiche Chemiker für Industrie und Forschung hervor, unter ihnen so bekannte Forscher wie der Nobelpreisträger Richard Kuhn oder die Chemiker Ernst Waldschmidt-Leitz, Wolfgang Grassmann, Heinrich Kraut, Eugen Bamann und Arthur Stoll, der Willstätter in seinem unfreiwilligen Exil umsorgte und nach dem Kriege Willstätters Lebenserinnerungen publizierte.
Obwohl Willstätters wissenschaftliche Leistungen neben dem Nobelpreis durch zahllose wissenschaftliche Auszeichnungen wie z. B. dem Orden Pour le mérite, der Faraday- und der Davy-Medaille, der Mitgliedschaft in über 20 nationalen und internationalen Akademien der Wissenschaften, der Ehrendoktorwürde von acht Hochschulen sowie durch zahlreiche Berufungen an die verschiedensten in- und ausländischen Universitäten gewürdigt wurden, überschattete seine Laufbahn eine persönliche und auch kollektive Tragik.
Schon in seiner Geburtsstadt Karlsruhe lernte Willstätter als Kind einer alteingesessenen jüdischen Familie den Haß und die Vorurteile kennen, die ein wachsender Antisemitismus in Deutschland hervorrief. Vertieft wurde dieser Eindruck in der Nürnberger Schulzeit und blieb auch an der Universität bestehen, wo Adolf von Baeyer dem jungen Privatdozenten den Rat gab, sich zur Förderung seiner Karriere taufen zu lassen. Obwohl selbst dem religiösen Judentum kaum verbunden, lehnte Willstätter dies aus tiefster Überzeugung ab. Bei mehreren Berufungen wurde er so übergangen und noch im Jahre 1915 kommentierte der bayerische König Ludwig III. seine Unterschrift unter Willstätters Berufung auf die Münchner Professur mit den Worten: „Das ist aber das letzte Mal, daß ich Ihnen einen Juden unterschreibe“.
Willstätters konsequente Haltung wurde nach dem Ersten Weltkrieg im besonders radikalisierten politischen Klima Münchens mehrfach harten Proben unterworfen. Geistig dem untergegangenen Kaiserreich verbunden, wandte er sich aus national-konservativer Gesinnung sowohl gegen linken wie rechten Extremismus. Als im Zeichen des aufkommenden Nationalsozialismus im Jahre 1924 drei Berufungen innerhalb seiner Fakultät an antisemitischen Strömungen scheiterten, erklärte Willstätter aus Protest über diese Vorgänge freiwillig seinen Rücktritt vom Lehramt. Danach betrat er sein Institut nie wieder. Seine Forschungen setzte er privat mit Hilfe seiner Schülerin Margarete Rohdewald bis in die Zeit seines Schweizer Exils fort. Zahllose ehrenhafte Berufungen an in- und ausländische Hochschulen lehnte er in der folgenden Zeit ab. Erst die zunehmenden Repressionen der Nationalsozialisten, die ihn ab 1933 nach und nach um seinen Besitz und seine letzten Arbeitsmöglichkeiten brachten, veranlaßten Willstätter dazu, sein geliebtes Deutschland zu verlassen. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch des 67jährigen und zahllosen bürokratischen Hindernissen schob ihn die Gestapo schließlich 1939 in die Schweiz ab, wo Willstätter mit Hilfe seines ehemaligen Schülers Arthur Stoll in Muralto bei Locarno für wenige Jahre eine neue Heimat fand.
Willstätter teilte damit das Los zahlreicher jüdischer Gelehrter, die nach 1933 Deutschland verlassen mußten. Das von ihm besonders schmerzlich empfundene Exil war jedoch nur einer von mehreren Schicksalsschlägen, die den großen Chemiker im Laufe seines Lebens hart trafen. Nach nur fünfjähriger Ehe verlor Willstätter im Jahre 1908 auf tragische Weise seine Frau Sophie, als diese an den Folgen eines zu spät erkannten Blinddarmdurchbruchs starb. Willstätter übernahm nun die Erziehung der beiden drei- und vierjährigen Kinder Ludwig und Margarete, denen er seine ganze Freizeit widmete. Im Alter von nur 11 Jahren verstarb jedoch bereits 1915 sein Sohn im diabetischen Koma. Willstätters ganze Liebe und Sorge galt nun seiner Tochter, die Jahre später als Studentin der mathematischen Physik in München auch die Vorlesungen ihres Vaters besuchte und ihn auf vielen Auslandsreisen begleitete. Margarete Willstätter heiratete schließlich in die USA und schenkte dort vier Kindern das Leben. Ihnen widmete Willstätter seine im Exil entstandenen Lebenserinnerungen.
Willstätter ging völlig in seiner Arbeit auf. Urlaub kannte er nicht, und die Semesterferien dienten der Ausarbeitung seiner zahlreichen Publikationen. Seine ungeheure Arbeitsleistung und sein Erfolg entsprangen einer fast beispiellosen Arbeitsdisziplin und einer ausgeprägten Fähigkeit zur Selbstkritik. Letztere paarte sich mit einer auffallenden, manchmal übertriebenen Bescheidenheit in der Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und Leistungen. Geld und Auszeichnungen galten ihm wenig, Forschungen und Lehre alles.
Zerstreuung fand Willstätter in jüngeren Jahren lediglich im Reiten, durch das er seine Frau kennenlernte, und später in der Malerei, in der er sich als sachkundiger, mitunter aber eigenwilliger Sammler erwies. Willstätter ging fast nie aus und pflegte nur wenige intensive Freundschaften, von denen ihn die engsten mit seinem Kollegen Fritz Haber, dem Chirurgen Ferdinand Sauerbruch und dem theoretischen Physiker Arnold Sommerfeld verbanden. Seinen Schülern blieb Willstätter stets hilfreich verbunden. Noch im Schweizer Exil suchte er sich für sie einzusetzen und besonders denjenigen unter seinen Verwandten, Bekannten und Freunden zu helfen, die wie er unter der Verfolgung durch die Nationalsozialisten litten. Seine Lebenserinnerungen aus dem Jahre 1940 beginnen selbstbewußt mit dem Bekenntnis „Meine Vorväter waren Juden.“
Werke: Zu Willstätters zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen vgl. J. C. Poggendorff, Biographisch-Literarisches Handwörterbuch d. exakten Naturwissenschaften, Bd. 4, 1904, 1644 f., Bd. 5, 1926, 1375 f., Bd. 6, 1940, 2894 ff., Bd. 7a, 1962, 1014; Aus meinem Leben. Von Arbeit, Muße und Freunden, hg. v. Arthur Stoll, Weinheim 1949, 453 S. m. Abb., 2. Aufl. 1958.
Nachweis: Bildnachweise: Fotos in R. Willstätter Aus meinem Leben...Tafel I-XXXII; F. Kaudewitz und A. Stoll.

Literatur: F. Haber, Zum sechzigsten Geburtstag von R. Willstätter, in: Die Naturwissenschaften. 20. Jg. (1932), Heft 33, 601-602; A. Stoll, R. Willstätter, in: Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich, 87. Jg. (1942), 528-533; H. Wieland, R. Willstätter, in: Jb. d. Bayer. Ak. d. Wiss. 1944/48 (1949), 194-198; R. Kuhn, R. Willstätter 1872-1942, in: Die Naturwissenschaften, 36. Jg. (1949), Heft 1, 1-5; F. Wessely, R. Willstätter, in: Öster. Ak. d. Wiss. Almanach für das Jahr 1949, 99. Jg. Wien 1950; 296-306; F. Kaudewitz, R. Willstätter 1872-1942, in: Via Triumphalis. Nobelpreisträger im Kampf gegen den Tod, hg. v. R. Erckmann, München, Wien 1954, 115-133; JB. der Dt. Ak. d. Wiss. zu Berlin 1952-1953, Berlin 1955, 236-241; R. Pummer, R. Willstätter, in: Geist und Gestalt. Biographische Beiträge z. Gesch. d. Bayer. Ak. d. Wiss. vornehmlich im zweiten Jh. ihres Bestehens, 2. Bd.: Naturwissenschaften, München 1959, 174-192; R. Willstätter, in: R. Sachtleben, A. Hermann, Große Chemiker. Von der Alchemie zur Großsynthese, Stuttgart 1960, 127; J. C. Poggendorff (vgl. Willstätter), Die Großen der Weltgeschichte, hg. v. K. Fassmann, Bd. 12, Zürich 1979, 824; Dictionary of Scientific Biography 14 (1976), 411-412; International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933-1945, Volume II: The Arts, Sciences and Literature, Part 2: L-Z, hg. v. H. A. Strauss, W. Röder, München, New York, London, Paris 1983, 1248.
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