Weinreich, Otto 

Geburtsdatum/-ort: 13.03.1886;  Karlsruhe
Sterbedatum/-ort: 26.03.1972;  Tübingen
Beruf/Funktion:
  • Klassischer Philologe und Religionswissenschaftler
Kurzbiografie: 1892-1895 Knabenvorschule Karlsruhe, 1895-1904 Gymnasium ebd.
1904-1909 Universitätsstudium Heidelberg, 1908 Promotion
1908-1911 Assistent Archäologisches Institut Heidelberg
1909 März Badische Oberlehrerprüfung
1909-1910 Lehramtskandidat Gymnasium Heidelberg
1911-1914 Aufenthalte in Griechenland, Kleinasien, Italien
1914 25.06. Habilitation Universität Halle
1914-1916 Privatdozent Halle
1916-1917 Extraordinarius Tübingen
1918 ordentlicher Professor Jena
1918-1921 ordentlicher Professor Heidelberg
1921-1954 ordentlicher Professor Tübingen
1916-1935 Herausgeber und Mitherausgeber Archiv für Religionswissenschaft
1916-1939 Mitherausgeber der Religionsgeschichtlichen Versuche und Vorarbeiten
1924-1933 und 1945-1952 Musikkritiker Schwäbisches Tagblatt Tübingen
1927 Mitherausgeber Tübinger Beiträge zur Altertumswissenschaft, Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Association Budé Paris, Genootschap van Godsdiensthistorici, Société d’Études mythologiques Brüssel, Hetaireia Makedonikon Spoudon Saloniki
Weitere Angaben zur Person: Religion: römisch-katholisch
Verheiratet: 1919 Heidelberg, Dora, geb. Stadie
Eltern: Justus Georg Weinreich, Großherzoglicher Kammermusiker
Elise, geb. Dürr
Kinder: Renate (geb. 1922)
Barbara (geb. 1924)
Jürgen (geb. 1927)
GND-ID: GND/11880653X

Biografie: Günther Wille (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 2, 479-481

Verdankte Weinreich die musikalische Komponente seines Lebenswerks dem Elternhaus, so wirkte auf dem Gymnasium besonders August Marx als Philologe auf ihn ein. Auf der Universität war Weinreich Schüler von Friedrich v. Duhn und Albrecht Dieterich, von dessen religionswissenschaftlicher Schule die gesamte Altertumswissenschaft zu Vergleichen mit den Erscheinungen anderer Völker und Zeiten herangezogen wurde. So weitete sich sein Horizont über die lateinische und griechische Philologie hinaus zur Archäologie und Epigraphik. Vergleichende Motivforschung bezog aber die ganze Weltliteratur ein, so daß schon die frühen Werke von unvorstellbar großer Belesenheit, treffender Beobachtungsgabe und unvergleichlichem Scharfsinn zeugen. Studienreisen in den Süden erweiterten die Kenntnis der Topographie und der Denkmäler. Infolge Kurzsichtigkeit nicht militärtauglich, konnte Weinreich sich bereits mit 28 Jahren habilitieren. Zum Dienstauftrag des Tübinger Extraordinarius gehörten Vorlesungen in griechischer Epigraphik, Paläographie und Religionsgeschichte neben Stil- und Interpretationsübungen. Der Herausgeber der religionswissenschaftlichen Reihen kam in nächste Berührung mit anderen international renommierten Forschern. Mit dem Ordinariat in Tübingen, wo Weinreich Heimstätte, Wirkungskreis und Familie begründete, enden die Wanderjahre. Sein Domizil Melanchthonstraße 24 wurde Ausgangspunkt noch seines letzten Werks, das „Gütle“ im Käsenbachtal mit der geliebten Gartenarbeit sowie die Hausmusik schufen den Ausgleich zur unermüdlichen, meist nächtlichen Tätigkeit am Schreibtisch.
Weinreich hat aber auch das Tübinger Musikleben und dessen Programmgestaltung vor der allgemeinen Verbreitung von Schallplatte und Radio nachhaltig beeinflußt: 330 Musikkritiken zeigen den philologischen Analytiker im Bemühen um musikalische Werktreue, aber auch den begeisterten Liebhaber und wachsamen Kritiker, der mit untrüglichem Blick für Qualität Fördernswürdiges unterstützte. Nachdem Weinreich sich schon vor 1933 durch seine Polemik gegen die Unterdrückung Mendelssohns in der Geschichte der Bach-Rezeption den Zorn der NS-Presse zugezogen hatte, unterbrach er diese Tätigkeit während des „Dritten Reiches“. Doch bereicherte der Bratschist weiterhin Seminarfeste und bot an Musikabenden Schuberts Antikenlieder nach musikhistorischer Einführung als Bariton selbst dar. Dennoch hat Weinreich Musikwissenschaft wie Volkskunde als Spezialgebiete außerhalb seiner Hauptgebiete bezeichnet. Da die Volkskunde unter der NS-Herrschaft hoch bewertet wurde, suchte Weinreich aus deren Querverbindungen zur klassischen Philologie für deren gefährdetes Überleben Gewinn zu ziehen. Doch vermochten selbst rassenkundliche Elemente in der erneuerten Programmatik des international angesehenen ‚Archivs‘ dessen Übernahme durch die Himmlers ‚Ahnenerbe‘ unterstehenden Vertreter ‚arischer Gottschau‘ nicht zu verhindern.
In der antiken Literaturgeschichte zogen Satire, Epigramm, Fabel, Novelle, Roman und Komödie Weinreichs Forscherinteresse auf sich. Zur Satire erschienen u.a. das Buch über Senecas Apocolocyntosis und der Sammelband mit Übertragungen und gehaltvoller Einleitung. Im Mittelpunkt der Beschäftigung mit dem Epigramm standen Catull und Martial. Als Herausgeber bekannter Übersetzungen schrieb Weinreich glänzende Einführungen zu Heliodor und zu Aristophanes. Weinreichs Arbeit kreiste um Motivübertragung und -wandel, die bei ihm längsschnittartig zur Motivgeschichte führten, die weit über die antike Literatur hinaus deren Fortleben überblickte.
Der Religionswissenschaftler widmete sich mythologischen Gestalten wie Helios, Pan, Heros Propylaios, Aion, Kybele, Trikasbos, Serapis, Asklepios, Athene und den Zwölfgöttern, dazu Erscheinungen des Heils- und Wunderglaubens. Aus der Psychopathologie des antiken Gottmenschentums beschrieb Weinreich besonders den Lügenpropheten Alexandras sowie Menekrates Zeus und Salmoneus. Religiöse Motive des Tibull und Horaz fand Weinreich in christlicher Nachbildung wieder. So ergab sich die Mitarbeit an Roschers Lexikon, Pauly-Wissowa, Dittenbergers Sylloge und Friedlaenders Sittengeschichte sowie die Herausgebertätigkeit an Dieterichs Mithrasliturgie und Rohdes Psyche. So entstanden auch wertvolle Rezensionen und kritische Berichte zur gesamtantiken Religion, begleitet von der Betreuung von insgesamt 60 Dissertationen.
Zum 65. Geburtstag wurde Weinreich mit der Festschrift ‚Satura‘, zum 70. mit dem großen Verdienstkreuz und zum 80. mit einem Festakt geehrt. Als akademischer Lehrer bleibt er durch lichtvolle Klarheit, Humor und menschliche Güte, aber auch durch kühle Sachlichkeit und distanzierte Unbestechlichkeit in der Erinnerung. Begeisterung für richtige Erkenntnis machten seine Vorlesungen, in denen er die Fülle der Gelehrsamkeit wie aus einem Guß darbot, zum beglückenden Erlebnis.
Werke: Antike Heilungswunder 1909, 2. Aufl. 1969; Der Trug des Nektanebos 1911; TEOI ETTHKOOI 1912; Lykische Zwölfgötter-Reliefs 1913; Triskaidekadische Studien 1916; Stiftung und Kultsatzungen eines Privatheiligtums in Philadelphia in Lykien 1919; Ciceros Gebet an die Philosophie 1922, vgl. 1958; Senecas Apocolocyntosis 1923; Die Distichen des Catull 1926; Studien zu Martial 1928; Gebet und Wunder 1929, 2. Aufl. 1968; Fabel, Aretalogie, Novelle 1931; Menekrates Zeus und Salmoneus 1933, 2. Aufl. 1968; Phöbus, Aurora, Kalender und Uhr 1937; Martials Grabepigramm auf den Pantomimen Paris 1941; Antiphanes und Münchhausen 1942; Epigramm und Pantomimus 1948; Römische Satiren 1949, 2. Aufl. 1963; Heliodor, Aithiopika, übertragen von L. Seeger, Einleitungen ... nebst Übertragungen von Fragmenten der Alten und Mittleren Komödie, 2 Bde. 1952, 1953; Catull lateinisch und deutsch 1960, 2. Aufl. 1969; So nah ist die Antike 1970. – Sammlung: Ausgabe der Schriften, unter Mitarbeit von U. Klein hg. von G. Wille, 4 Bde. 1969. 1973. 1979. 1975. – Gesamtverzeichnis ebd. 3, 1979, 546-576; der Musikkritiken ebd. 4, 1975, 598-606
Nachweis: Bildnachweise: Otto Weinreich Ausgabe Schriften 1, 1969, Vorsatzblatt

Literatur: J. Vogt, Schwäbisches Tagblatt Tübingen 10.03.1956; E. Zinn, Stuttgarter Zeitung 11.03.1966; G. Wille, Schwäbisches Tagblatt 12.03.1966; G. Lieberg, FAZ 14.03.1966; G. Wille, Attempto 43/44, 1972, 108-112; H. Heiter, Gnomon 45, 1973, 97-101; E. Müller, Schwäbisches Tagblatt 01.04.1972; H. Cancik, Der altsprachliche Unterricht 25/111, 1982, 80-99
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