Wrangell, Margarete von 

Geburtsdatum/-ort: 07.01.1877; Moskau
Sterbedatum/-ort: 31.03.1932;  Stuttgart
Beruf/Funktion:
  • Prof. für Pflanzenernährungslehre
Kurzbiografie: 1888 Besuch der privaten deutschen Mädchenschule in Reval
1894 Abschluss der Schule und Lehrerinnendiplom
1904 ab Sommersemester Studium von Botanik und Chemie an der Eberhard Karls Universität Tübingen als Gasthörerin
1906 Examen in Chemie
1907 1 Semester in Leipzig
1909 Promotion „summa cum laude“ in Tübingen bei Professor Wilhelm Gustav Wislicenus
1909/10 Dorpat/Estland, Assistentin an der landwirtschaftlichen Versuchsstation
1910 Arbeitsaufenthalt bei Sir William Ramsey in London
1911/12 halbjähriger Forschungsaufenthalt bei Marie Curie in Paris, Lehrerfahrung am Chemischen Institut in Straßburg
1913 Leitung der Versuchsstation des Estländischen Landwirtschaftlichen Vereins in Reval
1920 Habilitation an der Universität Hohenheim
1923 Ernennung zur ordentlichen Prof.; Einrichtung des „Pflanzenernährungsinstituts“
1931 aufgrund eines chronischen Nierenleidens ab Oktober Klinikaufenthalt und Ende des Hochschuldienstes
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 5.9.1928 Wladimir Fürst Andronikow
Eltern: Vater: Karl Fabian Baron von Wrangell, Oberst beim kaiserlich-russischen Militär
Mutter: Julia Ida Marie
Geschwister: Nicolai (1873-1898)
Marie (1875-1888)
Sophie (1889)
GND-ID: GND/118807927

Biografie: Christina Klausmann (Autor)
Aus: Württembergische Biographien 1, 297-298

Die Baronesse Margarete von Wrangell übernahm die Verantwortung für sich selbst. In ihren Kreisen war das ungeheuerlich. Statt die Zeit mit allerlei Aktivitäten totzuschlagen und auf eine passende Partie zu warten, studierte sie und übte einen Beruf in äußerst verantwortungsvoller Position aus. Sie wurde Wissenschaftlerin und leitete ein Institut mit vielen Mitarbeitern.
1904 ließ sich Margarete von Wrangell begleitet von Mutter und Tante in Tübingen nieder. Sie kam aus Reval in Estland, wo eine Linie der Familie von Wrangell seit Jahrhunderten ansässig war.
An der württembergischen Landesuniversität konnten sich Frauen ab 1904 ordentlich immatrikulieren, aber da Margarete von Wrangell kein Abitur, sondern nur das Lehrerinnenexamen vorweisen konnte, musste sie sich als Gasthörerin einschreiben. Vor der Einführung des Frauenstudiums war das ohnehin die einzige Möglichkeit gewesen, an akademischer Bildung teilzuhaben. Margarete von Wrangell studierte Botanik und Chemie und bestand schon nach zwei Jahren das Examen als Chemikerin. Nach einem Semester in Leipzig promovierte sie summa cum laude 1909 bei Professor Wislicenus in Tübingen. Die Baronesse Margarete von Wrangell war finanziell unabhängig und das erlaubte ihr, trotz des ernsthaft betriebenen Studiums die übrige Zeit für allerlei Aktivitäten zu nutzen. Sie ritt, spielte Tennis, erkundete die Gegend auf Ausflügen und Wanderungen. Eine Fahrradtour führte sie sogar bis nach Venedig. Nachdem Mutter und Tante nach Estland zurückgekehrt waren, teilte sie sich mit ihrer Freundin aus Reval, Ebba Husen, eine Wohnung. Sie führte ein unabhängiges, selbstbewusstes Leben – was heute selbstverständlich sein mag, war ungewöhnlich für eine Frau in dieser Zeit.
Nach der erfolgreich bestandenen Promotion machte sie sich auf wissenschaftliche Wanderjahre, um ihr Wissen zu erweitern und Lehrerfahrungen zu sammeln. Sie arbeitete als Assistentin in einer landwirtschaftlichen Versuchsstation zu Hause in Estland, in Dorpat, forschte bei Sir William Ramsey in London und bei Marie Curie in Paris. Außerdem sammelte sie Lehrerfahrung am Chemischen Institut in Straßburg. Dann übernahm sie vor dem Weltkrieg die Leitung der Versuchsstation des Estländischen Landwirtschaftlichen Vereins. Die russische Revolution machte dieser Phase als Wissenschaftlerin ein jähes Ende. Sie weigerte sich, das Institut freiwillig in die Hände der Revolutionäre zu geben, und büßte das mit Gefängnis. 1920 kam sie zurück nach Hohenheim und habilitierte sich. Es war die erste Habilitation an der Universität Hohenheim. Anfang 1923 ernannte sie das Württembergische Ministerium für Kirchen und Schulwesen zur ordentlichen Professorin und gründete ein „Pflanzenernährungsinstitut“, dessen Leitung sie übernahm.
Ihr Hauptforschungsgebiet war der Nährstoffzustand des Bodens, was insbesondere bei den für die Ernährung bedeutenden Pflanzen während und nach dem Weltkrieg und vor allem in der Weltwirtschaftskrise sehr wichtig wurde. Beispielsweise war die Versorgung mit Phosphorsäure notwendig, die importiert werden musste. Kali, Stickstoff, Jod waren weitere Nährstoffe, für die Margarete von Wrangell genaue Messmethoden entwickelte, Bodenproben untersuchte und Feldversuche im Schwarzwald, auf der Schwäbischen Alb oder in Oberschwaben durchführte. Es gelang ihr nachzuweisen, dass sich die Stoffe ergänzen, und herauszufinden, wie man ohne teure Importe von Phosphor hohe Ernteerträge erzielen kann. Justus von Liebig hatte die Agrikulturchemie als selbständigen wissenschaftlichen Bereich begründet. Vieles aber war nur mehr Erfahrungswissen und blieb Ahnung. Margarete von Wrangell lieferte in diesem noch jungen Forschungszweig handfeste Ergebnisse.
Spät gab sie ihr Alleinsein auf. Mit 51 Jahren heiratete sie einen Cousin, Fürst Andronikow, der sie privat, aber auch beruflich unterstützte. Mit ihm konnte sie eine andere sein als die öffentliche Persönlichkeit. Aber wie stand diese erfolgreiche Frau zur Frauenbewegung. Den Zeugnissen zufolge lehnte sie diese eher ab, andererseits war sie im Reichsvorstand des Deutschen Akademikerinnenbundes und Vorsitzende des Stuttgarter Ortsvereins. Jenseits aller Skepsis mag sie von der Notwendigkeit eines Netzwerkes überzeugt gewesen sein. Arbeit hatte sie genug. Sie war anerkannt, und brauchte sich nicht um Posten und Pöstchen zu reißen, aber trotzdem engagierte sie sich. Von den Nationalsozialisten wurde ihre „mütterliche Führernatur“ verherrlicht. An dieser Lesart war die Biographie des Lebensgefährten nicht unschuldig. Margarete von Wrangell konnte sich gegen eine solche Vereinnahmung nicht mehr wehren. Sie war lange vor dem Machtantritt gestorben.
Auf dem Pragfriedhof in Stuttgart gedachten am 4. April 1932 die Weggefährten und Weggefährtinnen ihrer nicht einfachen Persönlichkeit.
Quellen: UA Hohenheim: PA; Studienakte; dort weitere Akten zu dem Institut sowie Senatsprotokolle.
Werke: „Isomerieerscheinungen beim Formglutaconsäureester und seinen Bromderivaten“, Diss. 1909.
Nachweis: Bildnachweise: UA Hohenheim.

Literatur: Theodor Heuss, Deutsche Gestalten, 1951; Renate Feyl, Der lautlose Aufbruch, 1981; U. Fellmeth/H. Winkel, M. von Wrangell und andere Pionierinnen. Die ersten Frauen an den Hochschulen in Baden und Württemberg. Sonderbd. der Univ. Hohenheim, Institut für Kulturwissenschaften, Archiv der Univ. 1998; Maja Riepl-Schmidt, Wider das verkochte und verbügelte Leben. Frauen-Emanzipation in Stuttgart seit 1800, 1998.
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