Thode, Henry Robert 

Andere Namensformen:
  • Heinz
Geburtsdatum/-ort: 13.01.1857; Dresden
Sterbedatum/-ort: 10.11.1920; Kopenhagen
Beruf/Funktion:
  • Kunsthistoriker
Kurzbiografie: 1876 Abitur am Gymnasium in Görlitz, im gleichen Jahr erstmals in Bayreuth (Uraufführung des „Rings der Nibelungen“)
1876-1880 Studium der Kunstgeschichte und Philosophie an der Universität Leipzig, Wien, Berlin und München
1880 Dr. phil. (Wien), Dissertation: „Die Antiken in den Stichen Marc Antons, Agostino Venezianos und Marco Dentes“
1880-1886 Studienreisen nach Paris, London, in die Niederlande und nach Italien, in Venedig erste Kontakte mit Richard Wagner (1882)
1886-1889 Privatdozent an der Universität Bonn, Habilitationsschrift: „Franz von Assissi und die Anfänge der Kunst der Renaissance in Italien“
1889 Besuch der Weltausstellung in Paris, mit Siegfried Wagner
1889-1891 Direktor der Sammlungen des Städelschen Kunstinstituts in Frankfurt/M., Beginn der Freundschaft mit Hans Thoma, Siegfried Wagner für ein Halbjahr Gast im Hause Thode
1891-1894 Privatgelehrter, Studien in Venedig, 1891 Anmietung, 1910 Erwerb der Villa Cargnacco bei Gardone am Gardasee
1894 außerordentlicher Prof. für neuere Kunstgeschichte an der Universität Heidelberg, 1896 Ordinarius
1900 Ablehnung eines Rufs an die Universität Berlin; Großherzoglicher Geheimer Hofrat, Ritterkreuz I. Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen, 1908 mit Eichenlaub
1910 Ablehnung des Direktorats der Nationalgalerie in Berlin
1911 Großoffizierskreuz des Königlich-Italienischen St. Mauritius- und Lazarusordens
1911 „Auf Ansuchen“ Ausscheiden aus dem badischen Staatsdienst; Geheimrat II. Klasse
1911-1920 Literarische und Vortragstätigkeit, kein ständiger Wohnsitz (Aufenthalte u. a. in Kassel, Frankfurt/M. und Wien) bis zur Niederlassung in Kopenhagen (1919)
1915 Konfiskation der Villa Cargnacco durch den Italienischen Staat
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.-luth.
Verheiratet: 1. 1886 Daniela Senta, geb. von Bülow (1860-1940), Tochter des Dirigenten Hans von Bülow (1830-1894) und Cosima Wagners (1837-1930), geschieden 1911
2. 1911 Hertha, geb. Tegner, Violinvirtuosin
Eltern: Vater: Robert Thode, Bankier, Rittergutsbesitzer
Mutter: Adolfine, geb. Szondi
Geschwister: 3 Schwestern
Kinder: Keine
GND-ID: GND/119116898

Biografie: Horst Ferdinand (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 4, 294-296

„Schwärmer, Forscher, Denker, Dichter zugleich“ – in dieser Kurzformel faßte ein Schüler Thodes, Fritz Storck, Person und Lebenswerk seines Lehrers zusammen, und sie beschreibt zutreffend die in vielen Facetten leuchtende, zuweilen auch schillernde Persönlichkeit Thodes.
„Schwärmer“: Begeisterungsfähigkeit und Phantasie sowie bis ins Fanatische reichende Leidenschaft in der Behauptung seines Standpunkts waren wesentliche Elemente seines Seins und Tuns. Vom ersten Bayreuthbesuch an (1876) wuchs er in die Rolle des Propheten des Bayreuther Meisters hinein, und in ähnlicher Weise wurde er zum Fackelträger für das Werk Hans Thomas, dessen künstlerischen Durchbruch er entscheidend bewirkte.
„Forscher“: Noch heute gilt Thode als Gelehrter hohen Ranges, dessen Entdeckerinstinkt, kunstkritischer Sachverstand und Intuition wichtiges Neuland erschlossen. Siebzehn Jahre lang trug er, der glänzende Rhetor und Autor, der sich mündlich und schriftlich ebenso schwungvoll wie hinreißend auszudrücken wußte, an der Universität Heidelberg die Ergebnisse seiner Forschungen vor. Es war die wohl fruchtbarste Periode seines Lebens.
„Denker“: Sein Wirken als „Apostel des christlich-germanischen Kulturgedankens“, seine weltanschaulichen Spekulationen sind heute eindeutig abzulehnen.
„Dichter“: Zu Unrecht sind Thodes eigenwillige und von seiner schöpferischen Ausdruckskraft sprechenden Kunstnovellen und Traumbilder – „Federspiele“ (1892), „Der Ring des Frangipani“ (1894), „Somnii explanatio“ (1909) – heute so gut wie vergessen.
Zeit seines Lebens war Thode, der Sohn eines reichen Bankiers, finanziell unabhängig. Dies erlaubte ihm nach dem abgeschlossenen Studium nicht nur eine sechsjährige Studienreisetätigkeit in die Zentren des europäischen Kunstlebens, sondern auch die Grandezza eines Lebensstils, der schon im 19. Jahrhundert nicht häufig war. Den Sommer pflegte er in Bayreuth und Schoosdorf (in Schlesien, auf dem elterlichen Rittergut) zu verbringen, den Winter in seiner Villa am Gardasee, und als er 1911 das Lehramt aufgab, verzichtete er auf eine Pension. Von diesem grandseigneuralen Zuschnitt seiner Lebensführung ging eine beträchtliche Anziehungskraft aus, nicht nur auf seine Studenten und einen Kreis bedeutender Schüler, sondern auch auf seine Freunde, etwa den aus bescheidenen Verhältnissen stammenden Hans Thoma. Der über dreißig Jahre währende Briefwechsel zwischen den beiden vermittelt jedoch nie den Eindruck, daß Thode mit den ihm zugefallenen und zufallenden geistigen und materiellen Gaben prunkte – nichts lag ihm ferner.
Die Privatdozentenzeit in Bonn war mehr Episode, bedeutsam ist sie aber wegen der Habilitationsschrift über Franz von Assissi. Einer der Nachfolger auf Thodes Lehrstuhl in Heidelberg, Walter Paatz, urteilte über diese Schrift des 28jährigen, sie habe die Forschung bis auf den heutigen Tag (1956) immer wieder angeregt und eine Präzisierung der geschichtlichen Vorstellung von der Renaissance bewirkt, „zumal durch Hervorlocken begründeten Widerspruchs, der heute vorherrscht“. Auch die Tätigkeit des Galeriedirektors in Frankfurt/M. vermochte Thode nicht auf Dauer zu fesseln; die Differenzen zwischen der Verwaltung des Städel und dem jungen Feuerkopf – insbesondere wegen des Ankaufs bestimmter Kunstwerke – waren nicht zu überbrücken. Wieder folgten intensiv genutzte Studienjahre, bis ihn schließlich der Ruf nach Heidelberg erreichte. Großherzogliche Protektion darf dabei vermutet werden; Friedrich I. stand in Verbindung mit Thodes Schwiegermutter Cosima Wagner. Aber der „Protegé“ verlieh der ihn berufenden Universität Ansehen und Glanz. Von 1896 an war er der erste Heidelberger Ordinarius für Kunstgeschichte. Nachdem er schon 1891 eine „bahnbrechende Studie über altdeutsche Kunst“ (Paatz) – „Die Malerschule von Nürnberg im 14. und 15. Jahrhundert“ – veröffentlicht hatte, wandte er sich in der Heidelberger Zeit, neben der Propagierung Thomas, fast ausschließlich seinem eigentlichen Spezialgebiet, der italienischen Renaissance, zu. Er ist der Entdecker Giottos und Tintorettos, die er – wie auch Corregio und Mantegna – in scharf umrissenen Monographien schilderte. Am bedeutendsten aber ist sein auch heute noch besonders in den quellenkritischen Partien nicht überholtes siebenbändiges Monumentalwerk „Michelangelo und das Ende der Renaissance“ (1902-1913). „Mit einer geistigen Überlegenheit, wie sie nur die vollkommenste Beherrschung des Stoffes verleihen kann, wird hier sachlich Kritik geübt. Lichtvoll und klar ist die Anlage dieses Quellenwerkes, vornehm der Ton ...“ (C. Steinmann).
Das hohe Ansehen Thodes kam in der Berufung auf den kunstwissenschaftlichen Lehrstuhl in der Reichshauptstadt zum Ausdruck; die Ablehnung brachte ihm den Geheimratstitel und die Verdoppelung seines für damalige Verhältnisse ansehnlichen Gehalts ein (von 3 700 auf 7 200 Mark jährlich, ab 1902/03 auf 9 000; zum Vergleich: ein Industriearbeiter verdiente damals in Baden jährlich 800 Mark, ein junger Richter 2 400). Die Reputation Thodes war auch hilfreich bei seinem erfolgreichen Kampf um die Verhinderung einer unsachgemäßen Restaurierung des Ottheinrichbaus.
Hohe Wellen schlug die im Jahre 1906 in der „Frankfurter Zeitung“ ausgetragene Kontroverse mit Max Liebermann. Ausgangspunkt war eine Vorlesung Thodes über Böcklin und Thoma, in der Thode – in den Worten Liebermanns – den Impressionismus als „Unsinn, der nur aus Geschäftsrücksichten von einer gewissen Berliner Klique in die Welt posaunt wird“, bezeichnete. Dabei appellierte Thode an das „ganze deutsche Volk“. Liebermann forderte messerscharf sachliche Gründe für die Verurteilung des Impressionismus; persönliche Insinuationen wie „Mangel an nationalem Empfinden“, „Nachahmen der Franzosen“ genügten nicht. Hier sah sich der Freund Hans Thoma auf den Plan gerufen. Er erklärte, „daß wir nicht gewillt sind, uns von Berlin aus aufgewärmten Kohl als Kunstgesetze diktieren zu lassen, und darum, daß wir uns deutsche Art und deutsches Wesen nicht wollen beschimpfen lassen durch Proklamierung einer in Paris schon abgewirtschafteten Methode“. Liebermann: „Ich maße mir nicht an, dem deutschen Volk seine Ideale zu rauben, ich gestatte mir nur gegen die Unduldsamkeit Einspruch zu erheben, mit der Herr Thode das, was er für recht und gültig hält, als das Ideal des gesamten deutschen Volkes proklamiert.“ – Der Streit enthüllt die unversöhnliche Kampfstellung Thodes gegen die „Dekadenz“ der modernen Kunst, seine Intoleranz, die auch die Anwendung von „verrosteten Waffen aus dem Arsenal der Antisemiten“ (Liebermann) einschloß.
Aber in dieser letzteren Beziehung bestand ja völlige Übereinstimmung mit dem engsten Bayreuther Kreis, dem Thode seit 1886 angehörte. Besonderen Einfluß übte er auf Siegfried Wagner aus, dessen erste Komposition auf ein Gedicht Thodes zurückgeht. In seinen Briefen an Thode redete ihn Siegfried mit „Gold“ an, und in späteren Jahren bereitete er sich in Cargnacco auf eine Konzerttätigkeit vor. Der wegen der lange ausbleibenden Eheschließung Siegfrieds besorgten Cosima empfahl Thode ein „Kindweib“ für ihn, eine Kollegentochter. Eine Affäre mit der Tänzerin Isadora Duncan brachte Thodes Ehe mit Daniela, die Cosima mit emphatischen Worten begrüßt hatte – „Ich will Gott danken, in unserer Sache solche Menschen gefunden zu haben wie ... Heinz“ –, ins Wanken; 1911 trennte sich das Ehepaar vor dem Heidelberger Landgericht.
Der Ausklang dieses Lebens, das so oft im hellen, aber auch grellen Rampenlicht der Öffentlichkeit gestanden hatte, war trübe, ja tragisch. Dem allseits mit Überraschung und Enttäuschung begleiteten Verzicht auf den Lehrstuhl (1911) folgten im Ersten Weltkrieg unruhige und an der Substanz zehrende Reisejahre im Dienst seiner mit missionarischem Eifer betriebenen „Vertretung unserer deutschen bedrohten Kulturideale im In- und Ausland“. 63jährig erlag er einem Magenleiden. – 1915 übereignete der italienische Staat, der Thode vier Jahre zuvor einen seiner höchsten Orden verliehen hatte, die Villa Cargnacco mitsamt allen bedeutenden Kunstschätzen dem Dichter Gabriele d'Annunzio, der später außer einigen wertlosen privaten Erinnerungsstücken nichts herausrückte. Daniela Thode verarmte dadurch völlig, nachdem sie schon in der Inflation ihr Vermögen verloren hatte; im Jahre 1926 bat sie die Universität Heidelberg um eine Rente. Das badische Kultusministerium sah sich „zu seinem lebhaften Bedauern“ nicht in der Lage, diesem Antrag zu entsprechen, bewilligte aber eine einmalige Zuwendung von 1 000 Mark.
Quellen: Pers.-Akte H. Thode GLAK Sign. 235/2586; Frankfurter Ztg. vom 1., 13., 18., 21. und 25.7.1905.
Werke: (außer den im Text genannten, Auswahl) Hans Thomas Kostümentwürfe zu Richard Wagners Ring der Nibelungen. Mit e. Einleitung von H. Thode 1897; Wie ist Richard Wagner vom dt. Volke zu feiern?, 1903; Böcklin u. Thoma, acht Vorträge über neudeutsche Malerei, 1905; Hans Thoma, des Meisters Gemälde in 874 Abbildungen, hg. von H. Thode, 1909; BbG II 2 18526; V 1 27640, 27642; VI 1 33450; VI 2 37347, 37376.
Nachweis: Bildnachweise: Bronzebüste Thodes von Hermann Volz im Kunsthist. Inst. d. Univ. Heidelberg, dort auch Foto; von Hans Thoma gemaltes Porträt in: Beringer, Briefwechsel (s. o.); Gruppenbild von Cosima Wagner u. ihren Kindern mit H. Thode in: Musik in Heidelberg (s. o.).

Literatur: W. Fritz Storck, H. Thode 1857-1920, in: Die Pyramide, Wochenschrift z. Karlsruher Tageblatt vom 28. 11. 1920; Hans Thoma, Briefwechsel mit H. Thode, hg. von Josef August Beringer, 1928; Cosima Wagner u. Houston Stewart Chamberlain im Briefwechsel 1888-1908, hg. von Paul Pretzsch, 1934; Richard Benz, Meine erste Vorlesung bei H. Thode, Edwin Redslob, In memoriam H. Thode, Walter Paatz, H. Thode – einst u. jetzt, in: Ruperto Carola XX (1956); Cosima Wagner, Das zweite Leben, Briefe u. Aufzeichnungen 1883-1930, hg. von Dietrich Mack, 1980; Musik in Heidelberg, 100 Jahre Heidelberger Bachverein 1885-1985, im Auftrag d. Stadt Heidelberg u. d. Bachvereins hg. von Renate Steiger, 1985; Eike Wolgast, Die Univ. Heidelberg 1386-1986, 1986; Maurice Lever, Primavera, Tanz u. Leben der Isadora Duncan, 1987; Peter P. Pachl, Siegfried Wagner, Genie im Schatten, 1988; Anita M. Back, Gardone oder „Das Delirium des Mutes“ – Heute ist Wallfahrtsort, wo Gabriele D'Annunzio sich als Helden und Poeten feierte, in: FAZ vom 30. 3. 1994.
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