Rauch, Wendelin 

Geburtsdatum/-ort: 30.08.1885;  Zell am Andelsbach
Sterbedatum/-ort: 28.04.1954;  Freiburg i. Br.
Beruf/Funktion:
  • Moraltheologe, Erzbischof von Freiburg i. Br.
Kurzbiografie: 1898 Erzbischöfliches Knabenkonvikt Rastatt
1904 Abitur am Humanistischen Gymnasium Rastatt
1904-1907 Theologiestudium in Freiburg
1907-1910 Philosophie- und Theologiestudium an der Gregoriana in Rom
1910 Oktober Priesterweihe
1915-1918 Kriegsdienst, zuletzt Divisionspfarrer
1916 Promotion zum Dr. theol. an der Universität Freiburg i. Br.
1922 Habilitation an der Universität Freiburg
1925-1938 Professor für Moraltheologie und Direktor des Priesterseminars in Mainz
1938-1946 Direktor des Erzbischöflichen Konvikts in Freiburg, Domkapitular
1946 Referent für theologische Fragen und Priesterausbildung im Ordinariat
1948 Erzbischof von Freiburg
Weitere Angaben zur Person: Religion: römisch-katholisch
Eltern: Vater: Joseph Rauch, Bauer, Bürgermeister
Mutter: Viktoria, geb. Berenbold
Geschwister: 5
GND-ID: GND/119204460

Biografie: Wolfgang Hug (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 296-298

Rauch führte das Doppelkreuz vom First des elterlichen Hofes und das Pflugmesser im Wappen zum Zeichen seiner Verbundenheit mit Heimat und bäuerlicher Herkunft. Die Wesensnatur der Dinge und ihre unverrückbare Ordnung waren ein Leitmotiv seines Denkens und Wirkens.
Als hochbegabter Sohn frommer Eltern von Pfarrer und Lehrer gefördert, absolvierte er das Rastatter Gymnasium als Klassenprimus (er verfügte als versierter Philologe später stets über einen Schatz von Klassikerzitaten); nach dem theologischen Studienabschluß in Freiburg schickte ihn Erzbischof Gröber zum weiteren Studium in das Germanikum nach Rom, wo sich Rauch Grundfragen der Ethik zuwandte. In Freiburg hatte ihn der Kirchenhistoriker Pfeilschifter am stärksten geprägt; bei ihm promovierte er mit einer Arbeit über Engelbert Klüpfel, einen Freiburger Dogmatiker der Aufklärungszeit 1916 während eines Fronturlaubs (die Arbeit konnte erst 1922 erscheinen). Während seiner Tätigkeit als Repetitor am Konvikt verfaßte Rauch seine Habilitationsschrift „Sein und Sollen“. In ihr führte er die christliche Ethik auf das Fundament der Welt- und Heilsordnung zurück und deutete das sittliche Handeln als „Vollzug des Seins“, das als erkannte Wahrheit das Sollen bestimmt. Der Mensch handelt nach Rauch sittlich, wenn er sich in die Wesensordnung einfügt und so, wie er formuliert, „die Wahrheit tut“. In der Naturordnung verankerte Rauch eine praktische Humanität, derzufolge der sittlich Handelnde im andern zuallererst erkennt: „Du bist auch ein Mensch“, um sich danach zu verhalten. Rauch hat seine Grundeinsichten den Hörern in Vorlesungen und Vorträgen in einfacher Klarheit eindringlich vermittelt („das muß Ihnen nachlaufen“, war eine beliebte Wendung des hochgeschätzten Pädagogen Rauch). In einzelnen Veröffentlichungen wandte er die Grunderkenntnis auf zentrale Probleme der Praxis an, insbesondere auf die Ethik der Ehe und auf die Eugenik.
Das brachte Rauch in Konflikt mit dem NS-Regime. Sein Büchlein „Probleme der Eugenik im Lichte der christlichen Ethik“ (1933, 3. Aufl. 1935) wurde eingezogen und auf die geheime „Liste I des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gesetzt. Seine Berufung auf den 1934 freigewordenen Freiburger Lehrstuhl für Moraltheologie wurde von Berlin verhindert; seine Ernennung zum Weihbischof von Fulda untersagt. Die Berufung zum Konviktsdirektor nach Freiburg beantwortete die Badische Regierung mit ausdrücklichem Mißfallen. Rauch selbst urteilte später über die Haltung der Deutschen zur NS-Herrschaft: „Die Mehrheit des Volkes schwieg, eingeschüchtert durch die angedrohte Gewalt.“
1948 wählte das Domkapitel Rauch einstimmig zum Nachfolger von Erzbischof Gröber. Nur „schweren Herzens“ nahm er das Amt an. Rauch leitete die Erzdiözese in der Phase des materiellen und geistigen Wiederaufbaus unserer Nachkriegszeit bestimmt und bescheiden zugleich, als Anwalt der Gläubigen, nicht als Kirchenfürst. In der ganzen Erzdiözese waren rund 400 Kirchen und Kapellen durch Kriegseinwirkungen zerstört worden. Die meisten konnten während Rauchs Amtszeit wiederhergestellt werden. Als Erzbischof war Rauch viel unterwegs, zu Firmreisen, Konsekrationen, Investituren. Seine geschwächte Gesundheit (bereits 1949 mußte er für mehrere Monate ins Lorettokrankenhaus zu stationärer Behandlung) zwang ihn freilich, kürzer zu treten. Seine Sorge galt der Stabilisierung der kirchlichen Seelsorgs- und Gemeindepraxis, dem Wiederaufbau der Standesseelsorge, den kirchlichen Verbänden, der allgemeinen Volksfrömmigkeit.
Rauch hielt engen Kontakt zur römischen Kurie. Dabei kam ihm neben den offiziellen Beziehungen die persönliche Freundschaft mit den engsten Vertrauten Papst Pius’ XII., den badischen Landsleuten Pater Leiber S.J. und Pater Bea S.J. sehr zugute. Mit dem Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz, Kardinal Frings, verband ihn ein reger Schriftwechsel. Besondere Bedeutung schenkte er den Beziehungen zu den Amtskollegen im benachbarten Ausland, in Frankreich und in der Schweiz. Darin konnte ihn der von ihm ernannte Weihbischof Seiterich tatkräftig unterstützen.
Die politische Grundhaltung Rauchs läßt sich als wertkonservativ kennzeichnen. Für den gemeinsamen Hirtenbrief der deutschen Bischöfe aus Anlaß der ersten Bundestagswahl im Mai 1949 wollte Rauch folgenden Satz eingefügt wissen: „Die Kirche steht mit ihrer Autorität ganz auf der Seite eines gerechten und dem Wohl des Ganzen dienenden Fortschritts“. Den katholischen Wählern schärfte er ein, ihr Votum „im vollen Sinne als eine Gewissensentscheidung“ zu betrachten. Zum (süd-)badischen Staatspräsidenten Leo Wohleb bestand ein Verhältnis des gegenseitigen Einvernehmens und wechselseitiger Hochschätzung. Im Abstimmungskampf um die Frage der Länderneugliederung im deutschen Südwesten nahm Rauch entschieden für „Altbaden“ Partei. Die entgegengesetzte Position des Ordinariates in Rottenburg kränkte ihn tief. Mit Nachdruck setzte er sich bei den Verfassungsberatungen des 1952 gegründeten Landes Baden-Württemberg dafür ein, neben der Simultanschule die Konfessionsschule (wenigstens für Südwürttemberg-Hohenzollern), die konfessionelle Lehrerbildung und den Vorrang des Elternrechts vor der staatlichen Schulhoheit zu verankern. Diese Position vertrat er in einer für ihn ungewohnte Schärfe in einem eigenen Hirtenbrief vom 14.2.1953.
Im allgemeinen wirkte Rauch mehr in die Tiefe als in die Breite, mehr im geduldigen (auch humorvollen) Gespräch als in großen Veröffentlichungen. Das entsprach seinem Grundsatz, das Sein habe Vorrang vor dem Handeln, woraus aber umgekehrt auch folgerte, das Handeln habe dem Sein zu folgen. 1952 erschien, von ihm herausgegeben, ein „Lexikon des katholischen Lebens“, nach seinen Worten eine Summe im Sinne eines geordneten Ganzen, in dem 120 Fachleute die Haltung der Kirche zu den Grundfragen der Zeit formulierten. Ein Manuskript aus der Zeit von 1937/38 wollte Rauch zu einer systematischen Darstellung christlicher Ethik für Laien überarbeiten; R. Schlund konnte es erst aus dem Nachlaß unter dem Titel „Christliche Sittenlehre“ in einem Sammelband „Abhandlungen aus Ethik und Moraltheologie“ 1956 zusammen mit weiteren Schriften von Rauch publizieren. Einen weiteren Sammelband mit Ansprachen, Kriegsbriefen und Hirtenschreiben gab 1955 Rauchs Nachfolger Seiterich unter einem Titel heraus, den Rauch als Wahlspruch verwendet hatte: „Testificatio veritatis“: Die Wahrheit bezeugen.
Werke: Schriftenverzeichnis in: Oberrheinisches Pastoralblatt 55, 1954, 244-247: 3 Monographien, 1 Lexikon (als Hg.), 14 Abhandlungen und Vorträge, mehrere Beiträge zu Sammelwerken und Rezensionen
Nachweis: Bildnachweise: in Schlund, Abhandlungen; Seiterich, Testificatio, Vorsatzblatt

Literatur: E. Seiterich in der Einleitung zu: Testificatio veritatis, Freiburg 1955, 3 ff.; ders., Nekrolog in FDA 77 (NF 9), 1957, 241-247; Robert Schlund, Wendelin Rauch, in: LThK 2. Aufl. 8, 1963, 1011
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