Ferdinand, Horst 

Geburtsdatum/-ort: 04.04.1921;  Ettenheim
Sterbedatum/-ort: 31.12.2004; bei Siegburg, beigesetzt auf dem Friedhof An den Drei Eichen, St. Augustin
Beruf/Funktion:
  • Bundestagsstenograph, Referatsleiter im Deutschen Bundestag, Biograph
Kurzbiografie: 1927-1939 Volksschule in Ettenheim und in Freiburg, 1931-1932 Berthold-Gymnasium Freiburg, 1932-1939 Bismarck-Gymnasium Karlsruhe bis Abitur
1939 Deutscher Kurzschriftmeister
1939-1945 Reichsarbeitsdienst und Wehrmacht (Flak); 1942 Leutnant, Batterieführer. Eisernes Kreuz I. und II. Klasse
1945-1948 Kriegsgefangenschaft in Großbritannien
1948-1949 Stenograph (zeitweilig) im (Süd)Badischen Landtag in Freiburg und bei den Konferenzen der Ministerpräsidenten
1948-1952 Studium der Musikwissenschaft, Philosophie, Psychologie und Germanistik an den Universitäten Heidelberg und Bonn; Promotion zum Dr. phil. in Bonn
1949-1985 In der Verwaltung des Deutschen Bundestages in Bonn als Bundestagsstenograph, 1953 Regierungsrat; 1963 Referent und ab 1974 Leiter des Referates „Interparlamentarische Angelegenheiten“, 1967 Regierungsdirektor und 1974 Ministerialrat
1954-1956 Rechtswissenschaftliche Studien (nebenamtlich) in Bonn
1959-1963 Studium der katholischen Theologie (nebenamtlich) in Bonn, u. a. bei Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.)
1983 Unfall, Querschnittslähmung
1985 Ruhestand und Fortsetzung schriftstellerischer Tätigkeit
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Auszeichnungen: Bundesverdienstkreuz am Bande (1977), Bundesverdienstkreuz Erster Klasse (1985), Medaillen des Europarates, des Europäischen Parlaments und der Nordatlantischen Versammlung, Korrespondierendes Mitglied der Kommission für geschichtliche Landeskunde (1991), Professortitel durch die Landesregierung von Baden-Württemberg (1997), Großes Bundesverdienstkreuz (2001)
Verheiratet: 1949 (Heidelberg) Brigitte, geb. Franke (geb. 1924), Musikerzieherin
Eltern: Vater: Johann Baptist
Mutter: Franziska (Fanny), geb. Dilger (1881-1974)
Geschwister: 4:
Hans (1910-1958 verstorben nach Autounfall)
Erich (1915-1943 gefallen in Russland)
Gerhard (1920-1940 gefallen in Belgien)
Leonore (Lore), verheiratete Kappenberger (geb. 1925)
Kinder: 4:
Christiane (geb. 1954)
Barbara (geb. 1955)
Bernhard (geb. 1961)
Stephan (geb. 1962)
GND-ID: GND/12021556X

Biografie: Bernhard Uttenweiler (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 4, 77-80

„Pack die Probleme an und verliere die Hoffnung nicht“, so könnte man den Titel der Autobiographie „Fac et spera“, die Ferdinand 1986 verfasste, interpretierend übersetzen. Zum Zeitpunkt der Niederschrift seiner Aufzeichnungen war Ferdinand nach einem Anfang Juli 1983 beim Kirschenpflücken in seinem Garten in St. Augustin bei Bonn erlittenen Unfall bereits drei Jahre querschnittsgelähmt. Er hat jedoch schon sechs Monate danach mit ungebrochener Energie die Arbeit als Leiter des Referates „Interparlamentarische Angelegenheiten“ im Rollstuhl sitzend wieder aufgenommen, was, wegen der damit verbundenen beschwerlichen Dienstreisetätigkeit von Bonn nach Straßburg, Luxemburg, Genf und Brüssel, nur dank der Unterstützung durch seine Frau möglich war.
Die Fähigkeit zu zielstrebigem und an der Realität orientiertem Handeln hatte Ferdinand mit seinem Vater gemein. Mit seinen drei Brüdern und der Schwester erlebte Ferdinand in der geräumigen Dienstwohnung des Ettenheimer Amtsgerichts eine unbeschwerte Kindheit. Seine aus Freiburg stammende Mutter hatte dort das Konservatorium besucht und auch die Prüfung als Klavierlehrerin abgelegt. Sie war es, die ihren Sohn mit der Musik in Berührung brachte.
Bedingt durch Versetzungen des Vaters besuchte Ferdinand zuerst das Berthold-Gymnasium in Freiburg und dann das Bismarck-Gymnasium in Karlsruhe, beides humanistische Gymnasien. Zwischen dem schriftlichen und mündlichen Abiturtermin war Ferdinand in Bayreuth „Deutscher Kurzschriftmeister“ geworden, ein mit beharrlichem Fleiß erreichter Erfolg, der seinen späteren beruflichen Weg ausschlaggebend bestimmen sollte.
Wie so vielen jungen Männern war es auch Ferdinand nicht vergönnt, gleich nach dem Abitur das beabsichtigte Musikstudium aufzunehmen. Abgesehen von einem einsemestrigen Studienurlaub von November 1942 bis Februar 1943 musste Ferdinand das Ende des Krieges und der Gefangenschaft abwarten, bis er seine akademische Ausbildung absolvieren konnte. Im April 1939 musste Ferdinand zum Reichsarbeitsdienst, im August bereits zur Wehrmacht einrücken. Er war während des Krieges zunächst in Wilhelmshaven und Hamburg, dann in Westfrankreich, auf dem Balkan und in Lothringen bei der Flakartillerie eingesetzt. Mit 21 wurde er Leutnant, war Batterieführer und geriet schließlich am 24. März 1945 in Weeze an der holländischen Grenze in amerikanische Kriegsgefangenschaft.
Diese an Entbehrungen reiche Zeit der Unfreiheit, die bis zum 10. Mai 1948 dauern sollte, verbrachte Ferdinand in England, wobei zahlreiche kulturelle Aktivitäten, die von den gefangenen Offizieren – nach der Genfer Konvention brauchten sie nicht zu arbeiten – selbst organisiert wurden und bei denen Ferdinand stets als Sänger oder Schauspieler mitwirkte, die bittere Lage aufhellten.
Fast 10 Jahre waren vertan, als der 27-jährige 1948, ohne Berufsausbildung und nur mit den 40 DM Kopfgeld der Währungsreform ausgestattet, erneut anpacken musste. Im Juni dieses Jahres nahm er in Heidelberg das Studium der Musikwissenschaft, der Philosophie, Psychologie und Germanistik auf. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, bewarb er sich bei einem Stenographenbüro, wurde eingestellt und nahm die ersten Verhandlungen der Ministerpräsidentenkonferenzen in Kurzschrift auf. Bei dieser Tätigkeit lernte er die erste Generation der Nachkriegspolitiker kennen. Im Frühjahr 1949 wurde er auch in Freiburg zu den Sitzungen des Badischen Landtages im historischen Kaufhaus hinzugezogen. Im September 1949 hatte sich Ferdinand auf der Suche nach einer festen Anstellung in Bonn zur Protokollierung der Plenarsitzungen im Deutschen Bundestag beworben, musste sich einer „strammen Prüfung“ unterziehen und erhielt zusammen mit noch einem der 30 geprüften Bewerber die Stelle eines Parlamentsstenographen. So wurde er, wie er ein Kapitel im Taschenbuch „Beginn in Bonn“ überschrieb, „Statist im Zentrum“. Jedoch hegte er die Hoffnung, nach Abschluss seiner Studien, die er jetzt in Bonn fortsetzte, eventuell eine Anstellung im Höheren Dienst zu erlangen.
Im August 1949 heiratete Ferdinand in Heidelberg eine Karlsruher Jugendfreundin, mit der er sich schon früh durch die gemeinsame musikalische Neigung verbunden fühlte. Trotz beruflicher Belastung im Bundestag schloss Ferdinand das Studium in Bonn im Dezember 1952 in kürzester Zeit mit der Dissertation: „Das Ordinarium Missae in den Handschriften der Badischen Landesbibliothek“ ab. Unter den bearbeiteten Handschriften waren auch solche aus seiner unmittelbaren Heimat, der Klöster Ettenheimmünster und Schuttern.
Die reproduzierende Tätigkeit eines Stenographen, und sei es die höchst anspruchsvolle im Parlament, war Ferdinand als Lebensaufgabe zu schmal, so dass er sich um eine andere Tätigkeit in der Verwaltung des Bundestages bemühte. Doch zuvor hörte er noch trotz beruflicher Auslastung in Bonn von 1952 bis 1956 juristische und von 1959 bis 1963 u. a. bei dem jungen Joseph Ratzinger theologische Vorlesungen. Ferdinand war von Ratzinger, zu dem sich auch persönliche Kontakte entwickelten und der seine beiden Söhne taufte, tief beeindruckt. Als Ratzinger 1963 von Bonn nach Münster ging, hielt ihm Ferdinand in lateinischer Sprache die Abschiedsrede des Seminars. Bis zu seinem Tode gehörte Ferdinand dem „Schülerkreis Ratzinger“ an, der sich mit seinem ehemaligen Lehrer, auch nach dessen Wahl zum Papst, regelmäßig trifft.
Im März 1963 konnte Ferdinand in das Referat „Interparlamentarische Angelegenheiten“ wechseln, in dem er mehr als 22 Jahre bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1985, zunächst als Geschäftsführer der Bundestagsdelegationen in den Europäischen Versammlungen, dann ab 1974 als dessen Leiter tätig war. Mit dem Amt war eine rege Reisetätigkeit zum Europarat, dem Europäischen Parlament und zu den Versammlungen der Westeuropäischen Union verbunden. Diese Tätigkeit eröffnete ihm den erwünschten Freiraum für persönliche Initiativen und schuf ihm Kontakte und enge Zusammenarbeit mit vielen europäischen Politikern.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass am Beginn seiner umfangreichen schriftstellerischen Tätigkeit die Biographie von Hans Furler stand. Diesem großen Europäer und Badener widmete Ferdinand, selbst ganz und gar von der europäischen Idee durchdrungen, zusammen mit Adolf Kohler das Buch „Für Europa – Hans Furlers Lebensweg“ und den Beitrag in den Badischen Biographien Neue Folge. Trotz der durch die Lähmung bedingten Einschränkung der Bewegungsfreiheit setzte Ferdinand nach seiner Pensionierung 1985 die Reihe seiner Publikationen fort. Von beruflichem Zwang befreit ließ er nun seinem Schaffensdrang freien Lauf. Seine ersten Veröffentlichungen befassen sich vor allem mit dem Deutschen Bundestag und den europäischen Gremien. Unter den vielen sei das von Ferdinand 1988 herausgegebene und eingeleitete Buch „Reden, die die Republik bewegten“ besonders hervorgehoben. Mit diesem Werk, das er 2002 in einer erweiterten zweiten Auflage herausbrachte, gelang Ferdinand eine bedeutende Publikation zur deutschen Nachkriegsgeschichte.
Zahlreich und äußerst beeindruckend in Gedankenreichtum und Sprache sind Ferdinands Biographien, die den zweiten Schwerpunkt seines publizistischen Schaffens bilden. Zusammen mit den in diesem Band postum abgedruckten Kurzbiographien hat Ferdinand über 130 Lebensbeschreibungen von Persönlichkeiten aus Baden-Württemberg verfasst, die in den Bereichen Politik, Musik, Theater, Kunst, Literatur, Philosophie und Theologie tätig gewesen waren und die meist in der neuen Folge der Badischen Biographien und in dieser Reihe veröffentlicht wurden. Der großen Gruppe demokratischer Politiker, beispielhaft sei Bundespräsident Theodor Heuss angeführt, stehen auch Biographien von Tätern wie Opfern aus der Zeit der NS-Diktatur gegenüber, hervorzuheben die über Robert Wagner, den berüchtigten Gauleiter und Reichsstatthalter für Baden und das Elsass.
Ferdinands vielfältige und umfassende Darstellung der parlamentarischen Arbeit in der Bundesrepublik und der interparlamentarischen Beziehungen Deutschlands in Europa wurde zuletzt mit der Verleihung des Großen Bundesverdienstkreuzes gewürdigt. In der Landesvertretung von Baden-Württemberg in Bonn war ihm bereits am 26. August 1997 der Titel Professor verliehen und damit sein Gesamtwerk der biographisch-wissenschaftlichen Publikationen und deren Bedeutung für die Geschichte des Landes Baden-Württemberg gewürdigt worden. Bernd Ottnad hob dabei die thematische Vielfalt des Œuvres von Ferdinand und sein im Umgang mit den antiken Klassikern und der Weltliteratur geschultes elegantes Sprachvermögen hervor.
Seine Dankesworte für die ihm in Bonn erwiesene Ehrung hatte Ferdinand mit dem Gedicht des Barockdichters Paul Fleming beendet, in dem er den poetischen Ausdruck seiner eigenen Lebenshaltung gefunden hatte: „Und acht es für kein Leid, hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen. ... Tu, was getan muss sein.“ Aus dieser Einstellung heraus setzte er seine biographischen Arbeiten bis in die letzten Wochen seines Lebens fort.
Quellen: Autobiographische Aufzeichnungen, insbesondere „Fac et spera – Erinnerungen 1921-1986“, Privatdruck 1987; Bernd Ottnad (Hg), Verleihung des Titels Professor an Horst Ferdinand am 26. 8. 1997 mit Ansprachen von Staatssekretär Christoph Palmer, Gerhard Taddey, Bernd Ottnad, Bürgermeister Bruno Metz, Ettenheim, u. den Dankesworten von Ferdinand.
Werke: Das Ordinarium Missae in den Handschriften d. Bad. Landesbibliothek, Diss. phil. Bonn, 1952; (mit Adolf Kohler), Für Europa – Hans Furlers Lebensweg, 1977; Dr. Johannes B. Ferdinand 1880-1967, in: Dr. J. B. Ferdinand, Aufsätze zur Geschichte Ettenheims, hg. vom Historischen Verein Ettenheim, 1980, 7-20; Beginn in Bonn – Erinnerungen an den ersten Dt. Bundestag, 1985; Die VI. Interparlamentarische KSZE-Konferenz in Bonn, 1986; Reden, die die Republik bewegten, hg. u. eingel. von H. Ferdinand, 1988, 2002 2. Aufl.; Der Dt. Bundestag u. die interparlamentarischen Versammlungen, 1989; Die elf Wahlperioden [Chroniken], in: 40 Jahre Dt. Bundestag, hg. von Günther Neske, 1989 [insges. 11 Beiträge]; Stenographen im Strom d. Zeitgeschichte, in: Neue Stenographische Praxis, 1/1990, 1-17; Schaut auf diese Stadt – Berlin 1945-1990, in: Der Dt. Bundestag – 12. Wahlperiode, Portrait eines Parlamentes, hg. von Günther Neske, 1991, 9-14; Interparlamentarische Beziehungen, Der Dt. Bundestag u. die interparlamentarischen Gremien, 1992 5. Aufl. [versch. Titel bei den jeweiligen Aufl.]; Die Misere d. totalen Dienstbarkeit: Robert Wagner (1895-1946), NSDAP-Gauleiter, in: Eberbacher Geschichtsblatt 1992, 97-209; Nachlese zum vorigen Titel, in: Eberbacher Geschichtsblatt 1993, 208-222; Carl Neinhaus (1888-1965), Aspekte einer umstrittenen Biographie. St. Augustin, Eigenverlag, 2002, (194 S.). – Beiträge in BBNF u. in dieser Reihe in: Gesamtverzeichnis d. Mitarbeiter u. ihrer Beiträge.
Nachweis: Bildnachweise: Rheinischer Merkur vom 3.6.1988, Stuttg. Ztg. vom 26.8.1997, Ettenheimer Stadtanzeiger vom 5.4.2001 u. BH 81, 2001, 359.

Literatur: Peter Meier-Bergfeld, Röntgenbilder aus Bonner Stenoblöcken, in: Rhein. Merkur vom 3.6.1988; (kf) Badischer Chronist deutscher Politik, in: Stuttg. Ztg. vom 26.8.1997; Bernhard Uttenweiler, Ferdinand erhielt in Bonn den Ehrentitel Professor, in: BZ vom 29.8.1997; ders., Beste Wünsche zum Achtzigsten, in: Ettenheimer Stadtanzeiger vom 5.4.2001; Karl Gutzler, Prof. Dr. Horst Ferdinand zum 80. Geburtstag, in: BH 81, 2001, 359-362; Bernhard Uttenweiler, Bundestagspräsident Thierse überreicht dem Ministerialrat das Große Bundesverdienstkreuz, in: BZ vom 10.1.2002.
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