Hirth, Wolf (eigentlich Wolfram) Kurt Erhard (Wolfram)

Geburtsdatum/-ort: 28.02.1900;  Stuttgart-Bad Cannstatt
Sterbedatum/-ort: 25.07.1959;  Nabern, begraben in Stuttgart
Beruf/Funktion:
  • Pionier des Segelflugs
Kurzbiografie: 1916 Erste Flugversuche
1919 Mitglied Nr. 3 des Flugtechnischen Vereins Stuttgart
1920-1926 Mit Paul Brenner Teilnahme am 1. Röhnwettbewerb, Beginn des Ingenieurstudiums an der TH München; Teilnahme am 3. (1922) und 4. Rhönwettbewerb (1924) mit der S 10 mehrere Abstürze und schwere Verletzungen. Einflieger und Fluglehrer bei Segelflugzeugbau Harth-Messerschmitt in Bamberg. Rennfahrer auf Motorrädern von Bruder Hellmuth. Unfall 1925 in Stuttgart mit Beinamputation. Gründung der Akademischen Fliegergruppe Stuttgart
1926-1929 Trotz Behinderung Teilnahme an Motorradrennen. 6 Monate Assistent bei der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt. Motorflugausbildung bei der DLV, A-Schein, 1927 Ingenieurstudium an der TH Stuttgart, 1928 Dipl.-Ing.; Teilnahme an Motorrad- und Flugwettbewerben, zahlreiche Preise, 1. DLV-Zuverlässigkeitsflug über 2 400 km. Flug mit Klemm L 25 la von Böblingen nach Le Bourget-Brindisi-Rom-Marseille und zurück. Hindenburgpokal für Motorflug, Deutsches Sportfliegerabzeichen in Gold Nr. 7 (1929)
1930 Mit Klemm 25 Rekordflug von 25 Std. 11 Min. Flug Duisburg-London-Paris-Böblingen. Flug Berlin-Croydon-Kirkwall-Reikjavik (Island). Sieg beim 1. Elmira-Wettbewerb (USA) mit dem Segelflugzeug „Musterle“. Erster Thermikstreckenflug (52 km) und amerikanischer Streckenrekord (1930). Erste Autoschleppstarts. Erster Segelflug über New York (1931) Leiter der Segelflugschule Grünau im Riesengebirge. Einführung der Windenstarts. Teilnahme am 4. DLV-Zuverlässigkeitsflug, Reise mit Schleppwinde und Segelflugzeugen durch Pommern. Internationales Silbernes Segelflugabzeichen
1933 Bau des Segelflugzeuges „Moazagotl“. Leiter der Segelflugschule Hornberg. Dozent an der TH Stuttgart. Adlerplakette des Reichsverbandes für Leibesübungen
1934 Weltrekord im Streckenflug mit „Moazagotl“ (352 km) beim 14. Rhönwettbewerb, Europa-Rundflug. Südamerikaexpedition zusammen mit Heini Dittmar, Hanna Reitsch, Peter Riedel und Prof. Georgii (Leiter)
1935 3 Monate Segelfluglehrer in Japan. Kreuz des Ordens des heiligen Schatzes, Medaille des Kaiserlichen Aero-Clubs. Zusammen mit Martin Schempp Gründung der Firma Schempp-Hirth in Göppingen, dem ersten Erbauer von Hochleistungssegelflugzeugen in Serie (Wolf, Minimoa)
1936 Ehrenring der Vereins Deutscher Ingenieure. Schwerer Absturz mit Segelflugzeug Grünau Baby in Budapest
1937 Übersiedlung der Firma Schempp-Hirth nach Kirchheim
1938 Alleinflug mit Motorflugzeug Bücker 131 D mit Hirth-Motor 504 nach Johannesburg und Kapstadt (Südafrika)
1939 Einberufung zum Wehrdienst nach Ostpreußen, Fluglehrer für Lastensegler, entlassen 1941
1941-1945 Bau von Versuchsflugzeugen und Flugzeugteilen
1950 Gründung des deutschen Aero-Clubs in Gersfeld/Rhön, Präsident und Mitbegründer des Baden-Württembergischen Luftfahrtverbandes
1951-1954 Erneut Präsident des Deutschen Aero-Clubs, dann Ehrenpräsident
1956 Aufnahme in die Gemeinschaft „Alte Adler“
1958 Lilienthal-Medaille der Fédération Aéronautique Internationale
1959 VII.25. Absturz mit dem Segelflugzeug Lo 150. Beerdigt am 29. Juni 1959 auf dem Waldfriedhof in Stuttgart
Weitere Angaben zur Person: Verheiratet: 1930 Stuttgart, Clara, geb. Wagner (geb. 1907)
Eltern: Dr.-Ing. h. c. Albert (1858-1935), Erfinder und Firmengründer
Karoline, geb. Holz (1861-1932)
Geschwister: Hellmuth, Motorflieger und Motorenbauer
Kinder: 1 Sohn, 2 Töchter
GND-ID: GND/124340830

Biografie: Thilo Dinkel (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 3, 154-157

Als Sohn von Dr.-Ing. e.h. Carl Albert, einem bekannten Erfinder (350 Patente, u. a. Vierfarbstift, Stirnverzahnung) und Firmengründer (u. a. Norma- und Fortuna-Werke) und fünfzehn Jahre jüngerem Bruder des berühmten Motorfliegers und Motorenkonstrukteurs (Hirth-Motorenwerke) Hellmuth Hirth waren ihm Technik und Fliegerei sozusagen in die Wiege gelegt. Schon als Realschüler wurde er 1913 Mitbegründer des Stuttgarter Modell-Aeroclubs und machte 1916 die ersten Flugversuche mit einem selbstgebauten Gleitflugzeug. Nach Notabitur 1918 zur Fliegerei eingezogen, wurde er wegen eines Sehfehlers nicht zum Fliegen zugelassen. Nach Praktikantenzeit bei der Firma Junghans in Schramberg und Daimler-Benz in Stuttgart – Untertürkheim begann er 1920 das durch fliegerische Aktivitäten oft unterbrochene Ingenieurstudium an der TH München, war dazwischen aber im Jahre 1923 Einflieger und Fluglehrer beim Segelflugzeugbau Harth-Messerschmitt in Bamberg, 1926 sechs Monate Assistent an der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt und schloß das Studium am 1. Juli 1928 mit dem Dipl. Ing. an der TH Stuttgart ab. Dazwischen lag schon eine ausgefüllte Karriere als Segelflieger (Teilnahme an fast allen Rhönwettbewerben) und siegreicher Rennfahrer mit Motorrädern, deren Leichtmetallmotoren der Bruder Hellmuth gebaut hatte. Leider erlitt Hirth bei diesen Sportarten mehrere schwere Unfälle, die ihn lebenslang behinderten. Zu einer Kehlkopfquetschung bei einem Flugzeugabsturz 1922 in der Rhön kam dort 1923 ein schwerer Beckenbruch mit Verkürzung des rechten Beins dazu und schließlich nach 8 Siegen in Motorradrennen des Jahres 1924 im folgenden Jahr ein Motorradunfall mit linker Oberschenkelamputation. Trotzdem fuhr er weiter und gewann 1926 den großen Preis von Deutschland und das Berliner AVUS-Rennen. 1936 kam noch ein Absturz in Budapest hinzu, wobei Hirth schwerste Unterleibsverletzungen erlitt. Die fliegerischen Leistungen sind also umso höher einzuschätzen, als sie unter schwersten körperlichen Behinderungen erzielt wurden. Unermüdlich propagierte Hirth den Segelflug, besonders als er 1928 technischer Berater beim Württembergischen Luftfahrtverband wurde und in der Folgezeit rund 60 Fliegergruppen gründete. Im selben Jahr gewann er beim Segelflugwettbewerb in Vauville/Frankreich alle vier Preise. Auch in Übersee warb er für den Segelflug, so 1930 in den USA, wo er erfolgreich am Elmira-Wettbewerb teilnahm und seinen späteren Partner Martin Schempp kennenlernte. Damals machte er den ersten Segelflug über New York. 1934 schloß sich die Südamerikaexpedition an und im Jahr darauf ein Aufenthalt in Japan. Er leistete aber auch als Motorflieger mit Klemm-Leichtflugzeugen vor allem bei Langstreckenflügen Hervorragendes, wobei besonders der 25-Stunden-Flug und der Flug nach Island im Jahr 1930 hervorzuheben sind. Letzteren mußte er wegen überzogener Forderungen der dortigen Regierung abbrechen, geplant war der Weiterflug nach Amerika. Schon 1929 wurde deshalb Hirth wegen seiner Leistungen im Motorflug mit dem Hindenburgpokal ausgezeichnet, den er 1932 auch für Segelflug erhielt. Aber auch als Fluglehrer und Flugzeugkonstrukteur war er Bahnbrecher. So führte er den Windenstart im Flachland ein, baute 1933 das Hochleistungssegelflugzeug „Moazagotl“, das erstmals Wasserballast mitführte, und das wegen seiner eleganten Form mit geknickten Flügeln bis heute vielen als das schönste aller Segelflugzeuge gilt. Als Leiter der Segelflugschule Grünau, ab 1931, wo er die später berühmtgewordene Fliegerin Hanna Reitsch ausbildete, und ab 1933 als Leiter der Segelflugschule Hornberg begeisterte er unzählige junge Leute für den Segelflug. Im selben Jahr wurde er auch Dozent an der TH Stuttgart. In Grünau hatte er zusammen mit Schneider das Schulflugzeug „Grünau Baby“ konstruiert, das sich zu einem Verkaufsschlager entwickelte. Die Stückzahl von über 5 000 blieb bis heute unübertroffen. 1935 gründete er zusammen mit Martin Schempp die Firma Schempp-Hirth OHG in Göppingen, in der erstmals Hochleistungssegelflugzeuge, nämlich „Wolf und „Minimoa“, in Serie gebaut wurden, aber auch Windkanal- und Versuchsmodelle für Dornier. 1937 wurde die Firma nach Kirchheim verlegt. 1938 ist der Langstreckenflug nach Kapstadt hervorzuheben. Im Jahr 1939 entstanden zwei vielversprechende Flugzeugtypen, der Schuldoppelsitzer Gö 4, meist „Goevier“ geschrieben, und der kunstflugtaugliche „Habicht“. In Wolfgang Hütter hatte Hirth einen genialen Mitkonstrukteur gewonnen. Der Kriegsausbruch verhinderte einen größeren Erfolg. Immerhin wurden noch über 100 „Goevier“ gebaut, da sie während des Krieges als Schulflugzeuge gebraucht wurden. Trotz seiner schweren körperlichen Behinderungen wurde Hirth bei Kriegsanfang als Fluglehrer für Lastensegler eingezogen, aber 1941 entlassen, um die Leitung der schon 1940 von der Firma Schempp-Hirth abgetrennten „Wolf Hirth GmbH“, intern „Versuchsbau Nabern“ genannt, zu übernehmen. Beide Firmen bekamen durch die alten Kontakte Hirths zu Messerschmitt schon im Herbst 1940 gewaltige Rüstungsaufträge, vor allem Leitwerke für den Lastensegler Gigant. Die „Wolf Hirth GmbH“ baute auch Leitwerke für das berühmte Jagdflugzeug Me 109. Daneben wurden in Nabern verschiedene Versuchsflugzeuge gebaut, wobei es seit Herbst 1943 auch zu einer Verbindung mit Ernst Heinkel und der Ausgliederung der „Hütter GmbH“ zwecks Bau eines Fernaufklärers und Nachtjägers kam. Zuletzt arbeitete die „Wolf Hirth GmbH“ mit der Firma Bachern zusammen an der Entwicklung des Raketenjägers „Natter“. Parallell zu diesen Aufträgen ging die Ausweitung der Firma, die bis zu 740 Personen beschäftigte und den Krieg weitgehend unbeschädigt überstand. Hirth versuchte nach dem Kriege, die Firma mit Möbelbau über Wasser zu halten, mußte aber schließlich den Vergleich anmelden. Übrig blieb nur eine kleine Flugzeugwerkstatt, während auf dem Gelände sich heute ein Industriepark befindet. Sofort nach Kriegsende setzte sich Hirth für die Wiederzulassung des Segelflugs ein, wurde 1950 Präsident des deutschen Aero-Clubs (1954 Ehrenpräsident) und Mitbegründer des Baden-Württemberg Luftfahrtverbandes und war unermüdlich tätig, um überall Segelfliegergruppen zu gründen und zu beraten. Die Aufnahme in die Gemeinschaft „Alte Adler“ im Jahr 1956 und zwei Jahre darauf die Lilienthalmedaille der Fédération Aéronautique Internationale krönten sein Fliegerleben, das mit dem tragischen Absturz sein Ende fand. Er wurde am 29. Juli 1959 auf dem Waldfriedhof in Stuttgart begraben. Sein Name lebt weiter in den Flugzeugwerken Schempp-Hirth in Kirchheim und in der kleinen Flugzeugwerft in Nabern, die noch im Besitz der Familie Hirth ist.
Werke: Hanns wird Flieger. Werden und Wandern eines Segelfliegers, 1935; Der Autoschleppstart von Segelflugzeugen, o. J.; Jugend und Segelflug, o. J.; Im Sportflugzeug über drei Erdteilen, 1939, 3. Aufl. 1943; Mit Segelfliegern über Deutsch-Südwest, 1939, 3. Aufl. 1948; 12 Gebote für Segelflieger, ausgelegt von Peter Supf, 1951; (zusammen mit Peter Supf) Flug ins Goldland. Das Geheimnis von Ophir, 1953, neue Ausgabe 1959; Hg. und Mitverfasser von: Die hohe Schule des Segelfluges, 1933, 3. erweiterte Aufl. (Anleitung zum thermischen Wolken- und Gewitter-Segelflug) 1935, zahlreiche weitere Ausgaben, u. a. englisch und polnisch; Handbuch des Segelfliegens, 1938 (zahlreiche weitere Ausgaben, auch schwedisch, rumänisch und spanisch, bis zur 8. neubearbeiteten Aufl. 1963); Vorwort zu: Paul G. Erhardt, Der Flieger-Robinson, um 1931. Weitere Beiträge: „Segelflug“ in: Julius Schulz (Hg.): Flieger-Handbuch, 1937; Vom Segelflug zum Segelflugzeug. In Abhandlungen und Berichte des Deutschen Museums, 10, 4, 1938, 92-118; Segelflug erobert die Welt, hg. von Georg Brütting. 4. ergänzte und erweiterte Aufl. 1944, 240 S.
Nachweis: Bildnachweise: Zahlreiche Fotos in Schriftenreihe Stadtarchiv Kirchheim u. T. 12 (1990), vgl. Literatur

Literatur: Mehr oder weniger ausführliche Nekrologe in allen wichtigen Tageszeitungen und vielen Wochen- und Monatsschriften von 1959, u. a. E. Schlenker in Baden-Württemberg 8 (1959) 48; Stuttgarter Zeitung 15 (1959) Nr. 169, 10; Munzinger-Archiv vom 20.06.1959 und 17.10.1959; Georg Brütting, Segelflug und Segelflieger, 1935, 215 S.; Rolf Italiaander (Hg.), Wolf Hirth erzählt. Die Erlebnisse unseres erfolgreichen Meister-Fliegers, 1935, zahlreiche Neuauflagen bis 1952; ders., Wegbereiter deutscher Luftgeltung, 1941; Lisa Heiss, Erfinder – Rennfahrer – Flieger, 1949, 247 S.; Georg Brütting, Die Geschichte des Segelflugs, 1972; Jochen von Kalkreut/Peter Riedel, Start in den Wind. Erlebte Rhöngeschichte 1911-1926, 1977; Peter Selinger, Segelflugzeuge – Vom Wolf zum Mini-Nimbus, 1978; Günther Schmitt, Als die Oldtimer flogen, 1980; Georg Brütting, Die berühmtesten Segelflugzeuge, 1981; Gerhard Aders, Die Schempp-Hirth OHG in Kirchheim u. T. und die Wolf-Hirth GmbH in Nabern. In: Schriftenreihe des Stadtarchivs Kirchheim u. T. 12 (1990) 109-127; Gert Behrsing, Wolf Hirth. In: NDB IX, 237 f.
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