Molitor, Raphael 

Andere Namensformen:
  • Taufname: Fidelis Engelbert
Geburtsdatum/-ort: 02.02.1873;  Sigmaringen
Sterbedatum/-ort: 14.10.1948;  Beuron
Beruf/Funktion:
  • Benediktinerabt, Musik- und Kirchenrechtswissenschaftler
Kurzbiografie: 1882-1889 Gymnasium Konstanz
1890 Eintritt in die Benediktinerabtei Beuron
1891 Einfache Gelübde
1895 Feierliche Gelübde
1897 Priesterweihe
1898-1905 Lektor in Beuron
1904 Konsultor der Päpstlichen Kommission zur Herausgabe der neuen Choralbücher
1905 Prior des Benediktinerabtei Gerleve
1906 Abt von Gerleve
1907 Konsultor der Kommission für die Kodifizierung des Kirchenrechts
1917-1922 Stellvertretender Leiter der Beuroner Benediktinerkongregation
1931 Dr. theol. h. c. Universität Münster
1936-1948 Präses der Beuroner Benediktinerkongregation
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Eltern: Vater: Johann Baptist Molitor (1834-1900), Lehrer und Chordirektor in Sigmaringen, Organist in Beuron, seit 1882 Chordirektor am Konstanzer Münster, später Domkapellmeister in Leitmeritz
Mutter: Maria, geb. Glas (1836-1884)
Geschwister: Gregor (1867-1926), Benediktiner, Kirchenmusiker
Rosa (1869-1953), verheiratet mit Ernst von Werra (1854-1913), Chordirigent am Konstanzer Münster
Heinrich (1868-1933), Benediktiner
Ambrosius (1870-1956), Benediktiner
GND-ID: GND/127210202

Biografie: Marcel Albert (Autor)
Aus: Württembergische Biographien 1, 181-183

Molitor besuchte die Volksschule in Sigmaringen. Seine Ausbildung am Konstanzer Gymnasium brach der nicht sehr erfolgreiche Schüler, der bei seinem Vater Orgelspiel lernte, vorzeitig ab. Als 17jähriger wurde er 1890 zum Organisten der Prager Benediktinerabtei Emmaus ernannt. Er nahm die Stelle jedoch nicht an, sondern trat wie seine Brüder in die Abtei Beuron ein, wo er nach dem Noviziat und dem Abschluss der Schulausbildung Philosophie und Theologie studierte. Anschließend wurde der 23jährige 1896 für zwei Jahre an die römische Benediktineruniversität S. Anselmo geschickt. Nach der Priesterweihe unterrichtete er in Beuron Dogmatik, Kirchenrecht, Moral- und Pastoraltheologie. Einen Italienaufenthalt nutzte Molitor, um Archivforschungen zur Geschichte des katholischen Choralgesangs anzustellen. Das Ergebnis veröffentlichte er 1901 in seinem Werk „Die nachtridentinische Choralreform zu Rom“. Die These, dass es sich bei der damals in der Liturgie vorgeschriebenen „Editio Medicaea“ nicht um eine authentische Ausgabe des gregorianischen Repertoriums handelte, erhöhte die Bereitschaft zu einer völligen Neubearbeitung der Choralbücher. 1904 erschien Molitors zweite Monographie „Deutsche Choralwiegendrucke“, die er Pius X. in Privataudienz überreichte. Der Papst ernannte Molitor zum Konsultor der Kommission für die Reform der Choralbücher. In dieser Funktion wirkte Molitor an der Herausgabe der „Editio Vaticana“ des „Graduale Romanum“ (1908) mit.
Inzwischen war er zum Prior und Abt des 1899 von Beuron gegründeten westfälischen Klosters Gerleve ernannt worden. Als Klostervorsteher scheiterte er zwar durch die Missgunst der Zeiten an der Aufgabe, den architektonischen Ausbau der Abtei zu vollenden. Allerdings erweiterte er die schon bestehenden Bauten beträchtlich. Vor allem aber gelang ihm die personelle Konsolidierung der Gründung. Molitor förderte die Begabungen seiner Mönche. Entsprechend seinen eigenen Interessen lag dabei der Schwerpunkt auf musikalischen, theologischen sowie kirchenrechtlichen Arbeiten. Durch die Pflege des Chorals, die Anschaffung einer wertvollen Orgel, den Aufbau der Klosterbibliothek und die sorgfältige Ausbildung entsprechend qualifizierter Mönche wurde Gerleve rasch zu einem künstlerisch-wissenschaftlichen Zentrum.
Dem überaus arbeitsamen Molitor gelang es auch als Abt, seine eigenen Forschungen fortzusetzen. Sein Ruf als Ordensrechtler brachte ihm 1907 die Ernennung zum Konsultor der Päpstlichen Kommission zur Kodifizierung des Kirchenrechts. Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit wurde das aus vielfach unveröffentlichten Quellen schöpfende Werk „Aus der Rechtsgeschichte benediktinischer Verbände“, in dem Molitor die besondere Struktur des Benediktinerordens herausarbeitete. Er verteidigte die Autonomie der einzelnen Klöster gegen unberechtigte Eingriffe übergeordneter Zusammenschlüsse wie den Kongregationen. Das musste insbesondere in der Beuroner Kongregation zu Konsequenzen führen, deren Leitung nach den Konstitutionen der Beuroner Erzabt innehatte. Molitor hielt das aus verfassungsrechtlichen Gründen für bedenklich. Nachdem er die Kongregation bereits 1917 bis 1922 geleitet hatte, erreichte er 1936 die Einführung des Präsessystems, demzufolge der Abt jedes angeschlossenen Klosters vom Generalkapitel zum Kongregationsleiter gewählt werden konnte. Molitor selbst wurde daraufhin zum ersten Präses gewählt. In dieser Funktion erlebte er jedoch viele Enttäuschungen. Nach dem Ersten Weltkrieg traten die belgischen und englischen Klöster aus dem Verband aus. 1918 bis 1922 leitete Molitor als Administrator die in eine schwierige Situation geratenen Prager Klöster Emmaus und St. Gabriel. Während die deutschen Mönche von Emmaus 1919 mehrheitlich ins schlesische Grüssau gingen, wurde die Frauenabtei St. Gabriel 1920 nach Österreich verlegt.
Auch die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur verlangte von Molitor viel Wachsamkeit sowohl gegenüber Äbten und Mönchen, die mit den Machthabern sympathisierten, wie auch angesichts der antiklösterlichen Schikanen des Regimes. Den drohenden Klosteraufhebungen suchte Molitor durch eine Studie über „Orden und Kloster als kirchliche Persona moralis“ vorzubeugen. In Deutschland und Österreich wurden fünf Beuroner Klöster aufgelöst. Für den 1945 heimatvertriebenen Grüssauer Konvent musste eine neue Heimat gesucht werden. Gerleve trat unter Molitors Leitung zunächst besonders durch seine Anstrengungen im Bereich der Kirchenmusik hervor. Als jedoch Pius XI. den Benediktinerorden aufforderte, sich für die kirchliche Einheit mit den Ostkirchen einzusetzen, gab Molitor dem Konvent eine neue Richtung. Seit 1930 betrieben Gerlever Mönche ostkirchliche Studien. Doch bevor diese Arbeit nachhaltige Früchte tragen konnte, erfolgte 1941 die Auflösung des Klosters durch die Gestapo. Erst 1945 konnte der Konvent nach Gerleve zurückkehren. Raphael Molitor starb 1948 während des Generalkapitels in Beuron, das die von ihm vorbereitete Neufassung der Konstitutionen verabschieden sollte.
Quellen: Archiv der Benediktinerabtei Gerleve, Billerbeck; Archiv der Beuroner Benediktinerkongregation, Beuron.
Werke: Bibliographie der deutschsprachigen Benediktiner, 1880-1980, Bd. 2, 1987, 614 f.; Die Nach-Tridentinische Choral-Reform zu Rom, 2 Bde., 1901/1902, ND 1967; Deutsche Choral-Wiegendrucke, 1904; De privilegiis Cassinensium brevis relatio, 1917; Aus der Rechtsgeschichte benediktinischer Verbände, 3 Bde., 1928/1933; Das Sakrament der Weihe, 2 Bde., 1938; Orden und Kloster als kirchliche Persona moralis, 1939; (Hg.), Vir Dei Benedictus. Eine FG zum 1400. Todestag des hl. Benedikt, 1947.
Nachweis: Bildnachweise: Zahlreiche Fotos im Archiv der Benediktinerabtei Gerleve, Billerbeck.

Literatur: Sterbechronik des hochwürdigsten Herrn Abtes Dr. R. Molitor, 1948; Basilius Steidle, Abtpräses R. Molitor, in: Benediktinische Monatsschrift 24 (1948), 463-465; Lucas Kunz, R. Molitor, in: Zs. für Kirchenmusik 69 (1949), 84 f.; ders., R. Molitor, in: MGG 9, 1961, 439; H. Riemann, Musiklexikon, Personenteil, L-Z, 12. Aufl. 1961, 237; Gerhard Oesterle, R. Molitor als Schriftsteller des Ordensrechts, in: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktiner-Ordens und seiner Zweige 73 (1962), 14-40; Martin Uhlenbrock, R. Molitor, in: NDB 17, 727 f.; Johanna Buschmann, Beuroner Mönchtum, 1994; Benedikt Pahl, Abt Adalbert Graf von Neipperg und die Gründungs- und Entwicklungsgeschichte der Benediktinerabtei Neuburg bei Heidelberg bis 1949, 1997; Marcel Albert, Abt in Krieg und Frieden. Die Briefe Abt Columba Marmions im Gerlever Abteiarchiv, in: Erbe und Auftrag 74 (1998), 28-39; Die Benediktinerabtei Gerleve. Ihr Werden, Wachsen und Wirken, 1998; Stephan Petzold, R. Molitor, in: LThK 7, 3. Aufl. 1998, 384; Brigitte Lob, Albert Schmitt OSB, 2000.
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