Grimm, Josef Alois 

Andere Namensformen:
  • SJ (Societas Jesu)
Geburtsdatum/-ort: 24.10.1886;  Külsheim
Sterbedatum/-ort: 11.09.1944; Brandenburg-Görden
Beruf/Funktion:
  • Gymnasialprofessor, Widerstandskämpfer
Kurzbiografie: 1893-1901 Volksschule Külsheim
1901-1907 Gymnasium Tauberbischofsheim, mit Abitur
1907-1908 Noviziat Societas Jesu (SJ) Tisis/Feldkirch
1908-1912 Studium der Philosophie Valkenburg/Holland
1912-1916 Lehrer für Latein, Griechisch, Deutsch „Stella Matutina“ Feldkirch
1916-1920 Studium der Theologie Valkenburg
1917-1918 Sanitäter Rethel (Frankreich) und Verviers (Belgien)
1920 Priesterweihe Valkenburg
1921-1922 Tertiat Florenz
1922-1926 Studium der klassischen Philologie, Deutsch und Geschichte Wien und Heidelberg
1926-1934 Prof. an der „Stella Matutina“ Feldkirch
1930-1932 geistlicher Leiter der Schülergruppe St. Christoph Feldkirch
1934-1939 Prof. Jesuitenkolleg St. Blasien/Schwarzwald
1939-1940 Lehrer Noviziat SJ Tisis/Feldkirch
1939-1943 wissenschaftlicher Mitarbeiter Wiener Akademie der Wissenschaften und Seelsorgeaushilfe Tisis/Feldkirch
1943 Verhaftung durch die Gestapo
1944 Todesurteil und Hinrichtung
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Verheiratet: unverheiratet
Eltern: Vater: Alois Grimm, Landwirt
Mutter: Maria Theresia Grimm, geb. Düll
Geschwister: 5 (1 Bruder, 4 Schwestern)
GND-ID: GND/130244589

Biografie: Clemens Siebler (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 2, 107-108

Grimm war im Schoße einer kinderreichen Bauernfamilie aufgewachsen. Als der ältere von zwei Söhnen war er früh dazu bestimmt, den elterlichen Hof zu übernehmen. Doch schon mit 14 Jahren zeigte er sich den Vorstellungen des Vaters wenig gewogen und erreichte, daß ihm der Vikar des Heimatdorfes Unterricht in Latein und Griechisch erteilte. So konnte Grimm 1901 in die Untertertia des humanistischen Gymnasiums eintreten und bestand 1907 die Reifeprüfung mit der Gesamtnote „sehr gut“. Zum Zeitpunkt seines Abiturs hatte Grimm noch keine festen Berufspläne. Neben dem Wunsch, Priester zu werden, dachte er zeitweise daran, als Offiziersanwärter bei der Kriegsmarine einzutreten oder Altphilologie zu studieren. Mehr Klarheit erhoffte er sich von geistlichen Exerzitien, die er in den Sommerferien 1907 bei den Jesuiten in Valkenburg machte. Noch von Holland aus stellte er einen Aufnahmeantrag in das Noviziat der Gesellschaft Jesu in Tisis bei Feldkirch. Auch diese Entscheidung traf er gegen den Willen seiner Eltern.
Nach dem Noviziat und dem dreijährigen Studium zu Valkenburg wirkte Grimm vier Jahre als Lehrer für Deutsch und alte Sprachen am Jesuitengymnasium „Stella Matutina“ in Feldkirch. Das 1916 abermals in Valkenburg aufgenommene Theologiestudium, das er wegen seines Kriegsdienstes als Sanitäter unterbrechen mußte, schloß er mit der Priesterweihe ab. Nachdem er in Florenz sein Tertiat gemacht und seinen seelsorgerlichen Eifer im Wiederaufbau der deutschen Gemeinde zum erstenmal eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatte, bestimmten ihn seine Ordensoberen endgültig für das Lehramt an höheren Schulen. Zu diesem Zweck studierte er in Wien und Heidelberg klassische Philologie, Deutsch und Geschichte. Mit den besten Noten bestand er sein Staatsexamen.
Nach Abschluß des Studiums wirkte Grimm acht Jahre als Professor an der „Stella Matutina“ in Feldkirch. Jedermann wußte, daß er an sich und seine Schüler gleichermaßen hohe Anforderungen stellte. Seine Autorität galt als unbestritten. Obwohl er als ein strenger Lehrer bekannt war, zeigte er sich im persönlichen Umgang mit den Jugendlichen sehr freundlich und hilfsbereit. Dies erklärt sicher auch, weshalb er in der kirchlichen Jugendbewegung sehr geschätzt war. 1930 erbat sich ihn eine Gruppe von Schülern des staatlichen Gymnasiums Feldkirch als geistlichen Leiter, denn man war mit den in der Schülervereinigung gepflegten Traditionen nicht mehr einverstanden. Grimm, der von christlicher Jugenderziehung zeitgemäßere Vorstellungen hatte und sich daher auch des persönlichen Wohlwollens des Diözesanbischofs erfreute, gründete daraufhin die Schülergruppe St. Christoph. Da sich die Schülervereinigung des staatlichen Gymnasiums jeden Erneuerungsbestrebungen widersetzte, kam es alsbald zu ernsthaften Rivalitäten. Grimm, der wegen seiner Reformideen der Ruhestörung bezichtigt wurde, gab daher im Sommer 1932 seine Tätigkeit in der Jugendgruppe auf, ohne daß für die Zukunft der Kontakt zwischen den Schülern und ihrem geschätzten Seelenführer gänzlich abgebrochen wurde.
Im Frühjahr 1933 hatten die neuen Machthaber des Deutschen Reiches die „Tausend-Mark-Sperre“ über Österreich verhängt. Daher war es den deutschen Schülern seit 1934 nicht mehr möglich, an der „Stella Matutina“ zu verbleiben. Mit der Gründung eines deutschen Zweiges im ehemaligen Kloster St. Blasien kam Grimm für einige Jahre in seine badische Heimat zurück, bis das Jesuitenkolleg, schon seit der Eröffnung den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge, seine Pforten schließen mußte (1939). Noch für ein Jahr konnte Grimm im Feldkircher Ordenshaus eine Anstellung als Lehrer finden; dann wurde auch diese Niederlassung geschlossen. Grimm widmete sich in den kommenden Jahren nahezu ausschließlich seinen privaten Studien. Zeitweilig war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Wiener Akademie der Wissenschaften tätig, wo er die kritische Ausgabe des Ambrosiaster für das „Corpus scriptorum latinorum ecclesiasticorum“ vorbereitete, half in Feldkirch aber auch tatkräftig in der Seelsorge mit.
Allein schon die Zugehörigkeit zur Gesellschaft Jesu genügte, daß sich Grimm bei den politischen Führern mißliebig machte, zumal der Gestapo nicht verborgen bleiben konnte, daß die Feldkircher Jugend trotz des „Sonderverbots“ von seiten des Gauleiters Hofer auch weiterhin den Weg zu ihm fand. Noch mehr aber zog er sich die Feindschaft der Nationalsozialisten zu, weil er in seinen Predigten das Gewaltregime unmißverständlich anklagte. In dieser Hinsicht stellten ohne Zweifel Grimms Feldkircher Fastenpredigten (1943) einen Höhepunkt dar. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis man den seit Jahren unliebsam gewordenen und wohl auch schon mehrfach denunzierten Jesuitenpater überführen konnte. Man tat dies in der Weise, daß man sich eines Spitzels bediente, der sich unter dem Vorwand, konvertieren zu wollen, das persönliche Vertrauen des Priesters erschlich. In seinem apostolischen Eifer und seelsorgerlichen Verantwortungsbewußtsein schlug Grimm alle gutgemeinten Warnungen seiner Freunde in den Wind. Als der angebliche Konvertit noch einen „Gesinnungsfreund“ mitbrachte, trat jene Person in den Wirkungskreis Grimms ein, die später als Zeuge vor dem Volksgerichtshof zu fungieren hatte. Der Weg des Jesuiten führte unaufhaltsam in die Katastrophe. In Feldkirch von der Gestapo verhaftet, brachte man ihn zunächst nach Innsbruck, um ihn dort den beiden Spitzeln gegenüberzustellen.
Über München erfolgte sein Transport nach Berlin. Einem Ritterkreuzträger, der früher auf dem elterlichen Bauernhof in Külsheim gearbeitet hatte, war es zu verdanken, daß wenigstens der geheim gehaltene Aufenthaltsort in Erfahrung gebracht werden konnte. Über Grimms Vernehmungen und Verhöre wurde nur wenig bekannt; sein Prozeß, der am 12.8.1944 vor dem 1. Senat des Volksgerichtshofes begann, lief unter „Geheime Reichssache“. Erst kurz vor Prozeßbeginn wurde sie als „öffentlich“ erklärt, so daß es weder Ordensmitgliedern noch Verwandten des „Angeklagten“ möglich war, im Verhandlungssaal anwesend zu sein. Noch vor dem Einmarsch der Alliierten konnte die Gestapo die Prozeßakten vernichten. Grimm aber hatte seine Selbstverteidigung, die er auf Grund der ihm ausgehändigten Anklageschrift anfertigte, auf einem Zettel skizziert und in sein Brevier gelegt, das später seinen Familienangehörigen ausgehändigt wurde. Dank dieses glücklichen Umstandes erfuhr die Nachwelt den Grund seiner Verurteilung und Hinrichtung. Obwohl er die gegen ihn erhobenen Vorwürfe Punkt für Punkt widerlegen konnte, wurde er wegen „Defätismus und Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt. Gleichzeitig wurden ihm die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt. Grimm selbst bezeichnete das gegen ihn erlassene Urteil als „ungerechtfertigt“. Die Gnadengesuche, die der Verteidiger und die Wiener Akademie der Wissenschaften an Hitler richteten, kamen als abgelehnt zurück.
Am 11. 9. 1944 starb Grimm unter dem Fallbeil. In vollem Bewußtsein seiner Unschuld war er in den Tod gegangen; die ihm angebotenen Beruhigungsmittel hatte er entschieden verweigert. Seine Asche wurde zunächst auf einem Berliner Friedhof beigesetzt; sie konnte aber 1949 nach St. Blasien überführt werden.
Nachweis: Bildnachweise: Foto StAF, Bildnissammlung, und vgl. Literatur Schühly sowie Stadt Külsheim, zugleich Hinweise auf mehrere Gedenktafeln, u. a. in Kirche Maria Lindenberg bei St. Peter/Schw.

Literatur: Günther Schühly SJ, Pater A. Grimm SJ, in: Mitteilungen aus den deutschen Provinzen, Hg.: Die deutschen Jesuitenprovinzen, Bd. 18, Heft 1 (Nr. 117), Köln 1957; Benedicta M. Kempner, Priester vor Hitlers Tribunalen, München 1966; Günther Schühly SJ, In Treue zu Christus und seiner Kirche. Zum 39. Todestag von Pater A. Grimm SJ, in: Konradsblatt, 67. Jg. Nr. 37, 13, Karlsruhe 1983; „Führe mich, wohin Du willst“. Pater A. Grimm SJ, Hg.: Stadt Külsheim u. a., Hardheim 1984.
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