Xaver Henselmann: Architekturentwürfe eines Frontsoldaten

Skizze vom 17. Juni 1915. Titel: Den Siegern. Bleistift auf Papier, 20,1 x 15,6 cm. Vorlage LABW StAS Nachlass Xaver Henselmann FAS Sa A 7 T 1 Nr. 571
Skizze vom 17. Juni 1915. Titel: Den Siegern. Bleistift auf Papier, 20,1 x 15,6 cm. Vorlage LABW StAS Nachlass Xaver Henselmann FAS Sa A 7 T 1 Nr. 571

Xaver Henselmann, 1881 in Laiz bei Sigmaringen geboren, verbuchte als gelernter Zimmermann und Absolvent der Königlich Württembergischen Baugewerbeschule in Stuttgart schnell berufliche Erfolge in Züricher und Dresdener Architekturbüros. 1912 bis kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges reiste er durch Europa und zählte zu den ersten Stipendiaten der Villa Massimo in Rom. Am Morgen des 1. August 1914 schreibt er aus Stuttgart den Eltern und Geschwistern in Laiz: […] Bevor wir in das verhängnisvolle ungewisse Dunkel hineingehen, wäre ein Wiedersehen gewiß noch eine herzliche Freude. Wenige Tage später wird er Landwehrmann der 5.Kompanie des Württembergischen Landwehr-Infanterie-Regiments Nr. 119. In der Nacht des 14. August 1914 bekommt er im Elsass – wie er in seinem Kriegstagebuch notiert, das als Abschrift im Staatsarchiv Sigmaringen im Nachlass Anton Bumillers enthalten ist – von der bösen Wirkung des Krieges […] einen Vorgeschmack. Die Erde zitterte vor dem schaurigen Bild der entfesselten Naturgewalten, in das sich Feuerschein und Geschützdonner mischen. Und als wir am anderen Morgen an der Unglücksstätte vorbeikamen, sahen wir einstürzende Dachkonstruktionen und Gebälk, tote und verwundete Kameraden. Tote Pferde. Tief in die Seele einschneidendes Bild. 1915 – der Bewegungskrieg und die Hoffnung auf ein schnelles Kriegsende weichen dem Stellungskrieg. Seit April des Jahres ist Henselmann dem Fernsprechtrupp des II. Bataillons zugeteilt und wird zum Unteroffizier befördert. In den folgenden drei Jahren steigt er bis zum Leutnant (1917) auf und hält in Skizzen und Aquarellen das Soldatenleben, die Dörfer und Landstriche des Elsass' fest. Einzelne Blätter, welche die Zensur passieren, werden – vermutlich ab 1916 – zur Publikation in Zeitschriften oder als Feldpostkartenserie freigegeben.

Im Kaiserreich, insbesondere unter Wilhelm II., standen Kriegervereine und Denkmäler hoch im Kurs. Insofern verwundert es nicht, dass die Erinnerungskultur bereits zu Kriegszeiten gepflegt wurde. Zwischen März und November 1915 fertigte Henselmann zahlreiche Entwürfe zu Kriegerdenkmälern. Allen gemein sind deren Monumentalität und der Architekturstil der wilhelminischen Zeit. Motto und Denkmaltypus variieren hingegen. So entwirft Henselmann Heldengräber, dem deutschen Volk gewidmete Zentralbauten und Siegessäulen – möglicherweise dem Kriegsverlauf entsprechend, den er aus Briefen und als Mitglied des Fernsprechtrupps direkt aus erster Hand erfahren haben dürfte. Inwiefern die Entwürfe aus eigenem Antrieb heraus oder im Auftrag entstanden sind, lässt sich nicht klären. Kein Entwurf wurde umgesetzt. Henselmann selbst erlag am 8. Juni 1918 in einem Lazarett seinen Verletzungen. Sein Leichnam wurde nach Laiz überführt und fand in einem 1921 von dem Bildhauer und späteren Akademieprofessor Josef Henselmann gestalteten Grab seine letzte Ruhe. Sein künstlerischer Nachlass ist Teil des im Staatsarchiv Sigmaringen hinterlegten Fürstlich Hohenzollernschen Haus- und Domänenarchivs und wird derzeit erschlossen. Einzelne Kriegszeichnungen werden im Laufe des Jahres bei Ausstellungen in Sigmaringen und Meßkirch präsentiert.

Christine Dölker

Quelle: Archivnachrichten 48 (2014), S. 8-9

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