Die Jubelnacht von Stuttgart

Im 52 000 Zuschauer fassenden Gottlieb-Daimler Stadion wurden bei der WM 2006 vier Gruppenspiele, ein Achtelfinale und das Spiel um Platz 3 ausgetragen. (Copyright: Müller, Peter; 11.07.1993/ Quelle: LMZ)
Im  52 000 Zuschauer fassenden Gottlieb-Daimler Stadion wurden bei der Fußball-WM 2006 vier Gruppenspiele, ein Achtelfinale und das Spiel um Platz 3 ausgetragen. (Copyright: Müller, Peter; 11.07.1993/ Quelle: LMZ)

Unter dem Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden"  wurden die 64 Spiele zwischen dem 9. Juni und dem 9. Juli 2006 bei diesem Turnier in 12 deutschen Stadien ausgetragen. Die damals 52 000 Zuschauer fassende Stuttgarter WM-Arena sollte hierbei Austragungsort von vier Gruppenspielen, einem Achtelfinale und eben dem Spiel um Platz 3 sein. Für das 18te WM-Turnier hatten sich wieder 32 Teams aus der ganzen Welt qualifiziert. Deutschland war als Ausrichter des Turniers ebenso gesetzt wie der amtierende Weltmeister Brasilien. Neben den üblichen WM-Teilnehmern wie Spanien, England, Frankreich und Portugal, nahmen auch erstmals Tschechien, die Ukraine, Angola, die Elfenbeinküste, Ghana, Togo sowie Trinidad und Tobago an der Endrunde einer Weltmeisterschaft teil.

Alles begann mit einem kleinen Zufall. Welche Mannschaft nämlich in welchem Hotel übernachtet, das entscheidet alleine der Zufall – und der Fußballweltverband FIFA.  „Wir haben damals die Heimmannschaften zugeteilt bekommen", erinnert sich der Bankettchef des Graf Zeppelin Thomas Feldmeyer 2014 in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung. Und so wurde dem Stuttgarter Steigenberger-Hotel am Arnulf-Klett-Platz am 7. Juli 2006 die Ehre zuteil, die deutsche Nationalmannschaft mitsamt Betreuerstab um den damaligen Cheftrainer Jürgen Klinsmann für zwei Tage zu beherbergen. Es sollte das letzte Spiel der jungen Nationalmannschaft in diesem später zum Sommermärchen verklärten WM-Turnier werden. Gegner in dieser Partie war die portugiesische Nationalmannschaft, und dem eigentlich so bedeutungslosen Spiel um den dritten Platz bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land wurde von deutscher Seite eine enorme Bedeutung zugemessen. „Das hier hing am schwarzen Brett der deutschen Mannschaft am Tag des kleinen Finals: Kleines Finale – Sieg – Riesenparty!", so Feldmeyer gegenüber der Stuttgarter Zeitung. Die Mannschaft wollte sich mit einem Sieg und viel Euphorie von dem  Publikum verabschieden, das sie die vergangenen vier Wochen wie auf Wolke sieben durch das Turnier getragen hatte. Bis ins Halbfinale, wo man tränenreich gegen den späteren Weltmeister Italien in der Verlängerung aus dem Turnier flog, hatte eine noch nie da gewesene Euphorie-Welle die Republik erfasst und die junge Mannschaft begleitet.

Eine weitere Neuerung, die 2006 erstmals ausgerichtet wurde, war das Public Viewing. Nach einer Initiative des WM-Organisationskomitees beim internationalen Fußball-Weltverband FIFA sowie eines Sportrechtevermarkters wurde erstmals die Übertragung der WM-Spiele auf Großleinwänden in den deutschen Städten genehmigt. Diese kostenlosen Übertragungen wurden von den Städten und Gemeinden auf öffentlichen Plätzen, in Mehrzweckhallen oder in Fußballstadien abgehalten. Insgesamt wurden die 12 offiziellen FIFA Fan Feste von mehr als 18 Millionen Zuschauern besucht. Auch auf dem Stuttgarter Schlossplatz verfolgten so während der WM bei einem Spiel bis zu 50 000 Zuschauer das Geschehen auf einer Großleinwand.

Nach dem erfolgreichen Start ins Turnier für die deutsche Mannschaft, ein 4:2 Sieg über Costa Rica im Eröffnungsspiel in München, musste die Nationalelf im zweiten Gruppenspiel gegen Polen zittern und konnte erst in der Nachspielzeit den Siegtreffer erzielen. Es folgten zwei souveräne Siege gegen Ecuador und Schweden, ehe man es dann im Viertelfinale mit den Argentiniern zu tun bekam. Nach nevenaufreibenden 120 Minuten konnte sich die Elf von Jürgen Klinsmann schließlich im Elfmeterschießen durchsetzen. Knackpunkt war hierbei ein kleiner Zettel, auf dem Torwarttrainer Andreas Köpke seinem Keeper Jens Lehmann die Vorlieben der argentinischen Schützen notiert hatte. Dieser Zettel wurde anschließend im Dezember 2006 für eine Million Euro (!) im Rahmen einer Spendengala versteigert. Im Halbfinale war für die junge deutsche Mannschaft dann Schluss. In der Verlängerung kassierte die deutsche Mannschaft in der 119. und in der 121. Minute zwei Gegentreffer der Italiener und wurde anschließend tränenreich, aber mit Standing Ovations vom Dortmunder Publikum verabschiedet.

Im nun folgenden undankbaren kleinen Finale mussten die Klinsmänner also noch ein letztes Mal ran. „Stuttgart ist viel schöner als Berlin" skandierten die Fans und nach einem unterhaltsamen Spiel gegen Portugal, das die Deutschen mit 3:1 für sich entschieden, wurde die Mannschaft mit tosendem Applaus und einem furiosen Feuerwerk in der ausverkauften Stuttgarter Arena frenetisch bejubelt. Als die Spieler dann spät nachts im Graf Zeppelin ankamen, warteten draußen auf dem Arnulf-Klett-Platz um die 15 000 Menschen auf die Mannschaft, um ihre Weltmeister der Herzen zu feiern. Philipp Lahm beschrieb "den für ihn beeindruckendsten Moment der WM" später in einem Interview mit der ZEIT: „da haben, ich tippe mal, 15.000 Fans vor unserem Hotel gewartet und uns zugejubelt. Das haben wir nicht erwartet. Das war ein unglaubliches Gefühl." Die Jubelnacht von Stuttgart war der krönende Abschluss eines für die Deutschen zauberhaften Sommers, der auch  den Grundstein für eine Entwicklung legte, die dann acht Jahre später in der Jubelnacht von Rio de Janeiro ihr erfolgreiches Ende finden sollte. Dieses Mal aber nach dem großen Finale und mit dem goldenen Pokal.

Danny Galm

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