Alfred Hagenlocher: Vom SS-Offizier zum Förderer verfemter Kunst

Porträtfoto von Alfred Hagenlocher (1914 –1998), aufgenommen ca. 1980. Vorlage: Landesarchiv HStAS Q 2/40 Bü 252
Porträtfoto von Alfred Hagenlocher (1914 –1998), aufgenommen ca. 1980. Vorlage: Landesarchiv HStAS Q 2/40 Bü 252a

Wenn man sich die Lebensabschnitte Alfred Hagenlochers vor und nach 1945 ansieht, könnte man meinen, dass man es mit zwei völlig unterschiedlichen Personen zu tun hat. Erst der skrupellose und linientreue Nationalsozialist, dann der sensible Künstler und Kunstkurator.

Alfred Hagenlocher (1914–1998) trat bereits 1931 der NSDAP und der SS bei. Als Mitglied der Waffen-SS stieg er bis zum SS-Obersturmführer auf. 1941 wurde er Kommissar der Gestapo und war unter anderem an der Verfolgung von Kommunisten beteiligt. Nach dem Krieg wurde Hagenlocher im Spruchkammerverfahren als Hauptschuldiger eingestuft. 1951 stellte man das Verfahren gegen ihn ein.

Ab 1951 betätigte sich Hagenlocher als Maler, Grafiker und Organisator von Kunstausstellungen. Über die Präsentation seiner eigenen Bilder und die seiner Kollegen kam er in den 1950er-Jahren mit dem Ausstellungsbetrieb in Berührung.

1958–1978 amtierte er als Präsident der Hans Thoma-Gesellschaft e.V. Reutlingen. 1976–1981 war er Leiter der Städtischen Galerie Albstadt. Der frühere SS-Mann Hagenlocher kuratierte sowohl in Reutlingen als auch in Albstadt zahlreiche Ausstellungen über die von den Nationalsozialisten als entartet verfemten Künstler Ernst Barlach, Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Alfred Kubin, August Macke, Karl Schmidt-Rottluff und Käthe Kollwitz. Seine besondere Verehrung galt dem ebenfalls verfemten Otto Dix. Neben diesen verfolgten Künstlern präsentierte er auch bis dato weniger bekannte Künstler.

In Albstadt gelang es ihm, mit den Mitteln eines dortigen Industriellen zahlreiche Grafiken der klassischen Moderne anzukaufen. So entstand die weltweit größte Sammlung an Grafiken von Otto Dix. Seine Ausstellungen in Albstadt machten überregional Furore; 1998 verstarb Hagenlocher.

Eberhard Merk

Quelle: Archivnachrichten 48 (2014), S. 40.

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