Ein „Held von Bern“ vor der Spruchkammer

Unterschrift von Sepp Herberger auf dem Meldebogen. Quelle: LABW (GLA 465p Nr.1921)
Unterschrift von Sepp Herberger auf dem Meldebogen. Quelle: Landesarchiv BW (GLA 465p Nr.1921)

Ich habe immer nur meinen Sport gelebt, hatte nur meine berufliche Ausbildung im Auge und hatte nie die Zeit, mich auch um Politik zu kümmern. Als Hitler an die Macht gekommen war, redete man aus meiner Umgebung auf mich ein, mich doch nicht abseits zu halten, machte man mich glauben, dass es sich um eine gute Sache handle, die von anständigen Männern geführt würde, und – in meiner politischen Unerfahrenheit – gab ich schließlich dem Drängen nach und wurde Mitglied der Partei, wie man zuweilen Mitglied in einem Verein wird. Mit diesen Worten rechtfertigte sich 1946 Sepp Herberger, der spätere Fußballbundestrainer, im Rahmen eines Verfahrens vor der Spruchkammer Weinheim für seinen Eintritt in die NSDAP im Mai 1933. Wie alle Deutschen über 18 Jahre musste er sich ein Jahr nach Kriegsende für sein Handeln während der Zeit des Nationalsozialismus rechtfertigen.

Aufgrund seines frühen Eintritts in die NSDAP wurde Sepp Herberger als belastet eingestuft. Nun musste der Diplomsportlehrer mit einem Entlastungsschreiben reagieren. Ich bin im Sport groß geworden und habe meine Lebensgesetze in ihm und durch ihn nach den Spielregeln des Fair Play gewonnen. Darum war mir das laute, aufdringliche und herausfordernde Auftreten der Parteimänner, ihre Unduldsamkeit gegenüber der Kirche, den Juden und den politisch Andersdenkenden zuerst fremd und unerklärlich und dann zuwider. Ich begann das politische Leben in Deutschland kritisch zu betrachten. […] Ich habe meinen Austritt aus der Partei ernsthaft erwogen; er wäre der folgerichtige Schritt meiner wachsenden politischen Erkenntnis gewesen. Aber ich konnte mich nicht dazu entschließen, weil er automatisch den Verlust meines Lebenswerkes bedeutet hätte. Weiter weist Herberger auf sein kritisches Verhalten während des Trainings unter seiner Leitung hin: Höher noch als die sportliche Leistung wurde das Fair Play, als dem Inbegriff untadeliger Gesinnung und Denkweise, für die Zugehörigkeit zu unserem Kreis gefordert und gelehrt und damit den jungen Leuten eine Welt höchster Menschheitsideale als Zielsetzung gegeben, die sie zu Vergleichen mit der Welt der Lehre Hitlers führte und sie damit in inneren Widerspruch mit dieser bringen musste und – wie mir bekannt ist – auch brachte. Die deutsche Fußballnationalmannschaft als Schulungscamp für Regimekritiker?

Fritz Walter, der Spielführer der Weltmeisterelf von 1954, gab eine schriftliche Stellungnahme zugunsten seines Chefs ab: In all’ den Spielen und Kursen der Nationalmannschaft, an denen ich teilnahm und die alle unter der Leitung des Herrn Herberger standen, wurde alles andere nur keine Politik im nazistischen Sinne betrieben. Herr Herberger hielt nicht nur streng alles fern, was irgendwie mit Politik hätte zu tun haben können, sondern lehnte auch alles entschieden ab, was sich mit seiner und unserer Auffassung von sportlich sauberer Denkweise und fairer Gesinnung nicht deckte.

Diese und weitere Fürsprachen hatten Erfolg. Herberger wurde als Mitläufer eingestuft. Damit war der Weg frei, dass er im Februar 1950 als erster bundesdeutscher Fußballnationaltrainer berufen werden konnte. Vier Jahre später führte Herberger zusammen mit dem damaligen Kapitän Fritz Walter die deutsche Fußballnationalmannschaft zum ersten Weltmeistertitel im schweizerischen Bern gegen die als unschlagbar geltenden Ungarn: Das Wunder von Bern.

Jürgen Treffeisen

Quelle: Archivnachrichten 50 (2015), S. 26-27.

 

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