Erziehung im Kinderheim – Eine Suche zwischen den Zeilen

Das ehemalige Kinder- und Erziehungsheim Tempelhof bei Kreßberg im Landkreis Schwäbisch Hall. Quelle: Landesarchiv BW, StAL EL 51/3 Bü 17
Das ehemalige Kinder- und Erziehungsheim Tempelhof bei Kreßberg im Landkreis Schwäbisch Hall. Quelle: Landesarchiv BW, StAL EL 51/3 Bü 17

Die Liebe eines Jungen ging zu allen Zeiten durch den Magen. Deshalb kommt der Küche im Heim besondere Bedeutung zu.

Dieses Zitat von 1959 erweckt den Eindruck einer von Liebe geprägten Erziehung. Und tatsächlich wird in dem Bericht aus dem Lehrlingsheim in der Danneckerstraße in Stuttgart beschrieben: Die pädagogische Arbeit hier im Heim verlagert sich mehr und mehr auf das persönliche Gespräch, auf das Zeithaben und Anhören.

Berichte aus der Heimerziehung geben Aufschluss darüber, wie in der Nachkriegszeit über Erziehung nachgedacht wurde und welche Vorstellungen über Kinder und Jugendliche dahinter standen. Dies spielt nicht nur für die Erziehung in Einrichtungen der Erziehungshilfe eine Rolle: In der Forschung zu Heimerziehung wurde deutlich, dass sich gesellschaftliche Vorstellungen in Bezug auf Erziehungsmethoden in den meisten Elternhäusern erst ab Mitte der 1960er Jahre langsam veränderten. Solche liebevollen Positionen – wie eingangs geschildert – sind allerdings mit Vorsicht zu genießen. Einerseits sprechen die Erfahrungen sehr vieler ehemaliger Heimkinder eine andere Sprache, andererseits sprechen aus eben diesen Texten auch Vorstellungen, die erklären, warum deren Erfahrungen häufig so negativ waren. Eine davon ist die große Bedeutung von Autorität. Eine andere der von Skepsis geprägte Blick auf Kinder und Jugendliche.

Für das genannte Lehrlingsheim in der Danneckerstraße in Stuttgart wird 1959 das Ziel formuliert, die Not der Jugend […] zu steuern, u. a. indem den mitformenden Kräften und Mächten [Fernsehen] im Blick auf die Jungen mitunter Grenzen gesetzt werden. Die Jugendlichen sollen lernen, zwischen gut und weniger gut zu unterscheiden. Die Betonung liegt dabei nicht auf den Fähigkeiten der Jugendlichen. Eher wird befürchtet, dass die Jugendlichen dem Einfluss der Straße schlechthin erliegen würden. Der Wunsch, die Kinder anzuleiten, ist sicher nicht nur in der Nachkriegszeit zu finden. Was für diese Zeit allerdings auffällt, ist wie häufig Kinder als störend wahrgenommen werden. In einem Bericht über das Kinderheim Marxzell heißt es 1953: Manche seien uneheliche Kinder und daher zu Hause „überflüssig“ . Trotz der Anführungszeichen wird die Annahme, dass uneheliche Kinder weniger wert sind, nicht hinterfragt.

Um im Heimalltag Ruhe und Ordnung zu erreichen, spielte Autorität, unhinterfragt positiv besetzt, eine entscheidende Rolle: Leider hat das Durchschnitts-Elternhaus immer noch nicht zu der Autorität zurückgefunden, die ihm von Gott her verliehen ist und darum auch angewendet werden sollte, heißt es ebenfalls aus dem Lehrlingsheim in der Danneckerstraße. Dies führt uns zurück zu der eingangs erwähnten Liebe: Jungen wollen heute eine grosse Wegstrecke begleitet sein, um das anzunehmen, was für sie gut ist. Ein andernmal [sic!] muss man freilich auch die „gesalzene Liebe“ sprechen lassen. Bei so viel Direktheit müssen zu der Frage, ob zu Autorität auch Gewalt gehörte, keine ZeitzeugInnen mehr gehört werden.

Nora Wohlfarth

Quelle: Archivnachrichten 55 (2017), S. 30-31.

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