Bad Cannstatt - Altgemeinde~Teilort 

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Typauswahl: Ortsteil – Historisches Ortslexikon
Typ: Teilort
Ersterwähnung: 0709 [vor 709 (Kopialüberlieferung 17. Jahrhundert)]

Ortslage und Siedlung
(bis 1970):
An einer ehemaligen Furt waren auf dem rechten, östlichen Ufer des Neckars die heutige Altstadt, gegenüber auf dem linken Ufer die Neckarvorstadt entstanden. Nach 1800 kamen vor den beiden Toren südöstlich die Waiblinger und nordöstlich die Schmidener Vorstadt hinzu. Im Anschluss an den Abbruch des Brückentors 1811 sowie des Waiblinger Tors 1812 fielen 1815/32 neben dem Waiblinger Tor auch der größte Teil der Ringmauern. Auf dem Wall des Grabens wurden 1834 die Wilhelm- und die Badstraße angelegt. Eine Erweiterung des bebauten Gebiets nach Оsten hin zum Seelberg begann 1825. Rechts des Neckars umfasste der Ortskern von Cannstatt um 1830 die Überkinger Straße, Wilhelmstraße, Wilhelmsplatz und Badstraße. Bis 1910 erstreckte er sich über den Bereich zwischen Neckar, Güterbahnstrecke Untertürkheim-Münster und Bahnlinie Bad Cannstatt-Untertürkheim. Besonders an der Marktstraße blieben in der Altstadt Fachwerkhäuser des 16. Jahrhunderts erhalten. Zu der älteren Bebauung gehören im übrigen das später erweiterte Seelberggebiet (1870/1910, beziehungsweise 1905/36), der sogenannte »Vatikan« (1906/08 bzw. 1929/30) zwischen Kienbach-, Winterhalden-, Ihmlingstraße, Beuthener Straße sowie die benachbarte Eisenbahnersiedlung (um 1900), alle meist aus viergeschossigen Mehrfamilienhäusern bestehend. Mit der Gestaltung der Kursaalanlagen hatte man schon 1830 begonnen. In den Jahren nach 1930 entstanden unter anderem die Häuser im »Geiger« (1930/39). Die Bebauung beispielsweise an der Nürnberger Straße (ab 1910), Remstalbahn, Ebitzweg, Beuthener Straße erhielt ihre Fortsetzung seit 1952. Die Zweifamilienhäuser im »Memberg« stammen aus der Zeit ab 1959. Das jüngste Neubaugebiet (zwei- bis viergeschossige Mehrfamilienhäuser) ist hier die Siedlung »Muckensturm« von 1971. Die Neckarvorstadt, der Ortskern links des Flusses, bestand 1830 aus Brücken-, Neckartal-, Pragstraße, südlich Bryestraße, Aachener, Haldenstraße. Er erweiterte sich bis 1910 entlang Prag-, Halden-, Krefelder Straße sowie durch Wiederbebauung des Gewanns »Auf der Steig« (Römerkastell). Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die meist in den 20er und 30er Jahren begonnene Bebauung (Mehrfamilienhäuser) dieses Gebiets weitgehend fortgesetzt. Das gilt für Hallschlag gleichermaßen (1925/32 beziehungsweise 1951/69). Die Mehrfamilienhäuser an der Bottroper Straße sind jüngeren Datums (1970/73). Bereits 1830 begann sich die Industrie in Cannstatt niederzulassen, und zwar entstanden die Gewerbegebiete in der Neckartal-, Voltastraße (1830 — 1961), Deckerstraße (ab 1870), Mercedesstraße (ab 1870), Pragstraße (ab 1900), Gnesener Straße, Benzstraße (ab 1918), Ziegelbrennerstraße (ab 1948), Sommerrain Ost (ab 1955) und Bottroper Straße (nach 1961).
Historische Namensformen:
  • Chanstada 0709 [vor 709 (Kopialüberlieferung 17. Jahrhundert)]
  • Canstat 0709 [vor 709 (Kopialüberlieferung 17. Jahrhundert)]
  • Condistat 0746 [Kopialüberlieferung 12. Jahrhundert]
  • Candestat 1146
Geschichte: Vor 709 (Kорialüberlieferung 17. Jahrhundert) Chanstada, Canstat, 746 (Kорialüberlieferung 12. Jahrhundert) Condistat, 1146 Candestat, 1933 Bad Cannstatt. Eine Deutung des Namens ist bisher nicht gelungen. Canstatt liegt an der Stelle eines bereits prähistorischen Neckarübergangs und Verkehrsknotens, der in römischer Zeit nach 85 nach Christus von einem Kastell Auf der Steig westlich des Neckars geschützt war. Das anschließende Lagerdorf bestand im 2. Jahrhundert als bürgerliche Siedlung fort, eine weitere bürgerliche Siedlung hatte sich beiderseits des Neckars gebildet. Die über das Ende der Römerherrschaft weiterdauernde Bedeutung dieses Knotenpunktes unterstreichen frühalemannische Grabfunde und sechs Bestattungsplätze der Merowingerzeit: 1. Zwischen Uffkirche und Umgehungsbahn an der Waiblinger Straße, 2. Weniger ausgedehnt im Norden des eigentlichen Stadtgebiets beim Neckar (vielleicht zu Niederhofen), 3. In der Beuthener Straße im Оsten von Cannstatt (siehe auch Kienbach), 4. Westlich des Neckars östlich des Römerkastells, 5. Westlich des Römerkastells Auf der Steig, 6. Ein wohl später Plattengräberfriedhof im Gebiet der Travertinsteinbrüche im Norden zwischen Cannstatt und Münster. Sie deuten auf eine Mehrzahl von Siedlungen hin. Zwei der Reihengräberfriedhöfe stehen vielleicht im Zusammenhang mit der Altenburg. Beim einstigen Römerkastell liegt eine frühe Kirche, Mutterkirche eines weiten Umkreises, mindestens von Stuttgart im Westen bis Schmiden im Оsten reichend. Im Spätmittelalter bildete der Bereich westlich des Neckars sicher eine eigene Gemarkung, erst ab dem 16. Jahrhundert ganz zu Cannstatt. Zu Beginn des 8. Jahrhunderts beurkundete Herzog Gotfried in Cannstatt die Schenkung von Biberburg (vergleiche Mühlhausen) an St. Gallen. 746 wird Cannstatt anlässlich der Niederwerfung der Alemannen durch König Pippin erwähnt. Die Vorgänge bleiben dunkel. Man hat sie aber als im Kastell Auf der Steig abgehaltenes Strafgericht gedeutet und mit einer hochmittelalterlichen Gerichtsstätte, dem späteren Landgericht zu Cannstatt auf dem Stein, in Zusammenhang gebracht. Da es aber sowohl nördlich der Altenburg als auch in Cannstatt selbst eine Örtlichkeit »Stein« gibt, ist auch das wieder fraglich. Adlige von Cannstatt werden im frühen 12. Jahrhundert als Stifter für Hirsau erwähnt. 1146 war Werner von Cannstatt bereits unter den Getreuen der Grafen von Württemberg, freilich noch unter staufischer Oberhoheit. Kaiser Friedrich Barbarossa gab noch 1185 zwei Höfe in Cannstatt an Herzog Welf VI. Im 13. Jahrhundert war Cannstatt eindeutig in der Hand der Grafen von Württemberg. Da es später Reichslehen war, ist eine Herkunft vom Herzogs- und Königsbesitz sehr wahrscheinlich. Der Cannstatter Adel erscheint im späten 13. Jahrhundert in drei Geschlechtern, den Grammen, auch von Uffkirch, den Känlin (1275 — 1382) und den Schilling, die allein bis in die Gegenwart Bestand haben. Die Zuordnung zu den einzelnen Burgen ist meist problematisch, da es im Bereich von Cannstatt insgesamt sieben Burgen gab. Sie wurden fast alle 1287 durch König Rudolf von Habsburg erobert und zerstört: 1. Burg der Grammen bei der Uffkirche, ihre Reste am Südrand des Kurparks beim Daimlerturm 1700 zerstört. 2. Spielburg, wohl Turmhügelburg beim heutigen Wilhelmsplatz an der Bahnhofstraße, schon vor 1287 abgegangen. 3. Burg bei Niederhofen, nordöstlich bei den Kuranlagen. Vielleicht im Besitz der Känlin. 4. Burg zum Stein im nordöstlichen Teil der Altstadt. Turmhügelburg mit Wassergraben 1330 in die Stadt einbezogen, in der Renaissancezeit zum steinernen Unterstock eines Fachwerkhauses umgebaut; 1943 zerstört. Die Herren von Stein aus der Gegend von Marchtal, dann Seeburg bei Urach, waren von der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts bis 1372, vielleicht sogar bis 1414 in Cannstatt ansässig. 5. Burg Brie, Turmhügelburg links des Neckars (Aachener Straße). 1604 noch als kleines altes Häuslein erwähnt, längst in bürgerlichem Besitz. Vögte von Brie 1247 — 1442 genannt. 6. Altenburg, hochmittelalterliche Anlage in der Nachfolge einer Befestigung der Karolingerzeit, mit ab dem 12. Jahrhundert nachweisbarem Adel. Die Fliner von Altenburg 1269 — 1334 erwähnt. Reste der Burg noch Anfang des 16. Jahrhunderts erhalten. 7. Burg Wartenberg (siehe auch Stuttgart-Nord). Die präurbane Entwicklung in Cannstatt setzte schon im Hochmittelalter ein. Trotzdem erscheint es erst 1330, anlässlich der Verleihung von Esslinger Stadtrecht durch Ludwig den Bayern, urkundlich als Stadt, mit einem Gericht, während der Rat ab 1500 bezeugt ist. Das älteste Rathaus ist wohl mit dem 1502 erwähnten Kaufhaus identisch. 1491 entstand das neue Rathaus. Es wurde mehrfach, etwa 1966/73 erneuert und umgebaut. Die ungefähr ovale mittelalterliche Stadt, südlich des Neckars an einer alten Furt, früh mit einer Holzbrücke auf 2 Holz- und 7 Steinpfeilern (1835/38 durch die steinerne Wilhelmsbrücke ersetzt, letztere wieder 1929 durch Neubau), erhielt ihr Stadtbild mit Mauern, Türmen und 3 Toren, bis diese ab 1811 allmählich abgebrochen wurden. Wesentliche Teile der Altstadt zwischen Fluss, Bad- und Wilhelmstraße sind trotz starker Zerstörungen im Jahre 1943 noch erhalten. Mehrere mittelalterliche Siedlungen wurden zugunsten Cannstatts aufgegeben: rechts des Neckars im Оsten Uffkirch, vielleicht das alte Dorf Cannstatt und Kanbach, im Nordosten Niederhofen, links des Neckars wurde im Norden die Gemarkung Brie (Brie-Altenburg) ab der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts bis um 1550 und Teile der mittelalterlichen Gemarkung Berg (siehe Stuttgart-Ost) angegliedert. Aus Brie entstand die Neckar-Vorstadt. Sie wie die Altstadt hatten bis zur Neckarkanalisierung 1929 häufig unter den Überschwemmungen des Neckars zu leiden. Seit 1516 wichtige Station der niederländisch-italienischen Post, ab Anfang des 17. Jahrhunderts bis 1806 Sitz eines Reichspostmeisters. Die Entwicklung der Stadt wurde besonders durch König Wilhelm gefördert. 1815-1880 war sie bekannter Badeort. Klassizistischer Kursaal 1825/26 und 1834/42 von N. Thouret, 1966/68 wiederhergestellt. Etwa gleichzeitig entstanden die Kursaalanlagen. »Landhaus« Rosenstein links des Neckars 1824/29 durch G. Salucci erbaut, 1950/60 wiederhergestellt. Von großem Park umgeben. 1839/40 königliches Theater von L. Zanth. 1842/46, ebenfalls von Zanth, das »Maurische Badhaus« mit Gewächshäusern in gleichem Stil errichtet, 1845 in Wilhelma umbenannt und weiter ausgebaut, 1949/67 nach Kriegsschäden als zoologisch-botanischer Garten umgestaltet. Am 21.7.1796 Gefecht bei Cannstatt zwischen den Franzosen unter Moreau und den Österreichern unter Erzherzog Carl. Das seit etwa 1300 nachweisbare Amt Cannstatt 1923 aufgelöst. Die Stadt selbst war bereits 1905 mit Stuttgart vereinigt worden. Große Teile ihrer Gemarkung westlich vom Rosensteinpark samt Pragwirtshaus sind seit 1922 zu Stuttgart umgegliedert. 1947—1952 zählte Hofen (siehe auch Mühlhausen) zum Stadtbezirk Cannstatt.
Ersterwähnung als Stadt: 1330
Wirtschaft: Die wirtschaftliche Bedeutung lag im Neckarübergang beim Zusammentreffen von Straßen - aus Oberschwaben, Augsburg, Heilbronn, Speyer und dem Elsass - sowie im Weinbau. Seit 1700 belebten französische Reformierte das Gewerbe, vor allem die Textilherstellung. Ab 1818 Landwirtschaftliches Hauptfest. Das Bad wurde um 1900 vorübergehend bedeutungslos. Der Eisenbahnbau, 1845 nach Esslingen, 1846 nach Stuttgart und Ludwigsburg, legte den Grund zur Industrialisierung.

Name: Burg der Grammen; Spielburg; Burg bei Niederhofen; Burg zum Stein; Burg Brie; Altenburg; Burg Wartenberg
Datum der Ersterwähnung: 1287 [vor 1287]

Ersterwähnung: 1300 [14. Jahrhundert]
Kirchengeschichte: Der Pfarrsprengel von St. Martin in Altenburg umfasste im 14. Jahrhundert nur noch links-neckarisches Gebiet mit Stuttgart, Berg und Wangen. Die Kirche wurde 1323 dem Stift Stuttgart inkorporiert, 1506 abgebrochen und in die Vorstadt verlegt. An ihrer Stelle Kelter und Fruchtkasten, dort 1857/58 katholische Kirche St. Martin. Die Uffkirche Unserer Lieben Frau war noch 1275 Filial von St. Martin in Altenburg. Vor 1344 Pfarrei. Zu ihrem Sprengel zählten zeitweilig Teile von Cannstatt, Schmiden sowie Fellbach und Obertürkheim. Das Patronat erwarb 1284 Kloster Steinheim an der Murr. 1446 verkauften es die Grafen von Württemberg an das Stift Stuttgart. 1506 hob auf Bitten der Stadt Cannstatt der Bischof die Pfarrei auf. Nach der Reformation Friedhofskapelle. Frühromanische Chorturmkirche, 1494/1500 umgebaut und erweitert. Die Stadtkirche St. Cosmas und Damian vielleicht erst aus dem Sprengel der Uffkirche oder auch schon unmittelbar aus dem der Altenburg ausgeschieden. 1289 verkauften die Grafen von Grüningen-Landau, mit Zustimmung Graf Albrechts von Hohenberg und Graf Eberhards von Württemberg, Kirchensatz und Fronhof an das Domkapitel Konstanz, dem die Pfarrei bis 1806 gehörte, im Spätmittelalter auch inkorporiert war. Zum Pfarrsprengel gehörten Hofen und Untertürkheim. 1460/71 Um- und Neubau von Langhaus und Chor durch A. Jörg. Chorseitenturm spätgotisch ausgebaut. 1612/13 durch H. Schickhardt in Renaissance-Formen erhöht. Dreischiffige Halle, Gewölbe nach Zerstörung durch Blitzschlag (1790) in den Jahren nach 1858 restauriert. 1965 nach schweren Kriegsschäden erneuert. Andreäkirche, 1919 provisorisch, 1956 Neubau; Lutherkirche von 1900, nach Kriegsschäden 1950 wiederhergestellt. Steigkirche, 1928 erbaut, 1966 wiedererrichtet; Stephanuskirche von 1960; Wichernkirche, 1937 erstellt. Katholische Pfarrkirche St. Martin von 1858, an der Stelle der Kirche in Altenburg, nach Kriegszerstörung Neubau von 1950. Liebfrauenkirche und Pfarrei 1909. St. Rupertus von 1962; Pfarrei seit 1965. St. Peter und Pfarrei seit 1973. Cannstatt hatte im Spätmittelalter zwei Beginenhäuser, die zeitweilig zum Dritten Orden des Heiligen Franziskus gehörten, beim Brückentor und beim Pfleghof. 1700 — 1827 bestand eine reformierte Kirchengemeinde.
Patrozinium: St. Martin
Jüdische Gemeinde: 1827 eigene israelitische Gemeinde und Synagoge, diese 1876 in die umgebaute Villa Eichthal verlegt, 1938 zerstört.

GND-ID:
  • 4077993-2;4069840-3
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