Muser, Oskar 

Geburtsdatum/-ort: 28.04.1850;  Freiburg i. Br.
Sterbedatum/-ort: 25.06.1935;  Offenburg
Beruf/Funktion:
  • Rechtsanwalt und liberaler Politiker
Kurzbiografie: Volksschule, Lyzeum Freiburg i. Br. und Offenburg
1869 Abitur in Freiburg i. Br.
1869-1873 Studium der Rechtswissenschaft in Freiburg i. Br., Mitglied der Burschenschaft „Teutonia“
1870-1871 Freiwillige Teilnahme am Deutsch-Französischen Krieg beim 6. badischen Infanterieregiment Nr. 114 in Konstanz
1873-1878 Rechtspraktikant, dann Referendar in Schwetzingen und Karlsruhe
1878-1916 Rechtsanwalt in Offenburg, Mitglied im Offenburger Bürgerausschuß
1889-1897 Mitglied der II. Kammer des Badischen Landtags
1899-1919 für den Wahlbezirk Offenburg-Stadt
1910 Verleihung des Ritterkreuzes I. Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen
1911-1912 2. Vizepräsident der II. Kammer des Badischen Landtags
1911-1918 Fraktionsführer der Fortschrittlichen Volkspartei im Badischen Landtag
1919 2. Vizepräsident, stellvertretender Alterspräsident der Bad. Nationalversammlung und Mitglied des Verfassungsausschusses
Weitere Angaben zur Person: Religion: konfessionslos
Verheiratet: 1877 Lina, geb. von Pötz, Tochter des Oberrechnungsrats und evangelischen Oberkirchenrats Franz von Pötz und Luise, geb. Lamey
Eltern: Vater: Jacob Muser (1829-1893), Kreisgerichtsregistrator in Offenburg und Freiburg i. Br.
Mutter: Anna, geb. Buisson
Geschwister: 4 Brüder
Kinder: 2 Töchter
1 Sohn
GND-ID: GND/117188670

Biografie: Hans-Jürgen Kremer (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 2, 207-209

Musers geistige Grundlage bildete der südwestdeutsche Liberalismus des demokratischen Bürgertums im Vormärz. Seine politische Anthropologie wurzelte in der Aufklärung, den philosophischen Traditionen Herders, Fichtes und vor allem in Kants kategorischem Imperativ und besaß ihren Mittelpunkt im Glauben an die Erziehbarkeit des im Grunde vernunftbestimmten Menschen. Politik sollte als angewandte Ethik einer umfassenden Volkserziehung dienen; die in doppelter Form eines objektiv-kulturellen und subjektiv-ethischen Idealismus zur Hebung der geistig-sittlichen Kultur und schließlich zum sozialen und politischen Fortschritt beiträgt. Der Kulturstaat war demnach unter maßgeblicher Beteiligung des souveränen Volkes für die Bereitstellung von Bildungsmöglichkeiten zur freien Entfaltung der Individuen, nicht aber für die inhaltliche Reglementierung und Gestaltung verantwortlich. In Musers dezidiert republikanischem Staatsdenken, das sich auf seinen Italien-, England- und Amerikareisen bestärkt sah, stellten nationaler Gedanke und Kosmopolitismus keine Gegensätze dar, sondern in freiheitlichem und kulturellem Fortschritt vielmehr eine logische und notwendige Ergänzung hin zu einer „vermenschlichten sittlichen Weltordnung“.
Überzeugt von der staatsbürgerlichen und rechtlichen Gleichstellung, interpellierte der Parlamentsdebütant 1889 als „liberales Gewissen“ gegen die machtstaatliche Ausnahmepolitik der Regierung und zweifelte an der Rechtmäßigkeit des Sozialistengesetzes. Die folgenden parlamentarischen und öffentlichen Auseinandersetzungen, die mit der Aufhebung des Gesetzes endeten und in denen er einen Nervenzusammenbruch erlitt, machten ihn zum wohl profiliertesten demokratischen Politiker Badens. Zwar erkannte er die Berechtigung einer Sozialreform an, lehnte jedoch die Klassenkampftheorie und den zum illiberalen Zwangsstaat führenden dogmatisch-egalitären Kollektivismus der SPD so entschieden ab wie den wirtschaftlichen Individualismus des Besitzbürgertums. Musers Modell der „Sozialen Demokratie“ hielt am Konkurrenzprinzip und am Privateigentum fest und tendierte zu pluralistischen, mit demokratischer Selbstverwaltung ausgestatteten und soziale Sicherheit garantierenden Großgenossenschaften. Im Zusammenhang mit der Heeresvermehrung 1892/93 bezeichnete er den Militarismus als die wesentlichste Ursache des Niedergangs, da dieser die finanziellen Mittel zur Sozialreform und Volksbildung an sich ziehe, das Bürgertum seinen autoritären Normen unterwerfe und die friedensbewahrende, „patriotische und humanitäre“ Erkenntnis der wirtschaftlichen und kulturellen Interessengemeinschaft der europäischen Völker verhindere.
In der Konsequenz staatsbürgerlicher Gleichberechtigung lag auch Musers wiederholtes Eintreten für die Rechte der Frauen auf Bildung und Wahlbeteiligung. Seine Forderung nach Angleichung überholter, diskriminierender Rechtszustände an eine zeitgemäßere, selbständigere Stellung der Frau begründete er mit ihrem „persönlichen Bildungsinteresse und dem materiellen, staatsbürgerlichen Interesse sowie dem gesellschaftlichen Erziehungs- und Kulturinteresse“.
Neben der Trennung von Kirche und Staat befürwortete er in der Kulturpolitik die „vollständige Trennung der Schule von der Kirche als unabweisbare Konsequenz der vom modernen Staat garantierten Denk- und Gewissensfreiheit“. Anträge auf Abschaffung des obligaten Religionsunterrichts, der staatlichen Kirchen-Dotationen und die Simultaneisierung der konfessionellen Lehrerseminare forderten vor allem die katholische Kirche und die Zentrumspartei heraus. Diese gradlinig verfolgten Positionen verschafften ihm schwere Anfeindungen und Kränkungen bei nahezu allen im badischen Landtag vertretenen Parteien. Da er die Nationalliberalen wegen der Preisgabe liberaler Grundsätze als „Regierungspartei“ ablehnte, ging er mit dem Zentrum und der SPD bis 1904 eine taktische Koalition zur Einführung des direkten Wahlrechts ein, was 1895 innerparteiliche Meinungsverschiedenheiten und die Auflösung der Fraktionsgemeinschaft mit dem Freisinn erbrachte.
Musers Prinzipientreue und ein Disput mit Friedrich Payer veranlaßten ihn 1908 sogar, bedingt durch seine Kritik an der von den Linksliberalen im Bülow-Block mitgetragenen Reichsvereinsgesetzgebung, seinen Parteiaustritt zu erwägen. Allerdings festigte sich seine Führerstellung in der badischen Demokratie nach dem linksliberalen Zusammenschluß 1911 zur Fortschrittlichen Volkspartei, als er Fraktionschef im Landtag wurde und die Großblockpolitik eine erneute scharfe kulturpolitische Frontstellung gegen das Zentrum hervorrief. 1919 legte er als Folge einer schweren innerparteilichen Kontroverse um das neue Schulgesetz, das nach Musers Meinung die Freiheit der Schule (Einführung der Staatsschule) und die bestehende Simultanschule durch nunmehr mögliche konfessionelle Einflüsse gefährdete, sowie seiner mit Hinweis auf die zerrütteten Staatsfinanzen vertretenen Ablehnung einer Gehaltsaufbesserung für Staatsarbeiter und Beamte sein Mandat nieder.
Bis zu seinem endgültigen Rückzug aus der Politik, den schulpolitische Differenzen auf dem Landesparteitag der DDP 1927 in Offenburg verursachten, engagierte er sich publizistisch und als Redner für die DDP. Aufmerksam die Politik, hierbei vor allem die Aktivitäten des Völkerbundes, der DDP und des Nationalsozialismus verfolgend, lebte er zurückgezogen, aber hochgeachtet in Offenburg. Muser, der neben literarisch-musischen Betätigungsfeldern auch überaus vielfältige Kontakte zu den wichtigsten linksliberalen Politikern seiner Zeit (Theodor Barth, Friedrich Naumann, Friedrich Payer, Eugen Richter) verfügte, repräsentierte den älteren, in seiner Kulturmission und seinem Fortschrittsverständnis ungebrochenen Liberalismus. Dieser fand – obgleich rhetorisch glänzend vertreten – in den Parteien und Wählern des wilhelminischen Deutschlands nur wenig Resonanz. So blieb die politische Wirkung Musers als bedeutender Verfechter des liberal-demokratischen Ideengutes trotz persönlichen Charismas im politischen Massenzeitalter stark begrenzt.
Werke: (Auswahl): Sozialistengesetz und Rechtspflege (Theorie und Praxis). Eine mit aktenmäßigen Beispielen belegte Studie für Laien und Juristen, 5. verm. Aufl., Karlsruhe 1889; Demokratische Aufgaben. Rede, gehalten auf der am 14. September d. Js. in Karlsruhe stattgehabten Landesversammlung der demokratisch-freisinnigen Parteien Badens, Mannheim 1890; Die soziale Frage und die nächstliegenden sozialen Aufgaben der Gesellschaft. Zusgef. Reden des O. Muser, Frankfurt a. M. 1891; Falsches und Wahres in der Sozialdemokratie. Offene Antwort auf sozialdemokratische Angriffe, Karlsruhe 1892; Die Frauenfrage vor dem bad. Landtage. Rede des Landtagsabgeordneten Muser, gehalten in der Sitzung der Zweiten Kammer am 5. Februar 1892, Karlsruhe 1892; Die politische Lage. Der Kampf des Nationalliberalismus „gegen Rom“ und unser angebliches „Bündnis mit dem Zentrum“. Reden des Landtagsabgeordneten O. Muser in Offenburg, Selbstverlag 1893; Militarismus und Sozialreform. Rede geh. in der vom Demokratischen Verein Mannheim veranstalteten öffentlichen Versammlung vom 11. 1. 1894, Mannheim 1894; Die Agrarfrage, und die Stellung der Demokraten zu derselben, Karlsruhe Selbstverlag 1895; Volksvertretung – Regierung – Nationalliberalismus. Zwei Kammerreden des Landtagsabgeordneten O. Muser in Offenburg, Karlsruhe Selbstverlag o. J.; Volksrecht und Kaisermacht. 1848 und 1871. (Zugleich öffentliche Antwort auf die Behauptung nationalliberaler Kammer- und Festredner: wir besäßen jetzt in Deutschland, was die Besten des Volkes im Jahre 1848 erstrebt hätten), Karlsruhe 1898; Demokratie und Sozialismus. (Flugschriften der Deutschen Volkspartei Bd. 4), Frankfurt a. M. 1899; Die Trennung von Staat und Kirche. Der Bad. Klosterstreit. Die Erziehungs- und Schulfrage, Bamberg 1903; Der Kampf um die Schule. Vortrag geh. auf dem 29. Parteitag der Deutschen Volkspartei am 26. 9. 1904 in Aschaffenburg. (Flugschriften der Deutschen Volkspartei Bd. 7), Frankfurt a. M. 1904; Der Ultramontanismus und das Zentrum, Lahr i. B. 1907; Demokratie und Block. „Doktrinarismus“ und „Realpolitik“, Berlin 1908; Religion und Politik. Sind die fortschrittlichen Volksparteiler „Religionsfeinde“ und „Kulturkämpfer“?, Villingen 1912; Die Stellung der Frau zum Staat und im Staatl. Frauenstimmrecht, Karlsruhe 1913; Was will die Fortschrittliche Volkspartei? Ein Wort der Aufklärung und der Abwehr für die Landtagswahl, Karlsruhe 1913; Ist der Staat rechtlich oder moralisch zur Aufbesserung der Pfarrgehälter aus Staatsmitteln (Staatsdotationen) verpflichtet?, Karlsruhe 1913; Das Frauenstimmrecht vor dem badischen Landtag. Zwei Reden des Abgeordneten O. Muser in Offenburg, Karlsruhe 1918; Staatliches Schulmonopol? Zulassung der Errichtung von Lehranstalten durch kirchliche Korporationen? Ist § 137 des badischen Schulgesetzes ein ungerechtfertigtes Ausnahmegesetz?, Karlsruhe 1918; Wo werden wir landen? Die letzte Rede, die ein demokratischer Abgeordneter im badischen Landtag gehalten hätte, wenn er sie hätte halten können, Lahr i. B. 1919.
Nachweis: Bildnachweise: Bildersammlung GLA.

Literatur: Monika Oels, Der Liberalismus in Baden in der Weimarer Republik (Masch.Schrift) Georg-August-Univ. Göttingen o. J.; Franz Huber, Offenburger Köpfe, Offenburg 1951, 143-145.
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