Fechenbach, Felix 

Geburtsdatum/-ort: 28.01.1894;  Mergentheim
Sterbedatum/-ort: 07.08.1933; Kleinenberger Wald bei Scherfede (zwischen Paderborn und Warburg)
Beruf/Funktion:
  • Journalist, Pazifist, NS-Gegner
Kurzbiografie: 1912 Hauptamtlicher Mitarbeiter beim Arbeitersekretariat München, Profilierung in der Jugendarbeit
1914 Pazifistisches Engagement
1914–1918 Kriegsdienst in der bayerischen Armee, 1917 Unteroffizier
Okt. 1918 Freispruch in einem Kriegsgerichtsverfahren wegen Streikbeteiligung
Nov. 1918–Feb. 1919 Sekretär des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner
20. Okt. 1922 Verurteilung wegen Landesverrats durch das Volksgericht beim LG München
Okt. 1929–März 1933 Redakteur des sozialdemokratischen Volksblatts, Detmold
11. März 1933 Verhaftung und sogenannte „Schutzhaft“
Weitere Angaben zur Person: Religion: isr., Dissident
Verheiratet: 1. 1919 Martha, geb. Czernichowski (1894–1941)
2. 1926 Irma, geb. Epstein (1895–1973)
Eltern: Vater: Noe (Noa) Fechenbach (1859–1935), Bäcker
Mutter: Rosalie, geb. Weikersheimer (1868–1935)
Geschwister: 4
Kinder: 3:
Kurt (geboren 1927);
Lotte (Lotti) (geboren 1928);
Hannelore (Hanni) (geboren 1931)
GND-ID: GND/118532146

Biografie: Angela Borgstedt (Autor)
Aus: Württembergische Biographien 3, 56-58

Felix Fechenbach wird heute vor allem als eines der frühen Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Als politischer Journalist hatte er sich in der Endphase der Weimarer Republik damit den tödlichen Hass der Nationalsozialisten zugezogen, dass er eine Kunstfigur, den »Nazi-Jüsken«, in entlarvender Weise über NS-Parteipolitik und Parteiinterna plaudern ließ. Fechenbach war für die Nationalsozialisten geradezu der Inbegriff dessen, was sie zu zerstören und vernichten trachteten: Er war Sozialist, Repräsentant und Exponent der Novemberrevolution in München, ein Mann des geschliffenen Wortes und Jude. Dies hatte ihm schon 1922 die Verurteilung als Landesverräter durch das Münchener Volksgericht eingetragen, ein Skandalurteil, das mancher zeitgenössische Beobachter in die Nähe der Dreyfus-Affäre rückte. Denn wie die Dreyfus-Affäre Ende des 19. Jahrhunderts für Frankreich sei der Fall Fechenbach, so Gustav Radbruch, „ein Prüfstein, an dem sich scheidet das alte und das neue Deutschland […].“
Felix Fechenbach wurde 1894 im fränkischen Mergentheim geboren, doch noch im Jahr der Geburt zog die Familie nach Würzburg. Es war dies die Zeit des Niedergangs jüdischer Landgemeinden. In Würzburg betrieb der Vater eine orthodoxe Bäckerei, die jedoch kaum existenzsichernd war. Nach dem Besuch der israelitischen Elementarschule verließ Fechenbach die Realschule 1907 als Dreizehnjähriger, wohl um die Familie finanziell zu entlasten. Einen Schulabschluss sollte er erst 1918 mit dem Einjährigen-Examen erwerben. Fechenbach absolvierte eine Lehre in einer Würzburger Schuhwarengroßhandlung, die er 1910 erfolgreich abschloss. 1911 trat er in Frankfurt am Main seine erste Stelle an, die er jedoch wegen Streikbeteiligung verlor. Der Reichstagswahlkampf 1912 brachte ihn in Kontakt zur Sozialdemokratie. Er war damals bereits Mitglied des Zentralverbands der Handlungsgehilfen und Handlungsgehilfinnen Deutschlands. Ende 1912 wurde er in München hauptamtlicher Mitarbeiter des Arbeitersekretariats und machte so als gerade einmal 18jähriger die Politik zu seinem Beruf. Er profilierte sich vor allem in der Arbeiterjugendbewegung. Zugleich sammelte er erste Erfahrungen als Journalist. Als überzeugter Pazifist hatte er noch Ende Juli 1914 eine Antikriegsdemonstration angeführt. Gleichwohl leistete er ab November 1914 seinen Dienst beim Ersatzbataillon des bayerischen Infanterie-Regiments Nr. 2 und kam im Februar 1915 zum Fronteinsatz ins Elsass. Er zeichnete sich durch Tapferkeit aus, wurde jedoch durch einen Armschuss so schwer verwundet, dass man ihn zur Etappe nach München versetzte. Hier engagierte er sich erneut für die Arbeiterjugend und kam nunmehr mit Kurt Eisner in Berührung, der sein politischer Mentor wurde. Von der Sozialdemokratie rückte er nun deutlich ab und schloss sich nach der Parteispaltung der USPD an. Er sollte später jedoch entschieden für die Einheit der Arbeiterschaft eintreten. Am Januarstreik 1918 in München war Fechenbach maßgeblich beteiligt. „Die Polizei sucht bei mir Streikflugblätter“, hieß es dazu lakonisch in einem Feldpostbrief an die Eltern. Tatsächlich wurde ein Kriegsgerichtsverfahren gegen ihn eingeleitet, das im Oktober glimpflich mit einem Freispruch endete. Als einen Monat später die Novemberrevolution ausbrach, fand sich Fechenbach als Sekretär, nach heutigem Verständnis persönlicher Referent des neuen bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner wieder. Das war ein einflussreiches Amt und beinhaltete weit mehr als die ihm übertragene persönliche Korrespondenz. Wie Fechenbachs Biograph Hermann Schueler illustriert, war der Sekretär oft die agierende Hand eines mitunter zögerlichen Ministerpräsidenten. Fechenbach, so der Historiker Peter Steinbach, war 1918/19 ein Revolutionär, „der die bestehenden sozialen und politischen Verhältnisse über die Grenzen hinaustreiben wollte […]“; aber er war kein Kommunist, wollte vielmehr eine zweite, bolschewistische Revolution verhindern.
Fechenbach, so Peter Steinbach, stand im Schatten Kurt Eisners und dieser Schatten fiel nach Eisners Ermordung 1919 auf ihn. Das war die Ausgangskonstellation der späteren Affäre Fechenbach. Eisner hatte mit der Veröffentlichung bayerischer Akten zum Kriegsausbruch begonnen und Fechenbach sah sich hier als Sachwalter des Eisnerschen Vermächtnisses. Im April 1919 übergab er dem Schweizer Journalisten René Payot Dokumente, darunter das Erzberger-Memorandum, die dieser in dem Moment veröffentlichte, als die Ententemächte der deutschen Seite ihre Friedensbedingungen bekannt gaben. Keineswegs nur die Propagandisten einer „Kriegsschuldlüge“ schäumten. Drei Jahre später eröffnete das Volksgericht, ein Sondergericht am Landgericht München, einen Landesverratsprozess gegen Fechenbach. An diesem Prozess war vieles dubios; allem voran die Behauptung, das zum Zeitpunkt der Weitergabe fünf Jahre alte und teils längst veröffentlichte Beweismaterial sei brisant. Um so skandalöser war das Urteil: Felix Fechenbach wurde am 20. Oktober 1922 zu einer Zuchthausstrafe von elf und zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte für zehn Jahre verurteilt. Eine Berufung gegen dieses Urteil war nicht möglich. Wie hochgradig politisch und wie einseitig die Justiz in jenen Jahren gegen Linke urteilte, unterstreicht allein der Vergleich dieses mit dem Strafmaß für den verurteilten Putschisten Hitler. Am Ende ließ die bayerische Staatsregierung beide nahezu zeitgleich frei, Fechenbach nach Abmilderung des Strafmaßes auf dreieinhalb Jahre im Dezember 1924. Die Aufhebung des Urteils verfügte 1926 das Reichsgericht. Fechenbach beschrieb seine Hafterfahrung sehr nüchtern in dem 1925 erschienenen Erlebnisbericht „Im Haus der Freudlosen“.
Es gelang Felix Fechenbach nur mühsam, sich nach der Haftentlassung eine neue Existenz aufzubauen. Zeitweilig arbeitete er als Redakteur beim Dietz-Verlag in Berlin. Den eigentlichen Neuanfang markierte 1929 die Festanstellung als Zeitungsredakteur beim Detmolder Volksblatt. Fechenbach, der seit 1926 in zweiter Ehe mit der Kindergärtnerin Irma Epstein verheiratet war und eine wachsende Familie ernähren musste, wurde hier zur profilierten Stimme im Kampf gegen die Nationalsozialisten. Seine Kunstfigur des »Nazi-Jüsken« demaskierte die scheinbaren Biedermänner als Brandstifter. Die Informationen, die Fechenbach seinem »Jüsken« in den Mund legte, stammten offenkundig aus Parteikreisen. Die Wut der Parteigenossen über die mediale Bloßstellung traf Fechenbach unmittelbar. Die ganze Wucht ihres Hasses bekam er nach der sogenannten „Machtergreifung“ zu spüren, als den verbalen tätliche Angriffe folgten. Am 5. März 1933 schlugen ihn SA-Männer auf offener Straße zusammen, wenig später, am 11. März wurde er im Detmolder Gefängnis in „Schutzhaft“ genommen. Über sein weiteres Schicksal machte er sich keine Illusion. „Wenn du einmal hören solltest, ich sei auf der Flucht erschossen worden, dann kannst du sicher sein, es war Mord“, schrieb er einem Parteifreund. Am 7. August 1933 wurde Fechenbach tatsächlich im Zuge einer angeblichen Verlegung in das KZ Dachau in einem Waldstück nahe dem westfälischen Warburg hinterrücks erschossen.
Fechenbach hatte sich entschieden, nicht ins Exil zu gehen. Seine Frau und die Kinder hatten sich zunächst nach Augsburg zu den Schwiegereltern und von dort ins Schweizer Exil gerettet. Mit Unterstützung Albert Einsteins kamen sie 1946 in die USA. Irma Fechenbach wurde im gesellschaftlichen Klima der McCarthy-Ära jedoch nicht heimisch. Sie kehrte schließlich mit der Tochter Lotte in die Schweiz zurück. Als Nebenklägerin im Mordprozess gegen den Führer des Transportkommandos erlebte sie wie viele Angehörige von NS-Opfern die unbefriedigende juristische Aufarbeitung des Verbrechens. Ihr Anwalt Robert M. Kempner, der einstige Chefankläger von Nürnberg, regte an, die als Beihilfedelikt behandelte und so nicht angemessen gesühnte Tat zusätzlich mit der Finanzierung eines Gedenksteins abzugelten. Weil dies strafrechtlich nicht umsetzbar war, nahm der SPD-Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises Lippe und Freund des Ermordeten, August Berlin, die Idee eines Gedenksteins am Ort der Tat auf. Irma Fechenbach erlebte die Einweihung des Erinnerungsortes 1973 wenige Monate vor ihrem Tod. An Felix Fechenbach erinnern heute Straßennamen in Oerlinghausen und Detmold. Im Südwesten ist noch zu wenig bekannt, dass dieser mutige und von den Rechten gehasste NS-Gegner, Pazifist und zum Mehrheitssozialdemokraten gewandelte Sozialist hier seine Wurzeln hat.
Werke: Im Haus der Freudlosen. Bilder aus dem Zuchthaus, 1925; Der Revolutionär Kurt Eisner. Aus persönlichen Erlebnissen, 1929; Mein Herz schlägt weiter. Briefe aus der Schutzhaft, 1936; Der Puppenspieler. Roman, 1937.
Nachweis: Bildnachweise: StadtA Detmold, Bildarchiv Nr. 3457, vermutlich von 1922.

Literatur: Themenheft Felix Fechenbach (1894 – 1933), in: Rosenland. Zeitschrift für lippische Geschichte 15 (2013), 1-102; Schueler, Hermann, Auf der Flucht erschossen. Felix Fechenbach 1894 – 1933. Eine Biographie, 1981; Steinbach, Peter (Hg.), „Das Schicksal hat bestimmt, dass ich hierbleibe“. Zur Erinnerung an Felix Fechenbach (1894 – 1933), 1983.
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