Reiseberichte im Mittelalter

Vorstellungen des Unbekannten: Tiere im Heiligen Land (Holzschnitt), aus: Bernhard Breydenbach, Peregrinatio in terram sanctam, Mainz 11.02.1486 (Quelle: Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf, urn:nbn:de:hbz:061:1-152250, Image 127)

Der Reisebericht stellt eines der ältesten Genres der (Literatur-)Geschichtsschreibung dar. Das Einsetzen der Überlieferung von Reiseberichten im 14. Jahrhundert dürfte zugleich das Entstehen des Typus markieren. Als Autoren erscheinen vor allem Geistliche und wohlhabende Bürger. Die Überlieferung der Texte für den deutschen Südwesten ist meist sehr schmal und beschränkt sich in der Regel auf eine einzige Handschrift. Nur wenige Reiseberichte fanden eine weite Verbreitung, die sich in einer breiteren handschriftlichen Dokumentation niederschlägt. Entsprechend gelangten Reiseberichte auch nur im Ausnahmefall zum Druck. Deutlich wird, dass sich zahlreiche Reiseberichte im Kontext von Familien- oder Hausbüchern erhalten haben und gar nicht zur weiteren Verbreitung bestimmt waren. Es ging hier oftmals um die Erinnerung an ein besonderes Erlebnis eines Familienmitglieds und damit auch um dessen Sozialprestige. Die Textumfänge der erhaltenen Reiseberichte sind sehr unterschiedlich; oftmals finden sich die Texte in der Form verschiedener Textbausteine zusammengestellt. Dies gilt vor allem für Pilgerberichte, die bei weitem dominante Form der Reiseberichte im späten Mittelalter. Auch ist die Vermischung von Selbsterlebtem und übernommenem Wissen typisch für das Genre. Beliebtestes Reiseziel im Mittelalter war das Heilige Land mit Jerusalem, manchmal auch mit der Sinai-Halbinsel und dem Katharinenkloster. Weit weniger Berichte beschreiben Reisen zu den beiden anderen großen Pilgerstätten der Christenheit, Rom und Santiago de Compostela. Neben den Pilgerreisen werden in Einzelfällen auch Reisen zu europäischen Fürstenhöfen, manchmal auch als Kombination zwischen beidem, beschrieben. Jedenfalls geht es bei den Reiseberichten fast ausnahmslos um Fernreisen, die in aller Regel als Pilgerfahrten unternommen wurden. Als Anlass zur Erstellung der Reiseberichte wie auch hinsichtlich ihres Zwecks dürften Selbstdarstellung und Memoria eine wichtige Rolle gespielt haben. Daneben ging es vielfach auch um die Weitergabe praktischer Informationen für die Reiseorganisation. Von besonderer Bedeutung für den deutschen Südwesten ist die berühmte Pilgerreise Graf Eberhards im Bart von Württemberg, die ihn 1468 ins Heilige Land führte und durch mehrere Reiseberichte gut dokumentiert ist. Hierzu sind in jüngster Zeit auch neue Textzeugen erfasst worden, welche die Bedeutung der Parallelüberlieferung und deren komplementäre Auswertung beispielhaft betonen. Das Unterwegssein an sich hat auch im späten Mittelalter nur in Ausnahmefällen zu Reiseaufzeichnungen geführt. Deshalb ist zu bedenken, dass die erhaltenen Reiseberichte kein sozialgeschichtlich ausgewogenes Bild der Mobilität der Zeit bieten können. Erst unter dem Einfluss des Humanismus und der europäischen Expansion nach Übersee werden die Schreibanlässe seit dem späten 15. Jahrhundert individueller. Den ausführlichen Artikel von Peter Rückert finden Sie im LEO BW Themenmodul „Südwestdeutsche Archivalienkunde“. (JH)

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