Kapuzinerkloster Neckarsulm 

Ortsbezüge:
Baujahr/Gründung: 1661 [1661]
Zerstörung/Aufhebung: 1811 [1811]
Beschreibung: Zur Mithilfe in der Seelsorge und zur Festigung der Untertanen im katholischen Glauben wurden Kapuziner aus der tirolisch-bayerischen Provinz (seit 1668 bayerisch, seit 1711 fränkisch) vom Deutschen Orden auf ein Bittgesuch der Stadt 1638 gegen den Widerstand der rheinischen Kapuziner in Wimpfen nach Neckarsulm geholt. Nachdem der Provinzial P. German 1655 mit der Abberufung gedroht hatte, setzten sich Bürgerschaft und Rat beim Deutschen Orden für einen baldigen Klosterbau am Heilbronner Tor ein. 1661 erfolgte die Grundsteinlegung des für höchstens zwölf Ordensleute bestimmten Klosters zu Ehren der Gottesmutter und des hl. Antonius von Padua (Bauleitung: Br. Nikolaus Trost von München). 1663 konnte das Kloster bezogen werden. Die Kirche wurde am 31. August 1664 zu Ehren des hl. Franziskus konsekriert. Um einen Lichthof schloss sich das Geviert aus Klosterkirche und Klostergebäuden zusammen. Der Innenhof hatte einen Kreuzgang aus einer Balkonkonstruktion. Der Eingang zur Kirche lag außerhalb der Stadtmauer. Der Kirchenraum war von einer Tonne überwölbt. Chor und Langhaus wurden durch eine lettnerartige Abschrankung voneinander getrennt. Der Hochaltar mit einem Bild der Himmelfahrt Mariens stand ursprünglich auf der Grenze zwischen Chor und Langhaus. In den Klostergebäuden waren im Erdgeschoss u. a. Küche, Refektorium, die Zelle des Pförtners, Sprechzimmer und Stockfischwässerei untergebracht, im ersten Stock lagen die Zellen der Mönche und Laienbrüder, die Bibliothek, ein Gästezimmer und ein Aufenthaltsraum. Da auch andere Klöster im Neckarsulmer Gebiet Almosen sammelten, waren die Kollekten wenig ertragreich. Die Kapuziner versahen an Sonn- und Feiertagen die Stelle als Stadtpfarrprediger. Ein Schwerpunkt des Kapuzinerapostolates lag in der Landseelsorge, die in der protestantischen Umgebung einen weitgehend missionarischen Charakter trug. Außerdem leiteten sie die Wallfahrt zum Kostbaren Blut nach Walldürn und versahen die Kreuzwallfahrt nach Dahenfeld. P. Vinzenz ("Vater des Vaterlandes") konnte durch sein geschicktes Zureden im Juli 1645 den Herzog von Grammont von der beabsichtigten Zerstörung Neckarsulms abhalten. Im Zuge der Säkularisierung wurde das Kapuzinerkloster durch Württemberg beschlagnahmt. 1809 lebten in sechs Zellen neun Patres und vier Laienbrüder. Durch ein königliches Dekret vom 22. September 1811 wurde das klösterliche Leben beendet und am 3. Oktober die Klosterkirche geschlossen. Die Patres wurden in der Pfarrseelsorge im süddeutschen Raum eingesetzt, das Klostergebäude wurde 1811 Gerichtsgefängnis des Oberamtsbezirks (heute Polizeistation) und die Kirche Magazin. 1829 wurde die Kirche um 660 Gulden vom Staat an die Stadtgemeinde verkauft. Durch die Bemühungen des Stadtpfarrers Franz Joseph Maucher wurde die Kirche restauriert und am 4. Oktober 1894 erneut geweiht. Nach 1945 wurde die Kirche mehrmals restauriert, sie erhielt ein neues Chorfenster mit der Vogelpredigt des hl. Franziskus. Eine sitzende Madonnenfigur mit Kind, wohl von der Burg auf dem Scheuerberg, ist bemerkenswert.
Autor: BERTRAM FINK
Objekttyp: Kloster
Ordensregel:
  • Kapuziner 1661-1811
Sonstiges: Bistum: Würzburg, ab 1821 Rottenburg-Stuttgart,
fiel an: Württemberg (1805)
Weiter im Partnersystem: http://www.kloester-bw.de/?nr=113

Adresse Klostergasse 02, Neckarsulm

Literatur:
  • M. Erzberger: Die Säkularisation in Württemberg von 1802 bis 1810. Ihr Verlauf und ihre Nachwirkungen. Stuttgart 1902, ND Aalen 1974. 410f.
    W. Zimmermann / N. Priesching (Hg.): Württembergisches Klosterbuch. Klöster, Stifte und Ordensgemeinschaften von den Anfängen bis in die Gegenwart. Stuttgart 2003. 361f. (B. FINK).
    Die Kunst- und Altertumsdenkmale im Königreich Württemberg. Inventar Neckarkreis. Bearb. v. E. von Paulus. Stuttgart 1906 [1. Aufl. 1889]. OA Neckarsulm, 435.
    F. J. MAUCHER: Kapuziner-Kirche und Kloster zu Neckarsulm. Eine lokalgeschichtliche Studie als Denk- und Fest-Schrift aus Anlass der im Jahre 1894 erfolgten Wiederherstellung und Einweihung der alten Klosterkirche. Neckarsulm 1894.
    A. EHRENFRIED: Stifte und Orden in Neckarsulm. Zell a. H. 1974.
    B. DEMEL: Der Deutsche Orden und die Kapuziner in Mergentheim (1628-1809) und in Neckarsulm (1638/63-1805). In: Württembergisch Franken 63 (1979) 47-87.
    Neckarsulm. Aufsätze zur Stadtgeschichte. In: Historische Blätter aus Neckarsulm 9 (1993).
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