Augustiner-Chorherrenstift St. Märgen 

Ortsbezüge:
Baujahr/Gründung: 1115 [um 1115/18]
Zerstörung/Aufhebung: 1806 [1806]
Beschreibung: Das regulierte Augustiner-Chorherrenstift St. Märgen, gelegen im Hochschwarzwald an der historischen Straße zwischen Freiburg und Villingen, geht zurück auf eine Stiftung des Straßburger Dompropstes und kaiserlichen Kanzlers Bruno aus dem Geschlecht der Grafen von Haigerloch-Wiesneck. Eine Stiftungsurkunde hat sich nicht erhalten, eine Gründung um 1115/18 darf jedoch als gesichert angenommen werden. Sie steht im Kontext sowohl des Investiturstreites wie der Kanonikerreform, in der Bischof Ulrich von Konstanz, ein ehemaliger Augustiner-Chorherr, eine tragende und das zur Diözese Konstanz gehörige St. Märgen fördernde Rolle spielte. Das Stift - zunächst als "Monasterium sanctae Mariae" und "Cella", später meist als Mergenzell bezeichnet - war der hl. Maria geweiht (deshalb im Wappen Maria mit dem Kinde). Zur ersten Besiedlung wurden u. a. Augustiner-Chorherren aus der Diözese Toul herangezogen, die jedoch in einer ersten Krise des Stiftes nach wenigen Jahren wieder zurückgesandt wurden. Auf sie geht wahrscheinlich das bis heute erhaltene und im Mittelpunkt einer Wallfahrt stehende Gnadenbild Mariens mit dem Kinde zurück. Zum Stiftungsgut gehörte vor allem Rodungsland in der näheren Umgebung aus dem Besitz der Stifterfamilie, was eine Abgrenzung der St. Märgener Besitzansprüche gegenüber benachbarten Gütern der Benediktinerklöster St. Gallen und St. Peter notwendig machte. Von besonderer Bedeutung war neben der Pfarrei St. Märgen die dauerhafte Besetzung der Pfarreien Wyhl und Scherzingen durch Chorherren sowie der damit verbundene Zehnt; die Pfarrstelle in Haslach ging in der Reformation verloren, dafür gelangte 1615 die Pfarrei Zähringen durch Schenkung an das Stift. Daneben erwarb das Stift das Bürgerrecht in den Städten Endingen, Villingen und Freiburg. Obwohl in der päpstlichen Bestätigung der Konventsgründung dem Stift 1125 die freie Vogtwahl zugesichert worden war, verblieb die Vogtei zunächst in Händen der Gründerfamilie; auch Vererbung und Verkauf der Vogtei musste das Stift in den folgenden Jahrhunderten immer wieder hinnehmen: Über die Grafen von Hohenberg und den Freiburger Bürger Burkart Turner gelangte die Schirm- und Kastenvogtei zu Beginn des 14. Jh. an die Herren von Schnewelin. Von diesen erwarben sie 1372 die Herren von Blumeneck. Nach einem neuerlichen Übergang an die Schnewelin (1450) kam die Vogtei schließlich 1463 an die Stadt Freiburg im Breisgau. Die Streitigkeiten zwischen Äbten und Vögten um die Vogteirechte überlagerten sich im 14. Jh. mit innerstiftischen Auseinandersetzungen zwischen Abt und Konvent. Ihre Zuspitzung fanden sie in der zeitweiligen Vertreibung des Konventes durch die Schnewelin 1320-1322 sowie in den Abtsmorden der Jahre 1355, 1401 (jeweils durch den Vogt) und 1385 (durch den Konvent). 1370 vereinigte sich das wirtschaftlich und personell zerrüttete St. Märgen mit der Augustiner-Chorherrenpropstei Allerheiligen in Freiburg. Der Niedergang der Abtei fand seine Fortsetzung in einem Stiftsbrand 1430 sowie dem Ausverkauf fast sämtlicher Güter an Freiburg (1462), das im Folgejahr auch die Vogtei erwarb. Seiner ökonomischen Grundlagen weitgehend entblößt, sah sich das Stift zur Verlegung des Konventes nach Freiburg gezwungen und stand in der Folgezeit mehrfach kurz vor dem Aussterben. Die Abtswürde selbst wurde 1546 für erloschen erklärt, so dass die Konventsvorsteher nur noch den Titel eines Administrators bzw. seit 1583 eines Propstes von Allerheiligen führten. Ungeachtet der faktischen Reduktion auf die Propstei Allerheiligen und der immer wieder drohenden Auflösung bemühte sich das Stift in fortwährenden juristischen Auseinandersetzungen um Wiedererlangung der an Freiburg gefallenen Güter und Rechte im Schwarzwald. Unter dem aus dem Kreuzlinger Konvent stammenden Propst Andreas Dilger vollzog sich im frühen 18. Jh. in mehreren Etappen die Erneuerung stiftischen Lebens in St. Märgen. Der Brand der Pfarrkirche 1704 machte einen Neubau erforderlich und bot so den äußeren Anlass für eine Rückkehr der Stiftsherren. Nachdem bereits 1723 das marianische Gnadenbild in die neu errichtete Kirche überführt worden war und Dilger seit 1724 wieder in St. Märgen residierte, konnte 1729 auch das Konventsgebäude seiner Bestimmung übergeben werden. Den Nachfolgern Dilgers gelang die Anerkennung der Abtswürde (1738) sowie die Aufnahme in den breisgauischen Prälatenstand (1771). Weitere Ausdrucksformen dieser späten Blüte des Stiftes waren zahlreiche Gebetsverbrüderungen: mit den Augustiner-Chorherren von Marbach (1714), Beuron (1716), Kreuzlingen, Waldsee (beide 1741) und Waldkirch (1770), den Benediktinern von Petershausen (1718) und St. Peter (1730) sowie dem St. Bernhard-Hospiz (1732). Darüber hinaus schloss sich das Stift 1725 der Lateranensischen Augustinerkongregation in Rom an. Die seelsorgerische Aktivität der Chorherren in mehreren Pfarreien bewahrte die Gemeinschaft in josephinischer Zeit vor der Aufhebung; die Größe des Stiftes wurde auf 18 Konventualen begrenzt. Diese Zahl wurde in der Folgezeit auch tatsächlich erreicht, wohingegen zuvor der seit dem 15. Jh. rein bürgerlich-bäuerliche Konvent sich oftmals nur aus einigen wenigen Stiftsherren zusammengesetzt hatte. Dem Aufschwung des Stiftes im 18. Jh. setzte die Säkularisation durch Baden am 29. August 1806 ein jähes Ende. Bei der Aufhebung wurde der Wert der Abtei und ihrer Besitztümer auf etwa 360.000 Gulden geschätzt, ihre Verschuldung belief sich auf knapp 60.000 Gulden. Ein Teil des Konventsgebäudes wurde als Pfarrhaus genutzt, der Rest ging in private Hände über. Seit 1995 beherbergt die ehemalige Stiftsanlage einen kleinen Konvent der Pauliner. Über die Bibliothek des Stiftes ist wenig bekannt. Im Zuge der Säkularisation wurden die wertvollsten Bestände nach Freiburg und Karlsruhe verbracht. Ein Teil blieb als Pfarrbibliothek vor Ort und fiel dem Brand von 1907 zum Opfer. Auf wissenschaftlicher Ebene verdient Abt Michael Fritz Erwähnung, der 1770 Fakultätsdirektor der Theologie an der Universität Freiburg wurde und als solcher die Aufsicht über die staatliche Bücherzensur theologischer Werke zu führen hatte. Von ihm ist ebenso wie von seinen Vorgängern in St. Märgen Andreas Dilger und Peter Glunk ein umfangreiches Tagebuch überliefert. Um die Geschichtsschreibung der Stifte St. Märgen und Allerheiligen machte sich erstmals Propst Adam Schmid am Ende des 17. Jh. verdient. Künstlerische Meriten erwarb sich vor allem der für St. Märgen und St. Peter tätige Bildhauer Matthias Faller, der von 1735 bis 1737 als Frater Floridus dem Stift angehörte und einen Großteil seines Lebens in St. Märgen verbrachte. Das geistliche Leben des Stiftes wurde insbesondere durch die Marienwallfahrt geprägt, die bereits für die Freiburger Zeit nachweisbar ist und sich seit der ersten Hälfte des 17. Jh. im Aufschwung befand. Der Höhepunkt der Wallfahrt wurde im 18. Jh. erreicht; die Herausgabe eines in mehreren Auflagen seit 1711 erschienenen Wallfahrtsbüchleins, die exemplarische Zahl von 24.000 Wallfahrern im Jahr 1754 sowie die barocke Umkleidung des romanischen Gnadenbildes legen davon Zeugnis ab. Neben der Marienwallfahrt betreute das Stift eine Pilgerstätte zum heiligen Judas Thaddäus in einer Kapelle auf dem nahen Ohmen. Eng mit dem Wallfahrtswesen verbunden waren die nach der Rückkehr des Konventes nach St. Märgen ins Leben gerufenen Bruderschaften: eine Todesangst-, Rosenkranz-, Herz-Jesu- und Blasius-und-Sebastians-Bruderschaft. Der Baubestand der Stiftsanlage von St. Märgen ist mehrmals in seiner Geschichte durch Brände fast gänzlich zerstört worden (1284, 1430, 1560, 1704, 1907). Das heutige Bild der Abtei gibt in zu Teilen rekonstruierter Form die Baugestalt der barocken Anlage wieder. Unter Leitung des Vorarlberger Baumeisters Johann Mathies entstand ab 1716 zunächst die 1725 geweihte, doppeltürmige Stiftskirche, an deren Innenausstattung in den folgenden Jahrzehnten noch weiter gearbeitet wurde. Um zwei Innenhöfe gruppieren sich im Süden der Kirche die schlichten, zweigeschossigen Prälatur- und Konventsgebäude, die in zwei Bauabschnitten 1725-1729 (Konvent, Mathies) und 1760/61 (Prälatur, Johann Baptist Häring) errichtet wurden. Von der barocken Innenausstattung der Stiftskirche ist heute nur noch wenig erhalten. Die bedeutendsten Kunstwerke, das romanische Gnadenbild und die Skulpturen von Matthias Faller, konnten beim Brand 1907 zwar gerettet werden, unwiederbringlich verloren ist hingegen die Johann Andreas Silbermann-Orgel von 1777.
Autor: MICHAEL C. MAURER
Objekttyp: Kloster
Ordensregel:
  • Augustiner-Chorherren um 1115/18-1806
Sonstiges: Bistum: Konstanz, ab 1821 Freiburg,
fiel an: Modena (1802), Johanniter (1802), Österreich (1803), Baden (1805)
Weiter im Partnersystem: http://www.kloester-bw.de/?nr=381

Adresse Klosterhof 02, St. Märgen

Literatur: Die Kunstdenkmäler der Amtsbezirke Breisach, Emmendingen, Ettenheim, Freiburg (Land), Neustadt, Staufen und Waldkirch (Kreis Freiburg Land). Bearb. v. F. X. Kraus (Die Kunstdenkmäler des Großherzogthums Baden Bd. VI/1). Tübingen 1904. 321-327.
St. Märgen. Festschrift anläßlich der 850-Jahr-Feier. St. Märgen 1968.
W. MÜLLER: Studien zur Geschichte der Klöster St. Märgen und Allerheiligen, Freiburg i. Br. In: Freiburger Diözesan-Archiv 89 (1969) 5-129.
M. HERMANN: St. Märgen im Schwarzwald und seine Wallfahrtsgeschichte. Die Gnadenmutter der einstigen Klosterkirche und die Wallfahrt zum hl. Judas Thaddäus auf dem Ohmen. Lindenberg 2002.
DERS.: Katholische Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt. St. Märgen im Schwarzwald. Lindenberg 2003.
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