Karmeliterkloster Ravensburg 

Ortsbezüge:
Baujahr/Gründung: 1344 [1344]
Zerstörung/Aufhebung: 1806 [1806]
Beschreibung: Das Ravensburger Karmeliterkloster war 1344 von Mönchen aus Dinkelsbühl gegründet worden; die Kirche konnte 1349 geweiht werden. In weltlichen Angelegenheiten waren die Karmeliter von der Stadt abhängig, die geistliche Obrigkeit stand dem Orden zu, zu dessen oberdeutscher Provinz der Ravensburger Konvent gehörte. Nach anfänglicher Zurückhaltung der Stadtbevölkerung wurden die gelehrten Karmeliter durch Predigt und Seelsorge, intensive Marienfrömmigkeit verbunden mit dem Kult der hl. Anna, Verbreitung des Skapuliers sowie Kontakt zu Mitgliedern der Ravensburger Handelsgesellschaft und auch zu den Zünften schon bald zu geachteten Partnern der Stadtgemeinde. Eine Vielzahl frommer Stiftungen durch einzelne handeltreibende Patrizierfamilien wie der Faber, Humpis und Möttelin, die an der Karmeliterkirche Grabkapellen errichteten, oder der Ravensburger Handelsgesellschaft, die eine groß dimensionierte, an den Chor der Karmeliterkirche angelagerte Kapelle stiftete, ließ die Karmeliter nicht nur zu einer wichtigen geistigen, sondern auch wirtschaftlichen Größe in der Stadt avancieren. Die stattlichen Konventsgebäude am Marienplatz und die große Bettelordenskirche, die ihre Gestalt im Wesentlichen im 14. und 15. Jh. erhielten, zeugen vom einstigen Stellenwert der Karmeliter in der Stadt. Im Zusammenhang mit der Reformation wurden die Karmeliter in den Chor ihrer Kirche zurückgedrängt, das Langhaus wurde von der evangelischen Kirchengemeinde genutzt. Wirtschaftliches Fundament für die Ravensburger Karmeliter bildeten die Einkünfte aus 23 umfangreichen Lehengütern, die in Form von spätmittelalterlichen Stiftungen oder späterem Erwerb in den Besitz des Klosters gelangt waren, darunter die Mönchmühle in Ravensburg und 22 Höfe in der näheren Umgebung der Stadt, überwiegend im Herrschaftsbereich der Landvogtei gelegen. Beträchtliche Einnahmen in Höhe von 1.500 bis 2.000 Gulden jährlich bescherte den Karmelitern insbesondere auch die Bierherstellung in der seit 1664 bestehenden eigenen Klosterbrauerei. Die Einnahmen aus gottesdienstlichen Verrichtungen waren 1803 mit 550 Gulden relativ gering, da die Karmeliter verpflichtet waren, allein 3063 Fundations-Messen zu lesen (1803). Am Ende des Alten Reichs war in Ravensburg ein im Vergleich zum Mittelalter zwar personell dezimierter, doch intakter Karmeliterkonvent bestehend aus 19 Patres und sechs Laienbrüdern mit einer ausgewogenen Altersstruktur anzutreffen. Außer einem Laienbruder befand sich kein gebürtiger Ravensburger im Konvent; das quasi Nicht-Vorhandensein von Ravensburgern bei den Karmelitern in der Stadt lässt sich für das gesamte 18. Jh. beobachten. Die Karmeliter betreuten in der Reichsstadt selbst Gläubige an der eigenen Ordenskirche sowie die Franziskanerinnen und stellten einen Pater, der an Sonn- und Feiertagen am Zucht- und Arbeitshaus des Schwäbischen Kreises predigte. Darüber hinaus erstreckte sich ihre seelsorgerliche Betreuung in Übereinkunft mit den jeweiligen Kirchenherren vor allem auf Landgemeinden der näheren Umgebung, die nicht ausreichend versorgt werden konnten. Die Karmeliter wirkten am Ende des Alten Reichs als helfende Geistliche unter anderem in der Landvogtei, der Deutschordenskommende Altshausen, im Herrschaftsbereich der Fürsten Waldburg-Wolfegg und Waldburg-Zeil sowie im Bereich der Reichsabteien Weingarten und Weißenau. Die Förderung der Universitätsgelehrsamkeit bei den Karmelitern diente vor allem der Schulung für die priesterliche Predigt; bedeutende, aus dem Ravensburger Konvent hervorgegangene Gelehrte des 18. Jh. sind nicht bekannt. 1803 fiel das Karmeliterkloster als Entschädigungsmasse an den Deutschen Orden, von dem es am 21. März 1803 vorläufig in Besitz genommen wurde. 1805 fiel das Kloster an Bayern, das es am 5. März 1806 auflöste, die Konventangehörigen konnten weiterhin in den Gebäuden verbleiben. Mit dem Übergang Ravensburgs an Württemberg 1810 hatten die Karmeliter die Klostergebäude 1811 zu räumen. Die württembergische Regierung wandelte die ehemaligen Konventgebäude zur Kaserne um, veräußerte die Gebäude samt Garten aber 1817 um 5.660 Gulden an die Stadt Ravensburg, die 1825 darin ein Lyceum und eine Realschule einrichtete; seit 1869 bis heute ist in den ehemaligen Konventsgebäuden das Landgericht bzw. deren Vorgänger (Kreisgerichtshof) untergebracht. Die Klosterkirche ging mit Aufhebung des Klosters 1806 vollständig an die evangelische Kirchengemeinde über. 1349 konnte die erste (wohl nur provisorische) Kirche der Ravensburger Karmeliter geweiht werden, nach 1392 wurden Kirche und Klostergebäude aufgrund einer Stiftung erneuert und vergrößert. Ihr monumental-schlichtes Erscheinungsbild verdankt die ursprünglich turmlose Bettelordenskirche, eine dreischiffige Säulenbasilika mit Rechteckchor, dem 14. und den Erweiterungen des 15. und 16. Jh.; von 1404 bis um 1508 wurden fünf Kapellen gestiftet: die Faber-Kapelle (1404), die Möttelin-Kapelle (1448), die Allerheiligen-Kapelle (1452), welche 1461 zur Kapelle der Ravensburger Handelsgesellschaft um- und ausgebaut wurde, die Humpis-Kapelle (1483) und die St.-Anna-Kapelle (um 1508). Der Kirchturm, dem die Faber- und Humpis-Kapelle weichen mussten, entstand erst 1842/44. Im Chor befinden sich Wandbilder des 14. und 15. Jh., in der Gesellschafts-Kapelle Kirchenfenster aus dem 15. Jh. Die im Kern aus dem 15. Jh. stammende, dreistöckige, am zentralen (Marien-) Platz gelegene Klosteranlage bestand 1803 aus 43 Zimmern und Konventzimmern, einem Rekreationssaal, einem Bibliothekssaal, einer Brauerei, zwei Stallungen, einem Waschhaus, zwei Gärten, einem großen Wein- und vier Bierkellern.
Autor: ANDREAS SCHMAUDER
Objekttyp: Kloster
Ordensregel:
  • Beschuhte Karmeliter 1344-1806/11
Sonstiges: Bistum: Konstanz, ab 1821 Rottenburg-Stuttgart,
fiel an: Deutscher Orden (1803), Bayern (1805), Württemberg (1810)
Weiter im Partnersystem: http://www.kloester-bw.de/?nr=694

Adresse Marienplatz 03, Ravensburg

Literatur:
  • M. Erzberger: Die Säkularisation in Württemberg von 1802 bis 1810. Ihr Verlauf und ihre Nachwirkungen. Stuttgart 1902, ND Aalen 1974. 334ff.
    W. Zimmermann / N. Priesching (Hg.): Württembergisches Klosterbuch. Klöster, Stifte und Ordensgemeinschaften von den Anfängen bis in die Gegenwart. Stuttgart 2003. 387f. (A. SCHMAUDER).
    Die Kunst- und Altertumsdenkmale im ehemaligen Donaukreis. Oberamt Ravensburg. Bearb. v. R. Schmidt u. H. Buchheit (Die Kunst- und Altertumsdenkmale in Württemberg. Hg. vom Württ. Landesamt für Denkmalpflege). Stuttgart/Berlin 1931. 46-51.
    G. HOLZER: Der Streit der Konfessionen in der Reichsstadt Ravensburg. Diss. phil. Tübingen 1950, 126-134.
    A. DREHER: Geschichte der Reichsstadt Ravensburg. Weißenhorn 1972, Bd. 2, 756-758.
    P. EITEL: Evangelische Stadtkirche Ravensburg (Schnell-Kunstführer 1467). München 1984.
    A. BORST: Mönche am Bodensee: Eberhard Horgasser - Karmeliter in Ravensburg. Sigmaringen 1994, 320-338.
    A. SCHMAUDER: Die Säkularisation der Ravensburger Stadtklöster. In: Alte Klöster - neue Herren. Die Säkularisation im deutschen Südwesten. Ausstellung und Begleitpublikation zur Großen Landesausstellung 2003 in Bad Schussenried. Stuttgart 2003..
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