Eichert, Christian Ludwig 

Geburtsdatum/-ort: 16.10.1861;  Eglosheim
Sterbedatum/-ort: 24.01.1922;  Ludwigsburg
Beruf/Funktion:
  • Unternehmer in Ludwigsburg
Kurzbiografie: Kindheit und Schulzeit in Eglosheim (heute Ludwigsburg-Eglosheim)
Ausbildung und Arbeit als Schuhmacher in der Werkstatt des Vaters
Militärzeit in Ulm in den frühen 80er Jahren und erste Experimente mit Klebstoffen und Polituren für Leder
1888 15. Aug. Selbstständigkeit als Schuhmacher in der Kirchstraße in Ludwigsburg
1889 10. Jun. Firmengründung „Wachsfabrik Weil und Eichert“ mit dem jüdischen Kaufmann Leopold Weil in der Kirchstraße
ab 1892 Entwicklung des neuen Firmenstandortes in Ludwigsburg, Osterholzallee
1893 Erweiterung des Gesellschafterkreises um den Schwager Jakob Zeh
1901 Bau des Verwaltungsgebäudes an der heutigen Kurfürstenstraße
1913 Erweiterung der Firma um einen weiteren Fabrikbau
1919 Übergabe des Firmenleitung an den Sohn Max
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1888 (Ludwigsburg) Marie Hammer (geb. 1868, gest. 1906)
Eltern: Vater: Jakob Friedrich Eichert (1831-1891), Schuhmacher in Eglosheim
Mutter: Christine Klöpfer (geb. 1833 Pleidelsheim, gest. 1901 Eglosheim)
Geschwister: 4 Brüder
1 Schwester
Kinder: Max (geb. 1888)
Otto (geb. 1890)
Lina-Maria (geb. 1891)
Hugo (geb. 1892)
Gustav (geb. 1895)
Hanna (geb. 1899)
GND-ID: GND/1012574377

Biografie: Christof Eichert (Autor)
Aus: Württembergische Biographien 1, 61-63

Eichert stammte aus einer Familie mit langer Schuhmeister-Tradition in Eglosheim. Sein Großvater Wilhelm Christian wurde Schuhmacher. In der 1848er Revolution wurde dieser wegen revolutionärer Reden auf den Hohenasperg gesperrt. Der Sohn Christian Jakob Eichert (geb. 1831) übernahm den Beruf als Schuhmacher vom Vater. Dessen zweitgeborener Sohn Christian Ludwig (geb. 1861) erlernte den gleichen handwerklichen Beruf. Er hatte in der Familie eine besondere Position. So war er Testamentsvollstecker nach dem Tode des Vaters. Eichert heiratete im August 1888 Marie Hammer, die Tochter des Gastwirts Friedrich Hammer, der die „Rose“ in Eglosheim betrieb. Der Bruder von Marie, Karl Hammer, war Architekt in Ludwigsburg; er war verheiratet mit einer Tochter des Wirts Ott, der die älteste Gaststätte Ludwigsburgs betrieb, das „Waldhorn“. Das Ehepaar bekam sechs Kinder, von denen der jüngste Sohn Gustav 1895 nach nur drei Monaten starb. Eichert lernte in der väterlichen Werkstatt das Schuhmacherhandwerk. Bereits im Rahmen des Militärdienstes experimentierte er; er wollte die in der Schuhmacherei erforderlichen Zutaten wie Wachse, Polituren und chemischen Stoffe verbessern. Eichert wagte im Sommer 1888 den Sprung in die Selbständigkeit und kaufte in der Residenzstadt Ludwigsburg eine Haushälfte, wo er auch seine Werkstatt einrichtete. Ein Freund aus der Militärzeit war Jakob Sigle, der bereits 1885 seine eigene Schuhmacherwerkstatt in Kornwestheim zusammen mit dem jüdischen Kaufmann Max Levi 1891 gründete; hieraus entstand die Firma Salamander. Die Freundschaft hielt ein Leben lang.
Am 15. August 1888 meldete er sein eigenes Geschäft beim Gewerberegister an und begann mit der Unterstützung seiner Schwester Sofie im Keller seines Hauses Versuche für verschiedene Polituren, Wachsmischungen und Klebstoffe, die später die erste Grundlage für die Produktion sein sollten. Eichert sah die Chancen eines Marktes, der nicht mehr an den Maßstäben der handwerklichen Schuhherstellung gemessen werden konnte, ohne aber die wirtschaftliche Grundlage für eine Produktion zu haben. Bald fand Eichert in Leopold Weil einen zahlungskräftigen Partner, der in Ludwigsburg als jüdischer Kauf- und Handelsmann tätig war und seit 1883 in der Holzmarktstraße ein Manufakturwarengeschäft führte. Zusammen mit ihm gründete Eichert bereits am 10. Juni 1889 die gemeinsame Firma „Wachsfabrik Weil und Eichert“. Nach Anfängen in der Kirchstraße konnte 1893 in einer neu errichteten „Wachssiederei an der heutigen Kurfürstenstraße in Ludwigsburg die industrielle Produktion begonnen werden.
Das Jahr 1893 brachte auch eine Erweiterung des Gesellschafterkreises: der gelernte Mechaniker Jakob Zeh aus Eglosheim, trat in die Firma ein; im gleichen Jahr heiratete Jakob die Schwester Sofie. Nahezu jedes Jahr wurden nun Erweiterungsbauten errichtet, alle geplant von Architekt Karl Hammer, dem Schwager von Eichert. Das markante Fabrik- und Verwaltungsgebäude an der Kurfürstenstraße entstand 1901. Es steht heute noch, direkt gegenüber der Industrie- und Handelskammer Ludwigsburg. 1913 wurde nach den Plänen des Sohnes und jungen Architekten Otto auf Flächen zwischen Osterholzallee und Kaiserstraße ein langgestreckter Fabrikneubau errichtet, der eine sehr feine und künstlerische Architektur aufwies. Die Produktion von Kautschuk-Lösungen, Klebstoffen, Kalt- und Warmpechen sowie Ausputz für Sohlen und Oberleder nahm immer größere Ausmaße an, die Firma prosperierte bei allen Produkten.
In der Tradition seines Großvaters Wilhelm Christian, dem Häftling auf dem Hohenasperg von 1848, gehörte Eichert zu den sogenannten „Demokraten“, die eine erste Opposition zum König waren. Wiederholt gewährte Spenden an liberale Gruppen in den Jahren um 1905 hatten Folgen für den Sohn Max, der nach der Wehrpflicht 1909 Offizier in einem Ludwigsburger Regiment werden wollte. „Soldat kann nicht Offizier werden, da Vater Demokrat“ war die Antwort auf die Bewerbung. Ein anderer Spruch von Eichert anlässlich der Beerdigung des württembergischen Königs Karl im Oktober 1891 zeigt seinen eigenwilligen Geist. Als er gefragt wurde, ob er mit der Verwandtschaft zur Trauerfeierlichkeit in den Schloßhof komme, antwortete er schwäbisch kurz: „Noi, der dät ja au net zu meire Leich komma!“
Bereits 1906 verstarb die Ehefrau Marie während eines Sanatoriumsaufenthaltes in Hirsau im Alter von nur 38 Jahren. Die älteste Tochter Lina übernahm danach die Rolle der Mutter, begleitete den Vater auf Reisen in Deutschland und in die Schweiz, wo „Weil und Eichert“ Lieferant der bekannten Schuh-Firma Bally war. Alle Kinder waren für ihre Zeit sehr selbständig und selbstbewusst. Das elterliche Haus wurde zum Ort, wo sich Jungen und Mädchen ganz gegen den Zeitgeist in lockerer Kleidung trafen. Schon vor 1910 fuhr die Familie ins Allgäu und die Schweiz, die großen Kinder fuhren „Schneeschuhe“. Dies löste später in Ludwigsburg heftigen Protest, verbunden mit der Aufforderung an den Vater, der Tochter Lina das Tragen von Skihosen und das Skifahren mit Männern zu verbieten. Lina mit ihren Brüdern gehörten zu den Gründungsmitgliedern der Schneeläuferzunft Ludwigsburg im Jahre 1911.
Als der zweite Sohn Otto sein Architekturstudium bei Professor Bonatz in Stuttgart abgeschlossen hatte und vom württembergischen König als Preis einen Studienaufenthalt in Italien zuerkannt bekam, ermöglichte der großzügige Vater, dass Otto 1913/1914 ein ganzes Jahr auf Architektur-Wanderschaft die italienischen Bauepochen studieren konnte. Aus dieser Zeit stammen zahlreiche Anregungen zu Entwürfen, zu deren schönstem das nach dem ersten Weltkrieg erbaute sogenannte Haus Frischauer in der Asperger Straße zählt, heute der Sitz des Deutsch-Französischen Instituts.
Die Entwicklung der Firma war über die Jahrzehnte immer wieder wechselvoll, aber erfolgreich und die Grundlage für den Wohlstand der Familien Eichert, Weil und Zeh. Eichert, eigentlich schon vor dem ersten Weltkrieg aus der Firmenleitung ausgeschieden, um seinem Sohn Max Platz zu machen, mußte in den Kriegsjahren wieder in das Unternehmen zurückkehren. Er zog sich Ende 1918 endgültig aus dem Firmengeschehen zurück. Die Position des Vaters übernahm der Sohn Max. Der Bruder Hugo, inzwischen promovierter Chemiker, wurde 1921 der Leiter des Chemischen Labors.
Am 24. Januar 1922 starb Eichert an den Folgen einer massiven Diabetes in seinem Haus an der Osterholzallee.
Carl, der Sohn von Jakob Zeh, wurde 1928 Teilhaber, als sich der Vater aus dem Geschäft zurückzog. Leopold Weil verstarb bereits 1912; sein Sohn Berthold übernahm seine Anteile, sodass Zug um Zug die zweite Generation der drei Familien die Firma führte, immer noch unter dem Namen „Weil und Eichert AG, Chemische Fabrik“. Im Jahr 1935 stand das Unternehmen mit weiteren 14 Ludwigsburger Firmen auf einer Liste der Nationalsozialisten, in der zum Boykott dieser Firmen aufgerufen wurde. Offensichtlich aus diesem Grund erfolgte in diesem Jahr 1935 die Umfirmierung auf den Namen „Chemische Fabrik Zeh und Co.“. Damit waren bei unveränderten Anteilen der drei Familien die eigentlichen Gründerfamilien Weil und Eichert nicht mehr zu erkennen. Berthold Weil musste wenig später die Firma verlassen und versuchte zu emigrieren. Die ganze Familie ist vermutlich im Januar 1945 im Konzentrationslager Dachau ermordet worden.
Die Firma „Chemische Fabrik Zeh und Co.“ entwickelte sich in der Folgezeit zu einem auf Klebstoffe und Polyurethan-Schaumstoffe spezialisierten Unternehmen, geleitet von Dr. Rudolf Zeh, dem Sohn von Carl Zeh. Versuche, in Ludwigsburg notwendige neue Flächen für einen modernen Produktionsstandort zu erwerben, scheiterten. Im Sommer 1994 verlegte die Firma endgültig ihren Sitz und die Produktion in die Gemeinde Murr in dort neu errichtete Gebäude.
Quellen: Privater NL Eichert im Besitz der Familie; StadtA Ludwigsburg NL Otto Eichert (V 3/24), Sammlung Bauakten (L 63, L 63.1); Stadt Ludwigsburg Bürgerbüro Bauen (ab 1900).
Nachweis: Bildnachweise: Privatbesitz des Autors.

Literatur: C. Eichert, C. L. Eichert, in: Ludwigsburg. Erinnerungen an Stadt und Kreis. 100 Jahre Historischer Verein Ludwigsburg, hg. von Hist. Verein, 1997, 25 ff.
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