Kutscher, Waldemar 

Geburtsdatum/-ort: 15.09.1898; St. Petersburg
Sterbedatum/-ort: 28.10.1981;  Wiesloch
Beruf/Funktion:
  • Biochemiker
Kurzbiografie: 1898-1914 St. Petersburg, Besuch des Realgymnasiums der deutschen St.-Katharinen-Schule
1914 Aug. Verschleppung der Familie nach Sibirien
1918 Jun. Flucht nach Deutschland
1918 1. Okt.-1920 1. Apr. Dienst im Heere und beim Freikorps „Grenzschutz Ost“
1923 Mär. Reifeprüfung am „Alten Realgymnasium“ München als Privatschüler
1926 23. Mär. Diplom-Vorprüfung in Chemie an der Technischen Hochschule München
1927 22. Mär. Diplom-Hauptprüfung
1929 20. Mär. Dr.-Ing. „mit Auszeichnung“: „Über substitutionierte Acetylpyrrole und Homologe“
1930 30. Okt. Immatrikulation an der Universität Heidelberg für das Medizinstudium
1932 1. Okt. ordentlicher Wissenschaftlicher Assistent am Physiologischen Institut der Medizinischen Fakultät Heidelberg
1934 26. Jun. Promotion zum Dr. med. „magna cum laude superato”: „Vergleichende Stickstoffuntersuchungen an Mittelohrsekreten bei akuter Otitis und beim Tubenmittelohrkatarrh“
1936 6. Apr. Grad eines habilitierten Doktors der Medizin, Habilitationsschrift: „Über Phosphatase“
1936 7. Dez. Dozentur für physiologische Chemie, Probevorlesung (30. Sep. 1936): „Über den Blutfarbstoff“
1938 24. Okt. Ernennung zum planmäßigen außerordentlichen Professor für physiologische Chemie
1961 8. Mai ordentlicher Professor
1970 Frühjahr Ende der Lehrtätigkeit
1971 Jun. Bundesverdienstkreuz I. Klasse
Weitere Angaben zur Person: Religion: griechisch-kath.
Verheiratet: 1931 (Heidelberg) Maria, geb. Gabriel, Dr. med. (1903-1989)
Eltern: Vater: Albert (1873-1943), Ingenieur
Mutter: Helene (Elena Karlowna), geb. Martinson (1878-1950)
Geschwister: 3:
Sergej (ca. 1895-1974)
Anatol (ca. 1900-1980)
Lydia (gest. ca. 1970)
Kinder: 2:
Ingrid, (geb. 1938), Dr. med., verheiratete Schäfer
Ursula (geb. 1939), Dr. med., verheiratete Kutscher-Diemer
GND-ID: GND/1012787036

Biografie: Alexander Kipnis (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 4, 203-205

Sein Vater, ein deutscher Ingenieur, hatte durch Errichtung mehrerer Industriebauten im Ausland großes Ansehen gewonnen. In St. Petersburg leitete er eine große Eisengießerei; Kutschers Mutter entstammte dort einer großbürgerlichen Familie. Kutscher besuchte das Realgymnasium der deutschen Gemeinde in St. Petersburg bis zur Obersecunda. Kurz nach dem Ausbruch des I. Weltkrieges wurde die Familie, wie damals fast alle in Russland lebenden Deutschen, nach Sibirien deportiert. Im Sommer 1918 gelang Kutscher eine abenteuerliche Flucht nach Deutschland. Nach anderthalb Jahren Militärdienst kam er nach München, wo sein Onkel, der Theaterwissenschaftler Professor Artur Kutscher, wohnte. Später, im August 1932, begleitete Kutscher als Dolmetscher dessen Studienreise mit 35 Personen nach Leningrad, Moskau, Charkow und Kiew.
Im November 1920 schrieb sich Kutscher an der chemischen Abteilung der Technischen Hochschule München als „Hörer“ ein, unterbrach aber sein Studium „wegen Kriegsleiden“, so er selbst, vielleicht aber auch, um mit seinen Eltern zusammenzutreffen. Diese waren inzwischen durch Vermittlung des Roten Kreuzes bei Neapel gelandet. Sein Vater leitete dort bis zu seinem Tod eine Maschinen- und Waggonfabrik. Kutscher begann in Neapel Chemie zu studieren, wechselte dann aber wieder nach München. Nachdem er im Frühjahr 1923 die Reifeprüfung am Alten Realgymnasium als Privatschüler abgelegt hatte, konnte er sich ab Sommersemester 1923 als ordentlicher Student an der Technischen Hochschule immatrikulieren. Im Frühjahr 1927 bestand er die Diplomhauptprüfung mit der Note „gut“. Vom Sommersemester dieses Jahres an arbeitete er beim bekannten Organiker und Biochemiker Hans Fischer, dem 1930 der Nobelpreis für seine Arbeiten über Pyrrolen verliehen wurde. Fischer schlug Kutscher vor, eine Reihe neuer Pyrrolverbindungen zu synthetisieren, was Kutscher erfolgreich gelang. Seine „mit außerordentlichem Fleiß und Gewissenhaftigkeit durchgeführte Arbeit“, so Fischer, „förderte eine ganze Anzahl neuer Pyrrole zu Tage, lernte ihr Verhalten kennen und bedeutet einen wichtigen pyrrolchemischen Beitrag“. Im März 1929 wurde Kutscher zum Dr. Ing. „mit Auszeichnung“ promoviert.
H. Fischer, der selbst sowohl zum Dr. chem., wie auch zum Dr. med. promoviert und mehrere Jahre „medizinische Chemie“ doziert hatte, beeinflusste ohne Zweifel den wissenschaftlichen Weg seines fleißigen Schülers. Denn kaum promoviert, wandte sich Kutscher dem Medizinstudium zu. Vielleicht trug aber auch der damalige Einstellungsstopp in der Chemie zu diesem Entschluss bei. Kutscher ging nach Heidelberg und war dort zunächst als „Volontärassistent“, später dann als ordentlicher Assistent beim Physiologischen Institut tätig. Bereits nach vier Jahren wurde er zum Dr. med. promoviert. Sein Heidelberger Lehrer war der außerordentliche Professor für physiologische Chemie S. Edlbacher, der die Chemische Abteilung des Physiologischen Instituts leitete. Im Herbst 1932 ging Edlbacher nach Basel, Kutscher wurde de facto sein Nachfolger und nach seiner Habilitation wurde die Chemische Abteilung unter seiner Leitung als Physiologisch-Chemisches Institut verselbständigt. Der Lehrstuhl wurde erst 1960 eingerichtet. Kutscher leitete beide Institutionen bis zu seiner Pensionierung.
Kutschers Einstellung gegenüber dem „Dritten Reich“ war indifferent. Er folgte aber den Spielregeln, so dass „keinerlei Bedenken politischer Art“ vorlagen. 1937 wurde Kutscher „Parteianwärter“, damals Bedingung für eine Professur; Mitglied der NSDAP wurde er aber nie. Tatsächlich war Kutscher ein unpolitischer Mensch. Nach dem Krieg wurde er aufgrund einer Untersuchung vom Oktober 1945 bis Ende Februar 1946 „unbeschränkt wiederverwendet“.
Kutscher publizierte, teilweise allein, teilweise mit seinen Mitarbeitern, knapp 60 Aufsätze, wobei die eher unzulänglichen Räume des Physiologischen Instituts immer wieder hinderlich wirkten. Seine Arbeiten befassen sich mit dem Grenzgebiet zwischen organischer Chemie und Physiologie und betreffen vor allem die Biologie und Physiologie der Fermente, sowie den Intermediarstoffwechsel der Kohlenhydrate. Von besonderer Bedeutung war die im Jahr 1935 erfolgte Entdeckung der Prostata-Phosphatase, des Ferments, das sich später als diagnostisch wichtiger Tumormarker bei Prostatakrebs erweisen sollte: Die quantitative Bestimmung der Prostata-Phosphatase im Blutserum war die erste praktisch verwendbare Methode für die Diagnostik und Therapie-Kontrolle einer bösartigen Geschwulst. Diese grundlegenden Arbeiten wurden jahrzehntelang in der Fachliteratur zitiert und erst unlängst durch die Entwicklung neuer immunologischer Tests in den Hintergrund gedrängt.
In den letzten Jahren seiner Tätigkeit widmete sich Kutscher Untersuchungen über krebserregende Bestandteile in der Luft und wurde deswegen auch in die Kommission zur „Reinhaltung der Luft“ berufen. Außerdem prüfte er Lebensmittelzusätze auf ihre Verträglichkeit und warnte beispielsweise immer wieder vor den gesundheitsgefährdenden Folgen, die der Einsatz von Polyphosphaten bei der Herstellung von Wurst- und Fleischwaren bringen kann. Kennzeichen seiner literarischen Tätigkeit war auch, dass Kutscher die russische und italienische Sprache ebenso beherrschte wie die deutsche, so referierte er mehrfach russische Arbeiten zur physiologischen Chemie für das „Chemische Zentralblatt“.
Seine reichen Kenntnisse hat Kutscher erfolgreich bei der Ausbildung von Studenten weit über das übliche Pensionsalter hinaus eingesetzt, zuletzt als Vertreter seines Lehrstuhls. Kutscher, ab 1949 auch Vorsitzender der Studentenstipendienkommission für die Fakultät und zuletzt für die gesamte Universität, war ein außerordentlich beliebter Professor; immer wieder wurde nicht nur die Klarheit seines didaktisch vorbildlichen Vortrags sondern vor allem die überaus menschliche Art hervorgehoben, mit der er Mitarbeitern und Studenten begegnete.
Quellen: HistA d. TU München PromAkten Kutscher; StadtA Heidelberg Auskünfte; UA Heidelberg Studentenakten 1930-1940, Personalakte 1042, 2829 u. 4740, H-III 862/64, Rep. 35-8; Rep. 36-5, Rep. 40-289; UB Heidelberg Hs 3824; Informationen von Frau Ursula Kutscher-Diemer.
Werke: (Auswahl) Harnphosphatase (Drei Mitteilungen), in: Naturwissenschaften 23, 1935, 558-559; Zs. für physiolog. Chemie 235, 1935, 62-73, 238, 1936, 275-279; Prostataphosphatase (Drei Mitteilungen) ebd. 236, 1935, 237-240, 239, 1936, 109-126, 255, 1938, 169-189; Über Nucleinsäurespaltung im Gewebe maligner Tumore, in: Zs. für Krebsforschung 56, 1949, 253-257; Edlbacher, Siegfried, NDB 4, 1959, 314; Über die kondensierten Phosphate (Polyphosphate), in: Dt. Lebensmittel-Rundschau 57, 1961, 140-144; Formen u. Gesetze des Stoffwechsels, in: Universitas 21, 1966, 121-129; (mit R. Tomingas), Untersuchung von Rußen u. Luftstäuben in Mannheimer Raum, in: Reinhaltung d. Luft 26, 1966, 230-235; (mit R. Tomingas u. H. P. Weisfeld), Untersuchungen über die Schädlichkeit von Rußen u. Luftstäuben unter bes. Berücksichtigung ihrer kanzerogenen Wirkung, in: Archiv für Hygiene u. Bakteriologie 151, 1967, 646-668, 152, 1968, 260-264 u. 285-288; Über Vorkommen von Benzpyren im Ruß d. Luft, in: Schutz unseres Lebensraumes, hg. v. H. Leibundgut, 1971, 297-311.
Nachweis: Bildnachweise: UA Heidelberg; Heidelberger Tageblatt u. RNZ; Chronik d. Ärzte Heidelbergs, 1985, 182 (vgl. Lit.).

Literatur: Poggendorfs Biogr.-literar. Handwörterb. 7a, T. 2, 1958, 975; Heidelberger Tageblatt vom 15.9.1958 u. vom 14/15.9.1968 (mit Bild); RNZ vom 16.9.1958 (mit Bild) u. vom 14.9.1963; Ruperto Carola 31. Jg., 1979, H. 62/63, 102 f. ; Chronik d. Ärzte Heidelbergs, 1985, 134 (mit Bild).
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