Haas, Ludwig Leo 

Geburtsdatum/-ort: 16.04.1875;  Freiburg i. Br.
Sterbedatum/-ort: 02.08.1930;  Karlsruhe
Beruf/Funktion:
  • Rechtsanwalt und DFVP/DDP-Politiker
Kurzbiografie: 1894/95 Einjährig-Freiwilliger im Heidelberger Bataillon des 2. Badischen Grenadier-Regiments Kaiser Wilhelm I. Nr. 110
1895 Studium der Rechtswissenschaften in Freiburg und München
1898 Freiburger Promotion zum Dr. jur. bei Prof. Dr. R. Schmidt, Thema: Die Mehrtäterschaft
1901 Niederlassung als Rechtsanwalt in Karlsruhe
1910 Stadtrat in Karlsruhe
1912-1918 Reichstagsabgeordneter DFVP, Wahlkreis 10 Baden-Karlsruhe
1914-1918 Weltkriegsteilnehmer: 1915 Erwerb des Eisernen Kreuzes I bei Kämpfen in Flandern, Beförderung zum Leutnant der Reserve, danach Verwendung in der Militärverwaltung in Polen
1918 Oktober: Badischer Innenminister; November: Mitglied der Revolutionsregierung
1919 Mitglied der vorläufigen Volksregierung in Baden
1919-1930 Reichstagsabgeordneter DDP, badische Wahlkreise 33, 35, ab 1928 Wahlkreis Thüringen
Weitere Angaben zur Person: Religion: isr.
Verheiratet: 1902 Josefine, geb. Mayer
Eltern: Vater: Julius Haas, selbständiger Kaufmann aus Emmendingen
Mutter: Rosa, geb. Marx aus Bruchsal
Geschwister: 1 Schwester, Karola (1868-1963) verheiratet mit Arthur von Brauer, badischer Staatsminister
Kinder: bekannt 1 Tochter
GND-ID: GND/117640727

Biografie: Heinrich Walle (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 2, 114-116

Haas entstammte einer der ältesten jüdischen Familien Badens. Seine Vorfahren väterlicherseits waren seit mehr als 300 Jahren im Badischen nachweisbar. Familiengräber befinden sich in Randegg bei Konstanz, Emmendingen, woher der Vater stammte, und in Obergrombach. Die Vorfahren mütterlicherseits lassen sich bis in die Hälfte des 13. Jahrhunderts nachweisen.
Das liberal eingestellte Elternhaus – der Vater war mit Eduard Lasker, einem der führenden Liberalen aus den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts befreundet – hatte starken Einfluß auf seine weltanschaulich-politische Entwicklung. Nach dem Abitur in Bruchsal diente er 1894/95 als Einjährig-Freiwilliger im Heidelberger Bataillon des 2. Badischen Grenadier-Regimentes Kaiser Wilhelm I. Nr. 110. Er mußte dort die Ungleichbehandlung deutscher jüdischer Soldaten erleben. Obwohl er untadelig seine Pflicht erfüllt hatte, wurde er zusammen mit anderen jüdischen Kameraden nicht zum Gefreiten befördert. Weniger aus eigenem Antrieb, als vielmehr im Interesse seiner jüdischen Mitkameraden verlangte er einen Tag nach seiner Entlassung von seinem Kompaniechef Rechenschaft über diese Zurücksetzung. „Unnötig zu sagen, daß der Herr Hauptmann 'auswich', und die Sache anscheinend im Sande verlief“, bemerkte seine Tochter Judith Schrag-Haas in ihren Erinnerungen an den Vater. Haas war damit einer der vielen jüdischen Soldaten, die trotz bester Leistungen von einer Beförderung zurückgestellt wurden. Von 1885 bis zum Kriegsausbruch 1914 war kein jüdischer Einjährig-Freiwilliger in der preußischen Armee zum Reserveoffizier befördert worden. Lediglich in der Königlich-Bayerischen und -Sächsischen Armee gab es einige Ausnahmen.
Nach Ableistung seines Wehrdienstes nahm er 1895 das Studium der Rechtswissenschaften auf. Da jüdischen Studenten die Aufnahme in Burschenschaften und Corps, wie auch in christlichen Verbindungen versagt war, schloß sich Haas einer Studentenverbindung des KC, des Kartell-Conventes der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens an. Die Mitglieder des KC hatten erkannt, daß sie den Kampf gegen den Antisemitismus selbst zu führen hatten, „mit dem Willen und den Möglichkeiten und mit den Waffen der deutschen Studenten“. Die Verbindungen des KC waren im Gegensatz zu anderen jüdischen Verbindungen stark national eingestellt: man wollte als Jude ein patriotischer Deutscher sein und kämpfte für die endgültige Gleichstellung mit den nichtjüdischen Bürgern. Er gründete 1897 die fünfte KC-Verbindung, die „Friburgia zu Freiburg“. 1898 wurde er in Freiburg zum Dr. jur. promoviert und ließ sich 1901 in Karlsruhe als Rechtsanwalt nieder.
Er interessierte sich schon früh für Politik, was er bereits durch sein Engagement in den stark politisch ausgerichteten jüdischen Studenten-Verbindungen bewiesen hatte. Haas entfaltete nach dem erfolgreichen Aufbau seiner Anwaltspraxis seine ersten öffentlichen Aktivitäten in der Karlsruher Kommunalpolitik um die Jahreswende 1905/06. Sein besonderes Interesse galt der Sozialpolitik, jedoch war seine politische Tätigkeit immer mit einem Eintreten für die Gleichberechtigung des Judentums in Deutschland verbunden. So wurde er damals auch in der „Vereinigung badischer Israeliten“, einem regionalen Gegenstück zum „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“, aktiv und gehörte nach 1918 dem Hauptvorstand des „Centralvereins“ an. Vom Januar 1912 bis November 1918 vertrat er den Wahlkreis 10, Baden-Karlsruhe, als Abgeordneter der 1909 gegründeten Fortschrittlichen Volkspartei im Reichstag. Diese Partei war eine liberale Gruppierung, die aus dem Zusammenschluß der Demokratischen Deutschen Volkspartei mit der Freisinnigen Volkspartei und der Freisinnigen Vereinigung entstanden war. Mit ihm und Felix Waldstein, der den Wahlkreis Eckernförde-Schleswig vertrat, waren 1912 erstmalig wieder ungetaufte Juden als Vertreter einer bürgerlichen Partei im Reichstag vertreten. Beide gehörten der gleichen Fraktion an.
Haas war nach der Schilderung eines Fraktionskollegen ein nationalgesonnener, vornehmer Mann von ritterlichem Charakter mit beinahe aristokratischen Zügen, einer in der Politik selten verbreiteten Haltung. Er kümmerte sich vornehmlich um Fragen der Außenpolitik und hatte besondere Kenntnisse in sozial- und rechtspolitischen Fragen. Als Redner im Plenum war er vor allem wegen seiner Schlagfertigkeit in heißen Debatten geschätzt.
Wie auch sein Kollege, der jüdische SPD-Abgeordnete Dr. Ludwig Frank aus Mannheim, war er in der süddeutschen liberalen Tradition verwurzelt, wobei er, bedingt durch sein Elternhaus, ein Vertreter des liberalen Gedankens, wenngleich ohne doktrinäre Starrheit war. Ähnlich Frank pflegte er auch den Kontakt mit Kollegen anderer Parteien, um gemeinsame politische Ziele zu verfolgen. So hatte er sich ebenfalls wie Frank vor Kriegsausbruch um die deutsch-französische Verständigung bemüht und an den Interparlamentarischen Konferenzen zu Bern im Jahre 1913 und zu Basel 1914 teilgenommen.
Hauptanliegen seiner politischen Bestrebungen war jedoch unverkennbar die Erringung der völligen Gleichberechtigung seiner jüdischen Glaubensbrüder. Er fühlte sich als deutscher Jude. In der Gewährung der Gleichberechtigung erblickte er die Garantie für den Fortbestand des Staates. In einem am 17. 5. 1913 gehaltenen Vortrag: „Der deutsche Jude in der Armee“ stellte er fest: „Wir wissen, daß wir zur deutschen Kulturgemeinschaft gehören, zu einer anderen können wir nicht gehören, weil wir eine andere Kultur als die deutsche überhaupt nicht besitzen ... Deutsch ist unsere Sprache, deutsch ist das Land, in dem wir und unsere Vorfahren seit langen Zeiten leben: ein anderes Land kennen wir als Heimat nicht; jetzt sage mir mal einer, wo soll da ein anderes Nationalgefühl herkommen!“
Seine Bindung zum Judentum, die echt und aufrichtig in ihm lebendig war, ergab sich aus seiner Haltung zu den traditionellen Werten der jüdischen Gemeinschaft. Mit der gleichen Überzeugung und Einsatzkraft, mit der er für die Gleichberechtigung der deutschen Juden in Staatsdienst und Armee kämpfte, setzte er sich auch für den Fortbestand der jüdischen Religionsgemeinschaft ein. So gehörte er nicht zu denen, die ihre Kinder, wie es damals so häufig der Fall war, vom jüdischen Religionsunterricht befreien ließen. Er erkannte klar, daß das Dispensieren in vielen Fällen der erste Schritt zu einer späteren Taufe war.
Bei Kriegsausbruch im August 1914 war es für Haas eine selbstverständliche Ehrenpflicht, auch im Felde für das bedrohte Vaterland einzutreten. Beim Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 238 wurde er nach den Kämpfen in Flandern im Juni 1915 nach Verleihung des Eisernen Kreuzes I. Klasse zum Leutnant der Reserve befördert und war dort zuletzt Führer einer Kompanie. Im Juli 1915 verließ er sein Regiment und fand Verwendung beim Verwaltungschef des Generalgouvernements Warschau, wo er sich bis 1918 für seine polnischen Glaubensbrüder als Angehöriger der Militärverwaltung einsetzte.
Während des Krieges setzte er sich als Reichstagsabgeordneter immer wieder für seine Glaubensbrüder ein, die in der Armee ungleich behandelt wurden und sich mit Petitionen an ihn wandten. Es ging vor allem um ungerechtfertigte Benachteiligungen bei Beförderungen. Zusammen mit seinem Fraktionskollegen und Glaubensbruder Georg Gothein reichte er wiederholt Petitionen beim Kriegsministerium ein und wies auf die recht fadenscheinigen Begründungen, mit denen jüdischen Soldaten unter Bezichtigung angeblicher militärischer Untüchtigkeit ein Aufsteigen im Dienst versagt wurde. Höhepunkt der Diffamierung jüdischer Soldaten war der Erlaß des Kriegsministers vom 11.10.1916, worin auf Betreiben antisemitischer Abgeordneter eine statistische Erfassung der jüdischen Soldaten angeordnet wurde. Da hierin nur die Angehörigen der jüdischen Religion erfaßt werden sollten, fühlten sich die deutschen jüdischen Soldaten zu Recht diffamiert. Haas hatte hierzu in einer brillanten Rede am 3.11.1916 im Reichstag Stellung genommen und das Entehrende dieser sogenannten „Judenzählung“ offen gebrandmarkt. Diese Reichstagsrede wurde in zahlreichen Zeitungen der deutschen Judenheit abgedruckt.
Im Oktober 1918 ernannte Großherzog Friedrich II. von Baden Haas zum Innenminister des Großherzogtums. In den revolutionären Wirren des Novembers verhinderte er durch mutiges Dazwischentreten Ausschreitungen gegen diesen liberalen und von der Bevölkerung durchaus geschätzten Monarchen, dessen Abreise mit Familie er unter eigener Lebensgefahr ermöglichte. Er hatte maßgeblichen Anteil daran, daß sich die Einführung der Republik in Baden in Würde und reibungslos vollzog. Auf seinen Vorschlag hin sprach die badische Revolutionsregierung dem Großherzog nach dem Thronverzicht den öffentlichen Dank des Volkes für seine Verdienste um das Land aus, ein wohl einmaliger Vorgang im Deutschen Reich.
Um sich ganz der Reichspolitik widmen zu können, legte er im Frühjahr 1919 sein Ministeramt nieder und zog als Abgeordneter der neugegründeten Deutschen Demokratischen Partei in die Weimarer Nationalversammlung. Vom Januar 1919 bis Juni 1920 vertrat er als Reichstagsabgeordneter seiner Partei den Wahlkreis 33, Baden, vom Juni 1920 bis Mai 1924 den Wahlkreis 35, Baden, und vom Mai 1924 bis Mai 1928 hatte er sein Reichstagsmandat über den Reichswahlvorschlag inne. Vom Mai 1928 bis zu seinem Tode vertrat er den Wahlkreis 12, Thüringen, im Reichstag.
Wie viele seiner Mitbürger empfand der Frontsoldat Haas die durch den Versailler Vertrag erzwungene militärische Wehrlosigkeit des Deutschen Reiches als unerträglich. Ebenso bekämpfte er die Bestrebungen der Rechtsparteien, den neuen Staat im Sinne eines Revisionismus zu unterminieren. So engagierte er sich in der von den Koalitionsparteien, vornehmlich der SPD, 1924 gegründeten Schutzorganisation „Reichsbanner Schwarz Rot Gold“ und bekannte sich nachhaltig zu seinem Soldatentum.
Politischen Takt bewies dieser Idealist, der alle öffentlichen Ämter ausschlug, nach dem Zeugnis seines ehemaligen Sozius Raphael Strauß auch in der Ablehnung der Übernahme des Postens eines deutschen Botschafters in den USA. Reichspräsident Friedrich Ebert schätzte ihn außerordentlich und hat mehrfach erwogen, Haas bei einem Rücktritt des DDP-Politikers Otto Gessler als Reichswehrminister zu ernennen. Haas hat sich aber diesem Vorhaben entzogen, vielleicht weil er durch das furchtbare Schicksal seines Glaubensbruders Walther Rathenau, der als Reichsaußenminister von Rechtsradikalen 1922 ermordet wurde, abgeschreckt worden war. Die Besetzung eines Ministeramtes in Deutschland durch einen Juden mußte ihm als Provokation der deutschen Öffentlichkeit erscheinen.
Werke: Rede vor dem Deutschen Reichstag am 3. 11. 1916, in: Verhandlungen des Reichstages, XIII. Legislaturperiode, II. Session, Band 308, Stenographische Berichte, Berlin 1916, 2050-2052.
Nachweis: Bildnachweise: nicht feststellbar.

Literatur: Judith Schrag-Haas, L. Haas, Erinnerungen an meinen Vater, in: Bulletin des Leo Baeck-Instituts, 4. Jg. 1962, Nr. 13, 75 ff.; B. Rosenthal, Aus L. Haas' Familiengeschichte, in: Jüdische Familienforschung, Mitt. der Gesellschaft für jüdische Familienforschung, Sonderdruck aus Heft 24, Dezember 1930, 303 ff.; Nachruf auf L. Haas, in: KC-Blätter, 20. Jg. Aufsatzheft Nr. 3, Sept. 1930, 45 ff.; Ludwig Luckemeyer, L. Haas als Reichstagsabgeordneter der Fortschrittlichen Volkspartei (FVP) und der Deutschen Demokratischen Partei, in: Kritische Solidarität, Betrachtungen zum deutsch-jüdischen Selbstverständnis, Festschrift für Max Plaut zum 70. Geburtstag, hg. von Günter Schulz, Bremen 1971, 125 ff.; Heinrich Walle, Deutsche jüdische Soldaten 1914-1945, in: Deutsche jüdische Soldaten 1914-1945, Kat. zur Wanderausstellung, hg. v. Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Herford-Bonn 1983, 28 ff.; ders.: Deutsche jüdische Soldaten aus dem Großherzogtum Baden im Ersten Weltkrieg, zur Erinnerung an Ludwig Frank und L. Haas, in: Juden in Baden 1809-1984, hg. v. Oberrat d. Israeliten Badens, Karlsruhe 1984,173; Ernest Hamburger, Juden im öffentlichen Leben Deutschlands, Regierungsmitglieder, Beamte und Parlamentarier in der monarchischen Zeit 1848-1918, Tübingen 1968, 112 ff. und 363 ff.; Juden im Wilhelminischen Deutschland 1890-1914, hg. von Werner E. Mosse, Tübingen 1976.
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