Class, Helmut 

Geburtsdatum/-ort: 01.07.1913;  Geislingen/Steige
Sterbedatum/-ort: 04.11.1998;  Nagold-Pfrondorf, beigesetzt auf dem Waldfriedhof in Stuttgart
Beruf/Funktion:
  • Landesbischof, Ratsvorsitzender der EKD
Kurzbiografie: 1919 Volksschule in Geislingen-Altenstadt, ab 1921 Reformrealgymnasium Geislingen, ab 1927 Reformreal-, heute: Zeppelin-Gymnasium Stuttgart bis Abitur
1931 Studium d. Ev. Theologie an d. Theol. Schule Bethel,
1932 Tübingen, 1933 Marburg, 1934 Tübingen
1936 III 8 I. Theol. Dienstprüfung u. Ordination
1936 Vikarsausbildung in St. Bernhard, Esslingen, u. Diakonissenanstalt Schwäbisch Hall
1938 militär. Ausbildung bei d. Luftnachrichtentruppe in Stuttgart u. Würzburg
1939 II II. Theol. Dienstprüfung
1939 Pfarrverweser in Tiefenbach, dann Soldatenheim Truppenübungsplatz Münsingen
1939 VII 3 Pfarrer an d. Kilianskirche in Heilbronn
1939 X 3 Nachrichtenoffizier in d. Luftwaffe, Einsatz an d. West- u. Ostfront
1945–1947 XII 24 Kriegsgefangenschaft in d. Sowjetunion, Lager Lebedjan, Rjasab, dort „Lagerpfarrer“, nach Unfall arbeitsunfähig
1948 VI 1 wieder Pfarrer an d. Kilianskirche u. Stadtjugendpfarrer in Heilbronn
1950 Landesjugendpfarrer u. Leiter d. Ev. Landjugendarbeit in Württemberg
1951–1959 Vorsitzender des Leiterkreises „Ev. Jugend auf dem Land“
1952–1968 Delegierter d. württembergischen Landeskirche bei d. Vollversammlung des Luth. Weltbundes in Hannover; zugewählt zum 4. Landeskirchentag, LKT, mit beratender Stimme, ab 1954 gewähltes Mitglied des LKT bzw. d. Landessynode, LS, beim 5. LKT für Göppingen, bei d. 6. LS für Cannstatt, 7. für Böblingen, Herrenberg, Arbeit u.a. im Ausschuss für Jugend u. Unterricht, Lehre u. Kultus, Ältestenbeirat, Landeskirchenausschuss; 1968 Mandat niedergelegt; 1958 leitender Pfarrer d. Ev. Diakonieschwesternschaft Herrenberg, 1968 Prälat von Stuttgart; 1969 bis 1979 Landesbischof d. Württ. Landeskirche, am 2. Nov. 1969 Amtseinführung
1960–1992 Mitglied d. Synode d. EKD bis 1969, 1971 bis 1986 Vorsitzender des Diakonischen Rats des Diakonischen Werkes d. EKD, 1973 bis 1979 Vorsitzender des Rates d. EKD, 1976 bis 1986 Vorsitzender d. Ev. Mittelost Kommission; 1979 bis 1992 Beauftragter des Rats d. EKD für den Kontakt zu den ev. Kommunitäten
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Auszeichnungen: Ehrungen: Dr. h. c. d. ev.-theol. Fakultät d. Univ. Tübingen (1972); Großes Verdienstkreuz mit Stern u. Schulterband des Verdienstordens d. Bundesrepublik Deutschland u. Ehrenritterkreuz des Johanniterordens (1979); Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg (1988); Brenz-Medaille d. Evangelischen Landeskirche in Württemberg (1993)
Verheiratet: 1939 (Lauffen/N.) Hilde, geb. Pfleiderer (1914–2001) aus Bad Cannstatt
Eltern: Vater: Hermann (1886–1948), Dr. phil., Oberreallehrer
Mutter: Johanne, geb. Goller (1890–1973)
Geschwister: 3
Kinder: 4; Martin (geboren 1940), Christoph (geboren 1943), Hanna (geboren 1950) u. Gottfried (geboren 1954)
GND-ID: GND/118521012

Biografie: Siegfried Hermle (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 6 (2016), 57-62

Class wuchs in Geislingen auf, wo sein Vater als Oberreallehrer wirkte; seine dem landeskirchlichen Pietismus verbundene Mutter machte ihn mit der „Stund“ vertraut. Die von den Eltern vermittelte Frömmigkeit fand bei Class nur mäßige Resonanz, bekannte er doch später, nie in einer kirchlichen Jugendgruppe gewesen und „jahrelang [s]einen Lebensweg ohne Christus gegangen“ zu sein; vielmehr habe er sich in seiner Jugendzeit „restlos dem politischen Denken verschrieben“ (Stegmann, 2015, S. 77). Dennoch nahm er nach dem Abitur 1931 in Stuttgart, wo sein Vater inzwischen Direktor des Evangelischen Töchterinstituts war, im Sommersemester 1931 das Studium der Evangelischen Theologie auf. Zunächst ging Class für zwei Semester an die Theologische Schule nach Bethel, wo er Griechisch lernte und durch die Begegnung mit Friedrich von Bodelschwingh (1877–1946) die Bedeutung der Diakonie für die Kirche erkannte: „rechte Theologie [kann] nicht ohne Diakonie sein“ (ebd. S. 81). In Marburg, seinem nächsten Studienort, wurde ihm von Rudolf Bultmann (1884–1976) vermittelt, dass sich „rechte Theologie […] ernsthaft bemühen muss um die Erfassung dessen, was die biblischen Texte eigentlich meinen“ (ebd.) und in Tübingen lernte er von Karl Heim, dass „alle rechte Theologie im Auftrag der Kirche und im ständigen Gespräch mit den geistigen Strömungen der Zeit zu geschehen“ (ebd.) habe. Dass Class den Lockungen des NS-„Aufbruchs“ nicht erlag, führte er auf den Einfluss seiner Mutter, auf die Impulse Bultmanns sowie auf die Lektüre Karl Barths zurück, der ihm deutlich gemacht habe, „dass rechte Theologie immer Doxologie, das heißt Verherrlichung Gottes ist – mitten in dieser Welt.“ (ebd.)
Nach dem I. Theologischen Examen, das Class als Stadtstudierender im Frühjahr 1936 ablegte, begann die dreijährige Vikarszeit. In Esslingen lernte er während eines Jahres an St. Bernhard die ganze Breite der Gemeindearbeit kennen, dann wirkte er für zwei Jahre primär als Seelsorger an der Diakonissenanstalt in Schwäbisch Hall, seiner zweiten nun intensiveren und konkreteren Begegnung mit der Diakonie. Nach dem II. Dienstexamen wurde Class vom Februar bis Juni 1939 als Pfarrverweser im hohenlohischen Tiefenbach und dann auf dem Truppenübungsplatz Münsingen eingesetzt, wo er im Soldatenheim des Württembergischen Jungmännerwerkes eine „bei den damaligen Verhältnissen besonders dringliche Aufgabe“ übernahm (ebd. S. 82). Nach einigen vergeblichen Bewerbungen wurde er im Juli 1939 dritter Pfarrer an der Heilbronner Kilianskirche. Wenig später heiratete er.
Nachdem Class 1938 eine militärische Ausbildung bei einer Luftnachrichtentruppe erhalten hatte, wurde er kurz nach Kriegsbeginn, am 3. Oktober 1939, als Nachrichtenoffizier zur Luftwaffe eingezogen und diente bis auf wenige Unterbrechungen an unterschiedlichen Fronten des Weltkrieges. Er sei, so erzählte er später, „im Krieg ‚wie ungezählte andere auch einen gleichgeschalteten Weg gegangen‘“ und es belastete ihn bis ins Alter, Befehlen schlicht gehorcht und auch noch in der Schlussphase des Krieges junge Soldaten in den Tod geschickt zu haben (ebd. S. 21). In der „Südwestecke der Tschechei“ erlebte er am 10. Mai 1945 das Kriegsende; zunächst kam er in amerikanische, dann in russische Kriegsgefangenschaft. Nach einem dreiviertel Jahr im Lager Lebedjan/Don, in dem schlimmste Verhältnisse herrschten, wurde er im Frühjahr 1946 nach Rjasan verlegt. Dort war er an einem Schmelzofen eingesetzt, dann in der Landwirtschaft und schließlich in einer Baubrigade. Wann immer dies möglich war, wirkte Class unter seinen Mitgefangenen durch Seelsorge und Wortverkündigung – eine kleine Senfkornbibel war ihm dabei eine entscheidende Hilfe und Stärkung. Nach einem Arbeitsunfall durfte er am 15. November 1947 die Heimreise antreten; er kam an Weihnachten bei seiner Familie an, die in Stetten am Heuchelberg Unterschlupf gefunden hatte, nachdem das Pfarrhaus in Heilbronn durch einen Bombenangriff zerstört worden war.
Während seiner langwierigen Rekonvaleszenz schrieb Class in einem Rundbrief an Freunde, dass neben den bitteren Erfahrung der Gefangenschaftszeit auch Positives stehe: Er sei aus der Welt der Bürgerlichkeit herausgenommen worden und habe nicht nur schwere körperliche Arbeit geleistet, sondern auch die besondere Kraftquelle kennengelernt, die sich in der „geschenkten Gemeinschaft mit Brüdern auch aus den evangelischen Freikirchen und der katholischen Kirche und Einzelseelsorge während der Lazarettzeit“ zeigte (ebd. S. 76). Zum 1. Juni 1948 konnte Class auf eigenen Wunsch seinen Dienst an der Kilianskirche wieder aufnehmen, verbunden mit der Stelle eines Heilbronner Jugendpfarrers.
Class’ Geschick im Umgang mit Jugendlichen führte dazu, dass er bereits 1950 zum Landesjugendpfarrer ernannt wurde, eine Funktion, die vor allem Repräsentations- und Koordinationsaufgaben verlangte. Class nahm zudem Lehraufträge zu Themen mit Bezug zur Jugendarbeit an der Diakonenausbildungsstätte Karlshöhe und an der Höheren Fachschule für Sozialarbeit in Ludwigsburg, am Diakonieseminar Denkendorf und an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen wahr. Zum eigentlichen Arbeitsfeld entwickelte sich die kirchliche Jugendarbeit auf dem Land, wo Besonderheiten Rechnung getragen werden musste. Für die Entwicklung neuer Konzepte und Formen wurde ein im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend Deutschlands neugegründeter „Ausschuss für die dörfliche Jugendarbeit“ maßgeblich, dem Class vorstand. Nach Ansicht von Class galt es, in den bestehenden Strukturen kirchliche Anliegen zum Tragen zu bringen. Er regte die Gründung einer speziellen Zeitschrift an und suchte die jungen Leute durch Freizeiten in den ländlichen Heimvolkshochschulen anzusprechen. Beteiligt war Class an der Gründung der Evangelischen Landjugendakademie in Altenkirchen im Westerwald. Im Bereich der württembergischen Landeskirche bot Class Mitarbeiterschulungen, Seminarabende, volksmissionarische Treffen und Jugendfreizeiten an, die neben einem geistlichen Angebot auch attraktive sportliche Aktivitäten beinhalteten. Class ging neue Wege, wenn er junge Männer und Frauen gemeinsam ansprach oder Veranstaltungen in Dörfern und Städten überall im Land anbot.
Eher zufällig ergab sich 1958 sein Wechsel zur Herrenberger Diakonieschwesternschaft; hier konnte Class an seine Erfahrungen in Bethel und Schwäbisch Hall anknüpfen und auch im Bereich der Lehre, nun für die Schwesternschülerinnen, weiter aktiv bleiben. Seine Aufgaben waren vielfältig: Class hatte die seelsorgerliche Betreuung der Schwestern zu übernehmen und das gottesdienstliche Leben zu gestalten, wobei er besonders die tägliche Frömmigkeitspraxis förderte. Zudem war in den 1960er-Jahren ein entscheidender Schub der Professionalisierung in der Kranken- und Altenpflege zu bewerkstelligen und diese auszuweiten. Damit einher ging die Notwendigkeit, die Schwesternschaft weiter zu entwickeln und die Öffentlichkeitsarbeit zu intensivieren, so dass die Veränderungen der Arbeit bekannt gemacht werden konnten. Class zielte darauf, „die Schwestern für ihren zugleich religiös motivierten und professionell vollzogenen diakonischen Dienst zuzurüsten“ (ebd. 30). Er entwickelte dabei „kein besonderes Interesse an der Theorie der Diakonie“ (Stegmann, 2012, S. 481). Class sah „in professionell organisierten diakonischen Einrichtungen“ das Feld, auf dem praktischer Glaube in der Weltwirklichkeit Realität werden konnte; dabei war ihm vor allem wichtig, dass eine „christliche Sozialdienstleistung […] den religiös motivierten Einzelnen und die ihn tragende Gemeinschaft“ bedurfte (ebd. S. 499).
Neben seiner Tätigkeit in Herrenberg war Class auch auf der Ebene der Landeskirche und der EKD aktiv: Er war Mitglied des Landesbruderrats der Bekenntnisgemeinschaft, wurde in den Landeskirchentag gewählt und übernahm als Mitglied des Ältestenbeirats oder des Landeskirchenausschusses sowie als Vorsitzender des Ausschusses für Lehre und Kultus bald wichtige Funktionen. Von 1958 bis 1968 war er stellvertretender Vorsitzender des Zehlendorfer Verbandes für Evangelische Diakonie und 1965 bis 1986 Mitglied der Diakonischen Konferenz. 1960 entsandte ihn die württembergische Landeskirche in die Synode der EKD. 1968 wurde Class zum Prälaten von Stuttgart ernannt und bereits im folgenden Jahr von der Landeskirchenversammlung im 5.Wahlgang mit der nötigen Zweidrittelmehrheit zum Kirchenpräsidenten gewählt, dem die Führung des Titels „Landesbischof“ angetragen wurde. Bei seiner Vorstellungrede betonte er, dass für ihn Kirche und Pietismus eng aufeinander bezogen bleiben müssten; zudem stellte er den ökumenischen Horizont heraus, den er in Jugendarbeit und Diakonie entdeckt habe, und machte deutlich, dass Kirchenleitung für ihn „non vi, sed verbo“ [nicht durch Macht, sondern durch das Wort] geschehen müsse (Hermle, 2015, S. 153). Ein weiteres Kennzeichen bot das Stichwort „Miteinander“ – mit Oberkirchenrat und Synode, aber auch mit der Tübinger Fakultät, wolle er auf Mt. 13,52 verweisend das Überkommene dankbar bewahren und sich zugleich mutig nach vorne öffnen.
Als Landesbischof suchte Class durch Predigten und Vorträge den direkten Kontakt mit den Gemeindegliedern. Bei den während seiner Amtszeit nicht eben wenigen Konflikten wählte er die Form öffentlicher Briefe, um seine Ansichten deutlich zu machen und die unterschiedlichen Positionen zusammenzuführen. Verunsicherungen in den Gemeinden, die nach einer Vikarskonferenz 1969 entstanden waren, wo die Bedeutung der Bibel relativiert worden war, begegnete er damit, dass er einerseits die Formulierungen der Vikare tadelte und die Autorität der Schrift herausstellte, zugleich aber auch dafür warb, sich dem Gegenwartsbezug der Schrift stets neu zu stellen. In Briefen an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Pfarrdienst mahnte er im Juli 1970 an, trotz aller Differenzen im Blick auf die Auslegung der Schrift zusammen zu bleiben, theologische Halbwahrheiten aufzuarbeiten und sich einer zeitgemäßen Auslegung zuzuwenden. In einem Brief an die Theologiestudierenden erörterte er den Stellenwert der Kirche und mahnte, dass keine Gruppe allein für sich Kirche-Sein reklamieren könne; zudem könne und dürfe Kirche nicht Anpassung um jeden Preis betreiben und „eine Nur-Öffentlichkeitskirche“ werden – aber eben so wenig „eine Nur-Kultkirche“ (ebd. S. 158).
Herausgefordert sah sich Class auf vielfältige Weise durch die Situation in Tübingen: Zum einen wurde von konservativen Kreisen ein Studienhaus gegründet, in dem Theologiestudierende angesichts der an der Theologischen Fakultät präsenten „modernen“ Theologie begleitet werden sollten; Class entschärfte diese Situation, in dem er im Juli 1973 das „Albrecht-Bengel-Haus“ besuchte und den Austausch pflegte. Zum anderen ergaben sich in der Landessynode massive Auseinandersetzungen um die politische Ausrichtung der Studierendengemeinde. Auch hier griff Class mäßigend in die Debatte ein, kritisierte die Haltung der Studierendengemeinde und erinnerte er auch an die sozialkritischen Äußerungen, die sich in der Schrift finden.
Die Frage nach einer Neufassung der Grundordnung der EKD beschäftigte Class besonders: 1973 war er völlig überraschend zum Vorsitzenden des Rates der EKD gewählt worden. Ausgerechnet in „seiner“ Württembergischen Landeskirche gab es in konservativen Kreisen große Vorbehalte gegen die neue Grundordnung. In der entscheidenden Sitzung der Landessynode hielt sich Class vornehm zurück. Die benötigte Zwei-Drittel-Mehrheit wurde um drei Stimmen verpasst, und die Grundordnung war damit gescheitert. Möglicherweise hätte ein engagierter Einsatz von Class ein anderes Ergebnis gezeitigt, war er doch ausdrücklich auch mit Stimmen des konservativ-pietistischen Lagers zum Ratsvorsitzenden gewählt worden.
Eine besondere Bewährung ergab sich im „Deutschen Herbst“ 1977, als die „Rote-Armee-Fraktion“ durch Terroranschläge und die Ermordung von Siegfried Buback (1920–1977), Jürgen Ponto (1923–1977) und Martin Schleyer (1915–1977) sowie sechs Begleitern die Bundesrepublik in ihren Grundfesten erschütterte. Auf eine Solidaritätsadresse Tübinger Theologiestudierender mit einem der Attentäter äußerte sich Class auch als Ratsvorsitzender entschieden: Dieser Brief sei „Ausdruck einer tiefgehenden Verwirrung und politischen Verblendung“ (ebd. S. 179); angedroht wurden Konsequenzen im Blick auf eine spätere Einstellung. Im Zusammenhang des Hungerstreiks der Stammheimer Häftlinge wandte er sich an Justizminister Traugott Bender und bat, alles „unter den gegebenen Umständen Mögliche und rechtsstaatlich Gebotene zur Erhaltung des Lebens der Häftlinge“ zu tun (ebd. S. 181). Als der Vater von Gudrun Ensslin, ein württembergischer Pfarrer, Zweifel am Selbstmord seiner Tochter äußerte, kritisierte Class Ensslin und bat ihn, diese zu unterlassen. Class sprach sich klar gegen jeden Terrorismus aus, kritisierte die studentische Aktion und die Äußerungen Ensslins, zugleich jedoch warb er für Verständnis und suchte der Familie Ensslin Beistand zukommen zu lassen.
Ein wichtiges Element seiner bischöflichen Funktion waren die jährlichen Berichte, die Class der Landessynode erstattete. Jeweils ausgehend von einem Bibelwort nahm er aktuelle Fragen auf, bot Analysen des Zustandes der Kirche und gab Impulse zu deren Weiterentwicklung. Themen waren beispielsweise: „Die Kirche und ihr Geld“, „Die Kirche, ein geistliches Haus“, „Die Bauleute Gottes“ oder „Missionarische Volkskirche“ (ebd. S. 183-189). Die Vorbereitung dieser Berichte erfolgte u.a. in einem kleinen, regelmäßig monatlich tagenden Kreis, den Class um sich geschart hatte; in ihm waren Persönlichkeiten aus ganz verschiedenen Wissensgebieten und unterschiedlicher theologischer Ausrichtung versammelt. Im Zentrum standen Beratungen über „Wesen, Auftrag und Weg einer Kirche von Morgen“ (ebd. S. 160).
Als Ratsvorsitzender vertrat Class die deutschen evangelischen Kirchen nicht nur auf mehr als zehn Auslandsreisen, er suchte auch durch unzählige Briefe den vielfältigen Anfragen und Anregungen gerecht zu werden. Im Mittelpunkt seiner Tätigkeit stand, wie er es bei seiner Vorstellung zur Wahl ausgedrückt hatte, die Versöhnung. Er wolle als „ehrlicher Makler zwischen den Fronten wirken“ (Lütcke, 2015, 201) und bei einer klaren biblischen Orientierung den sich immer wieder abzeichnenden Polarisierungen entgegentreten. Er konnte sich nicht für Pluralismus in der Kirche erwärmen, wohl aber für deren Vielfalt. Wichtig war Class zudem, dass politische Aktionen nicht gegen Seelsorge und Verkündigung ausgespielt würden, da das Evangelium seiner Auffassung nach immer in konkrete Situationen hineinspreche. Angesichts der Expansion der EKD mahnte er auf der EKD-Synode 1975, dass nunmehr „eine Phase der Erneuerung durch Konzentration“ nötig sei. Er verwies dabei auf die Kommunitäten und die dort betriebene „evangelische Spiritualität“ – nicht ohne hinzuzufügen, dass „Konzentration […] nicht mit Weltverlust verwechselt werden“ dürfe (ebd. S. 206).
Nach dem Rückzug aus der unmittelbar kirchenleitenden Verantwortung 1979 blieb Class Aufgaben in der Mittelost-Kommission und im Diakonischen Rat verbunden. Das Amt eines Beauftragten des Rates der EKD für den Kontakt zu den evangelischen Kommunitäten kam hinzu. Es bot ihm in Anlehnung an Bonhoeffers „Gemeinsames Leben“ Gelegenheit, sein diakonisches Engagement mit Impulsen zu einer kirchlichen Erneuerung zu verbinden.
Dass die EKD und die Württembergische Landeskirche die Umbrüche der 1970er-Jahre letztlich gut bewältigt haben, ist Personen wie Class maßgeblich zu danken; er hat auf vielfältige Weise vor Synoden, durch Predigten und Briefe sowie im persönlichen Gespräch darauf insistiert, dass jedes kirchliche Handeln von der Schrift her legitimiert Groß- und der Dienst der Versöhnung in diakonischem Handeln konkret werden müsse. Es gelang ihm, die divergierenden Kräfte in der Kirche immer wieder zusammenzuführen, indem er auf das Aufeinander-angewiesen-Sein verwies; zudem vertrat er sehr überzeugend „die enge Verklammerung von Bibel- und Weltorientierung“ (Stegmann, 2015, S. 52).
Quellen: LKAS Handakten Class; A d. Ev. Diakonieschwesternschaft Herrenberg-Korntal Nr. 17.
Werke: Bibliographie in: Stegmann, 2015, 54-73. – (Auswahl) Bereit zur Verantwortung. Zwanzig Predigten, hgg. von Theo Sorg, 1976; Kurt Rommel/Albrecht Kircher (Hgg.), Bischof Class, Mit d. Gemeinde unterwegs. Aufsätze, Berichte, Predigten, 1978; Philipp Jakob Speners „Pia desideria“: Anfragen an die Kirche von heute – Leitlinien für die Kirche von morgen, in: Theo Sorg (Hg.): Leben in Gang halten. Pietismus u. Kirche in Württemberg, 1979, 10-38; Blumhardt Vater u. Sohn – Anruf u. Anstoß heute, in: ebd, 143-156.
Nachweis: Bildnachweise: Foto (o. J.), in: Baden-Württembergische Biographien 6, S. 61, aus Besitz des Verfassers – Stegmann, Kirche, 10, 16, 20, 37, 47, 150.

Literatur: Andreas Stegmann, Helmut Class u. die Diakonie, in: Zs. für Theologie u. Kirche 109, 2012, 472-500; ders. (Hg.), Die Ev. Kirche in Deutschland in den 1970er-Jahren. Beiträge zum 100. Geburtstag von Helmut Class, 2015, dort auch Bio-Bibliographie Helmut Class 11-149; Siegfried Hermle, Helmut Class als württ. Landesbischof, ebd., 2015, 151-190; Karl-Heinz-Lütcke, Bischof Helmut Class als EKD-Ratsvorsitzender, ebd., 2015, 191-209.
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