Koch, Wilhelm 

Geburtsdatum/-ort: 21.09.1874;  Ludwigsburg
Sterbedatum/-ort: 20.01.1955;  Tettnang
Beruf/Funktion:
  • römisch-katholischer Theologe
Kurzbiografie: 1880-1893 Katholische Grundschule zu Ludwigsburg
1882-1888 Untergymnasium Ludwigsburg
1888/89 Vorbereitungsklasse auf das Landexamen an der Lateinschule Rottenburg a. N.
1889-1893 Obergymnasium Rottweil (und Zögling des niederen Konvikts)
1893-1897 Studium der katholischen Theologie in Tübingen (Wilhelmsstift)
1898 Juni Priesterweihe, ab Juli Vikar in Stuttgart (St. Nikolaus)
1899 Okt. Präfekt am Martinihaus in Rottenburg a. N.
1902 Okt. Repetent am Wilhelmsstift in Tübingen
1905 Aug. außerordentlicher Professor für Dogmatik und Apologetik (Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Tübingen)
1916 Jan. Verzicht auf den fachlichen Lehrauftrag; in der Folgezeit faktische Amtsenthebung (1918)
1916 April Garnisonspfarrer in Lille
1919 März Stadtpfarrer in Binsdorf, 1929 April in Waiblingen, 1933 Okt. in Tettnang (30.09.1938 Dekan), 10.05.1942 Pfarrer in Stetten bei Tuttlingen (01.06.1946 Pensionierung)
1941 dreiwöchige Gestapohaft (wegen Ablehnung der nationalsozialistischen Weltanschauung); Ausweisung aus dem Kreis Friedrichshafen mit erzwungenem Verzicht auf seine Stadtpfarrei Tettnang
Weitere Angaben zur Person: Religion: römisch-katholisch
Eltern: Dominicus Koch (1833-1918), Militärbeamter
Wilhelmine, geb. Koch (1838-1927)
Geschwister: Julitta (geb. 1866)
GND-ID: GND/118724088

Biografie: Max Seckler (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 2, 274-276

Person, Werk und Schicksal Kochs sind von der Modernismuskrise in der katholischen Kirche in den ersten 2 Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt. Koch wurde 31jährig als außerordentlicher Professor für Dogmatik und Apologetik Nachfolger seines 1905 verstorbenen Lehrers P. Schanz an der Universität Tübingen. Der in der französischen Literatur und Apologetik bewanderte junge Gelehrte suchte in zeitnaher Auffassung der apologetischen Aufgabe in idealistischer Gesinnung den Geist kritischer, dogmengeschichtlich orientierter Wissenschaftlichkeit mit der Erschließung des „Lebenswertes“ der Dogmen zu verbinden. Seit 1907 Konflikte mit Seminarregens B. Rieg, einem ultramontanen, intriganten, auf konformistische Theologenausbildung ängstlich bedachten Hüter der „Rechtgläubigkeit“, wegen Abweichungen von der „traditionellen Lehre und Lehrweise“. Bischof Keppler, der zunächst mäßigend wirkte, wurde zunehmend in den Konflikt mit Koch getrieben. Der 1910 in der Diözese Rottenburg vorgeschriebene Antimodernisteneid verschärfte die Situation. Koch fand in dieser Zeit großen Anklang als durchaus apologetisch-kirchlich und religiös eingestellter Kanzelredner in Tübingen, wo er seit 1909 auch die katholische Studentenseelsorge begründete. 1911 kam auf Betreiben Riegs das 3. Bändchen seiner Vorträge („Katholizismus und Christentum“) trotz des 1910 von Bischof Keppler erteilten „Imprimatur“ auf den Index. Am 29.8.1912 sah sich der Bischof genötigt, unter Berufung auf Art. 14 des Gesetzes vom 30.1.1862 (betreffend die Stellung der Professoren der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen) bei der Landesregierung die Amtsenthebung Kochs zu verlangen. In der Anklageschrift wurde diese Maßnahme im Sinne des Gesetzes formell damit begründet, daß Koch gegen die Grundsätze der Lehre der katholischen Kirche verstoßen habe. Die Bischöfliche Behörde hatte verfahrensrechtlich diese Verstöße im einzelnen inhaltlich zu benennen und nachzuweisen. Noch während der Beweisaufnahme erklärte Koch am 25.1.1916 seine Bereitschaft zum Verzicht auf den Lehrauftrag für Dogmatik, und wenn nötig auch für Apologetik, mit Wirkung vom 15.3.1916, in der Erwartung, seine Professur retten zu können. Diese Lösung wurde aber von der Fakultät (J. B. Sägmüller; J. Belser) und von der Bischöflichen Behörde hintertrieben. Obwohl Koch weder der Professur formell enthoben war noch auf sie verzichtet hatte, wurde er 1918 via facti von ihr entfernt. Insgesamt ist der jugendlich engagierte, kirchen- und glaubenstreue, im Grunde durchaus maßvolle Koch ein Opfer seiner vielleicht allzu eifrigen Wahrheitsliebe und Kritikfreudigkeit in der angespannten und vergifteten Situation der Modernismuskrise geworden. Koch ist weder lehrmäßig noch politisch dem Modernismus oder dem Reformkatholizismus beizuzählen. Substantielle Verstöße gegen das kirchliche Dogma lagen bei ihm nicht vor. In Wahrheit handelte es sich um eine Maßregelung wegen mangelhaftem Lehr- und Gesinnungskonformismus in aus heutiger Sicht eher belanglosen Fragen, um dogmatische und dogmengeschichtliche Methodenfragen und um eine „falsche Geistesrichtung und Haltung zur kirchlichen Autorität“. Zu einer schöpferischen Entfaltung seiner theologischen Fähigkeiten kam es bei Koch nicht. Insgesamt ist ihm auf bedrückende Weise Unrecht geschehen. Der „Fall Koch“ gilt als symptomatisch für die Situation der katholischen Theologie und Kirche zu jener Zeit.
Koch war dann noch 27 Jahre als Pfarrer in Lille (1916-1918), Binsdorf (1919-1929), Waiblingen (1929-1933), Tettnang (1933-1942) und Stetten bei Tuttlingen (1942-1946) tätig. Sein Wunsch auf ein Lehramt an einem Stuttgarter Gymnasium, den die Diözesanleitung zu erfüllen trachtete, wurde durch eine Anzeige bei der Apostolischen Nuntiatur in Berlin hintertrieben (er predige „ganz protestantisch“). 1938 wurde er zum Dekan in Tettnang gewählt. In deutschnationaler Gesinnung anfangs dem Dritten Reich zugeneigt, kam er 1941 in Gestapohaft mit anschließendem Aufenthaltsverbot für den Kreis Friedrichshafen. Als pflichtbewußter, eifriger und in seinen Gemeinden hochgeschätzter Seelsorger hat er ein untadeliges Gedächtnis hinterlassen.
Quellen: UA Tübingen; Diözesenarchiv Rottenburg (DAR); STAL, Präsidialakten des Katholischen Kirchenrats; Archiv des Priesterseminars Rottenburg; Archiv des Wilhelmstifts Tübingen
Werke: Die pseudo-ignatianischen Schriften, in: Theologische Quartalschrift 86 (1904) 208-232; Paul von Schanz †, in: Hochland 2/2 (1905) 458-461; Die neutestamentlichen Abendmahlsberichte und die neueste Abendmahlsforschung, in: Theologische Quartalschrift 87 (1905) 230-257; Dogmatik (Als Manuskript gedruckt). 2 Bde. 1907; Die altkirchliche Apologetik des Christentums, in: Theologische Quartalschrift 90 (1908) 7-33; Zur Methode der Apologetik, in: Theologische Quartalschrift 91 (1909) 574-605; Mit O. Wecker, Religiös-wissenschaftliche Vorträge für katholische Akademiker Bd. 1: Die Natur und Gott. 1909, 3. Aufl. 1910 (mit 5 Vorträgen von Wilhelm Koch); Bd. 2: Christentum und Weltreligionen. 1910, 2. Aufl. 1911 (mit 4 Vorträgen von Wilhelm Koch); Bd. 3: Katholizismus und Christentum. 1910, 2. Aufl. 1911 in leicht überarbeiteter Form (wegen Indizierung) (mit 5 Vorträgen von Wilhelm Koch); Bd. 4: Der Glaube an Gott den Schöpfer und Vater. 1911 (mit 5 Vorträgen von Wilhelm Koch, der dieses Bändchen infolge Ausscheidens Weckers allein herausgab); Hat Jesus Christus gelebt?, in: Hochland 7/2 (1910) 466-476; Die Taufe im Neuen Testament. 1910, 3. Aufl. 1921 (Biblische Zeitfragen, hg. von J. Nikel und J. Rohr, 3. Folge Heft 10; = 3. Folge, 393-436); Das Abendmahl im Neuen Testament. 1911, 3. Aufl. 1926 (Biblische Zeitfragen, hg. von J. Nikel und J. Rohr, 4. Folge Heft 10; = 4. Folge, 381-440); Wes Sohn ist er? Eine zeitgemäße Studie. Mit Vorwort von J. Roos. 1912; Zu den neuesten Schriften über das Papsttum, in: Theologische Quartalschrift 94 (1912) 120-124; Die Anfänge der Firmung im Lichte der Trienter Konzilsverhandlungen, in: Theologische Quartalschrift 94 (1912) 428-452; Das Trienter Konzilsdekret de peccato originali, in: Theologische Quartalschrift 95 (1913) 430-450, 532-564; 96 (1914) 101-123; Der authentische Charakter der Vulgata im Lichte der Trienter Konzilsverhandlungen, in: Theologische Quartalschrift 96 (1914) 401-422, 542-572; 97 (1915) 225-249, 529-549; 98 (1916) 313-354. Auch als Sonderdruck: Tübingen 1915; Mit der Sanitärkolonne hinter der Front. 1915 (Kriegsskizzen 4); Zur Frage nach der Notwendigkeit der Eucharistie, in: Theologische Quartalschrift 100 (1919) 444-475; Vom Leichtsinn zum Hochsinn. Weltanschauungs-Vorträge. 1924; Zum katholischen Dogma von der Schuld des Glaubenszweifels, in: Philosophie und Leben 1 (1925) 51-55; Zum Wissenschaftscharakter der katholischen Theologie, in: Literarischer Handweiser 62 (1925/26) 721-725; Die Frage nach der Heilsnotwendigkeit der Kommunion, in: Theologische Quartalschrift 128 (1948) 301-323; Zum Lebensbild Professor Aberles, in: Theologische Quartalschrift 129 (1949) 399-417; Zur Einsetzung des Bußsakraments, in: Theologische Quartalschrift 130 (1950) 296-310; Der Begriff traditiones im Trienter Konzilsdekret der Sessio IV, in: Theologische Quartalschrift 132 (1952) 46-61, 193-212. Wilhelm Koch besorgte die 3. Aufl. des 3 Bandes und die 4. Aufl. des 1. Bandes der Apologie des Christentums seines Lehrers P. Schanz. Er schrieb 191 Artikel für das Kirchliche Handlexikon, hg. von M. Buchberger, 2 Bde., 1907 bis 1912. Am Lexikon für Theologie und Kirche, hg. von M. Buchberger, 10 Bde., 1930-1938, arbeitete er als Fachleiter für Biographie und als Verfasser von 278 Artikeln mit. Er veröffentlichte an die 400 Rezensionen: Theologische Quartalschrift (ca. 250), Theologische Literaturzeitung (65), Literarische Rundschau (31), Theologische Revue (11), Theologischer Literaturbericht (13), Deutsche Literaturzeitung (9). Daneben einige gedruckte Predigten. Es bestehen ferner Anzeichen dafür, daß Koch anonym oder pseudonym publiziert hat (z. B. im Neuen Jahrhundert)
Nachweis: Bildnachweise: Foto bei K. Färber S. 112 und bei H. Wolf S. 97

Literatur: Benedikt Rieg, Vertrauliche Mitteilungen über den Fall Wilhelm Koch 1913; RGG 23, 1929, 1112; Das katholische Deutschland 2, 1937, 22-32; August Hagen, Geschichte der Diözese Rottenburg, Bd. 3. 1960, 124 f.; ders., Der Reformkatholizismus in der Diözese Rottenburg, 1962, 129-152; Josef Rupert Geiselmann, Das Übernatürliche in der Katholischen Tübinger Schule, in: Theologische Quartalschrift 143 (1961) 422-453, hier: 441-443; Karl Färber, Erinnerungen an Wilhelm Koch, in: Theologische Quartalschrift 150 (1970) 102-115; Max Seckler, Theologie vor Gericht. Der Fall Wilhelm Koch. Ein Bericht (Contubernium Bd. 3). Tübingen 1972; NDB 12, 1980, 279; Hubert Wolf, „Hätte ich Stenogramme lesen können ...“. Keppler-Briefe aus den Jahren 1911-1913 zum „Fall Wilhelm Koch“, in: Bausteine zur Tübinger Universitätsgeschichte 6, Hg. von Volker Schäfer, 1992, 91-108
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