Bauer, Walter Albert 

Geburtsdatum/-ort: 06.11.1901;  Heilbronn
Sterbedatum/-ort: 01.11.1968; Fulda
Beruf/Funktion:
  • Unternehmer, Angehöriger des Widerstands gegen das NS-Regime
Kurzbiografie: 1910-1917 Realgymnasium Heilbronn, Mittlere Reife
1917-1920 Kaufmännische Lehre, Besuch der Handelsschule und Bankvolontariat in Heilbronn
1920-1924 Studium der Wirtschaftswissenschaften in Freiburg/Br., Berlin und Tübingen
1926 Promotion zum Dr. rer. pol. in Tübingen
1924-1938 Direktionsassistent, 1926 kaufmännischer Mitarbeiter, 1928 Mitglied des Vorstands der Verkehrs- und Handels-AG, Berlin
1928-1938 Leiter und Geschäftsführer der Thüringischen Kohlen- und Brikettverkaufsgesellschaft, Leipzig
1938 Selbständiger Unternehmer als Hauptanteilseigner der Hutstoffwerke Fulda Muth & Co. und weiterer kleiner Firmen
15.10.1944-21.04.1945 Haft
1946-1951 Generaltreuhänder für den konzerngebundenen Kohlenhandel der amerikanischen Zone
1949 Beobachter bei der Internationalen Ruhrbehörde
1950-1951 Mitglied der deutschen Delegation bei den Verhandlungen über den Schumanplan
1952-1968 Vorstandsvorsitzender der Valentin Mehler AG, Fulda, seit 1967 Hauptanteilseigner
1957 Vorsitzender der deutschen Gruppe von CEPES (Europäische Vereinigung für wirtschaftliche und soziale Entwicklung)
1957-1968 Präsident der Industrie- und Handelskammer Fulda
1963-1968 Mitglied des Vorstandes des Deutschen Industrie- und Handelstages
1960-1964 Vizepräsident des Gesamtverbandes der Textilindustrie, Mitglied des Präsidiums der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände
1948 Delegierter bei der Weltkirchenkonferenz in Amsterdam
1949-1968 Mitglied der Synode, der Kammern für öffentliche Verantwortung und für soziale Ordnung, seit 1967 des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)
1949-1968 Mitglied der Leitungsorgane des Hilfswerks bzw. des Diakonischen Werkes der EKD. Zahlreiche weitere Ehrenämter in Kirche und Diakonie
Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch
Verheiratet: 1925 Heilbronn, Klara, geb. Frank (1897-1966)
Eltern: Wilhelm Bauer (1868-1944), Inhaber einer Leder- und Schuhbedarfsartikelhandlung
Frida, geb. Müller (1877-1935)
Geschwister: 5
Kinder: Friedrich (1932-1994)
Barbara (geb. 1935)
GND-ID: GND/123495253

Biografie: Johannes Michael Wischnath (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 2, 16-19

Nach der kaufmännischen Lehre bei einer Textilhandelsfirma und einem Bankvolontariat in seiner Heimatstadt Heilbronn studierte Bauer als außerordentlicher Hörer Wirtschaftswissenschaft. Die Reifeprüfung holte er erst gegen Ende des Studiums nach und trat, noch ohne Abschluß, als Direktionsassistent in die Berliner Verkehrs- und Handels-AG ein, die deutsche Verwaltungsgesellschaft des tschechischen Braunkohlemagnaten Julius Petschek (1856-1932), der in einem Kartell mit seinem Bruder Ignaz (1856-1934) und anderen Firmen damals die Hälfte des europäischen Braunkohlemarktes kontrollierte.
Im Petschek-Konzern stieg Bauer, der nebenher noch die Promotion nachholte, rasch zum Mitglied des Vorstands und Geschäftsführer der Vertriebsgesellschaft auf. Bei der 1938 im Zuge der Arisierungen von Friedrich Flick durchgeführten Zerschlagung der Firmengruppe leitete Bauer als Treuhänder der Familie die Verkaufsverhandlungen, wobei es gelang, einen Großteil des Vermögens ins Ausland zu transferieren. Flicks Angebot zu bleiben schlug er aus und machte sich als Unternehmer selbständig. Neben Textilkaufhäusern in Berlin, Beuthen, Guben und Karlsruhe erwarb er aus jüdischem Besitz eine Mehrheitsbeteiligung an den Hutstoffwerken Fulda sowie Beteiligungen an mehreren kleineren Firmen der Textil- und der Farbenbranche. Die Geschäftsführung überließ er dabei in der Regel einem Mitgesellschafter.
Zum Nationalsozialismus hielt Bauer kritische Distanz. Er war aktives Mitglied der Bekennenden Kirche (BK), die er auch finanziell unterstützte. 1942 beteiligte er sich im Auftrag der Vorläufigen Kirchenleitung der BK an der Erarbeitung der Denkschrift „Politische Gemeinschaftsordnung“ des „Freiburger Bonhoefferkreises“. Der Entwurf wurde bis ins Frühjahr 1943 in mehreren Besprechungen in Berlin beraten, an denen neben Bauer regelmäßig Hans Asmussen, Dietrich Bonhoeffer, Otto Dibelius und Justus Perels teilnahmen. Nach dem 20. Juli 1944 wurde auch Bauer verhaftet, dem die Beteiligung an „den Putschvorbereitungen des Verräters Goerdeler und seiner Hintermänner durch Vorschläge für die wirtschafts-, sozial- und kulturpolitische Neugestaltung des Reiches“ vorgeworfen wurde und der im Gestapo-Gefängnis Lehrter Straße schwerste Folterungen erlitt. Die Anklageschrift datiert vom 9.4.1945, zur Verhandlung vor dem Volksgerichtshof kam es nicht mehr. Der Ermordung entging Bauer in den Wirren der letzten Kriegstage nur durch glückliche Umstände.
Bauers politisches Engagement setzte schon mit der Beteiligung an der Gründung des vor allem von Gymnasiasten getragenen „Neudeutschen Jugendbundes“ in Heilbronn ein, der für die Mitarbeit der Jugend im politischen und kulturellen Leben eintrat. Auch an der Gründung der örtlichen Volkshochschule war Bauer damals beteiligt. In Tübingen gehörte er alsbald zu den aktivsten Mitgliedern des Allgemeinen Studentenausschusses. Politisch schon vom Elternhaus her auf der Seite des Liberalismus, zog ihn sein Mentor Theodor Heuß in den geistigen Umkreis Naumanns. Er trat 1928 der Deutschen Demokratischen Partei bei, wurde 1929 in den Parteiausschuß gewählt und war 1930 an dem Versuch beteiligt, dem politischen Liberalismus mit der Gründung der Deutschen Staatspartei, der er bis 1933 angehörte, durch eine Öffnung nach rechts wieder eine Wählerbasis zu gewinnen.
Nach der Rückkehr in seine Heimatstadt war Bauer 1945 führend an der von Heuß betriebenen und namentlich in Heilbronn zunächst erfolgreichen Bildung einer bürgerlichen Sammlungspartei beteiligt. Anders als die Mehrheit der Heilbronner Volkspartei schloß er sich nach dem Scheitern dieser Versuche jedoch nicht der DVP, sondern der CDU an, verzichtete aber 1949 auf eine Bundestagskandidatur für eine dieser Parteien.
Als Angehöriger einer Generation, deren politisches Versagen, wie er meinte, den Nationalsozialismus erst ermöglicht hatte, aber auch aus dem Bewußtsein der Verpflichtung gegenüber den umgekommenen Freunden fühlte sich Bauer zu rückhaltlosem Einsatz für den politisch-wirtschaftlichen Wiederaufbau Deutschlands und die Verständigung der europäischen Völker verpflichtet. Politische Ämter im engen Sinn hat er nach dem Krieg nicht übernommen, wohl aber ehrenamtlich Aufgaben im Rahmen der Neuordnung der Kohle- und Stahlindustrie, bei denen er seine Erfahrungen aus der Kohlewirtschaft und als Unternehmer einbringen konnte. Bereits seit 1946 als Treuhänder mit der Entflechtung des konzerngebundenen Kohlenhandels in der amerikanischen Zone beauftragt, wurde Bauer nach der Bildung der Bundesrepublik auf Vorschlag Erhards als Beobachter bei der Internationalen Ruhrbehörde benannt und später in die Delegation für die Verhandlungen über den Schumanplan bei der Pariser Sechs-Mächte-Konferenz berufen. In beiden Fällen, die Adenauer in erster Linie politisch behandelt wissen wollte, empfahlen ihn sein mit politischem Überblick gepaarter wirtschaftlicher Sachverstand, seine ausgewiesene politische Integrität und die Unabhängigkeit von den Interessen der unmittelbar betroffenen Industrien. Gegen deren Wünsche setzte er sich als Wortführer der deutschen Unterhändler für die Verankerung marktwirtschaftlicher Prinzipien ein: „Soviel Wettbewerb als möglich und soviel Kartell als nötig.“ 1960 wurde Bauer auf Adenauers Initiative Vorsitzender des Aufsichtsrats der Deutschland-Fernsehen-GmbH. Er galt als Anwärter auf ein Ministeramt im Kabinett Erhard.
Für Bauers Entwicklung als Unternehmer war entscheidend, daß ihn die früheren Besitzer der Hutstoffwerke Fulda nach 1945 mit den Alteigentümern der Segeltuchweberei Valentin Mehler AG in Verbindung brachten, für die er ein langwieriges Restitutionsverfahren erfolgreich durchführte und die ihn dann zum alleinvertretungsberechtigten Vorstandsvorsitzenden der Fuldaer Traditionsfirma bestellten. 1967 erwarb Bauer selbst die Aktienmehrheit. Das zur Spitzengruppe der Textilindustrie zählende Unternehmen (Schwergewebe, Campingartikel, Autocorde sowie Oberstoffe und Mäntel, Freizeit- und Skibekleidung der Marke „Valmeline“) konnte unter seiner Leitung seinen Umsatz verdreifachen, eine ungewöhnliche Leistung in einer Branche, die schon seit dem Ende der Nachholkonjunktur 1957/58 mit Strukturproblemen zu kämpfen hatte. Im wirtschaftlichen Leben Fuldas, wohin Bauer seinen Wohnsitz erst Ende der 1950er Jahre endgültig verlegte, war er auch als Präsident der Handelskammer, an deren Neugründung er bereits 1946 mitgewirkt hatte, eine dominierende Figur.
Trotz der Vielfalt seiner Aufgaben wußte sich Bauer nach dem Zeugnis seines Freundes Eugen Gerstenmaier vorrangig der Kirche und ihrem diakonischen Dienst verpflichtet. Dafür – und wohl auch für seinen Anschluß an die Union – waren die Prägung durch das Elternhaus mit seiner im Pietismus wurzelnden Frömmigkeit bestimmend, mehr noch aber die Erfahrungen des Kirchenkampfes und vor allem die schwere, als Zeit geistlicher Vertiefung erfahrene Haft. Den in den Berliner Jahren gewonnenen Freunden (Hans Asmussen, Constantin von Dietze, Eugen Gerstenmaier, Romano Guardini Theodor Heuß, Hanns Lilje) blieb er eng verbunden. Er beriet die EKD in einer Vielzahl von Gremien, besonders in wirtschaftlichen Fragen, und war ein einflußreiches Mitglied ihrer Synode. Besonders setzte er sich für das seit 1945 aufgebaute Evangelische Hilfswerk und die Hilfe für die Landeskirchen in der SBZ/DDR ein und nahm bis 1957 die kirchlichen Warentransfergeschäfte außerhalb des Interzonenhandels mit der DDR wahr.
Bauer war umfassend gebildet, nicht nur auf wirtschaftswissenschaftlichem Gebiet, sondern auch auf den Gebieten von Philosophie, Literatur und bildender Kunst, und der freundschaftliche Umgang mit Vertretern des geistigen Lebens war ihm ein Bedürfnis. Zum Kunstsammler wurde er in den Berliner Jahren, als er, Ausdruck seiner politischen Haltung, zahlreiche Werke „entarteter“ Künstler erwerben und vor der Zerstörung retten konnte. Bauer war Unternehmer aus Leidenschaft mit dem Willen zum wirtschaftlich-schöpferischen Gestalten, während er technischen Fragen und der Geschäftsroutine wenig Interesse abgewann. Ein glänzender Redner, rasch im Denken und Formulieren, dominierte Bauer mit seiner Energie und Durchsetzungskraft seine Umgebung. Er starb, nachdem er lange und mit großer Tapferkeit mit einer tödlichen Krankheit gerungen hatte.
Ehrungen wurden Bauer in reichem Maße zuteil. Die Stadt Fulda, wo eine Straße und der Sitz der IHK seinen Namen tragen, ernannte ihn 1967 zu ihrem Ehrenbürger, die Universitäten Tübingen und Freiburg, die ihm großzügige Förderung verdankten, hatten ihn schon 1952 bzw. 1957 zum Ehrensenator berufen.
Quellen: Abdruck der Anklageschrift vom 9.4.1945 in: Günter Buchstab (Hg.), Verfolgung und Widerstand 1933-1945. Christliche Demokraten gegen Hitler, 1986, 253-256. UB Freiburg i. Br.: Nachlaß von Dietze. StAL: EL 902/11 Az. 24/10/1178. UA Tübingen 117/291a Nr. 54; 258/762. Nachlaß in Familienbesitz (zur Zeit [1995] nicht zugänglich). Splitternachlaß im Archiv für Christlich-demokratische Politik Sankt Augustin 1-386. Stadtarchiv Fulda, Presseausschnittsammlung M 1214. Stadtarchiv Heilbronn, Zeitgeschichtliche Sammlung. Schriftliche Auskünfte von Hans Alt/Fulda, Dr. Barbara Formiconi/Ferrara, Annemarie Wolff/Fulda
Werke: Die Bewegungsbilanz und ihre Anwendbarkeit, insbesondere als Konzernbilanz, in: Zeitschrift für Handelswissenschaft. Forschung 20/1926, 485-544 (Diss. rer. pol. Tübingen 1926) (Berichterstatter: Prof. Curt Eisfeld); Die Aufgaben der Staatspartei, in: Neckarzeitung (Heilbronn) vom 01.09.1930; Böse Zeiten, in: Begegnungen mit Theodor Heuß, hg. von Hans Bott und Hermann Leins, 1954, 456-459; Ansprache beim Universitätsjubiläum 1957 in Freiburg, in: Albert-Ludwigs-Universität 1457-1957. Die Ansprachen, Glückwünsche und Ehrungen bei der Jubiläumsfeier, hg. von Gerd Tellenbach, 1961; Erinnerungen an schwere Zeit, in: Ich glaube eine heilige Kirche. Festschrift für D. Hans Asmussen zum 65. Geburtstag am 21. August 1963, 1963, 87-92; Zum Gedenken an Ernst Ludwig Heuss. 5.8.1910 bis 14.2.1967. Privatdruck 1967
Nachweis: Bildnachweise: Paul Swiridoff, Portraits aus der deutschen Wirtschaft. 1966, S. 105

Literatur: Eugen Gerstenmaier, Walter Bauer, in: Theodor Schober Hg., Haushalterschaft als Bewährung christlichen Glaubens (Handbücher für Zeugnis und Dienst der Kirche 5), 1981, 336-338; Hans Mauersberg, Die Wirtschaft und Gesellschaft Fuldas in neuerer Zeit. Eine städtegeschichtliche Studie. 1969
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