Arnold, Alfred Wilhelm 

Geburtsdatum/-ort: 16.06.1888;  Ellhofen/Oberamt Heilbronn
Sterbedatum/-ort: 27.05.1960;  Ingelfingen
Beruf/Funktion:
  • württembergischer Landesbauernführer, Mitglied des Landtags und Mitglied des Reichstags – NSDAP
Kurzbiografie: Volks- und Oberrealschule, anschließend landwirtschaftliche Ausbildung im elterlichen Betrieb
1904-1906 Landwirtschaftsschule Heilbronn jeweils im Winterhalbjahr, anschließend Praktika auf größeren landwirtschaftlichen Gütern
1907-1909 Militärdienst im Feldartillerie-Regiment in Ludwigsburg
1914 Übernahme des landwirtschaftlichen Betriebs seiner Schwiegereltern: Bühlhof bei Ingelfingen
1914-1916 Kriegsdienst, zuletzt Unteroffizier
1920-1945 Gemeinderat bzw. Ratsherr in Ingelfingen 1920 erfolglose Landtagskandidatur für den Württembergischen Bauern- und Weingärtnerbund
1930 Eintritt in die NSDAP zum 1. 1. 1931
1932-1933 Mitglied des Landtags – NSDAP
1933-1945 zunächst Staatskommissar für die Landwirtschaft, dann Landesbauernführer, gleichzeitig Mitglied des Reichstags – NSDAP
1934 Eintritt in die SS, 1942 Brigadeführer
1935 2. Vorsitzender des Verbandes deutscher Rindviehzüchter
1939-1945 Leiter des Landesernährungsamtes
1945-1948 Internierung
1954 Hofübergabe an den Schwiegersohn
1957 Bundestagskandidatur für die FDP/DVP
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev., 1940 ausgetreten
Auszeichnungen: Silberne Militärverdienstmedaille (I. Weltkrieg), Ehrenbürger von Ingelfingen (1934, 1946 aberkannt), Träger des SS-Totenkopfringes und des Ehrendegens
Verheiratet: 1914 Frida, geb. Mezger (1890-1962)
Eltern: Vater: Christian Friedrich (1839-1901), Bauer und Wirt
Mutter: Maria, geb. Habberle (1861-1933)
Geschwister: 1
Kinder: 2; ein Sohn im I. Weltkrieg gefallen
GND-ID: GND/130431532

Biografie: Hans Peter Müller (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 4, 1-3

Obwohl die übergroße Mehrheit der evangelischen Landwirte Württembergs seit etwa 1900 ihre politische Heimat beim reaktionär-deutschnationalen und dezidiert antisemitischen Bauernbund (Bund der Landwirte, seit 1919 Württembergischer Bauern- und Weingärtnerbund) sahen, traf dies für Arnold nicht zu. Während seine beiden Stellvertreter in der landwirtschaftlichen Hierarchie des nationalsozialistischen Württembergs – Schüle und Kohler – als Überläufer im Zeichen der Krise (1932) vom Bauernbund kamen, dokumentiert Arnolds NSDAP-Eintritt Ende 1930 eine frühe ideologische Übereinstimmung, die kaum von Karrieredenken bestimmt war. Er hatte zwar 1920 erfolglos für den Bund zum Landtag kandidiert, den ihm angetragenen Vorsitz für den Bezirk Künzelsau jedoch abgelehnt. Im Landtagswahlkampf 1932 bezeichnete er seine Leistungen für den Bund als „gleich null“.
Arnold war zweifellos ein fähiger und engagierter Landwirt; sein Bühlhof galt als Musterbetrieb. Neben seinem Amt in der Kommunalpolitik trat er als Hauptinitiator der Farrenhaltungsgenossenschaft Stachenhausen hervor, engagierte sich im Bezirkspferdeversicherungsverein Künzelsau und gehörte dem Vorstand des einflussreichen Landwirtschaftlichen Bezirksvereins an. Während diese Meriten im Januar 1932 nicht zu seiner Wahl in die Landwirtschaftskammer reichten – sie war noch Domäne des Bauernbundes –, war seine Landtagskandidatur im April erfolgreich; inzwischen stießen die vormaligen Wähler des Bundes in Scharen zur NSDAP. Berufskollegen hatten ihm in einer Anzeige die Qualitäten eines Bauernführers bescheinigt, der die Not seines Berufsstandes genau kenne.
Unmittelbar nach der „Machtübernahme“ präsentierte Arnold einer Parteiversammlung seine groteske Bewertung der bisherigen Wirtschaftspolitik unter „international-marxistischen Vorzeichen“: Diese habe die Vernichtung des deutschen Bauerntums angestrebt, konnte die Revolution doch erst gelingen, wenn auch der Bauer zum Proletarier geworden war. Dieser Not werde der „Führer“ nun ein Ende bereiten.
Mit der im Frühjahr 1933 beginnenden und in Etappen verlaufenden Gleichschaltung der – wie die Nationalsozialisten betonten – überorganisierten württembergischen Landwirtschaft begann die große Zeit Arnolds. Er stand an der Spitze dieses Prozesses; seine Anordnungen, Weisungen und Aufrufe waren monatelang ständig in der Presse zu finden. Dabei gilt, dass die NSDAP zunächst nur über wenige ausgewiesene Landwirte verfügte. Mitläufer und „Märzgefallene“ eilten dann jedoch massenhaft zu den neuen Futtertrögen. Anlässlich seiner Berufung zum ehrenamtlichen Staatskommissar für die Landwirtschaft Mitte April – ihr war seine Ernennung zum Gaufachberater vorangegangen – versprach Arnold im Rahmen einer umfassenden Neuordnung den Bauern eine Senkung ihrer Lasten. Als erster Schritt zur Einheitsorganisation entstand am 20. April unter seiner Leitung die kurzlebige Landesführergemeinschaft, in die, dominiert von Angehörigen des sogenannten Agrarpolitischen Apparats der NSDAP, Vertreter des damit entpolitisierten Bauernbundes und dessen schon vor dem 30. Januar 1933 auf NS-Kurs befindlichen Jungbauernbundes sowie des Landwirtschaftlichen Hauptverbandes berufen wurden. Formal unter der Ägide dieser Führergemeinschaft erfolgte die Errichtung von Kreis- und Ortsbauernschaften. Anfang Juni meldete die Presse die Konstituierung der in 11 Gaue eingeteilten Landesbauernschaft, für deren Spitze einstimmig Arnold als Landesbauern(schafts)führer nominiert wurde. Dieser kokettierte dabei mit der Aussage, viel lieber seinen Hof geleitet zu haben und insofern ein Opfer zu bringen.
Bezeichnend war das Schicksal des Landwirtschaftlichen Hauptverbandes, der bisherigen Arbeitgeberorganisation. Während dessen Generalsekretär beurlaubt wurde, übernahmen zunächst Arnold und sein Stellvertreter Kohler die Geschäftsführung und leiteten eine Untersuchung der getätigten Geschäfte ein. Im Juli erfolgte dann die Überführung in die Landesbauernschaft. Weiter Ämter häufend trat Arnold auch an die Spitze der Landwirtschaftskammer, die bis zur Eingliederung in den im Werden begriffenen Reichsnährstand eine Art Schattendasein führte. Mit seiner Wahl zum Verbandspräsidenten der landwirtschaftlichen Genossenschaften Württembergs im Juli hatte er die Führung aller bäuerlichen Organisationen des Landes in seiner Hand vereinigt. Die „Wahl“ in den Reichstag im November 1933 stärkte seine Position zusätzlich.
Durch die Verkündigung des Reichsnährstandsgesetzes im September 1933 sah Arnold das „Führer“-Versprechen vom „Bauernreich“ erfüllt. Ab 1. Januar 1934 werde es keinen Bauern mehr außerhalb des Reichsnährstandes geben, zugleich würden die kommenden Maßnahmen zur Markt- und Preisregulierung landwirtschaftlicher Erzeugnisse einem jahrhundertealten Sehnen des Bauernstandes Rechnung tragen. Die zum Jahresanfang 1934 etablierte Reichsnährstandsorganisation, auf Landesebene in der Landesbauernschaft präsent, unterstand dem Reichsbauernführer Darré, zugleich als Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft. Arnold als Landesbauernführer gebot nun in der Landesbauernschaft über ein Verwaltungsamt und zunächst vier Hauptabteilungen – Mitgliederbetreuung, Aufgaben der vormaligen Landwirtschaftskammer, Genossenschaftswesen und Landhandel. Später auf drei Abteilungen reduziert, wurden deren Arbeitsbereiche prägnant mit „der Mensch“, „der Hof“ und „der Markt“ etikettiert. Der Superbehörde wurden in Württemberg über 40 Vereine und Verbände ein- bzw. angegliedert.
Die herausragende Stellung Arnolds wurde zudem durch seine Zugehörigkeit zur Gauleitung als Chef des Amtes für Agrarpolitik dokumentiert. Garant dieser Stellung war letztlich das „Vertrauen seines Gauleiters“, wie 1938 eine Würdigung anlässlich seines 50. Geburtstages betonte. Dort wurde auch seine „Tatkraft“, etwa auf dem Gebiet der Milchwirtschaft, gelobt, die für das gesamte Reich beispielhaft sei – er selbst war Milchproduzent. Schließlich fungierte er auch als stellvertretender Vorsitzender des Reichsverbands der Schweinezüchter. Einfluss suchte Arnold auch auf anderen Feldern. Während sein Versuch scheiterte, 1934 ein Mitwirkungsrecht bei Neuberufungen an die Universität Hohenheim zu erlangen, ließ er sich im Sommer 1933 in das württembergische Kirchenparlament wählen. Sein Kirchenaustritt 1940 belegt, dass dieser Schritt allein der Einflussmehrung diente.
Arnold war ein unermüdlicher Verkünder der NS-Ideologie. Zum 1. Mai 1933 belehrte er seine Berufsgenossen: „Wir alle bauen mit am neuen Deutschland“. Anlässlich der Hitlerspende 1933 rief er die Bauern zum „Nationalsozialismus der Tat“ auf, sie sollten Arbeitslosen einen Erholungsplatz bieten. Wenig später forderte er Erntezuwendungen für Landarbeiter, Nationalsozialismus bedeute nicht nur national zu denken, sondern auch sozial zu handeln. Zur Reichstags-„Wahl“ im November 1933 gab er die Parole aus, einer „heiligen Dankespflicht“ nachzukommen und „wie ein Mann hinter den Führer [zu] treten“. In seinem Spendenaufruf zum Winterhilfswerk vom Januar 1934 fragte er rhetorisch, wo das Land ohne den „Retter“ Hitler stünde. Ähnliche Beispiele sind Legion. Dass sich Arnold enthusiastisch mit der „Blut-und-Boden-Ideologie“ identifizierte, versteht sich von selbst. Anlässlich der bombastischen Ehrung alteingesessener Bauernfamilien auf der Alb im Mai 1935 dankte er Hitler für die Schaffung des „Bauernreiches“, nachdem zuvor Liberalismus und Kapitalismus das Bauerntum schwer bedroht hätten. Durch den Reichsnährstand sei ihm endlich die gebührende Stellung im Staate eingeräumt worden. Die alten Bauerngeschlechter seien Deutschlands Kraftquell für den Widerstand gegen die „feindliche Welt“.
Der kommende und geplante Krieg spiegelte sich schon früh in der Sprache Arnolds. Zum Erntedank 1938 pries er die „gewaltigen Erfolge der Erzeugungsschlacht“ und die nunmehr erreichte „Nahrungsfreiheit“ durch eine zielstrebige Vorratswirtschaft. Dieses „Bollwerk“ mache Deutschland unüberwindlich. Unmittelbar nach Kriegsbeginn – er fungierte nun auch als Leiter des Landesernährungsamtes – betonte er die völlige Sicherung der Ernährung. Der Reichsnährstand stehe nun voll im Dienst der Kriegswirtschaft und sei „bis ins letzte Dorf straff durchorganisiert“. Mit dieser Rhetorik, die Arnold bis zum bitteren Ende beibehielt, war das Scheitern der NS-Agrarpolitik – am Vorabend des Kriegsbeginns ablesbar an einer anhaltenden Landflucht und der Unrentabilität vieler Betriebe – leicht zu kaschieren.
Der hochdekorierte SS-Angehörige, unerschütterliche Vorkämpfer und Bannerträger der NS-Revolution und Wegbereiter des Reichserbhofgedankens – so sein Ehrenbürgerbrief – war von 1945 bis 1948 interniert. Von der Spruchkammer zunächst als Hauptschuldiger eingestuft, brachte ihm die Berufung 1949 den Status eines Belasteten, gegen den er erneut, aber erfolglos Berufung einlegte. Nach Gnadengesuchen an den Ministerpräsidenten erhielt er die Erlaubnis, die ihm auferlegten Verfahrens- und Vermögenskosten in Raten abzutragen.
Diese glimpfliche Behandlung, typisch für einen Zeitgeist, der die Entnazifizierung als Siegerjustiz diffamierte, mag Arnold bestärkt haben, seinen unbestreitbaren Sachverstand erneut der Öffentlichkeit zu präsentieren. Wie so vielen treuen Dienern des NS-Regimes fehlte ihm ganz offensichtlich jegliches Unrechtsbewusstsein. Sein politischer Comeback-Versuch – er kandidierte bei den Bundestagswahlen 1957 im Wahlkreis Crailsheim als „Heimatkandidat“ für die FDP/DVP – wirft ein bezeichnendes Bild auf die Nachkriegsgesellschaft, seine neue Partei und seinen „Persilschein“-Geber Reinhold Maier. Dieser hatte ihm bescheinigt, sein Amt als Landesbauernführer „untadelig“ geführt zu haben, so dass ihm niemand „etwas vorwerfen oder nachreden könne“. So stieß seine Kandidatur weder auf Kritik, geschweige denn auf Proteste. Der an „alle freiheitlich Gesinnten“ Appellierende blieb zwar ohne Mandat, erhielt jedoch im Kreis Öhringen die höchste Stimmenzahl und schnitt in den Kreisen Crailsheim, Künzelsau und Mergentheim jeweils als Zweiter ab.
Quellen: Staatsanzeiger für Württemberg 1933-1934; Regionalzeitungen, z. B. Kocherbote, Gaildorf, Hohenloher Bote, Öhringen 1920 ff.; Württ. Wochenblatt für Landwirtschaft 1933, Wochenblatt d. Landesbauernschaft Württemberg vom 18. 5. 1935; Das württ. Bauerntum, Sonderbeilage des Stuttgarter NS-Kuriers zum Erntedanktag, 1938; Württ. Landeskalender 1941; Wahlfaltblatt von 1957 (mit Bild).
Nachweis: Bildnachweise: Wahlfaltblatt 1957 (vgl. Quellen).

Literatur: Univ. Hohenheim/Landwirtschaftl. Hochschule 1818-1968 (FS), 1968, 128; Paul Sauer, Württemberg in d. Zeit des Nationalsozialismus, 1975, passim; Hermann Jürgen Rauser, Heimatbuch Ingelfingen, 1980, 375 f.; Thomas Schnabel, Württemberg zwischen Weimar u. Bonn 1928-1945/46, 1986, passim; Frank Raberg, Biogr. Handbuch d. württ. Landtagsabgeordneten 1815-1933, 2001, 14 f.; Joachim Lilla, Statisten in Uniform, 2004.
Suche
Durchschnitt (0 Stimmen)