Deutschlands älteste Eisenbahnbrücke über den Rhein

Deutschlands älteste Eisenbahnbrücke über den Rhein bei Waldshut vom badischen Ufer aus, 1927. Quelle LABW (GLAK 421 Zugang 1993-90 F Brücken BA Basel Nr. 1691)

Deutschlands älteste Eisenbahnbrücke über den Rhein bei Waldshut vom badischen Ufer aus, 1927. Quelle LABW (GLAK 421 Zugang 1993-90 F Brücken BA Basel Nr. 1691)

Der Rhein ist für die Deutschen ein besonderer Fluss, nicht nur wegen seiner dichterischen Mystifizierung. Er ist eine der wichtigsten Verkehrs- und Entwicklungsachsen Mitteleuropas. Als Verkehrsweg brachte der Rhein die Menschen zusammen, er trennte sie aber auch. Dem Nord-Süd-Verkehr mochte er dienlich sein, von Westen nach Osten war er immer ein Hindernis. In den ersten rund 20 Jahren der deutschen Eisenbahngeschichte folgten die Schienen dem Fluss, sie querten ihn nicht, denn der Strom stellte die Bahnpioniere vor große Herausforderungen. Eisenbahnbrücken hatten wegen des enormen Gewichts der Schienenfahrzeuge und der durch sie ausgelösten Vibrationen sehr großen statischen Belastungen standzuhalten. Sie mussten eine große Spannweite haben, um den Schiffsverkehr nicht zu beeinträchtigen. Sie konnten wegen der geringen Bauhöhen im Uferbereich nicht als steinerne Bogenbauwerke errichtet werden. Und sie waren immer auch Bauwerke von militärischer Bedeutung.

Die meisten Eisenbahnbrücken über den Rhein wurden in den Kriegen des 20. Jahrhunderts schwer beschädigt oder zerstört. Ebenso wie Kriegsschäden führten gestiegene Verkehrslasten zum Verschwinden historischer Brücken. Nur ein Bauwerk ist unzerstört geblieben und bis heute in Betrieb: die Rheinbrücke zwischen dem badischen Waldshut und der Stadt Koblenz im Schweizer Kanton Aargau. Sie wurde als erste feste Bahnbrücke über den Rhein in Deutschland in Betrieb genommen. Gleichzeitig ist sie die älteste Verbindung über den Rhein hinweg zwischen einem deutschen Staat und dem Eisenbahnnetz eines anderen europäischen Landes. Und sie ist das Erstlingswerk eines berühmten Schöpfers, des badischen Eisenbahnpioniers Robert Gerwig.

Heute sind die Bahnanlagen um Basel und Weil am Rhein das Zugangsportal schlechthin auf dem Landweg von Deutschland zur Schweiz. Es hätte auch anders kommen können. 1855 erreichte die badische Hauptbahn das rechtsrheinische Kleinbasel. Seit 1842 hatten das Großherzogtum Baden und der Kanton Basel-Stadt über eine Verbindung zwischen dem schweizerischen und dem badischen Eisenbahnnetz in Basel verhandelt, doch eine Einigung konnte nicht erzielt werden. Nun sollte Waldshut das Tor zur Eidgenossenschaft werden. Die Transitroute über die Alpen nach Italien sollte von dort über den Lukmanierpass laufen. Von der Gotthardstrecke war noch nicht die Rede.

Robert Gerwig hat uns einen ausführlichen Baubericht hinterlassen. Der Bau begann im Februar 1858 mit der Herstellung der Baugruben für die beiden Strompfeiler und die Widerlager. Von Schiffsgerüsten aus wurden Spundpfähle in die Flusssohle gerammt, um die Baugruben vom Fluss abschneiden, sichern, ausheben und durch Dampfpumpen entwässern zu können. Nach dem Ausheben der Gruben wurden Gerüste auf die Spundpfähle gesetzt, um von ihnen aus die Fundamentpfähle für die Pfeiler und die Widerlager in den Boden rammen zu können. Die Köpfe der Fundamentpfähle wurden mit mehreren Betonschichten verbunden, danach begann das Aufmauern der Pfeiler und Widerlager. Der markante eiserne Oberbau der Brücke wurde als engmaschiges Gitterfachwerk mit oben liegender Fahrbahn realisiert. Diese Bauweise war für die großen Eisenbahnbrücken in ihrer Frühzeit üblich. Heute ist das optisch ansprechende Fachwerk die einzige erhalten gebliebene Konstruktion dieser Art in Deutschland. Bemerkenswert ist die Montagetechnik, die in Deutschland zum ersten Mal angewendet wurde. Die Eisenkonstruktion wurde am Ufer in drei Teilen montiert und dann mit Muskelkraft auf die Pfeiler verschoben, im Fachjargon vorgewalzt. Die Verbindung der drei Teile geschah vor der endgültigen Positionierung des Oberbaus auf den Pfeilern. Eine weitere Besonderheit ist das Material Puddeleisen. Der Begriff Puddeln stammt aus dem Englischen und meint Rühren. Die Roheisenmasse wurde im Schmelzofen gerührt, wodurch dem Eisen unerwünschte Stoffe durch Oxidation entzogen wurden. Das Produkt war zähflüssig, konnte in Portionen aus dem Ofen entnommen und weiterverarbeitet werden. Diese Herstellungsweise war noch stark handwerklich geprägt. Nach nur 18 Monaten Bauzeit war die Brücke fertig. Am 18. August 1859 wurde sie dem Verkehr übergeben.

Heute fristet die Rheinbrücke Waldshut–Koblenz ein Schattendasein. Den Anforderungen des modernen Schienenverkehrs ist sie nicht gewachsen. Güterzüge verkehren nicht mehr über sie, es fahren nur noch Personenzüge mit reduzierter Geschwindigkeit.

Der Bau von Deutschlands ältester Eisenbahnrheinbrücke ist im Generallandesarchiv Karlsruhe vor allem in der Überlieferung der Generaldirektion der Badischen Staatseisenbahnen und ihrer Rechtsnachfolger, der Reichs- und der Bundesbahndirektion Karlsruhe, dokumentiert (Beständegruppe 421). Vorhanden sind neben Aktenmaterial zum Bau, zur Bauunterhaltung und einzelnen historischen Fotos bemerkenswerte kolorierte Pläne. Neben den üblichen Ansichten und Schnitten enthalten sie aufschlussreiche Detailzeichnungen zu den technischen Aspekten des Eisenbahnbrückenbaus im 19. Jahrhundert. Sie illustrieren Gerwigs Baubericht und sind für Technikgeschichte und Denkmalpflege eine wertvolle Quelle.

 

 Martin Stingl

Quelle: Archivnachrichten 40 (2010), S.20-21.