Jesingen - Altgemeinde~Teilort 

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Typauswahl: Ortsteil – Historisches Ortslexikon
Typ: Teilort
Ersterwähnung: 0769 [Kopialüberlieferung 12. Jahrhundert]

Ortslage und Siedlung
(bis 1970):
Der fruchtbare Ackerboden auf dem Rücken zwischen Gießnaubach, Windbach und Lindach, der mit eiszeitlichem Löss bedeckt ist, lockte seit der Jungsteinzeit die Menschen immer wieder zur Siedlung an. Auf der Flur Lettenäcker wurden jungsteinzeitliche Relikte gefunden, im Wald Vögeleshaupt verweisen sechs flache Grabhügel auf eine Siedlung der Hallstattzeit. Ob eine Römerstraße auf Jesinger Markung verlief, wie die frühere Forschung annahm, hat sich bislang nicht bestätigen lassen. Der mit dem Personennamen »Uoso« verknüpfte -ingen-Name des heutigen Ortes bezeugt den Beginn einer dauerhaften Siedlung in der alemannischen Landnahmezeit (5. bis 7. Jahrhundert). Während in der Mundart sich noch die alte Namensform »Iasingen« bewahrt hat, hat sich der heutige Ortsname unter dem Einfluss der Standardsprache herausgebildet. Ob die wenigen Grabfunde in den Lehenäckern nordöstlich der Kirche auf ein Reihengräberfeld weisen, ist unklar. Die alemannische Siedlung wird westlich der heutigen Kirche, im Areal zwischen Kirchstraße und Krumme Gasse, vermutet; die erste Ansiedlung könnte hier eine Furt über die Lindach veranlasst haben – hier kreuzten sich wohl alte Wege. Für die Gemarkung charakteristisch sind die beiden flachen, nach Nordwesten streichenden Höhenrücken zwischen Gießnaubach/Windbach und der Lindach sowie zwischen der Lindach und dem Trinkbach, in der Talaue dazwischen entwickelte sich der langgestreckte Ort beiderseits des Baches, hinzu kamen wohl schon im Mittelalter einige Höfe an der Straße nach Nabern. Herrschaftlicher Mittelpunkt war die erhöhte Stelle östlich des Dorfes im Bereich von heutiger Kirche und Pfarrhaus, wo sich ein befestigter Herrenhof des Ortsadels vermuten lässt. Hier bildete vom 13. Jahrhundert bis zum Jahre 1453 die Propstei des Klosters Sankt Peter (1271) mit Kapelle, Kelter (1393) und Mühle (1426) einen Verwaltungsmittelpunkt für die Güter des Klosters im Gebiet rund um Jesingen beziehungsweise Weilheim. Die Neubaugebiete entstanden in den Gewannen »Untere Auäcker« (1949/59), »Herzenwiesen« (1961) im Westen, »Roggenäcker« (1962), »Hakenäcker« (1969) im Norden, »Mühlgärten« (1952/67) im Nordosten, »Gstand« (1949) im Osten, »Gassenäcker-Böckeler« (1965) im Südosten. Außerdem wurden im Osten und Süden die Gewerbegebiete »Alte Weilheimer Straße« (1969) und »Beim Bahnhof« (1972) ausgewiesen.
Historische Namensformen:
  • Osingen 0769 [Kopialüberlieferung 12. Jahrhundert]
  • Huosingen 0770 [Kopialüberlieferung 12. Jahrhundert]
  • Uesingen
  • Yseingen
Geschichte: Zwischen 769 und 777 erhielt das karolingische Reichskloster Lorsch an der Bergstraße infolge mehrerer Schenkungen Besitz und Eigenleute in dem im alemannischen Neckargau gelegenen Jesingen (769 »Osingen«), tauschte diesen Besitz aber 904 mit einem »Rutpert«, einem sonst nicht weiter bekannten Adligen. Im 12. Jahrhundert gehörte der Ort zum Herrschaftsgebiet der Herzöge von Zähringen, die aber ihren Grundbesitz im Ort dem von ihnen gegründeten Kloster Sankt Peter verschenkten beziehungsweise verkauften. Das Kloster erweiterte diesen Grundstock durch zahlreiche Schenkungen und Käufe. Als Verkäufer und Stifter lassen sich ritterliche Dienstmannen der Zähringer nachweisen, unter ihnen ein Freier von Jesingen namens Gerold, in dem ein Angehöriger des Ortsadels gesehen werden kann. Aufgrund des stattlichen Grundbesitzes in Jesingen errichtete das Kloster Sankt Peter hier eine Propstei, deren 1271 erstmals namentlich genannter Verwalter der Kirchheimer Adelsfamilie der Kizzi angehörte. Ein Lagerbuch des Klosters von 1426 hielt fest, welches Recht für die zur Jesinger Propstei gehörigen Leute galt (»Die recht zuo Uesingen«). Mitte des 15. Jahrhunderts waren etwa 40 Bauern mit Erblehen der Propstei zinspflichtig. 1453 vertauschte das Kloster seinen Jesinger Besitz an Württemberg, die Propstei beziehungsweise Klosterpflege wurde nach Bissingen verlegt. Auf bislang noch ungeklärtem Wege erwarben die Grafen von Aichelberg Besitz und hoheitliche Rechte am Ort, verkauften aber 1293 ihren Jesinger Hof an das Frauenkloster Kirchheim und vor 1330 ihren Besitz um die Stammburg Aichelberg an die Grafen von Kirchberg, die ihn aber schon 1334 an die Grafen von Württemberg verkauften: 1420 galt die Vogtei zu Jesingen als ein zur jetzt württembergischen Grafschaft Aichelberg gehöriges Reichslehen. Bis 1453 besaß das Kloster Sankt Peter zwei Drittel des Gerichts zu »Uesingen«, ein weiteres Drittel stand Württemberg zu. Mit der Übernahme des sanpetrinischen Besitzes gingen dann alle hoheitlichen Rechte auf Württemberg über. Nach der Reformation gelangten auch die Güter des Kirchheimer Frauenklosters an die Herrschaft Württemberg, neben dem 1293 erworbenen Drittelhof (seit 1457 Erblehen) auch weitere Geld- und Naturaleinkünfte. 1468 werden erstmals Schultheiß und Richter namentlich genannt, 1524 Schultheiß, Gericht und Gemeinde zu »Yseingen«. Seit 1639 lässt sich eine Namensliste der Schultheißen lückenlos anlegen. Im 18. Jahrhundert saßen sechs Personen im Gericht. Jesingen gehörte bis 1938 zum Oberamt Kirchheim, bis 1972 Landkreis Nürtingen.
Wirtschaft: Im Feldzug des Schwäbischen Bundes gegen Herzog Ulrich 1519 lagerte mehrere Tage das Bundesheer zwischen Jesingen und Holzmaden, im September brannte eine bündische Truppe 18 Häuser und 13 Scheuern und die mit Korn gefüllte Zehntscheuer ab. Nach der Türkensteuerliste von 1544 lebten 79 Schatzungspflichtige im Ort, hochgerechnet circa 356 Personen. 1622 lebten 487 Kommunikanten und Katechumenen im Ort. Im 30-jährigen Krieg, nach der Schlacht von Nördlingen 1634, zog die kaiserliche Armee plündernd und brandschatzend durch das Dorf, sodass, wie beim Vogtgericht 1639 festgestellt, von »98 Ehen nur noch 15 Mann übrig« geblieben waren. Infolge der unruhigen Zeiten wollten entgegen dem Befehl des Schultheißen die nach Kirchheim geflüchteten Jesinger nicht zurück ins ungeschützte Dorf. Wie berechtigt dies war, zeigte sich 1643, als sich die französisch-weimarische und die kurbayrische Armee vor der Amtsstadt gegenüberstanden und in Jesingen 21 Gebäude und die Mühle völlig zerstört, die Kirche ausgeplündert sowie circa 1500 Obstbäume gefällt wurden. Am Ende des Krieges schließlich waren gerade noch 41 von 125 Gebäuden unbeschädigt geblieben. Gegenüber 1634 mit 125 Steuerbürgern (rund 563 Einwohnern) war die Bevölkerung mit 33 Steuerbürgern im Jahr 1655 auf 26,4 Prozent zurückgegangen. 1654 wird die Einwohnerzahl insgesamt mit 143 und 1661 mit 159 angegeben. 1690 lebten 279 Einwohner im Ort. Infolge mehrjähriger Missernten und der Franzoseneinfälle 1688 und 1693 kam es danach zu einem Bevölkerungsrückgang (218 Einwohner im Jahr 1694). Bis 1745 stieg die Einwohnerzahl kontinuierlich auf 513 an, was sich nach einer Stagnation in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wiederholte: 1765 werden 538, 1803 dann 692 Einwohner gezählt. 1730 waren 91 Wohngebäude mit und ohne integrierte Scheune sowie sieben allein stehende Scheunen und die Mahlmühle steuerpflichtig. Die Ackerflur wurde in den drei Öschen Gegen dem Schafhof (Unter Weingarten), Gegen Weilheim (Im obern Ösch) und Gegen Kirchheim (Auf’m Berg) angebaut und umfasste 804 Morgen (1730). Die Wiesen erstreckten sich über 281 Morgen. Weinberge an der Jesinger Halde lassen sich bereits im 12. Jahrhundert nachweisen. 1730 wurden von 62 Morgen Weinland 55 Morgen bepflanzt. Mühle und Kelter gelangten 1453 aus sanpetrinischem Besitz an Württemberg. Der Mühlertrag wurde 1730 mit 247 Gulden veranschlagt. Bis 1797 war neben Jesingen auch Nabern in diese Mühle gebannt. Ebenso waren die Jesinger Weingärtner in ihre Kelter gebannt. Im 18. Jahrhundert wurde eine neue Kelter hinter der Kirche errichtet. Den dritten Teil des Weins beanspruchte die Herrschaft, 1790 wurde dies in eine gleichbleibende jährliche Abgabe pro Morgen umgewandelt. Über die Waldungen – 49 Morgen Gemeinde – und 175 Morgen Privatbesitz – heißt es 1730, sie seien durch einen Truppenaufenthalt »im vorigen Krieg so ruiniert worden, dass noch dato nichts darin dann allerley buschwerckh«. Das Handwerk schien 1730 mit einem Steueranschlag von immerhin 910 Gulden schon gut floriert zu haben, zwei Wirte wurden mit 100 Gulden veranschlagt. In einem Amtsbericht von 1790 allerdings bezichtigte der damalige Amtsverweser Klett die Jesinger der »Trunksucht«. Schuld daran sei die Nähe zur Amtsstadt; auch kämen dort die meisten »Gantungen« (Konkursverfahren) vor. Ganz anders sah es ein Jahr später der neue Oberamtmann Lempp, der die Jesinger als »getreue Bürger« lobte.

Ersterwähnung: 1360 [um]
Kirchengeschichte: Während die zur Propstei des Klosters Sankt Peter gehörigen Jesinger Bauern in die Weilheimer Pfarrkirche Sankt Peter eingepfarrt waren, gehörten die restlichen Bewohner des Dorfes in die Pfarrsprengel von Sankt Martin in Kirchheim oder Sankt Stephan in Holzmaden. Die zur Jesinger Propstei gehörige Kapelle, die den Heiligen Petrus, Kosmas und Damian geweiht war, wird schon um 1360 als Filialkapelle der Weilheimer Pfarrkirche genannt. Um 1390 erhielt die Kapelle eine Ausmalung mit Fresken an der Nord- und Ostwand, die nach der Reformation übermalt und erst in neuerer Zeit bei Renovierungen wieder aufgedeckt wurden. 1419 stiftete die Gemeinde eine Messpfründe auf einen Marienaltar, der Kaplan, zumeist ein Mönch des Klosters Sankt Peter, übernahm seitdem offenbar auch pfarrherrliche Aufgaben; die Besetzung der Kaplanei stand (bis 1456 belegt) dem Abt von Sankt Peter zu. In der Jesinger Kirche hat sich der Grabstein des 1426 verstorbenen Paters Berchtold erhalten, in dem wohl der erste Kaplan der neuen Pfründe gesehen werden kann. Nach Übernahme der Jesinger Propstei durch Württemberg im Jahre 1453 entwickelte sich die Kapelle in der Folgezeit zur Pfarrkirche für den ganzen Ort, wobei sie allerdings bis zur Reformation eine Filialkapelle von Sankt Peter in Weilheim blieb und oft noch als »capella curata« (zum Beispiel 1487), als Kapelle mit pfarrherrlichen Rechten, bezeichnet wurde, aber auch bereits als »ecclesia parochialis« (zum Beispiel 1474). Das Präsentationsrecht der Marienpfründe stand nachweislich seit 1477 Württemberg zu. Wohl in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde der romanische Rechteckbau des 13. Jahrhunderts durch eine südlich angebaute Sakristei mit Kreuzrippengewölbe (Schlussstein mit dem Wappen des Klosters Sankt Peter) erweitert und der Fußboden mit Tonfliesen ausgelegt, aus dieser Zeit hat sich auch der Taufstein erhalten. Der letzte katholische Pfarrer wurde 1535 bei Beginn der Reformation wegen seines ärgerlichen Lebenswandels abgesetzt und des Landes verwiesen. Der erste evangelische Pfarrer ist 1540 nachweisbar. An der Außenseite der Sakristei befinden sich Grabsteine (17./18. Jahrhundert). Zur Ausstattung gehören eine Opferschüssel (16./17. Jahrhundert) und einige wertvolle Bücher (16. Jahrhundert), vor allem für die nähere Umgebung einmalig alle württembergischen Kirchengesangbücher seit 1595. Das Pfarrhaus wurde 1585 neu erbaut. 1559 hielt der Pfarrer deutsche Schule. 1573 wurde ein Rat- und Schulhaus gebaut, in dessen Erdgeschoss sich bis 1930 die Schule befand. In vier Generationen (1687 bis 1841) stellte die Familie Schäfer die Schulmeister. Die Söhne gingen jeweils beim Vater als Adjunktus in die Lehre. Ab 1773 standen für die circa 100 Schüler zwei durch eine Bretterwand geteilte Räume zur Verfügung. 1802 besuchten 80 Knaben und 61 Mädchen die Winterschule und insgesamt 129 Schüler die Sommerschule. In der evangelischen Pfarrkirche noch bauliche Reste des 13. Jahrhunderts, der Bau im ganzen durch die Neugotik geprägt. Einfacher Rechtecksaal mit Dachreiter. Katholisch nach Kirchheim (Maria Königin) eingepfarrt.
Patrozinium: St. Petrus, Cosmas und Damian
Ersterwähnung: 1421

GND-ID:
  • 4598179-6
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