Nürtingen 

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Typauswahl: Gemeinde
Status: Große Kreisstadt
Homepage: http://www.nuertingen.de
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Einwohner: 39480
Bevölkerungsdichte (EW/km²): 842.0
Max. Höhe ü. NN (m): 482.78
Min. Höhe ü. NN (m): 261.69
PLZ: 72622

Die drittgrößte Stadt im Landkreis Esslingen (Große Kreisstadt) liegt im südlichen Kreisgebiet im Vorland zur Mittleren Alb am Neckar. Sie greift mit ihren fünf nach 1970 eingemeindeten Orten von der lößbedeckten Filderhochfläche im Nordosten über das Neckartal auf das Erms-Steinach-Vorland aus. Dort, im Südosten des Stadtgebiets, wird mit 463 m über NN der höchste Reliefpunkt erreicht, der tiefste mit 266 m im Norden am Neckar. Die in Teilen noch erhaltene Altstadt, die sich mit der spätgotischen Laurentius Kirche sowie Resten der Stadtbefestigung heraushebt, nimmt eine Neckartalweitung im Bereich der Seitenbäche Steinach und Tiefenbach ein. Von dort dehnte sich die Kernstadt allseits ins Umland aus, besonders vor allem entlang der Steinach nach Süden, wo auch weite Industrie- und Gewerbeflächen entstanden. Von der einst bedeutenden Textil-, namentlich Strickwarenindustrie, und dem Maschinenbau blieb nur letzter mit zwei großen Unternehmen bestehen. Inzwischen überwiegt der Tertiäre Sektor, da die Stadt neben der Bereitstellung von Einkaufs- und Versorgungsmöglichkeiten sich zum Verwaltungs-, Gesundheits- und insbesondere überregionalen Bildungszentrum mit mehreren Fachhochschulen entwickeln konnte. Sie ist Mittelzentrum für den südwestlichen Landkreis Esslingen und erreichbar über die Eisenbahnlinie Stuttgart-Tübingen und die Bundesstraßen B297 und B313, die sich in der Kernstadt treffen. Von dort geht auch die Nebenbahn Nürtingen-Neuffen (Tälesbahn) ab. Die Stadt wurde 1806 Sitz eines württembergischen Oberamtes, 1938 Verwaltungssitz des Landkreises Nürtingen und kam 1973 zum Landkreis Esslingen.

Die Große Kreisstadt Nürtingen liegt in der südlichen Hälfte des Landkreises, wo sie ein 46,94 Quadratkilometer großes Areal einnimmt und damit der Fläche nach noch vor der Stadt Esslingen rangiert. Gemessen an der Einwohnerzahl steht Nürtingen an dritter Stelle hinter Esslingen und Filderstadt. Das Stadtgebiet umfasst die Kernstadt mit Oberensingen sowie die Stadtteile Raidwangen, Neckarhausen, Hardt, Zizishausen und Reudern. Gemeinsame Grenzen hat die Stadt mit Unterensingen, Oberboihingen, Kirchheim unter Teck, Dettingen unter Teck, Beuren, Frickenhausen, Großbettlingen, Altdorf, Neckartailfingen, Aichtal und Wolfschlugen. Esslingen ist Luftlinie 13 Kilometer entfernt. Der Landesentwicklungsplan zählt Nürtingen zum Verdichtungsraum. In Nürtingen grenzen die beiden großen Naturräume Filder und Albvorland aneinander. Zu den Fildern gehören der Norden des Stadtgebiets (Grötzinger Platte) und das Neckartal (Nürtinger-Esslinger-Neckartal). Südlich des Neckartals beginnt das Mittlere Albvorland, zunächst mit einem schmalen Streifen Unterjura, der dem Erms-Steinach-Albvorland zugerechnet wird. Er geht im Süden in die vom Mitteljura geprägten, überwiegend bewaldeten Neuffen-Vorberge über. Hier liegt im Waldgebiet Hülenberg nordöstlich des Tiefenbachtals mit 463 Meter über Normalnull der höchste topographische Punkt der Stadt. Der Neckar quert das Stadtgebiet von Südwesten nach Nordosten, durchfließt erst Neckarhausen, umfließt dann die Nürtinger Altstadt im Westen und verlässt unterhalb von Zizishausen bei 266 Meter über Normalnull das Stadtgebiet (tiefster Punkt). In Neckarhausen nimmt der Neckar die Autmut auf, in Nürtingen die aus dem Albvorland kommende Steinach sowie den in der Kernstadt verdolten Tiefenbach und bei Oberensingen die von den Fildern kommende Aich. Das geologische Spektrum reicht von den höheren Keuperschichten (Stubensandstein, Knollenmergel, Rhätsandstein) über Unterjura (Schwarzjura) bis zu den tieferen Mitteljuraschichten (Braunjura alpha, beta). Tertiäre Vulkantuffe, Löss und die Talfüllungen des Neckars und seiner Nebenbäche ergänzen es. Stubensandsteinschichten sind nur durch die Aich angeschnitten und bewirken dort ein sehr enges Tal. Im Neckartal tauchen sie aufgrund des allgemeinen Schichtfallens nach Südosten nicht mehr auf. Dafür tritt hier und im Aichtal der an seinen Rutschungen erkennbare Knollenmergel zutage. Darüber folgt der Oberkeuper (Rhätsandstein), der im Raum Nürtingen mit bis zu 10 Meter verhältnismäßig mächtig ist. Er streicht am Schlossberg, auf dem die Nürtinger Altstadt mit der Stadtkirche steht, am Steinenberg, am Zizishausener Berg und an den Hängen des Aich- und Neckartals aus. Bei Hardt gibt es mehrere eindrucksvolle Aufschlüsse: Der Ulrichstein (Naturdenkmal) ist ein markanter Rhätsandsteinblock, der sich von der Hangkante gelöst hat und auf dem darunter liegenden Knollenmergel abgerutscht ist. Der benachbarte aufgelassene Rhätsandsteinbruch liegt an der Grenze Trias/Jura (Naturdenkmal). Nordwestlich davon, am Hang über der Föllbachschlucht, liegen mehrere große Rhätsandstein-Blöcke frei, im hinteren Teil der Föllbachschlucht bildet der Sandstein einen mehrere Meter hohen, getreppten Wasserfall sowie rechts und links davon kleine Felsen (Naturdenkmal). Am Nordhang des Neckartals, in dem aufgelassenen, teilweise verfüllten Steinbruch im Gewann Millot, ist ein Restprofil erhalten, das dickbankigen, verkieselten Rhätsandstein zeigt (Naturdenkmal). Am Zizishausener Berg ist eine felsige Böschung mit 4 Meter dickbankigem Rhätsandstein zu sehen. Links des Neckars streichen vom Unterjura nur die untersten Schichten (Psilonotenton, Angulatensandstein, Arietenkalk, Schwarzjura alpha) an den Talkanten aus. Die Hochflächen (Galgenberg, Kreuzsteinäcker bei Hardt, Oberensinger Höhe, Speckäcker bei Zizishausen) tragen eine Lössdecke und werden ackerbaulich genutzt. Rechts des Neckars, im Albvorland, ist die ganze Schichtenfolge des Unterjura vorhanden. Harte, schwarzblaue Kalkbänke (Psilonotenbank, Schwarzjura alpha 1) bilden die unterste Schicht. Darüber folgen Angulatensandstein und Arietenkalk (Schwarzjura alpha 2 und alpha 3), Turneriton (beta), Numismalismergel (gamma), Amaltheenton (delta), Posidonienschiefer (epsilon) und Jurensismergel (zeta). Die Schichtlagerung ist örtlich durch Verwerfungen gestört. Weite Flächen sind auch hier lössbedeckt, vor allem um Reudern und südwestlich der Kernstadt gegen Großbettlingen. Weiter im Süden bauen die hier sehr mächtigen unteren Mitteljuraschichten (Opalinuston bis zu 130 Meter, Ludwigienschichten bis zu 80 Meter, Braunjura alpha und beta) die Landschaft auf. Von den rund 360 Vulkanschloten des Kirchheim-Uracher Vulkangebiets liegen fünf, teils als Kuppen im Gelände sichtbar, auf Nürtinger Gemarkung: ein angeschnittener Schlot südwestlich von Raidwangen, einer am Hößlensbühl nordöstlich der Enzenhardt-Siedlung, einer am Kräuterbühl rechts des Tiefenbachs und zwei Vulkanvorkommen am Bol südlich von Reudern. Schotter, Sande und Lehme füllen die Talsohlen. Die Flüsse haben hier vor allem während der Eiszeit Schotter (Kiese) abgelagert, die im Neckartal bis zu 6 Meter mächtig sind. Diese Kiese wurden früher an verschiedenen Stellen abgebaut, zum Beispiel bei Neckarhausen (Beutwangsee) und bei Zizishausen. Im Laufe seiner Flussgeschichte hat der Neckar mehrere Umlaufberge hinterlassen. Der Schlossberg ist ein solcher ehemaliger Umlaufberg, was Schotterfunde beweisen. Auch der Steinenberg wäre fast zum Umlaufberg geworden. Seine heutige Abtrennung im Osten erfolgte aber künstlich beim Bau der Eisenbahn. Im Bereich des Ersbergs muss der Neckar früher weit nach Süden ausgeholt haben. Schotter auf seiner Kuppe legen dies nahe. Auch die Aich nahm früher einen anderen Weg zum Neckar. Sie muss im Norden um den Zizishausener Berg geflossen und erst unterhalb von Zizishausen in den Neckar gemündet sein. Erst als der Neckar den Rücken zwischen Aich- und Neckartal bei Oberensingen genügend abgetragen hatte, brach die Aich zum Neckar durch. Die Schotter des Neckars und der Aich unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Herkunft. Aichschotter bestehen aus Keupermaterial, Neckarschotter weisen neben Jurageröllen auch Keuper-, Muschelkalk- und Buntsandsteingerölle auf. Außer dem Kies wurde früher neben anderen Rohstoffen vor allem Rhätsandstein abgebaut. Berühmt waren die Steinbrüche am Steinenberg. Sie lieferten einen harten, feinkörnigen, gelben Werkstein, Nürtinger Stein genannt, der bedeutsame Versteinerungen beinhaltete. Die Brüche existieren nicht mehr beziehungsweise sind nicht mehr öffentlich zugänglich (Privatgrundstücke). Noch vorhanden, aber teils verwachsen sind die erwähnten Steinbrüche bei Hardt und im Millot. Der Nürtinger Stein wurde als Pflaster-, Rand- und Markstein verwendet, zum Beispiel beim Straßenpflaster in der Nürtinger Altstadt. Feiner, loser Rhätsand war als Silbersand bekannt und diente in den Schreibstuben zum Löschen der Tinte. Den Stubensandstein brach man seit dem Mittelalter bei Oberensingen und verfrachtete ihn unter anderem als Baustein nach Esslingen und Köln (Dombau). Aus ihm ließen sich auch hervorragend Brunnentröge und Mühlsteine herstellen. Die Steinbrüche sind heute verwachsen, überbaut oder von abgerutschtem Knollenmergel bedeckt. Im Enzenhardt, an der Straße nach Metzingen, wurde 1872 das Nürtinger Zementwerk gegründet, in dem man die umliegenden Unterjuramergel, vor allem Numismalismergel zusammen mit den im benachbarten Großbettlingen abgebauten Ölschiefern verarbeitete. Im Jahr 1900, als die Tälesbahn von Nürtingen nach Neuffen in Betrieb ging, verlegte man das Werk an die Bahn im Neckartal, die Rohstoffe kamen nun vom Neuffener Hörnle (siehe Stadt Neuffen). Der einst durch seine Fossilfunde berühmte Steinbruch im Enzenhardt wurde 1976 geschlossen und verfüllt. Als Wegeschotter abgebaut wurde früher auch das Oberjuragestein aus dem Vulkantuff bei Raidwangen. Der Vulkanschlot hebt sich als Kuppe aus dem Turneriton heraus, doch ist sein Inneres heute nicht mehr aufgeschlossen. Bekannt ist die Heinrichsquelle, die am Fuß des Galgenbergs im Stubensandstein in 80 Meter Tiefe erbohrt wurde und lange als Heilwasser galt. Wegen des hohen Urangehalts im Wasser wurde ihre Nutzung 2005 eingestellt. Als Mittelzentrum mit zentralen Versorgungsfunktionen hat Nürtingen rund 1200 Hektar Siedlungs- und Verkehrsflächen, das entspricht 26 Prozent der Stadtfläche. Der hohe Anteil an Waldflächen (31 Prozent) gleicht dies aus. Große, zusammenhängende Wälder gibt es im Süden (Kirchert, Vorhalde, Hülenberg), im Aichtal (Bauernwald, Föllbachschlucht) und im Norden an der Grenze nach Wolfschlugen (Riedern). Von der Landwirtschaft werden 41 Prozent der Bodenfläche genutzt, Ackerland überwiegt und nimmt die guten Lössböden ein. Der starke Siedlungsdruck im Stadtgebiet machte es notwendig, die reizvolle und sehr abwechslungsreiche Landschaft möglichst weitgehend unter Schutz zu stellen. Sechs Landschaftsschutzgebiete, teils auf die Nachbargemeinden übergreifend, erstrecken sich über Bachläufe, Wiesenauen, Talhänge und Streuobstwiesen. Sie bilden Grünzäsuren und Freiräume zwischen den Siedlungsflächen und dienen als Erholungsgebiete. Die Wälder zu beiden Seiten des Tiefenbachtals sind Bestandteil des europäischen Schutzgebietsnetzes Natura 2000. In der Föllbachschlucht wurde ein Schonwald ausgewiesen: Im südöstlichen Teil mit den großen Rhätsandsteinblöcken wird zum Schutz der geologischen Besonderheiten der naturnahe Eichen-Hainbuchenwald erhalten und gefördert, im Schluchtwald im Nordwesten des Gebiets ruht die forstliche Nutzung. Daneben sind rund 60 Naturdenkmale auf der Gemarkung vorhanden, darunter viele alte Linden und Eichen, die Neckarinsel in Neckarhausen, der Vulkanschlot bei Raidwangen, der Ulrichstein, die Rhätfelsen in der Föllbachschlucht, aufgelassene Rhätsandsteinbrüche, die Insel (ehemaliger Neckaraltarm mit Silberweiden-Auenwald in Zizishausen), die Teufelsklinge bei Hardt, Feuchtgebiete, Hecken und Feldgehölze.

Die vormalige württembergische Amtsstadt wurde unter Einbeziehung des aufgehobenen Amts Neuffen 1806 Sitz des Oberamts Nürtingen, das dem Kreis Urach zugeordnet wurde. Bei der Neueinteilung des Königreichs Württemberg kam das Oberamt Nürtingen 1810 zunächst zur Landvogtei auf der Alb, 1818 dann, zum Abschluss des württembergischen Verwaltungsneubaus, zum Schwarzwaldkreis. Am 17. Mai 1819 bildete sich das bisherige Nürtinger Gericht zum Stadtrat um. Zusammen mit dem bald darauf gewählten ersten Stadtschultheißen stellte er das neue Verwaltungsorgan der Stadt dar. 1919 gehörte dem Stadtrat erstmals eine Frau an. Die Revolution von 1848/49 fand in Nürtingen einen Höhepunkt, als es im August 1849 zu einem nächtlichen Krawall kam, der zur Einquartierung von Militär führte. Bis Ende der 1880er Jahre prägte der Dualismus von Volkspartei und Deutscher Partei, die sich im Vorfeld der Reichsgründung in Stadt und Bezirk organisiert hatten, die parteipolitische Landschaft. Im Dezember 1889 gründeten Nürtinger Arbeiter einen sozialdemokratischen Arbeiterverein. Der Bauernbund war seit 1895 im Bezirk organisiert, 1911 vervollständigte ein Deutschkonservativer Verein (spätere Bürgerpartei) das Spektrum der Parteien. In der Revolution 1918/19 bildete sich am 9./10. November 1918 auch in Nürtingen ein Soldaten- und ein Arbeiterrat. Seit 1831 erschien in Nürtingen eine Zeitung, das Wochenblatt für das Ober-Amt Nürtingen (seit 1895 Nürtinger Tagblatt, ab 1949 Nürtinger Zeitung). Bis um die Jahrhundertwende stellte im Oberamt und mehr noch in der Stadt die Volkspartei die dominierende Kraft dar. Diese Vorherrschaft durchbrachen innerhalb weniger Jahre die »Milieuparteien« SPD und Bauernbund, eingeleitet vom, verglichen mit den bisherigen Ergebnissen, sensationellen Abschneiden der Sozialdemokraten bei der Reichstagswahl 1898 (Oberamt 38,8 Prozent, Stadt Nürtingen 40,6 Prozent). Auch der Bauernbund konnte, als er sich 1903 (Reichstag) und 1906 (Landtag) erstmals an den Wahlen beteiligte, im Oberamt auf Anhieb um die 30 Prozent der Stimmen auf seine Kandidaten vereinigen; in der Stadt blieb er freilich deutlich schwächer (unter 15 Prozent). Die SPD vermochte ihre Stimmenanteile in den folgenden Jahren zu halten und bei der Reichstagswahl 1912 auf 49,8 Prozent (Oberamt) beziehungsweise 42,5 Prozent (Stadt) zu steigern. In Oberensingen und Zizishausen mit ihrem hohen Anteil an auswärts beschäftigten Fabrikarbeitern hatte die SPD seit 1898 die absolute Oberhand gewonnen, während im stärker bäuerlich geprägten Hardt und in Raidwangen, zumal bei den Landtagswahlen, der Bauernbund den Ton angab. Nach dem Ersten Weltkrieg veränderten sich die Kräfteverhältnisse zwischen den politischen Lagern zunächst kaum. Bei der Wahl zur Nationalversammlung im Januar 1919 kam die Linke (SPD, USPD) auf 46,2 Prozent, das liberale Lager, vereinigt jetzt in der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), auf 39,2 Prozent und die Konservativen von Bürgerpartei und Bauerbund auf 13,1 Prozent. Die weiteren Wahlergebnisse zum Reichstag in der Stadt spiegeln die allgemeine Entwicklung im Land und Reich wieder. Ab 1920 konnten die bürgerlichen Parteien ihren Stimmenanteil erhöhen unter Stärkung der Rechten und dann einer zunehmenden Zersplitterung. Bis 1930 blieb die DDP (17,6 Prozent) noch relativ stark, dann brach die angestammte liberale Mitte auch in Nürtingen völlig zusammen. Die deutschnationale Bürgerpartei wuchs bis 1924 kräftig an (22,5 Prozent), der allgemeine Absturz bei der folgenden Wahl traf die Partei jedoch in der Stadt umso härter (1928 9,5 Prozent). Seit 1930 (12,4 Prozent) stellte der konfessionelle Christlich-Soziale Volksdienst noch die stabilste bürgerliche Kraft dar. Das linke Lager konnte sich in der Stadt von 1924 bis 1933 auf dem Niveau von etwa einem Drittel der Wählerstimmen stabilisieren. Dabei lagen die Kommunisten fast immer vor den Sozialdemokraten; im November 1932 mit fast 19 Prozent Vorsprung. Dem korrespondierte, dass die SPD seit der Abspaltung ihres linken Flügels (USPD) im Dezember 1918 in der Stadt organisatorisch schwach geblieben war. Dagegen konnte sich die KPD (Ortsgruppe 1920) mit ihren führenden Persönlichkeiten stark in den Gewerkschaften und im Netzwerk der Arbeitervereine verankern. Mit 11,1 Prozent lag die NSDAP in Nürtingen bei ihrem ersten großen reichsweiten Wahlerfolg (Juli 1930) leicht über dem Landesdurchschnitt (Sommer 1929 Gründung einer Ortsgruppe). Bei der Wahl am 5. März 1933 wurden daraus 45,3 Prozent, mehr nun schon als der Reichsdurchschnitt. Nach der Reichstagswahl am 5. März 1933 und der kurz darauf folgenden Machtübernahme im Land begann die örtliche NSDAP, die bislang im Gemeinderat nur mit einem Mitglied vertreten war, Druck auf die Organe der kommunalen Selbstverwaltung auszuüben. Ende März trat Bürgermeister Hermann Weilenmann aus der Deutschen Demokratischen Partei aus, und die letzten Angehörigen der KPD verließen den Gemeinderat. In dem auf der Grundlage des Gleichschaltungsgesetzes neu gebildeten Gemeinderat besetzte die NSDAP dann elf von 16 Sitzen. Bürgermeister Weilenmann blieb noch mehrere Jahre im Amt, ohne der NSDAP beizutreten. Anfang 1939 wurde er von NSDAP-Kreisleiter Eugen Wahler zum Rücktritt gedrängt und durch einen »alten Kämpfer«, den Juristen Dr. Walter Klemm, ersetzt. Von den elf jüdischen Bürgern der Stadt (1933) fielen zwei im Jahr 1942 der nationalsozialistischen Verfolgung zum Opfer. Kriegsbedingt wurden auch in Nürtingen zunehmend ausländische Arbeitskräfte eingesetzt. Im Sommer 1942 begann die Maschinenfabrik Gebr. Heller in den Mühlwiesen ein Barackenlager zu errichten, in dem bis zu 700 Zwangsarbeiter, viele von ihnen aus der Ukraine, untergebracht waren. Ein Bombenabwurf forderte am 2. März 1944 im Vendelau vier Menschenleben; sechs Gebäude wurden zerstört, darunter die Lutherkirche. Nürtingen hatte mit seinen später eingemeindeten Orten 900 Gefallene und Vermisste zu beklagen. Neckarhausen und Oberensingen wurden am 20. beziehungsweise 21. April von Neckartailfingen beziehungsweise von den Fildern her durch französische Einheiten, Nürtingen am späten Nachmittag des 22. April 1945 von Oberboihingen her durch amerikanische Truppen ohne größere Kampfhandlungen besetzt. Unmittelbar nach der Besetzung richteten die Amerikaner in Nürtingen eine für den Kreis zuständige Dienststelle der Militärverwaltung ein. Diese berief am 9. Mai 1945 den bis Anfang 1939 amtierenden Stadtvorsteher zum kommissarischen Bürgermeister. Von Oktober bis Dezember 1945 bildeten sich wieder Lokalorganisationen von Kommunistischer und Sozialdemokratischer Partei, Demokratischer Volkspartei DVP (später FDP) und Christlich-Sozialer Volkspartei CSVP (bald CDU). Diese vier Parteien traten auch zur ersten Gemeinderatswahl am 27. Januar 1946 an. Dabei errangen in Nürtingen die CSVP zehn, die DVP sechs, die SPD fünf und die KPD drei Sitze (Wahlbeteiligung 92,0 Prozent). Eine besondere Herausforderung für die Kommunalpolitik stellte angesichts des Zustroms von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen die Wohnungsnot dar. Von Herbst 1945 bis Frühsommer 1947 mussten in der Stadt mehrere hundert Litauer und Letten untergebracht werden, die von der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) betreut wurden. Seit Ende März 1946 trafen die großen Sammeltransporte von Heimatvertriebenen am Nürtinger Bahnhof ein, die von dort aus auf die Kreisgemeinden aufgeteilt wurden. Bis Ende 1946 wurden alleine in Nürtingen über 5000 Ostflüchtlinge aufgenommen. Im Frühsommer 1946 nahm die Nürtinger Spruchkammer ihre Arbeit auf; ihr oblag bis zum Herbst 1948 die Entnazifizierung im westlichen Teil des Kreises Nürtingen. Bei der ersten landesweiten Wahl am 30. Juni 1946 erreichte die CDU in Nürtingen 32,5 Prozent, die SPD 27,4 Prozent, die DVP 24,4 Prozent und die KPD 15,7 Prozent der Stimmen. Im überdurchschnittlich guten Abschneiden von Liberalen und KPD spiegeln sich dabei Nürtinger Traditionen aus der Zeit vor 1933 wider. Die erste Bundestagswahl am 14. August 1949 sah in der Stadt die Notgemeinschaft (33,3 Prozent) vorne, deren Kandidat Dr. Franz Ott das erste Direktmandat errang. Die CDU kam auf 22,9 Prozent, gefolgt von SPD (21,0 Prozent), DVP (15,1 Prozent) und KPD (7,7 Prozent). Das Erbe der auch bei den Landtagswahlen bis 1960 überdurchschnittlich erfolgreichen Parteien der Heimatvertriebenen trat im Wesentlichen die CDU an. Sie wurde ab 1953 bei den Bundestags- und ab 1964 bei den Landtagswahlen zur dominierenden Kraft in Nürtingen. Dabei lag sie seit den 60er Jahren in ihrer Stärke meist nicht allzu weit vom Landesdurchschnitt entfernt. Demgegenüber gelang es der SPD selten diesen Wert entsprechend zu erreichen, weder bei den Bundes- noch bei den Landeswahlen. Seit Ende der 80er Jahre liegen bei den Landtagswahlen die GRÜNEN vor der FDP, bei den Bundestagswahlen sah es meist umgekehrt aus. Von 1947 bis Mitte der 50er Jahre stellte im Gemeinderat die DVP beziehungsweise FDP die stärkste Fraktion. Diese Position nimmt seit Mitte der 60er Jahre die CDU ein. Stark sind daneben seit Anfang der 50er Jahre Freie Wählervereinigungen, die ihren Anteil von einem Drittel der Mandate seit den 90er Jahren aber nicht mehr ganz erreichen konnten. Die seit den 50er Jahren sehr schwache SPD musste ihre in den 70er Jahren gewonnene stärkere Vertretung im Gemeinderat ab 1980 mit den GRÜNEN teilen. 1994 traten die Jungen Bürger Nürtingen (JBN) erstmals erfolgreich zur Wahl an. Bei der Wahl am 13. Juni 2004 lautete das Ergebnis: CDU zwölf Sitze, Unabhängige Freie Bürger (UFB) sechs Sitze, Freie Wählervereinigung Nürtingen-Oberensingen (FWV) zwei Sitze, Freie Wirtschaftsgruppe (FWN) zwei Sitze, SPD sieben Sitze, Nürtinger Liste/GRÜNE fünf Sitze, FDP zwei Sitze, JBN vier Sitze, REP einen Sitz. Im Zuge der Gemeindereform wurden 1973/74 Hardt, Zizishausen, Neckarhausen, Raidwangen und Reudern eingemeindet; Oberensingen gehört schon seit 1919 zu Nürtingen. Seit 1962 besteht eine Städtepartnerschaft mit Oullins in Frankreich, seit 1968 mit dem walisischen Pontybridd (heute Rhondda Cynon Taff). Als dritte Partnerschaft kam 1988 die mit dem XX. Bezirk von Budapest hinzu. Zu diesem Teil der ungarischen Hauptstadt gehört heute der Ort Soroksár, aus dem nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Vertriebene in Nürtingen eine neue Heimat gefunden hatten. 1992 schlossen Nürtingen und Zerbst in Sachsen-Anhalt einen Freundschaftsvertrag. Bei der ersten Direktwahl zum Europäischen Parlament am 10. Juni 1979 erreichten CDU 50,0 Prozent, SPD 35,0 Prozent, FDP 9,3 Prozent, GRÜNE 5,0 Prozent (Wahlbeteiligung 57,2 Prozent). Am 13. Juni 2004 wählten 51,2 Prozent der Wahlberechtigten: CDU 45,4 Prozent, SPD 18,3 Prozent, GRÜNE 16,8 Prozent, FDP 6,5 Prozent, REP 4,7 Prozent, Sonstige 8,3 Prozent.

Wappen von Nürtingen

In Gold (Gelb) unter einer liegenden schwarzen Hirschstange ein mit dem Mundstück nach links weisendes rotes Hifthorn mit schwarzer Fessel, darunter eine blaue Raute.

Beschreibung Wappen

Das Hifthorn mit der Raute, die wohl als ein vom Horn abhängendes Kleinod und unterscheidendes Beizeichen anzusehen ist, ziert spätestens seit dem Jahre 1343 die Stadtsiegel. Nach 1500 kommt die württembergische Hirschstange hinzu. Die früheste farbige Darstellung des jetzigen Wappens stammt aus dem Jahr 1535. Wie die Hirschstange soll wohl auch das Hifthorn auf die Grafen von Württemberg als Stadtgründer hinweisen, denn diese führten ein rotes Hifthorn als Helmzier. Seit dem 17. Jahrhundert treten oft zwei wilde Männer als Schildhalter auf.