Erzberger, Matthias 

Geburtsdatum/-ort: 20.09.1875;  Buttenhausen
Sterbedatum/-ort: 26.09.1921;  bei Bad Griesbach (ermordet)
Beruf/Funktion:
  • Publizist, Zentrumspolitiker, Reichsminister
Kurzbiografie: 1882–1888 ev. Volksschule in Buttenhausen
1888–1889 kath. Volksschule in Bichishausen
1889–1891 Präparandenanstalt in Schwäbisch Gmünd
1891–1894 Lehrerseminar in Saulgau
1894–1896 Lehrerpraktikant in Marbach, Göppingen und Feuerbach
1896–1903 Redakteur des „Deutschen Volksblatts“ in Stuttgart
1903–1918 MdR (Zentrum), seit 1912 im Fraktionsvorstand
1904 Übersiedlung nach Berlin
1914 Leiter der Auslandspropaganda der Reichsleitung
3.10.1918 Staatssekretär ohne Portefeuille
11.11.1918 Unterzeichner des Waffenstillstandabkommens
1919/20 Mitgl. der Deutschen Nationalversammlung
13.2.1919 Reichsminister, zuständig für Fragen der Demobilisierung
21.6.1919 Reichsminister der Finanzen und Vizekanzler
12.3.1920 Rücktritt
6.6.1920 MdR
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Auszeichnungen: In der Kapelle der St. Anna-Klinik in Bad Griesbach steht ein Gedenkstein mit einem Porträtmedaillon Erzbergers, an der Stelle der Straße zum Kniebis, an der er erschossen wurde, ein Bildstock. In zahlreichen Städten sind Straßen, auch einige Schulen nach ihm benannt. 1975 gab die Deutsche Bundespost eine Erzberger-Gedenkmarke heraus, 2004 wurde in seinem Geburtshaus in Münsingen-Buttenhausen eine Erinnerungsstätte errichtet.
Verheiratet: 1900 (Rottenburg) Paula, geb. Eberhard
Eltern: Vater: Josef Erzberger (1847–1907), Schneider, Postbote und Gemeindepfleger, Sohn eines Webers aus Gundelfingen
Mutter: Katharina, geb. Flad (1845–1915), Tochter des Bauern Josef Flad in Buttenhausen
Kinder: 3: 1 Sohn, 2 Töchter
GND-ID: GND/11853100X

Biografie: Rudolf Morsey (Autor)
Aus: Württembergische Biographien 2, 54-56

Erzberger wuchs mit fünf jüngeren Geschwistern in einem Dorf von knapp 800 Einwohnern auf der Schwäbischen Alb auf, in dem die katholischen Familien nur eine Minderheit bildeten. Vom römisch-katholischen Dekan Karl Buss (1839–1905) in Bichishausen gefördert, erlernte er den Lehrerberuf. Er leistete keinen Militärdienst, weil in Württemberg ein Überschuss an Wehrfähigen bestand. Der begabte und ehrgeizige Praktikant besaß ein phänomenales Gedächtnis. 1896 trat Erzberger auf Anregung des römisch-katholischen Geistlichen und Redakteurs des „Deutschen Volksblatts“ in Stuttgart, Joseph Eckard (1865–1906), in dessen Redaktion ein. Daneben leitete er ein katholisches Arbeitersekretariat, betreute einen schwäbischen Handwerkerbund (1899) und einen Bauernverein. Der rastlos tätige, dabei schwäbisch-gemütvolle „Volksanwalt“, der sich 1896 auch an der Universität Freiburg/Schweiz fortgebildet hatte, gehörte zu den Gründern der Christlichen Gewerkschaften. Seine Frau, die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns, brachte eine bedeutende Mitgift in die Ehe.
Bereits 1903 im Wahlkreis Biberach-Waldsee-Leutkirch-Wangen in den Reichstag gewählt, zog Erzberger 1904 mit seiner Familie nach Berlin und wurde einer der ersten Berufsparlamentarier. Die finanzielle Grundlage dafür bildete eine ausgedehnte Publizistik. Er unterstützte die Militär- und Kolonialpolitik der Reichsleitung, forderte aber auch die paritätische Behandlung des katholischen Volksdrittels im öffentlichen Leben. Seine Attacken gegen Übergriffe der deutschen Kolonialverwaltung führten 1907 zur Neuwahl des Reichstags. Sein robustes Auftreten und Selbstbewusstsein schreckten manche Honoratioren seiner Fraktion. Nach Kriegsbeginn 1914 übernahm Erzberger die politische Aufklärung des neutralen Auslands und vertrat zunächst weitgehende Annexionen. Seine Intervention, zusammen mit Botschafter Bernhard Fürst Bülow 1915 in Rom, vermochte den Kriegseintritt Italiens nicht zu verhindern. Auch erreichte er nicht eine Wiederherstellung des Kirchenstaats. Im Thyssen-Konzern erhielt er ein hoch dotiertes Aufsichtsratsmandat.
Im Frühsommer 1917 vollzog Erzberger eine abrupte politische Kehrtwende, nachdem er die schwierige militärische Lage des Reiches und die Wirkungslosigkeit des uneingeschränkten U-Boot-Krieges erkannt hatte. Er wurde zum Vorkämpfer eines Verständigungsfriedens und des vom US-Präsidenten Wilson vertretenen, aber überschätzten Völkerbundgedankens. Am 19.7.1917 erreichte er mit einer Mitte-Links-Koalition eine „Friedensresolution“ zugunsten eines Verständigungsfriedens, die allerdings erfolglos blieb, während die von ihr angestrebte Parlamentarisierung des Verfassungssystems Anfang Oktober 1918 begann. In der Regierung des Prinzen Max von Baden übernahm Erzberger den Vorsitz in der Waffenstillstandskommission und unterzeichnete am 11.11.1918 in Compiègne den harten Waffenstillstand. Die durch seine Verantwortungsbereitschaft politisch entlasteten Kriegsverlierer begannen wenig später mit der „Dolchstoßlegende“ eine Hetze gegen die „Novemberverbrecher“.
Nach der Revolution vom 9.11.1918 beteiligte sich Erzberger an einer republikanischen Neuorientierung der Zentrumspartei. Am 19.1.1919 für den Wahlkreis Württemberg in die Deutsche Nationalversammlung gewählt, leitete er in der Regierung Philipp Scheidemann (SPD) die militärische Demobilisierung. Erzberger befürwortete die auch in den eigenen Reihen umstrittene Annahme des Versailler Friedensvertrags, um einen andernfalls drohenden Einmarsch alliierter Truppen, mit der Gefahr einer Auflösung des Reiches, zu verhindern. In der Regierung Gustav Bauer (SPD) begann Erzberger als Finanzminister mit der Bewältigung der Kriegsfolgelasten. Er erreichte in nur neun Monaten eine Jahrhundertreform in der Finanzverwaltung und im Finanzausgleich zwischen Reich, Ländern und Gemeinden. Nach dem Übergang der bisherigen Finanzverwaltung von den früheren Bundesstaaten auf das Reich folgte die Schaffung einer reichseinheitlichen Abgabenordnung. Mit einer Vereinheitlichung des Steuerrechts waren allerdings erhebliche Leistungen der „Besitzenden“ und „Kriegsgewinnler“ verbunden. Schließlich erhielt das Reich die Verwaltung der bisher einzelstaatlichen Eisenbahnen. Erzbergers Finanzpolitik stärkte die Reichseinheit, führte aber auch dazu, dass sich 1920 der bayerische Flügel des Zentrums als Bayerische Volkspartei verselbständigte.
Inzwischen suchten nationalistische Kräfte mit einem Sturz des ihnen verhassten „Erfüllungspolitikers“ das republikanisch-demokratische „System“ von Weimar zu diskreditieren. Anfang 1920 wurde Erzberger durch ein Pistolenattentat verletzt. Der frühere Staatssekretär des Reichsschatzamts, Karl Helfferich, warf ihm in einem Verleumdungsfeldzug die Folgen der Annahme des „Versailler Schand- und Knechtschaftsfriedens“ sowie Verquickung von privaten und öffentlichen Interessen im Kriege vor. Erzberger, der Beleidigungsklage eingereicht hatte, wurde im März 1920 durch ein mildes Urteil des Landgerichts in Berlin-Moabit ein Opfer politischer Justiz. Daraufhin trat er als Minister zurück, ließ sein Mandat ruhen und bereitete seine Rehabilitierung vor. Am 6.6.1920 gelangte er in seinem württembergischen Wahlkreis in den ersten Reichstag.
In diesen Monaten schrieb Erzberger seine „Erlebnisse im Weltkrieg“ und propagierte einen „Christlichen Solidarismus“. Er plädierte für „Werksgenossenschaften“ und Betriebsräte als neue Form einer Mitbestimmung und Mitbeteiligung von Arbeitern innerhalb ihrer Unternehmen. Seit dem 19.8.1921 hielt Erzberger sich in Bad Griesbach auf, um von dort aus am Katholikentag in Frankfurt a. M. teilzunehmen und damit in die Politik zurückzukehren. Bei einem Spaziergang am 26.8.1921 am Kniebis, zusammen mit seinem Fraktionskollegen Carl Diez aus Radolfzell, wurde er erschossen und Diez schwer verletzt. Die Mörder, die früheren Marineoffiziere Heinrich Schulz und Heinrich Tillessen, gehörten zur rechtsextremistischen „Organisation Consul“. Sie flohen ins Ausland und kehrten 1933 nach Deutschland zurück, wurden aber erst 1947 bzw. 1950 verurteilt. Erzbergers Beerdigung am 31.8.1921 in Biberach begleiteten 30 000 Personen, auch Reichstagspräsident Paul Löbe (SPD) und Reichskanzler Joseph Wirth (Zentrum).
Der christliche Demokrat Erzberger war ein Mann der Tat, aber ebenso des bisweilen vorschnellen Wortes und wendiger Betriebsamkeit. Mit Verantwortungsfreude und Zivilcourage übernahm er schwierige und undankbare politische Aufgaben. Auch in den eigenen Reihen stets umstritten, unterschätzte er den Hass seiner mit „vaterländischen“ Beweggründen argumentierenden Gegner. Die mit Erzbergers Namen verbundene Reichsfinanzreform und die Überführung der Eisenbahnen in Reichsbesitz waren staatsmännische Leistungen.
Quellen: NL im BA Koblenz.
Werke: Die Säkularisation in Württemberg von 1802–1810, 1902, ND 1974; Die Zentrumspolitik im Reichstage, 11 Bde., 1904–1911; Die Wahrheit über die deutschen Kolonien, 1908; Der Humor im Reichstage, 1910; Das deutsche Zentrum, 1912; Der stille Kulturkampf, 1912; Der Wehrbeitrag, 1913; Der Verständigungsfriede, 1917; Der Völkerbund. Der Weg zum Weltfrieden, 1918; Reden zur Neuordnung des deutschen Finanzwesens, 1919; Erlebnisse im Weltkrieg, 1920; Christlicher Solidarismus als Weltprinzip, 1921.
Nachweis: Bildnachweise: Fotos in: Matthias Erzberger, „Reichsminister“, 2002; Matthias Erzberger. Patriot und Visionär, 2007.

Literatur: Prozess Erzberger-Helfferich. Ein Rechtsgutachten mit einem Begleitwort von Justizrat Dr. Löwenstein, 1921; Ernst Bauer, Erzberger, 2. Aufl. 1925; Klaus Epstein, Matthias Erzberger und das Dilemma der deutschen Demokratie, 1962, Tb. 1976 (Princeton, N. J. 1959); Josef Heinzelmann, Zur Herkunft Matthias Erzbergers, in: Genealogie 18 (1969), 593–604; Alex Möller, Reichsfinanzminister Matthias Erzberger und sein Reformwerk, 1971; Theodor Eschenburg, Matthias Erzberger, 1973; Günter Wirth, Die Erzbergerfrage 1920/21, in: Jb. des Märkischen Museums (Berlin-Ost) 9 (1983), 49–83; Matthias Erzberger. Staatsmann und Demokrat, hg. von Wilfried Steuer, 1986; Torsten Oppelland, Matthias Erzberger und die Anfänge demokratischer Außenpolitik in Deutschland, in: Historisch-politische Mitteilungen 2 (1995), 25–47; Christian Leitzbach, Matthias Erzberger. Ein kritischer Beobachter des Wilhelminischen Reiches 1895–1914, 1998 (mit Werkverzeichnis); Joachim Köhler, Heimatliche Erfahrungsräume und frühe politische Prägungen des Staatsmannes Matthias Erzberger, in: Oberschwaben 4 (2002), H. 2, 1–35; Matthias Erzberger, „Reichsminister in Deutschlands schwerster Zeit“. Essays zur Ausstellung, hg. von Wolfgang Michalka, 2002; Andreas Gawatz, „Kutten und Kinder haben uns zusammengeführt“. Matthias Erzberger und die Formierung des modernen politischen Katholizismus, in: RJKG 23 (2004), 156–173; Christian Leitzbach, Matthias Erzberger als Redakteur des Deutschen Volksblattes, in: ebda, 175–184; Torsten Oppelland, Matthias Erzberger als Außenpolitiker im späten Kaiserreich, in: ebda, 185–200; Peter-Christian Witt, Matthias Erzberger und die Entstehung des demokratischen Wohlfahrtsstaates (1919–1920) in: ebda, 201–227; Roland Deigendesch, Der „Geist von Buttenhausen“. Kindheit und Jugend des Zentrumspolitikers Matthias Erzberger (1875–1921) im protestantisch-jüdischen Milieu eines schwäbischen Dorfes, in: HJB 124 (2004), 339–359; Rudolf Morsey, Matthias Erzberger, in: Politische Köpfe aus Südwestdeutschland, hg. von Reinhold Weber und Ines Mayer, 2005, 84–93; Matthias Erzberger. Patriot und Visionär, hg. von Christoph E. Palmer und Thomas Schnabel, 2007; Reiner Haehling von Lanzenauer, Der Mord an Matthias Erzberger, 2008.
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