Jüdische Gemeinde Pforzheim K.d.ö.R.

Kulturvielfalt und herzliches Miteinander in der Goldstadt

Geschichte, Gegenwart und ganz viel Zukunft „Ein offenes Haus mit Herz“

Beitrag der IRG Baden

Die neue Synagoge in Pforzheim (Einweihung 2006) Emilienstraße 20-22 [Quelle: IRG Baden, Foto: Doro Treut-Amar]  
Die neue Synagoge in Pforzheim (Einweihung 2006) Emilienstraße 20-22 [Quelle: IRG Baden, Foto: Doro Treut-Amar]

Die Jüdische Gemeinde Pforzheim bietet den circa 400 Mitglieder generationsübergreifend eine große Auswahl an religiösen, sozialen und kulturellen Angeboten an. So versteht sich das am 15. Januar 2006 eingeweihte jüdische Gemeindezentrum als Begegnungsstätte für G´ttesdienste, für Unterweisung und Schulung als auch für jüdische Festtage und Hochzeiten. Das Herz des Jugendzentrums, dem eigene Räumlichkeiten im Gemeindezentrum zur Verfügung stehen, bilden die Kinder und Jugendlichen der Gemeinde im Alter zwischen 5 bis 18 Jahren. Es ist nicht nur ein beliebter Ort der Zusammenkunft mit vielfältigen Aktivitäten; das wichtigste Ziel der Madrichim (Betreuer) ist, das Bewusstsein für jüdische Kultur und Tradition zu wecken und die jüdische Identität zu stärken. Ein buntes und abwechslungsreiches Programm gibt es auch für Familien und Senioren. Ein Computerkurs, ein Literaturkreis, Sprachkurse in Deutsch und Hebräisch, eine Bibliothek, ein Chor, eine Gymnastikgruppe und der beliebte Malkurs für Kinder und Jugendliche unterstützen das gesellige und lebendige Gemeindeleben in der Goldstadt. Füreinander da zu sein und zu helfen, wo Unterstützung gefragt ist, dafür sorgt die Sozialabteilung der Gemeinde, die sich um die sozialen Belange der Mitglieder kümmert.

Besonders am Herzen liegt der Jüdischen Gemeinde Pforzheim die Pflege des freundschaftlichen Verhältnisses und des offenen Austausches mit anderen Religionsgemeinschaften, wie im Rat der Religionen Pforzheim, beim ersten interreligiösen Kindergarten in Deutschland und im gemeinsamen Engagement mit der „Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit“ zum Beispiel während der jährlichen Woche der Brüderlichkeit. Rege gestaltet sich die Beteiligung am kulturellen und gesellschaftlichen Leben. Das jüdische Gemeindezentrum in der Emilienstraße 20-22 hat sich zu einem über die Region hinaus beliebten und geschätzten Austragungsort für vielfältige Veranstaltungen und Begegnungen entwickelt. Beiträge, Konzerte, Lesungen, Vorträge, Diskussionsforen, Ausstellungen, Deutsch- und Hebräischkurse, Kochkurse und vieles mehr laden dazu ein, die Faszination jüdischer Tradition und Kultur zu erleben.

Geschichte

Die Geschichte der Jüdischen Gemeinde Pforzheim ist nur in Bruchstücken bekannt und umfasst mehr als 700 Jahre. Immer wieder wohnten einzelne jüdische Familien in der Stadt. Im 18. Jahrhundert entstand eine jüdische Gemeinde, die zunächst einen Betsaal im Hasenmayerschen Haus in der Barfüßergasse und später ab 1812 einen bescheidenen Synagogenbau in der Metzgerstraße/Ecke Lammgasse (heute etwa „Am Waisenhausplatz“) nutzte. Zu dieser Zeit zählte die Gemeinde etwa 95 Mitglieder. Die Begräbnisse fanden bis 1846 noch auf dem Verbandsfriedhof in Untergrombach statt, danach nutzte die jüdische Gemeinde einen eigenen Friedhof an der Eutinger Straße. Ab 1878 wurden die Pforzheimer Juden auf dem Friedhof „Auf der Schanz“, einem Teil des Pforzheimer Hauptfriedhofs, begraben.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung im 19. Jahrhundert wuchs die Jüdische Gemeinde Pforzheim auf etwa 450 Mitglieder an und erwarb 1889 einen Bauplatz in der Zerrennerstraße, auf dem nach Plänen des bekannten Architekten Ludwig Levy (1854-1907) aus Karlsruhe eine repräsentative Synagoge mit Gemeindehaus entstand. Zum Werk Levys gehören auch die Synagogen in Straßburg, Baden-Baden, Bingen, Rastatt, Barmen, Rostock, Kaiserslautern, Luxemburg und Thionville. Das Gebäude im maurisch-gotischen Stil wurde am 27. Dezember 1892 eingeweiht und setzte einen architektonischen Glanzpunkt im Bild der Stadt Pforzheim.

Um 1927 hatte die Gemeinde etwa 1.000 Mitglieder, die sich vielfältig im gesellschaftlichen Leben der Stadt engagierten. Das jüdische Leben blühte, Schmuck- und Uhrenfabrikationen in jüdischer Hand gaben Arbeit, zahlreiche jüdische Einzelhandelsgeschäfte belebten das rege Miteinander. Von 1926 bis 1938 gab es neben der Jüdischen Gemeinde Pforzheim die religiös-orthodoxe Gruppe „Israelitische Bethausgemeinschaft“. Dieser gehörten vor allem ostjüdische Zuwanderer an, die auf eine strenge Auslegung der Religionsgesetze achteten und den Betsaal „Adas Jeschurun“ in der Rennfeldstraße nutzten.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 wurden die jüdischen Geschäfte boykottiert und der Ausschluss und die gezielte Ausgrenzung vom öffentlichen Leben zwang viele jüdische Bürger der Stadt zur Emigration. Während der Novemberpogrome 1938 wurde am Morgen des 10. November 1938 die Synagoge in der Zerrennerstraße durch einen Sprengsatz schwer beschädigt, der Betsaal „Adas Jeschurun“ zerstört, jüdische Wohnungen und Geschäfte geplündert, der jüdische Friedhof geschändet und mehr als 20 jüdische Männer für einige Wochen in das KZ Dachau verschleppt.

1939 lebten noch etwa 200 Juden in Pforzheim, die in sogenannte „Judenhäuser“ ziehen mussten. 1940 war es für die in Pforzheim verbliebenen Juden zu spät zur Flucht – 195 jüdische Personen wurden am 22. Oktober 1940 zusammen mit den anderen badischen Juden in das südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert. Von ihnen haben nur 55 Personen die katastrophalen Verhältnisse des Internierungslagers Gurs und die Deportation in die Vernichtungslager Auschwitz, Treblinka, Bergen-Belsen und Theresienstadt überlebt. Etwa 40 jüdische Personen verblieben als sogenannte „Mischlinge“ oder mit „arischen“ Ehepartnern zusammenlebend zunächst noch in Pforzheim und mussten Zwangsarbeit leisten. Nur wenige Überlebenden kehrten nach der Shoa nach Pforzheim zurück.

Nach 1945 zogen wieder vereinzelt jüdische Personen nach Pforzheim und die G´ttesdienste fanden zunächst in Privatwohnungen statt. Später folgte ein Zuzug jüdischer Personen aus Israel, Polen und anderen osteuropäischen Ländern und es bildete sich eine Synagogengemeinschaft mit der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe. Die am 26. Mai 1994 wiedergegründete „Israelitische Kultusgemeinde Pforzheim“ (später folgte eine Namensänderung in „Jüdische Gemeinde Pforzheim“) erfuhr ab 1990 einen starken Zuwachs jüdischer Gläubigen aus den ehemaligen Ländern der Sowjetunion. Die als Synagoge genutzten Räumlichkeiten in der Zerrennerstraße reichten für die inzwischen etwa 430 Mitglieder zählende Gemeinde nicht mehr aus.

2001 gründete sich zur Umsetzung eines Synagogenneubaus der Verein ProSynaoge Pforzheim mit starker Unterstützung der damaligen Rathausleitung. 2004 konnte in der Emilienstraße 20-22 das dreistöckige Gebäude der ehemaligen LZB erworben und nach den Plänen von Architekt Nathan Schächter umgebaut werden. Am 15. Januar 2006 wurde die neue Synagoge mit Gemeindezentrum, in dem eine Synagoge, eine Schule, eine Bibliothek, ein Jugendzentrum und Wohn- und Verwaltungsräume untergebracht sind, in Anwesenheit des früheren aschkenasischen Oberrabbiners von Jerusalem Israel Meir Lau und des damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger feierlich eingeweiht.

Heute ist die Jüdische Gemeinde Pforzheim eine lebendige, offene und sehr aktive jüdische Gemeinschaft, die fest im Herzen der Stadt verankert ist und enge Verbindungen zu den Kommunen und zur Gesellschaft pflegt. Interessierte sind herzlich eingeladen das Judentum näher kennen zu lernen - die Gemeinde bietet nach Anmeldung Synagogenführungen an. Gäste sind bei den vorher angekündigten offenen G´ttesdiensten immer gerne willkommen.

Zitierhinweis: Israelitische Religionsgemeinschaft Baden, Jüdische Gemeinde Pforzheim K.d.ö.R., in: Jüdisches Leben im Südwesten, URL: […], Stand: 20.02.2023.

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