In der 1880 veröffentlichten Beschreibung des Oberamts Balingen werden verschiedene Nikolausbräuche der Region erwähnt: Die Truchtelfinger pflegten das St. Nikolausschellen, das einmal weiter verbreitet war. Der „Niklasschimmel“ bekam abends einen Teller mit Hafer ans Fenster gestellt, worin die Kinder am nächsten Morgen Äpfel fanden. Der „Schante Klaas“ in Balingen verteilte schon damals gebackene Hanselmänner und in Ebingen sowie Winterlingen war am Nikolaustag Bescherung, die Kinder erhielten Geschenke.

Eine 80 Jahre später entstandene Sammlung zu Bräuchen, Festen, Sagen und Traditionen, die in Vorbereitung der Amtlichen Kreisbeschreibung für den damaligen Landkreis Balingen in Auftrag gegeben wurde, ermöglicht einen tieferen Einblick zum Ablauf des Nikolaustags. Vieles davon gehörte zu dem Zeitpunkt der Vergangenheit an, besonders in industriell geprägten Gemeinden. Während einige Orte keine besonderen Bräuche pflegten, gingen in anderen nicht näher beschriebene Personen „ge' kl ausa“. Die mit dem Fest verbundenen Figuren erscheinen in unterschiedlicher Form, entweder einzeln oder in Gruppen, in guter oder schreckenerregender Gestalt. Ebenso zahlreich wie die lokalen Dialektfärbungen sind die Namen. Die guten Kläuse, die in den Orten „herumgehen“, treten als „Klosa“ in Nusplingen und Roßwangen hervor oder als der „Glaos“ von Ratshausen. Im Balinger Ortsteil Heselwangen machten die „Sante Glos“ die Runde. In Burgfelden kam der „Schanteklos“ im weißen Hemd und umgehängten Schellenriemen. In Dotternhausen erschien der ebenfalls weißgekleidete „Heilig“ und las aus einem Buch vor. Auch früher brachten die Kläuse Äpfel, Nüsse und kleine Geschenke. Sie konnten auch von Paten oder anderen Verwandten übergeben werden. Manchmal begleitete ein Ruprecht den Klaus oder ein schwarzgekleideter Knecht, wie in Dautmergen, Dormettingen oder Roßwangen. Von Dotternhausen wird berichtet, dass der schwarzgekleidete Ruprecht fest zuschlagen konnte. Noch furchteinflößender war der „Rolla-Määrte“ von Leidringen, der in Verkleidung mit Maske und einer Schelle auftrat. Wild um sich hauend agierte er als Schreck für Groß und Klein. Ähnliches ist aus Obernheim überliefert, wo es hieß „Jetzt kommad de wilda Sante Klosa!“ In Onstmettingen hingegen verkleideten sich die Kinder als „Santi Klaas“ und liefen durch die Straßen, bevor am Abend zuhause der große „Santi Klaas“ mit Gabensack und Rute einkehrte. In Rosenfeld scheint das Schellenlaufen der Buben bis in die Mitte des 20. Jh. beliebt gewesen zu sein. Sie hängten sich Kuh- und Geißenschellen sowie „Pferderollen“ um. Das Gebimmel erschallte in den Gassen, die damals kaum von Verkehrslärm erfüllt waren.  

Trotz vieler gemeinsamer Merkmale treten die besonderen Ausprägungen in den Gemeinden hervor bis hin zu urtümlichen, an vorchristliche Zeiten erinnernde Formen. Aus der kollektiven Erinnerung verschwunden ist das ebenfalls in die Weihnachtszeit fallende „Pfeffern“, das einige der Berichten aufführen. Dieser in vorwiegend katholischen Gegenden beheimatete Heischebrauch entstand im Zusammenhang mit dem Tag der unschuldigen Kindlein am 28. Dezember und erinnert an die Abläufe am Nikolaustag. Es war üblich einen Spruch aufzusagen, symbolische Hiebe mit Ruten auszuteilen und Gaben einzusammeln. Weil das „Pfeffern“ als Bettelei von Erwachsenen eingestuft wurde, bemühte sich die Obrigkeit schon im 19. Jh. um Eindämmung. Gemäß der Berichte war das Pfeffern noch in Endingen, Rosenfeld und insbesondere Ratshausen als „Pfefferrässen“ lebendig sowie in Dautmergen, wo es den Kindern vorbehalten blieb.

Mehr über alte Bräuche in und um Balingen finden Sie in den Heimatkundlichen Blättern für den Kreis Balingen, Stichwort „Volkskundliche Überlieferung im Kreis Balingen“, veröffentlicht auf der Homepage der Heimatkundlichen Vereinigung Zollernalb e.V. (Jahre 1958-60) https://bit.ly/3OU2spQ. Zur Beschreibung des Oberamts Balingen gelangen Sie hier https://bit.ly/3H5q2hl

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„Krabaten“ -  kroatische Reiter

Hintergrund einer Legende aus dem Dreißigjährigen Krieg

Die Erzählung „Krabat“ des Jugendbuchautors Otfried Preußler ist die Geschichte eines Waisenjungen, der in den Bann eines Schwarzen Zauberers gerät, sich gegen ihn auflehnt und am Ende seine Macht brechen kann. Der Inhalt beruht auf einer sorbischen Sage. Preußler siedelte den Schauplatz im Koselbruch in der Lausitz an. Die Ereignisse spielen vor dem Hintergrund des Großen Nordischen Krieges zu Beginn des 18. Jh.

Die historischen „Krabaten“ tauchen aber schon früher auf. Der Name leitet sich von „Hrvat“ für Kroate ab. Als Kroatien ab dem ausgehenden 15. Jh. unter den Einflussbereich der Habsburgermonarchie kam, entwickelte sich im Grenzland zum osmanischem Gebiet eine im Kampf mit verschiedenen Waffen erprobte und schlagkräftige Reiterei. In größerem Umfang traten sie als Soldaten während des Dreißigjährigen Krieges in Erscheinung. Die flexiblen berittenen Infanteristen wurden in der kaiserlichen Armee unter Tilly und Wallenstein eingesetzt und oft als Vorhut oder Aufklärer vorausgeschickt. Für die Bevölkerung waren sie die ersten Boten des herannahenden Krieges und sorgten allein durch ihr Erscheinen für Furcht und Schrecken. Wie bei allen Söldnern des Dreißigjährigen Krieges kam es auch hier zu gewaltsamen Übergriffen. Dazu wurde der schlechte Ruf der Kroaten von der gegnerischen Seite für Propagandazwecke genutzt. Im Südwesten taten sie sich bei der Eroberung Heidelbergs 1622 hervor. Die Anzahl der in der kaiserlichen Armee eingesetzten Kroaten soll zu Spitzenzeiten bis zu 20.000 Mann betragen haben, wobei die ebenfalls vertretenen Gruppen von Serben, Walachen, Ungarn, Kosaken und anderen mit einbezogen wurden. Darüber hinaus waren sie in dänischen, französischen oder spanischen Einheiten vertreten.

Für die meisten endete der Militärdienst mit dem Westfälischen Frieden. Als Zeugen ihrer Anwesenheit finden sich bis heute Steinkreuze aus der Zeit des Dreißigjähringen Krieges, die als „Kroatenkreuze“ überliefert sind. Ein Beispiel ist in Schwäbisch Gmünd erhalten. Das Kreuz mit doppeltem Querbalken wurde am Ende des Krieges von einer Müllerfamilie gestiftet und teilt seine Bezeichnung mit dem nahen „Kroatensteg“, von dem es vermutlich seinen Namen erhielt. Die Inschrift HISOSTM wird als „Hoc In Signo Omnis Salus Totius Mundi – In diesem Zeichen liegt das Heil der ganzen Welt“ interpretiert. In Sachsen beschäftigte Kurfürst Johann Georg II. ab 1660 bis zu seinem Tod eine Leibkompanie, die „Kroaten zu Ross“ unter dem Kommando des Grafen Janko Peranski. Der von dunklen Legenden umrankte Ruf der Kroaten ging in die Literatur ein und lebte dort für längere Zeit weiter. Sie spielen eine Rolle im Simplicissimus des Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen und auch Friedrich Schiller nutzte sie als Figuren in seinem 1799 uraufgeführten Drama „Wallensteins Tod“. Die Figur des Krabat in der sorbischen Volkssage, verschiedene Episoden, die in eine Rahmenhandlung eingebettet sind, wurde mit dem in Kroatien gebürtigen Obristen Johann Schadowitz, der 1704 in Särchen im Landkreis Bautzen starb, in Verbindung gebracht. Er soll als Schwarzkünstler gewirkt haben, wobei seine Person als Anknüpfungspunkt für weitere phantastische Geschichten und Ereignisse diente.

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 Wappenbuch der Goldschmiedemeister in Ulm

Wappenbuch der Goldschmiedemeister in Ulm, (Quelle: Stadtarchiv Ulm A 7766/1)

Seit dem Mittelalter organisierten sich Handwerker aus verschiedensten Berufsfeldern in Zünften, um gemeinsam für ihre Interessen einzustehen. Mit ihrer zunehmenden wirtschaftlichen Bedeutung im 14. und 15. Jahrhundert erlangten die Zünfte immer mehr Einfluss innerhalb der (reichs-)städtischen Regierungen. Die „Zunftkämpfe“ des 14. Jahrhunderts führten besonders in Süddeutschland zu Änderungen in städtischen Verfassungen, nach denen die Zünfte an der städtischen Herrschaft beteiligt wurden. In südwestdeutschen Reichsstädten war ein Großteil der Bürger Zunftmitglied; eine Ausnahme bildeten etwa Geistliche. Der Einflussbereich der Zünfte innerhalb der Städte beschränkte sich dabei nicht allein auf Verwaltung und Stadtregiment, sondern sie bestimmten und gestalteten das gesamte öffentliche Leben vielfältig mit. Im Rahmen der Selbstverwaltung und Organisation von Handwerkszünften entstanden auch sogenannte Zunftbücher. In ihnen wurden die „Merkwürdigkeiten“ der jeweiligen Zunft festgehalten; dazu zählten etwa Statuten und Ordnungen aber auch Verzeichnisse der Zunftmitglieder. Zunftbücher sind in Südwestdeutschland in kommunalen wie auch in staatlichen Archiven überliefert. Besonders reich ist die Überlieferung in Archiven vormaliger Reichsstädte. Die Zunftbücher ermöglichen dabei nicht nur Einblick in die Selbstdarstellungen von Zünften oder handwerkliche Praktiken vergangener Zeiten, sondern auch in frühe Formen von sozialen Sicherungssystemen, wie etwa Regelungen bezüglich der Witwenversorgung. Im Jahr 1862 wurden die Zünfte in Baden und Württemberg zugunsten der Gewerbefreiheit aufgelöst und somit verschwand auch die Tradition der Zunftbücher. Mehr über die Auswertungsmöglichkeiten und die Forschungsgeschichte zu Zunftbüchern können Sie im LEO BW Themenmodul Südwestdeutsche Archivalienkunde nachlesen. (JH)

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Die Berwart-Treppe in Bad Mergentheim

Bad Mergentheim: Spindeltreppe im Schloss, Willy Pragher (Quelle: StAF W 134 Nr. 096693a)

Vom 16. bis ins frühe 19. Jahrhundert war Bad Mergentheim die Residenz der Hoch- und Deutschmeister. Der Theologe Georg Hund von Wenckheim, Hochmeister des Deutschen Ordens zwischen 1566 und 1572, begann die mittelalterliche Wasserburg in Mergentheim zur Residenz auszubauen. Seit der Zeit der Renaissance spielten Treppen im Schlossbau eine wichtige Rolle: Über ihre eigentliche Funktion hinaus waren sie ein wirkungsvolles Element, um fürstliche Schlossbewohner in Szene zu setzen. Die Wendeltreppe mit offener Spindel ist ein besonderes Beispiel dieser Baukunst. Im Jahr 1574 wurde sie vom Baumeister Blasius Berwart fertiggestellt, der ab 1571 mit den Baumaßnahmen in Mergentheim betraut war. Die Treppe wird getragen von gedrehten Säulchen und trägt an der Unterseite ein Pflanzenornament mit Ranken, Tier- und Engelsgestalten. So findet sich dort zum Beispiel ein Einhorn, als Symbol für die Reinheit Marias, oder ein Reichsadler, der für den Reichsstand des Hochmeisters des Deutschen Ordens steht. Viele weitere Vögel, Engelsköpfe, Blumen und Ornamente weisen auf weitere Aspekte des Ordensglaubens hin. Eine weitere Besonderheit ist die an der Decke angebrachte goldene Sonne, die zu sehen ist, wenn man sich unten in die Mitte der Spindel stellt und nach oben schaut. Mehr zur Berwart-Treppe und dem Baumeister Berwart erfahren Sie auf dem Portal der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden Württemberg.

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 Die Hanfbereitung bei Lahr

Die Hanfbereitung bei Lahr. Abbildung aus: Aloys Schreiber: Trachten, Volksfeste und Volksbeschäftigungen im Großherzogtum Baden in XII malerischen Darstellungen und mit historisch-topografischen Notizen, Freiburg 1823. [Quelle: Landesarchiv BW, GLAK J-L L 1]

Weit mehr als die zumeist von der Obrigkeit geförderten Sonderkulturen holten im 17. und 18. Jahrhundert die Faserpflanzen Flachs und Hanf Geld nach Württemberg und Baden. Flachs wurde damals fast überall dort angebaut, wo der Wein und andere Sonderkulturen nicht gediehen und ein Zwang zur Erschließung zusätzlicher Erwerbsquellen bestand: zumeist in den Tälern des Nord- und Südschwarzwaldes, des Mainhardter und Welzheimer Waldes, der Schwäbischen Alb, an der oberen Jagst, auf den Fildern, in den Donau- und Illerniederungen und im südlichen Oberschwaben. Etwa 1-2 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche innerhalb der Grenzen des späteren Königreichs Württemberg war dem Anbau von Faserpflanzen eingeräumt, wobei der Flachs vorherrschte.

In Baden, in der Ortenau und im Breisgau verlagerte sich der Anbau von Faserpflanzen auf den Hanf, der dank einer immer stärkeren ausländischen Nachfrage bald eine dominierende Stellung einnahm. Flachs, so berichteten die Quellen, würde dort nicht oder nur schlecht geraten. Schon 1735 exportierte Baden-Durlach an erster Stelle Hanf, vor allem nach Holland. Er wurde meist zu Schiffstauen und Segeltüchern verarbeitet, da sich die Faser sehr widerstandsfähig gegenüber Salzwasser erwies und weniger Wasser aufnahm als beispielsweise Baumwolle – Baumwollsegel wurden bei Regen derartig schwer, dass die Masten brechen konnten. Auch Flachsleinen war ein schlechter Ersatz, da es bei Kontakt mit Wasser anders als Leinwand aus Hanf binnen weniger Monate verrottet. Aber auch Kleidung und Papier wurden aus Hanf hergestellt und das aus den Samen gewonnen Öl diente als Brennstoff für Lampen und Rohstoff für Farben.

Doch mit Beginn der Industrialisierung wurde Hanf – wie übrigens viele andere Sonderkulturen auch – vom Markt verdrängt, denn damals konnte man Hanf noch nicht maschinell ernten und brechen. Hanfverarbeitung war Handarbeit, so zeigt es auch die Abbildung aus dem Jahr 1823, und daher aufwendig, mühsam und teuer. Günstigere Rohstoffe wurden entdeckt, die rationeller weiterverarbeitet werden konnten.

In den letzten Jahren kam es jedoch wieder zu einem vermehrten Anbau von Nutzhanf in Baden-Württemberg, da dieser vor allem in der Industrie und im Baugewerbe als alternatives Dämm- und Isoliermaterial zur Ressourcenschonung beitragen kann.

Mehr über den Anbau von Sonderkulturen im 18. Jahrhundert finden Sie auch im Historischen Atlas Baden-Würrtemberg. (JH)

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