Patriotismus als Marketing-Idee

Schuhcremedose "Deutsche Heldencreme von 1914", Quelle: Museum der Alltagskultur im Schloss Waldenbuch
Schuhcremedose "Deutsche Heldencreme von 1914", Quelle: Museum der Alltagskultur im Schloss Waldenbuch

Wir bleiben beim Thema deutsch-französische Beziehungen. Diese waren jahrhundertelang von militärischen Konfrontationen geprägt, die mal von der einen, mal von der anderen Seite ausgingen. Gelenkt von der Obrigkeit war diese Erbfeindschaft in den Köpfen der Menschen fest verankert, als mit der Kriegserklärung an Serbien am 28. Juli 1914 der Erste Weltkrieg begann. Bald wurden alle Lebensbereiche durch das Kriegsgeschehen bestimmt. Auch die Marketingideen trieben merkwürdige Blüten, wie dieses Fundstück aus den Beständen des Museums der Alltagskultur in Waldenbuch zeigt. Indes wurde die zur Heldencreme deklarierte Schuhpolitur bald bedeutungslos. In den schlammigen Schützengräben des Stellungskriegs mit Millionen von Opfern dürften gewichste Stiefel für die einfachen Soldaten rasch der Vergangenheit angehört haben. Aufbewahrt wurde die Dose jedoch nicht aus patriotistischen Gründen. Der Kunsthistoriker Gustav Pazaurek nahm das Objekt als abschreckendes Beispiel in seine Sammlung von Negativ-Beispielen des Stuttgarter Landesgewerbemuseums auf, Kategorie Hurra-Kitsch und Weltkriegs-Greuel. Er empfand die Verwendung der deutschen Reichsfarben in diesem Zusammenhang als geschmacklos.

Vom nationalen Streitobjekt zum Ort der Versöhnung: das Turenne-Denkmal in Sasbach

Henri de La Tour d’Auvergne, vicomte de Turenne (1611-1675), Kupferstich, vor 1668. Bild: UB Tübingen
Henri de La Tour d’Auvergne, vicomte de Turenne (1611-1675), Kupferstich, vor 1668. Bild: UB Tübingen

Der französische Marschall Turenne, mit vollem Titel Henri de La Tour d’Auvergne, vicomte de Turenne, war einer der bedeutendsten Feldherren seiner Zeit. In Frankreich als Nationalheld verehrt, wurde er rechts des Rheins zum Schreckgespenst der kriegerischen Ereignisse des 17. Jh. Während des Dreißigjährigen Krieges hatte er 1646 Augsburg belagert und 1648 mit dem Sieg in der Schlacht von Zusmarshausen maßgeblich zu dessen Ende beigetragen. Im Holländischen Krieg wurde das Gebiet links und rechts des Rheins neben weiteren Kriegsschauplätzen erneut zum Ort blutiger Auseinandersetzungen. Am 16. Juni 1674 siegte Turenne in der Schlacht bei Sinsheim gegen die kaiserlichen Truppen. In der Folge kam es zur Verwüstung der Pfalz. Im Juli 1675 marschierte er mit seinen Soldaten in Baden ein, um eine Konfrontation bei Sasbach vorzubereiten. Er starb dort am 27. Juli 1675 durch feindlichen Beschuss.

Während sein Leichnam nach Frankreich überführt wurde und zunächst in Saint-Denis, dann im Invalidendom seine letzte Ruhe fand, entstand in Sasbach eine Gedenkstätte, die zugleich Ausdruck der wechselvollen deutsch-französischen Beziehungen wurde. Zunächst ließ der Straßburger Fürstbischof Kardinal de Rohan (1734-1803) ein Denkmal errichten. Daneben entstand ein Wächterhaus. Das Denkmal wurde mehrfach erneuert, war aber auch Ziel nationalistischer Attacken von deutscher Seite. Der letzten Demontage durch die Nationalsozialisten folgte der kurz nach dem Krieg unter Anwesenheit von de Gaulle eingeweihte Obelisk. Ende der 1990er Jahre entstand schließlich die Idee eines deutsch-französischen Gemeinschaftsprojekts. Der Ort sollte zum friedlichen Ort der Erinnerung und Begegnung werden. Zusammen mit dem Wächterhaus, ehemals Petit musée Turenne entstand unter Einbeziehung der Allee der Versöhnung, früher von der französischen Garnison in Achern genutzt, der nationenübergreifende Museumspark. Es soll zum Nachdenken über die gemeinsame Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft angeregt werden - in Zeiten zunehmenden Rechtsextremismus und Populismus nötiger denn je. Weitere Infos, auch zu aktuellen Öffnungszeiten, finden Sie beim Haus der Geschichte.

Das Freiburger Stadtrecht von 1520

Das „Nüwe Stattrechten und Statuten der loblichen Statt Fryburg im Pryßgow gelegen“, hg. von Ulrich Zasius mit Illustrationen von Hans Holbein, Basel 1520, Quelle: Freiburger historische Bestände digital
Das „Nüwe Stattrechten und Statuten der loblichen Statt Fryburg im Pryßgow gelegen“, hg. von Ulrich Zasius mit Illustrationen von Hans Holbein, Basel 1520, Quelle: Freiburger historische Bestände digital

2020 ist ein bedeutendes Jahr für die Freiburger Stadtgeschichte. Neben der Verleihung des Stadtrechts vor 900 Jahren trat 1520 das unter Ulrich Zasius ausgearbeitete neue Stadtrecht in Kraft. Neben den Landesherren hatten mehrere große Städte im ausgehenden 15. Jh. damit begonnen, ihre Rechtssatzungen zu modernisieren. Am Beginn dieser Stadtrechtsreformationen stand die 1479 erlassene Ordnung von Nürnberg. In das neue Freiburger Stadtrecht fanden sowohl Passagen aus dem alten Recht von 1293 – Sachen- und Familienrecht – als auch Grundsätze des römischen Rechts – Vertrags- und Erbrecht – Eingang.

Die neue Freiburger Rechtssatzung war auch deshalb bedeutsam, weil sie sich über Schüler von Zasius als Grundlage für weitere städtische und landesherrliche Rechtsordnungen verbreitete. So wurden das württembergische Landrecht (1555), das kurpfälzische Landrecht (1582) und die Rechtssatzungen von Baden-Baden sowie Baden-Durlach maßgeblich beeinflusst. In der Schweiz griffen die Verantwortlichen von Bern oder Rheinfelden, in Österreich von Tirol auf die Satzung zurück.

Mit der Gründung der europäischen Universitäten war das römische Recht seit dem 14. Jh. über Lehrveranstaltungen zugänglich. Ulrich Zasius, geboren 1461 als Ulrich Zäsy in Konstanz, hatte zunächst an der Artistenfakultät in Tübingen studiert, in seinen mittleren Lebensjahren das Jurastudium an der 1457 gegründeten Universität in Freiburg aufgenommen und anschließend als Professor für römisches Recht dort zu lehren begonnen. Es ist gesichert, dass an der Erarbeitung des Freiburger Stadtrechts mehrere weitere Personen beteiligt waren. Namentlich bekannt sind Ambrosius Kempf von Angreth, Johannes Armbruster und andere.

Unter Verwendung eines Interviews mit Prof. Dr. Frank L. Schäfer, Direktor des Instituts für Rechtsgeschichte der Uni Freiburg, erschienen in Momente 1/2020, S. 2-5 mit weiteren Literaturtipps. Der Beitrag selbst ist nicht online verfügbar.

Die Brüder Eichendorff in Heidelberg

Ansicht aus Rohrbach, Skizzenbuch des Julius Himmelheber, entstanden um 1820 bis ca. 1848, Quelle Landesarchiv BW, GLAK J-B Baden (Land) 23, 5
Ansicht aus Rohrbach, Skizzenbuch des Julius Himmelheber, entstanden um 1820 bis ca. 1848, Quelle Landesarchiv BW, GLAK J-B Baden (Land) 23, 5

In einem kühlen Grunde / Da geht ein Mühlenrad / Mein Liebste ist verschwunden / Die dort gewohnet hat … Das populäre Gedicht, eines der bekanntesten Werke der Romantik, verfasste Joseph von Eichendorff während seiner Heidelberger Zeit. Die beiden Brüder Joseph und Wilhelm waren im Frühjahr 1807 angereist, um der militärischen Bedrohung durch Napoleon an ihrem bisherigen Studienort Halle zu entgehen. Die Brüder begeisterten sich für die Stadt und ihre Umgebung. Mit allgemeinbildenden Studien und Wanderungen versuchten sie, die tristen juristischen Lehrinhalte auszugleichen. Joseph pflegte intensiven Kontakt zu dem Schriftsteller Otto Heinrich Graf von Loeben, mit dem ihn Sensibilität und eine schwärmerische Seelenverwandtschaft verband. Mit Achim von Arnim und Clemens Brentano scheint es keine engere Bekanntschaft gegeben zu haben. Im Herbst 1807 lernte Joseph in Rohrbach, heute Stadtteil von Heidelberg, Katharina Barbara Förster kennen, Tochter des ortsansässigen Küfermeisters und Kirchenvorstehers. Das Käthchen von Rohrbach wurde zur großen, doch bald endenden Jugendliebe des Studenten. Sie hat mir Treu versprochen / Gab mir ein’n Ring dabei / Sie hat die Treu’ gebrochen / Mein Ringlein sprang entzwei.

Nach Eintragungen in Josephs Tagebuch zu urteilen, scheint die Beziehung von Anfang an überschattet gewesen zu sein. Nicht ganz unbeteiligt waren wohl auch die Familien auf beiden Seiten angesichts der unstandesgemäßen Romanze. Für den tief verletzten Dichter wurde das Erleben und Erleiden unstillbarer Sehnsucht zu einer Quelle der Inspiration. In das Gedicht vom zerbrochenen Ringlein floss auch das Zeitgeschehen ein, dessen Tragik sich vor dem Hintergrund der durch Napoleon hervorgerufenen Umwälzungen mit vielen Kriegen und unzähligen Opfern äußerte. Ich möcht’ als Reiter fliegen / Wohl in die blut’ge Schlacht / Um stille Feuer liegen / Im Feld bei dunkler Nacht. Nach verschiedenen Studienreisen verließen die Brüder Eichendorff im Mai 1808 die Stadt Heidelberg.

Das Deutsche Eichendorff-Museum in Wangen im Allgäu verdankt seine Entstehung den Sammlern Willibald Köhler und Karl Fleischer, die nach ihrer Vertreibung aus Schlesien Erinnerungsstücke an die Schriftsteller ihrer Heimat - neben Joseph von Eichendorff auch Gustav Freytag – zusammentrugen und in einem Museum zugänglich machten. Auch einige Stücke der Ausstellung im Rohrbacher Schlösschen sind dem Andenken Eichendorffs gewidmet.

Treppauf - treppab

Die Berwarttreppe im Mergentheimer Deutschordensschloss (links oben), die Eingangshalle von Kloster Schöntal (links unten) und der Kuppelbau des Schlosses in Bruchsal (rechts), alle Bilder LMZ BW (s. Verlinkungen)
Die Berwarttreppe im Mergentheimer Deutschordensschloss (links oben), die Eingangshalle von Kloster Schöntal (links unten) und der Kuppelbau des Schlosses in Bruchsal (rechts), alle Bilder LMZ BW (s. Verlinkungen)

Treppenhäuser sind ein Ort des Austauschs zwischen Bewohnern und Besuchern, Ankommenden und Gehenden. In öffentlichen Bauten bietet sich überdies die Möglichkeit von Inszenierung und Repräsentation.

Wendeltreppen in engen mittelalterlichen Türmen waren eine Spezialität der Gotik. Ein besonderes Erscheinungsbild erhielt der Aufgang im nördlichen Treppenturm der alten Mergentheimer Wasserburg, die unter Georg Hund von Wenckheim (um 1520 – 1572) zur Residenz am neuen Hauptsitz des Deutschen Ordens umgestaltet wurde. Baumeister Blasius Berwart (gest. 1590), ein Meister des Treppenbaus, wirkte auch bei der Errichtung von Schloss Hohentübingen und dem Alten Schloss in Stuttgart mit. Die Treppenkonstruktion mit offener Spindel ist zwar noch dem Mittelalter verpflichtet, doch das florale und figürliche Dekor der Steinmetzarbeiten verweist auf die Renaissance. Der Aufgang erscheint wie an steinernen Kordeln aufgehängt, die Unterseite schmücken Rankenbänder, die sich in die Höhe winden. Beim Blick durch den Schacht nach oben bildet eine vergoldete Sonne den krönenden Abschluss.

Eine großzügig-heitere, dem Rokoko verpflichtete Gestaltung kennzeichnet das Treppenhaus im ehemaligen Zisterzienserkloster Schöntal, das nach einem Entwurf von Johann Ludwig Deisinger entstand und drei Stockwerke erschließt. Die Umgestaltung der Klostergebäude, begonnen unter Abt Benedikt Knittel (1650-1732), wurde unter seinem Nachfolger Angelus Münch (gest. 1762) abgeschlossen. Die beiden Statuen von Sapientia (Weisheit) und Scientia (Wissenschaft) am Fuß der Treppenanlage empfangen die Eintretenden. Jeweils zwei Treppen schwingen sich links und rechts im offenen Halbrund zum nächsten Stockwerk empor. Der lichte Gesamteindruck wird durch die weiß-goldenen Ornamente, Wappen und Figuren der durchbrochenen Brüstungen verstärkt, wobei sich die für das Rokoko charakteristische Rocaille (Muschel) sowohl hier als auch in der Form der Treppen wiederfindet. Die Halle schließt mit dem Deckengemälde Triumph der katholischen Kirche – einer Frauengestalt, umgeben von den vier Erdteilen - nach oben ab.

Mit ganz anderen optischen Eindrücken werden die Besucher im Treppenhaus des von Fürstbischof Damian Hugo von Schönborn (1676-1743) in Auftrag gegebenen Schlosses Bruchsal - ab 1719 Residenz des Hochstifts Speyer - konfrontiert. Sein ungewöhnliches Erscheinungsbild entstand durch einen Konstruktionsfehler. Die Treppen erwiesen sich als zu kurz, nachdem zusätzlich die Errichtung eines Zwischengeschosses angeordnet worden war. Der zu Hilfe gerufene Balthasar Neumann (1687-1753) löste das Problem durch eine Veränderung des Grundrisses. Doch nicht nur dadurch besticht das Gebäude. Nach der geschlossenen, bühnenartigen Kulisse der Eingangshalle, die gleichzeitig den Zugang zur Grotte im Erdgeschoss bildet, empfängt die Gäste nach dem Aufstieg eine überraschend hohe und lichte Kuppel, die, begrenzt durch die grabenartigen Treppenaufgänge, wie eine Brücke zwischen den beiden Sälen in den angrenzenden Flügeln des Schlosses schwebt.

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